Die Taliban als Produkt des afghanischen Bürgerkrieges - Herkunft, Religion und Politik


Hausarbeit, 2004

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die religiösen Ursprünge
2.1 Deobandismus
2.2 Die Rolle der Madrassas in Pakistan

3. Herkunft der Taliban
3.1 Die politischen Umstände 1989 – 1994
3.2 Erstmaliges Auftreten als Kriegspartei

4. Das Verständnis vom Islam
4.1 Die Auslegung der Scharia
4.2 Ursachensuche

5. Resümee

1. Einleitung

Mit den Attentaten des 11. September 2001, meldete sich neben Osama bin Laden auch ein Land zurück auf der Bühne der internationalen Politik, dass lange Zeit fast vergessen war.

Das Gespenst „Taliban“ war nun wieder in aller Munde, obwohl eigentlich niemand so recht wusste, wer diese Taliban sind, was sie mit ihrer Politik bezwecken und woher sie kamen. Taliban wurde all zu oft gleichgesetzt mit internationalem Terrorismus, was so allerdings nicht ganz zutreffend ist und so war der Krieg gegen diesen Terrorismus folglich auch ein Krieg gegen die Taliban. Was jahrelang versäumt wurde sollte nun, Ende 2001, so schnell wie möglich erledigt werden – Veränderung der Umstände in Afghanistan. Jetzt schmiedete man eine weltweite Koalitionen aus den verschiedensten Ländern, die allesamt und gemeinsam gegen diesen Feind der westlichen Zivilisation vorzugehen gedachte, das was man seit spätestens 1996 nicht im Stande war zu vollbringen, geschah nun mit rasender Geschwindigkeit.

Wer aber diese Taliban nun tatsächlich sind, wissen immer noch die wenigsten. Bis auf wenige Dinge, wie zum Beispiel die Burqa als Pflichtbekleidung für Frauen, weiß man in der Regel nicht viel über Afghanistan unter der Führung der Taliban.

In dieser Arbeit will ich auf diese Dinge eingehen, indem ich versuchen werde, die geistigen Ursprünge zu erläutern, die politische Situation Afghanistans vor den Taliban zu schildern und die Denkweise der Taliban darzulegen. Dabei soll auf zu viele Einzelheiten des afghanischen Bürgerkrieges und Feldzuges der Taliban verzichtet werden. Auch will ich auf die internationale Politik und die Außenpolitik der Taliban nicht weiter eingehen.

2. die religiösen Ursprünge

Im Gegensatz zu anderen fundamentalistischen Gruppen im Islam, können die Taliban nicht auf eine lange Geschichte von Schriften und Gelehrten verweisen. Auch die Tatsache, dass sie sich gerade in dem Land Afghanistan etablieren konnten, hat wenig mit der afghanischen Kultur oder der Besonderheit des afghanischen Islam zu tun, vielmehr sind die Taliban als ein Produkt der afghanischen Geschichte seit 1979 zu betrachten.

Der Islam spielte in Afghanistan schon immer eine zentrale Rolle, allerdings in einer wesentlich toleranteren Form, als es dann unter den Taliban der Fall sein sollte. So lebten bis 1992 neben den Muslimen auch Juden, Hindus oder Sikhs in Afghanistan, welche auch in der afghanischen Gesellschaft angesehene Positionen einnahmen. Auch schon vor den Taliban, war die Scharia das zentrale Gesetzwerk, allerdings wurde es weniger streng ausgelegt, als die Taliban es tun sollten, sodass auch zivile Gesetze in die Scharia eingefügt werden konnten, um den Bedingungen der Zeit entsprechen zu können. Eigens dafür wurde 1946 an der Universität Kabul eine Scharia-Fakultät eingerichtet, um diese Anpassung vollziehen zu können.[1]

Die verwurzelte tolerante Form des Islam, machte es Fundamentalisten schwer in Afghanistan Fuß zu fassen. So fand der Wahabbismus, der von Saudi-Arabien aus nach Afghanistan gebracht werden sollte, kaum Anhänger[2], da man ihn als ausländisch ansah und der Wahabbismus zudem der Tradition der Stammesparteien und des Sufismus entgegenstand und somit mit der afghanischen Tradition nicht vereinbar war.[3] Erst als im Zuge der Verteidigung gegen die Invasion der UdSSR saudische Gelder und Waffen an diese radikalen Gruppen floss, fand sich eine kleine Anhängerschaft.

Im Unterschied zu den Taliban, waren andere fundamentalistische Gruppen, wie zum Beispiel die Jamaat-e-Islami, in Afghanistan relativ modern ausgerichtet. So befürworteten sie die Bildung der Frauen, interessierten sich für ein funktionierendes Wirtschafts- und Bankensystem und waren dafür, das Afghanistan ausländische Beziehungen unterhält.[4] Die Taliban und deren Vorläufer die „Jamiat-e-Ulema Islam“ aus Pakistan, standen in starken Widerspruch zu diesen Gruppen und bezeichneten sie als unislamisch.

