Preislied 'Ir sult sprechen willekomen'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Autor und Werk

2. Preislied
„Ir sult sprechen willekomen“
Überlegung zur Interpretation
Verlauf der Argumentation der Hs. C
Verlauf der Argumentation in Handschrift A
Verlauf der Argumentation in Handschrift E

3. Was ist das für ein Lied?
Verteidigungslied: gegen das Fremde
Walther-Reinmar-Kontroverse
Reaktion auf das Lied von Heinrich von Morungen 122,1 und 127,1.

4. Der Forschungsstand/ Rezeptionsgeschichte im 18. und 19. Jh.

1. Autor und Werk

Walther von der Vogelweide ist einer der bedeutendsten deutschen Dichter des Mittelalters. Er unterschied sich stark von seinen Dichterkollegen. Auch wenn unklar ist, welchem Stand Walther angehörte, gibt es keinen Zweifel daran, dass er mit Dichtkunst seinen Lebensunterhalt verdiente.

Die ältere Forschung hat sich schwer damit getan diese Tatsache zuzugeben, weil sie sonst den „Sänger des Reiches“ auf eine Stufe mit den „Fahrenden“ stellen würde. Heute hat sich jedoch die Meinung durchgesetzt, dass Walther ein Berufsdichter war. Mit Hilfe dieser Indizien lässt sich seine Lebensform skizzenhaft zeichnen. Trotzdem darf man sich nicht in Sicherheit wiegen, weil auch diese Erkenntnisse aus Walthers Lyrik stammen.

Wenn wir seinem literarischen Zeugnis glauben, dann begann seine Kariere tatsächlich im Herzogtum Österreich: ze Osterîche lernt ich singen unde sagen (L32,14). Unterstützt wurde Walther von Herzog Friedrich I.; als dieser 1198 starb, musste er den Hof verlassen. Man spekuliert über die Gründe für diesen Abschied. Entweder war der Nachfolger Friedrichs dem Sänger grundsätzlich abgeneigt, oder Walther hat sich durch sein Verhalten bei ihm unbeliebt gemacht. Es gibt auch die Meinung, dass Walther den Wiener Hof verlassen musste, weil er sich mit Reinmar von Hagenau gestritten hatte, so Rupp. Günter Schweikle hat aber plausible Gründe dafür, dass Reinmar genau wie Walther ein fahrender Dichter war und sich wenn, dann nur Zeitweise in Wien aufgehalten hat.

Nach seinem Weggang diente Walther verschiedenen Feudalherren. Offenbar hat er immer wieder vergeblich versucht, die Gunst Leopolds VI. zurückzuerlangen um in Wien wieder aufgenommen zu werden.

Der Abschied von Wien diente in Walthers Biographie als ein entscheidendes Erlebnis. Erst danach hat er angefangen als Spruchdichter zu wirken. Dafür spricht die Tatsache, dass die historischen Geschehnisse, die in Walthers Liedern Platz haben, ab 1198 stattgefunden haben.[1]

In seiner Minnelyrik gibt es keine chronologischen Hinweise. Die Überlieferung seiner Liebeslyrik lässt sich höchstens anhand der Thematik und stilistischer Merkmale feststellen. Daher nimmt die Forschung an, dass es in Walthers Minnesang drei Phasen der Entwicklung gab, die sich unmittelbar mit seiner Biographie verknüpfen lassen. Die erste Phase seines Schaffens nennen wir die Hohe Minne: Dabei handelt es sich um die Zeit, die er am Wiener Hof verbracht hat. Einige Interpreten sehen ihn dabei als Schüler Reinmars. Nach dem Weggang aus Wien hat er sich von der Hohen Minne kritisch abgewandt und verfasste erotische Lieder, die als Mädchenlieder oder Niedere Minne bekannt sind. Schließlich griff Walther das Konzept der Hohen Minne in modifizierter Form (Neue Hohe Minne) wieder auf.[2]

In der Forschung wird das Lied Ir sult sprechen willekomen in eine Phase der Neuen Hohen Minne eingeführt, in der Walther sich dem Wiener Hof wieder angenährt hatte. Als Zeitpunkt der Entstehung nimmt man allgemein das Jahr 1203 an. Die Notiz des Bischofs von Passau beweist, dass Walther sich um diese Zeit in der Nähe Wiens befand. Der Anlass seines Aufenthalts dort war vermutlich die Hochzeit des Herzogs Leopold VI. mit der byzantinischen Prinzessin Theodora Komnena.[3] Gegen diese Annahme spricht jedoch der Inhalt des Liedes, in dem nur die deutschen Frauen und Männer gepriesen werden. Ein anderer Zeitpunkt könnte das Jahr 1200 gewesen sein - aus Anlass des Ritterschlags von Herzog Leopold VI.

2. Preislied

Das Preislied „Ir sult sprechen willekomen“ ist wohl das berühmteste und am häufigsten interpretierte Lied Walthers von der Vogelweide. Das Lied ist sehr dicht und vielschichtig und wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Zu unterschiedlichsten Zeiten wurde es auf unterschiedliche Art und Weise interpretiert. Unter anderem wurde das Lied als das Deutschlandlied des Mittelalters gedeutet. Das kann damit zusammenhängen, dass der Anfang der Walther-Interpretation zusammen mit dem Anfang des nationalistischen Denkens fiel. Diese Tatsache kann der Grund für eine nationalistische Interpretation des Preisliedes gewesen sein.

