Die gleichnamige Hauptfigur in Johann Wolfgang von Goethes Tragödie „Faust“ ist ein bereits recht betagter Mann, dessen Lebensziel das Erlangen eines allumfassenden Wissens ist. Dennoch zweifelt er am menschlichen Erkenntnisvermögen, da er trotz seines hohen Alters keinen endgültigen Aufschluss über den Sinn des Seins finden konnte. Aus diesem Grund versucht er auf allen ihm sinnvoll erscheinenden Wegen, zu einer allumfassenden Erkenntnis zu gelangen. Er hat sich mit verschiedenen Wissenschaften auseinander gesetzt und ist bereit, sich auch mit übernatürlichen Phänomenen zu befassen, wenn diese ihm nur Antworten geben. Bei all seinen Versuchen, sein Ziel zu erreichen, versteift er sich jedoch auf das Wissen, dass er Büchern entnehmen kann.
Mit dem, was seine Bücher enthalten, gibt sich aber nicht ohne weiteres zufrieden, sondern hat eine eigene Meinung dazu. So verhält es sich selbst mit der Bibel. Faust besitzt ein Exemplar der Luther-Bibel, aber als er in seinem Erkenntnisdrang hofft, im Johannesevangelium Antworten auf seine Fragen zu finden, stellt er fest, dass die Übersetzung Luthers seinen Ansprüchen nicht genügt. Er wagt sich an eine eigene Übertragung. Welche Bedeutung diese Bibelübersetzung allerdings für das Zustandekommen des Paktes (den Faust infolge seines Übersetzungsversuchs mit der Teufelsfigur Mephistopheles eingeht) und damit für das Gesamtdrama hat, ist damit noch nicht geklärt. Mit dieser Frage soll sich diese Arbeit auseinandersetzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Fragestellung
1.2. Forschungsstand
1.3. Aufbau der Arbeit
2. Die Vorgeschichte der Logosszene
2.1. Die Wette zwischen Mephistopheles und dem Herren
2.2. Das Leiden des Dr. Faust
3. Die Übersetzungen des Johannesevangeliums und ihre Bedeutung
3.1. „Sinn“ – „Kraft“ – „That“
3.2. Die Bedeutung der Übersetzung
4. Der Pakt zwischen Faust und Mephistopheles
5. Schlussbemerkungen
6. Literaturbasis
6.1. Literaturgrundlage
6.2. Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung von Fausts Bibelübersetzungsversuch im ersten Teil der Faust-Tragödie. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu klären, inwiefern die Neuinterpretation des Johannesevangeliums als Ausdruck eines veränderten Lebensprogramms den Pakt mit Mephistopheles vorbereitet und den Fortgang des Dramas maßgeblich beeinflusst.
- Die Vorgeschichte und der transzendente Rahmen des Dramas
- Die psychologische Verfassung des Protagonisten Dr. Faust
- Analyse der Übersetzungsstufen („Sinn“, „Kraft“, „That“)
- Die Funktion des Übersetzungsaktes als Bekenntnis zum Handeln
- Der kausale Zusammenhang zwischen Übersetzung und Teufelspakt
Auszug aus dem Buch
3.1. „Sinn“ – „Kraft“ – „That“
Faust zitiert zunächst die Übersetzung Martin Luthers des ersten Satzes des Johannesevangeliums: „im Anfang war das Wort!“35. Mit dieser Übertragung geht er jedoch nicht konform. Luthers Interpretation ruft seinen Widerspruch hervor36. Deshalb beginnt er den Versuch einer eigenen Übersetzung, für die er das griechische Original zu benutzen scheint.
Geschrieben steht: „im Anfang war das Wort!“ Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort? Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, Ich muß es anders übersetzen, Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.37
Das von Luther mit „Wort“ übersetzte griechische „logos“ übersetzt Faust zunächst mit „Sinn“, was sogar richtig ist, da der Terminus je nach Zusammenhang mit beiden Begriffen ins Deutsche übertragen werden kann38.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Problematik des erkenntnissuchenden Faust, der in seiner Unzufriedenheit mit der überlieferten Bibel eine eigene Übersetzung anstrebt.
2. Die Vorgeschichte der Logosszene: Beleuchtung des transzendenten Rahmens durch die Wette im Himmel sowie Analyse von Fausts Lebensleiden und seinem Scheitern bei der Suche nach Erkenntnis durch Magie.
3. Die Übersetzungen des Johannesevangeliums und ihre Bedeutung: Untersuchung des philologischen Prozesses, in dem Faust das Wort „Logos“ umdeutet, um seine eigene Philosophie des aktiven Handelns zu legitimieren.
4. Der Pakt zwischen Faust und Mephistopheles: Darstellung des Übergangs von der theoretischen Reflexion zur praktischen Umsetzung durch den Pakt, der durch die neue Weltanschauung Fausts erst möglich wird.
5. Schlussbemerkungen: Synthese der Ergebnisse, wonach die Übersetzung als zentraler Wendepunkt dient, der das Streben des Gelehrten als Basis für den Pakt etabliert.
6. Literaturbasis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen zur Untermauerung der literaturwissenschaftlichen Argumentation.
Schlüsselwörter
Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Logosszene, Bibelübersetzung, Johannesevangelium, Mephistopheles, Pakt, Wissensdrang, Sinn, Kraft, That, Erkenntnistheorie, Dramenanalyse, Weltanschauung, Handlungsarmut.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung von Fausts eigener Bibelübersetzung im ersten Teil von Goethes Faust-Tragödie und deren Einfluss auf den Handlungsverlauf des Dramas.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Themen umfassen den „Prolog im Himmel“, die psychologische Ausgangslage des Protagonisten, den Prozess der Bibelinterpretation und die daraus resultierende Hinwendung zum Pakt mit Mephistopheles.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es zu zeigen, dass die Übersetzung des Wortes „Logos“ als „That“ das zentrale Bekenntnis Fausts zum aktiven Handeln darstellt und somit den Pakt mit dem Teufel als notwendige Konsequenz einleitet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine philologische und textanalytische Herangehensweise, ergänzt durch die Einbeziehung historischer Prätexte und relevanter Sekundärliteratur zur Interpretation der Logosszene.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorgeschichte der Logosszene, die detaillierte Analyse der Übersetzungsschritte („Sinn“, „Kraft“, „That“) sowie die Untersuchung der Konsequenzen dieser Übersetzung für den Pakt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Faust, Bibelrezeption, Logosszene, Handlungsdrang, Sinn, Kraft und That.
Warum lehnt Faust die Übersetzung Luthers ab?
Faust empfindet Luthers Übersetzung als unzureichend, da sie seinem Streben nach einer dynamischen, auf Handeln basierenden Lebensphilosophie widerspricht.
Inwiefern beeinflusst der Pudel den Übersetzungsprozess?
Das Bellen und Heulen des Pudels stört Fausts geistige Arbeit und zwingt ihn zur Unterbrechung seiner Übersetzung, was den Übergang zum magischen Beschwören und somit zum Erscheinen Mephistopheles' einleitet.
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- Doreen Fricke (Author), 2004, Die Bedeutung der Bibelübersetzung im ersten Teil der Faust-Tragödie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39011