Die Taliban selbst dürften auf das afghanische Volk äußerst befremdlich gewirkt haben. Die strenge Auslegung der Scharia und die konsequente Durchsetzung der erlassenen (islamischen) Verordnungen waren absolut neu in diesem Land, so wie für die restliche islamische Welt. Das die Taliban bis 2001 das Afghanistan relativ stabil regieren konnten, ist nicht darauf zurückzuführen, dass die Taliban ein Stück afghanische Kultur wiederspiegelten, sondern ist ein Ergebnis des afghanischen Bürgerkrieges.

2.1 Deobandismus

Auch wenn die Taliban eine völlig neue Entwicklung in der islamischen Welt darstellen, kommen ihre Vorstellung von einem wahrhaften Islam dennoch aus einer islamischen Schulbewegung, auch wenn die Taliban mit dem Ursprung dieser Bewegung nicht mehr viel zu tun haben.

Neben Grundzügen des Wahabbismus und dem Paschtunwali, das Stammesgesetz der Paschtunen, ist dabei vor allem der Deobandismus zu nennen, so wie er in Pakistan in besonderer Form weiter entwickelt wurde. Gegründet wurde diese Bewegung 1851 von den Gelehrten Muhammad Quasim Nanautvi (1833-1877) und Rashid Ahmed Gangohi (1829-1905) in der indischen Kleinstadt Deoband im heutigen Bundesstaat Uttar Pradesh.[5] Als zukunftsorientierte islamische Bewegung, waren sie darauf aus, die islamische Gemeinde zu einen und gegen den Einfluss der westlichen Kolonialherren, bzw. deren Kultur und den Auffassungen der Schiiten, zu schützen, um die eigenen Werte zu erhalten. Die Schule der Deobandis war zu dieser Zeit nur eine von vielen neuen Bewegungen in Indien. Neben verschieden pro-westlich eingestellten Schulen und Universitäten, stellten die Deobandis eine rein islamische Bewegung dar, die in ihren Schulen auch nur die islamischen Werte, wie die Scharia, den Tarigah (der Weg) und spirituelle Erfahrungen, vermittelte. Ziel war es eine neue Generation islamischer Gebildeter Moslems zu bilden, um so die islamischen Werte in der indischen Gesellschaft zu erhalten und zu verbreiten.[6] Die säkularen Bestrebungen der Kolonialisten wurden konsequent abgelehnt, sie wie jede Hierarchie überhaupt.[7] Zu den Grundzügen der Deobandilehre zählt von Anfang an eine restriktive Rolle der Frauen, was von den Taliban allerdings zum Extrem geführt werden sollte, so wie es die Begründer der Schule selbst nicht kannten. Auch bezeichnend für diese Schule ist die Eigenschaft, die Scharia mit aktuellen (politischen) Ereignissen zu vermitteln, um sie besser studieren zu können. Auf diese Art wird die Scharia auf aktuelle Bedürfnisse angewandt, bzw. gegenwärtige Ereignisse werden mit Hilfe der Scharia gewertet, so dass die Scharia einen politischen Bezug bekam und bekommt.

In den Schulen der Deobandis konnte jeder Moslem Bildung genießen, auch ärmere Schichten, die sich sonst keine Schulbildung leisten konnten. Dieses Prinzip sollte dazu führen, dass sie sich großer Beliebtheit erfreuten und 1967 bereits 9000 Madrassas[8] in Südasien unterhielten.[9] Erste Versuche Deobandi-Madrassas auch in Afghanistan zu unterhalten traf nur auf wenig Beliebtheit, so dass es bei einigen weinigen Schulen blieb. Anders in Pakistan: hier erfreuten sich die Deobandi-Madrassas großer Belibtheit und brachten auch mit der „Jamiat-e-Ulema Islam“ (JUI) eine politische Partei hervor. Gerde die Madrassas in Pakistan sollten für die Entwicklung der Taliban und deren Ideologie eine entscheidende Rolle spielen.

2.2 Die Rolle der Madrassas in Pakistan

Um die Herkunft der Ideologien der Taliban zu verstehen, muss man die Entwicklung des Deobandismus in den Madrassas Pakistans beobachten. War der ursprüngliche Deobandismus in Indien eine Bewegung, die allein mit Hilfe religiöser Bildung die moslemische Gesellschaft zu stärken versuchte, entwickelte sich in Pakistan eine äußerst politische Bewegung. Dabei spielten die Deobandi-Madrassas eine Art Sammelbecken zur Bildung einer fundamentalistischen Elite, die nicht nur die islamischen Werte vermitteln und stärken sollte, sondern auch politisch in Aktion treten soll.