Im folgende möchte ich mehrer Interpretationsansätze von Ir sult sprechen willekomen anführen.

„Ir sult sprechen willekomen“

Die breite Überlieferung des Preisliedes „Ir sult sprechen willekomen“ zeugt von der großen Resonanz, die das Lied bei Walthers Publikum ausgelöst hat.

Hier ein Überblick über die überlieferten Handschriften:

Hs. C Große Heidelberger Handschrift

Hs. A Kleine Heidelberger Handschrift

Hs. E Hausbuch des Michael Leone

Hs. Uxx Wolfenbütteler Fragment

L Edition nach Karl Lachmann

L.FD Frauendienst in Ulrich von Liechtenstein

Übersicht über die Strophenfolge des Liedes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weil die Liederhandschriften „Ir sult sprechen willekomen“ in unterschiedlicher Reihung der Strophen und mit anderem Wortlaut an zentralen Stellen wiedergeben, sahen die Forscher sich dazu veranlasst, eine ursprüngliche Fassung des Liedes zu rekonstruieren. Seit Karl Lachmann gilt die Fassung der Ausgabe A mit Hinzunahmen der sechsten Strophe aus der Ausgabe C als die Originalversion des Liedes. Den Wortlaut bildet ein Gemisch aus den Ausgaben A, C, E und Uxx. Diese Konstruktion liegt allen maßgeblichen Interpretationen zu Grunde. Das wirft aber eine Reihe von Problemen auf, denn die Versionen der überlieferten Ausgaben bilden jeweils ein in sich logisch geschlossenes Konstrukt. Daher ist es sinnvoll anzunehmen, dass „Ir sult sprechen willekomen“ in verschiedenen Aufführungsfassungen von Walther gestaltet wurde. Es ist durchaus denkbar, dass außer der überlieferten noch weitere Fassungen des Liedes bekannt waren.[4]

Strophe I.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Anfang des Liedes ist eine Aufforderung zum Willkommensgruß. Walther tritt hier als Bote auf, der etwas zu berichten hat. Die Zuhörer sollen denjenigen willkommen heißen, der eine unerhörte Neuigkeit bringt. Der Sänger stellt fest, dass alles, was dem Publikum bisher hier vorgetragen wurde eine Nichtigkeit im Vergleich zu der mœre ist, die er zu erzählen hat. Er will dafür eine angemessene miete und fordert daher das Publikum auf, ihm einen guten lôn zu geben. Wenn nun die Entlohnung gut sei, wolle er dem Publikum vielleicht etwas sagen, das sehr angenehm sein wird. In der Handschrift (A) steht im fünften Vers ich wil aber miete. Aber kann auch als wieder übersetzt werden und würde dann bedeuten, dass Walther wiederholt Lohn haben will.

Walther tritt hier fordernd auf. Er verlangt für seine mœre eine Gegenleistung. Die Gegenleistung kann aber zwei verschiedene Bedeutungen haben. In den Handschriften C und A sagt Walther sehet, waz man mir êren[5] biet. Êren hat die Bedeutung von Annerkennung, Ansehen oder Respekt, daher könnte die Bedeutung für miete (1,4) eine ideelle Entlohnung sein. In der Handschrift E bietet sich eine anderes Bild; hier sagt Walther seht, waz man mir gebe zuo miete. Er sagt hier nichts von êren, es lässt auch nichts darauf schließen, dass er etwas anderes als tatsächliche materielle Bedeutung für miete voraussetzt. Das Zusammenspiel von mite lôn miete lässt auf ein eindeutiges Verhältnis zwischen dem Sänger und seinem Publikum schließen. Wenn die Annahme stimmt, dass das Lied an unterschiedlichen Orten vorgetragen wurde, dann ist es nicht verwunderlich, dass Walther hier lediglich Geld verlangt und nicht die Ehre wie in den Hss. A und C. Eine andere Erklärung für diesen Unterschied wäre die Umarbeitung durch die Verfasser der Handschriften. Wenn wir aber annehmen, dass Walther mit diesem Lied tatsächlich auf dem Wiener Hof aufgenommen werden wollte und das Lied bei seinem Publikum sehr positiv aufgenommen wurde, kann es auch sein, dass er das Lied später an anderen Höfen als Minnelied vorgetragen hat.

[...]


[1] Kasten, 58

[2] Rupp

[3] Kasten., 59

[4] Bauschke, 138

[5] Êren: siehe Kommentar in Schweikle, S. 604

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Preislied 'Ir sult sprechen willekomen'
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Liebeslyrik bei Walther von der Vogelweide
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V38985
ISBN (eBook)
9783638378949
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Preislied, Liebeslyrik, Walther, Vogelweide
Arbeit zitieren
Inna Moltschanova (Autor), 2004, Preislied 'Ir sult sprechen willekomen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38985

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