Diese Entwicklung ist im Zusammenhang mit den pakistanischen, politisch Instabilen Verhältnissen und der Invasion der UdSSR in Afghanistan zu sehen. So entwickelte sich in Pakistan eine streng antiamerikanische, antiimperialistische Abspaltung heraus, die gegen jegliche (unislamische) Einmischung von Außen vorzugehen dachte und sich auch berufen sah, junge Flüchtlinge aus Afghanistan religiös zu bilden und auch auf eine eventuelle Rückkehr nach Afghanistan als Mudschaheddin vorzubereiten. So wurden die Schüler der pakistanischen Deobandi-Madrassas auch militärisch, zum Teil an schwerem Gerät ausgebildet.[10]

Die aus der Deobandibewegung heraus gegründete JUI spielte zu Anfang der sowjetischen Invasion noch keine wichtige Rolle in der Politik Pakistans, da ihr trotz hoher Wahlergebnisse seit 1970 eine Beteiligung an der Regierung verwehrt blieb. So hatte sie zunächst auch keinen Zugang zu den Entwicklungshilfen, die aus Saudi-Arabien und den USA für den Kampf in Afghanistan kamen und vom pakistanischen Geheimdienst verteil wurden. Sie nutzten diese Zeit um hunderte Madrassas entlang des Paschtunengürtels zu errichten.[11] Diese Madrassas sollten später eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum ging die Taliban bei Engpässen (vor allem nach schweren Niederlagen) mit jungen Kämpfern zu versorgen. In diesem Fall schlossen regelmäßig mehrere Madrassas in Pakistan, um ihre Schüler in den Kampf nach Afghanistan zu schicken.

Die bedeutende Deobandi-Madrassa ist wohl die Dar-ul-Uloom Haqqania, welche von Maulana Samuil Haq geführt wirt, welcher der Sohn des Gründers ist. Die Besonderheit dieser Schule ist die Tatsache, dass man hier einen anerkannten Abschluss als Master of Art und nach einigen Jahren auch als Dr. phil. erhalten kann, was sie auch international für Interessenten des Koranstudiums lukrativ machte. So wie in den meisten Madrassas, braucht man auch hier die Schulbildung nicht zu zahlen. Bedeutend für die Taliban ist diese Madrassa daher, da ein Grossteil der Regierungsmitglieder von dieser Schule kamen und hier ihre religiöse Bildung erhielten, was Grundstein für die strenge Auslegung des Islam und der Scharia werden sollte. Haq kennt seit 1994 auch Mullah Omar persönlich und berät diesen.[12]

Ein Grund dafür, dass sich aus einer Reformbewegung eine derart fundamentalistische Ideologie entwickeln konnte ist ohne Zweifel die Tatsache, dass es in der Deobandibewegung keine Hierarchie oder zentrale Lehrinstanz gibt, so dass jeder Mullah an seiner Madrassa eine eigene Form seiner Glaubensvorstellung vermitteln konnte, was auch Platz für fundamentalistische Ideologien lässt.

Mit einem erneuten Wahlsieg 1993 hatte die JUI Zugang zur pakistanischen Regierung und somit auch Einfluss auf die Afghanistanpolitik des Landes. Jetzt hatten sie direkte Verbindungen zum Militär, zum Geheimdienst (ISI) und zum Innenminister und hatte nun zum erklärten Ziel, die Situation in Afghanistan zu ändern und den Paschtunen wieder den Zugang zur Macht zu ermöglichen.[13] Diese Position sollte es ihnen ab 1994 ermöglichen die Taliban massiv zu unterstützen und finanzielle Mittel aus Saudi-Arabien an die richtigen Stellen weiter zu leiten. Vor allem extreme Splittergruppen der JUI hatten intensiven Kontakt zu den Taliban und konnten in afghanischen Camps militärisch trainieren, um ihre Kämpfer dann nach Kaschmir, Tschetschenien oder Bosnien schicken zu können.[14]

[...]


[1] Vgl. Rashid S. 155

[2] Anhänger des Wahabbismus in Afghanistan werden auch Salafis genannt

[3] Auch die Taliban sollten sich später nicht gegen die Sufis stellen

[4] Vgl. Rashid S. 159

[5] Vgl. Olumi S.88 und Rashid S.162

[6] Vgl. Rashid S. 162

[7] Eines der Punkte, die vor allem den Schiiten vorgehalten werden, die allgemein nicht als Gläubige anerkannt werden

[8] =Koranschule

[9] Vgl. Rashid S.163

[10] Vgl. Rashid S.164

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. ebd. S.165

[13] Vgl. Punkt 3.1 u. 3.2

[14] Vgl. Rashid S.168

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Taliban als Produkt des afghanischen Bürgerkrieges - Herkunft, Religion und Politik
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Politischer Islam
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V39055
ISBN (eBook)
9783638379458
ISBN (Buch)
9783638824163
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Herkunft, Religion und Politik der Taliban
Schlagworte
Taliban, Produkt, Bürgerkrieges, Herkunft, Religion, Politik, Politischer, Islam
Arbeit zitieren
Marko Tomasini (Autor:in), 2004, Die Taliban als Produkt des afghanischen Bürgerkrieges - Herkunft, Religion und Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39055

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