Die Betreuungsform der Tagespflege hat sich in den letzten Jahren, insbesondere für die Betreuung und Pflege von demenziell veränderten Menschen etabliert. Vielen Menschen ist diese Betreuungsform unbekannt, obwohl sie gerade für pflegende Angehörige älterer Menschen eine Möglichkeit darstellt, für ein paar Stunden am Tag Entlastung zu finden und Zeit für sich oder den Beruf zu haben. Auch gerichtlich bestellte Betreuer nutzen diese Betreuungsform gern, solange sie die Möglichkeit bietet, die betreute Person in der häuslichen Umgebung zu belassen. Seit vier Jahren arbeite ich in einer Tagespflegeeinrichtung. In dieser Zeit stellte sich mir immer wieder die Frage, wie lange eine ambulante Betreuung Demenzkranker wohl sinnvoll und vor allen Dingen tragbar ist. Welche Grenzen müssen in der häuslichen und teilstationären Versorgung beachtet werden? Von welchen Faktoren ist eine Entscheidung für eine Heimunterbringung oder die Versorgung in der häuslichen Umgebung abhängig? Stellt die Tagespflege eine wirkliche Chance für den Betroffenen dar, oder ist sie nur eine Notlösung, weil ein Heimaufenthalt aus bestimmten Gründen von Angehörigen oder Betreuern nicht gewünscht oder möglich ist? Diesen Fragen werde ich in dieser Arbeit nachgehen. Nach einer Einführung in das Krankheitsbild der Demenz, werde ich eine Beschreibung von Tagespflege und den dazugehörigen Handlungsmodellen darstellen, sowie Möglichkeiten der Finanzierung von Tagespflege und häuslicher Pflege aufzeigen. Im anschließenden Kapitel sollen mögliche Grenzen und Aspekte der ambulanten Versorgung vorgestellt werden. Dabei geht es um Grenzen, die sich aus der Sicht der Betroffenen und der pflegenden Angehörigen ergeben können. Sowie weitere Aspekte, welche die allgemeinen und sozialen Bedingungen der häuslichen Versorgung aufzeigen und darstellen, welche Unterschiede in der Versorgung durch Angehörige oder Fachkräfte bestehen. Im fünften Teil werde ich die Situation der häusliche Versorgung von Demenzkranken, mit ihren Möglichkeiten und Grenzen für Betroffene und Angehörige, verdeutlichen. Abschließend folgt eine Gegenüberstellung der Bedeutung von Tagespflege und Heimaufenthalt für Demenzkranke. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Demenz
2.1. Demenzformen
2.2 Verlauf von Demenzerkrankungen
2.3 Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten
3. Tagespflege und Formen der Finanzierung
3.1 Tagespflegeeinrichtungen
3.1.1 Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für den Besuch einer Tagespflegeeinrichtung
3.1.2 Handlungskonzepte
3.1.3 Personelle Anforderungen und Fachliche Kompetenz
3.2 Finanzierung von Pflege und Betreuung
3.2.1 Finanzierung von Tagespflege
3.2.2 Finanzierung der häuslichen Pflege
4. Grenzbetrachtungen und Aspekte der häuslichen Versorgung
4.1 Grenzen aus der Sicht des Demenzkranken
4.1.1 Alleine in der eigenen Wohnung
4.1.2 Scham
4.1.3 Der Zustand des Demenzkranken
4.1.4 Gewalt durch Pflegende
4.2 Grenzen aus der Perspektive pflegender Angehöriger
4.2.1 Körperliche Belastung
4.2.2 Seelische Belastung
4.2.3 Die Scham des Pflegenden
4.2.4 Gewalt und Aggression
4.3 Allgemeine und Soziale Bedingungen
4.4 Verhaltensweisen Demenzkranker gegenüber Angehörigen oder Fachkräften
4.5 Bedeutung von Pflege und Betreuung durch Fachkräfte oder Angehörige
5. Versorgung von Demenzkranken in der häuslichen Umgebung
6. Bedeutung von Tagespflege oder Heim für den Demenzkranken
7. Fazit – Einen alten Baum verpflanzt man nicht
8. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambulante Betreuung Demenzkranker und beleuchtet die Frage, ab wann diese Form der Versorgung an ihre Grenzen stößt und ein Heimaufenthalt zur notwendigen Alternative wird. Dabei liegt der Fokus auf der Abwägung, ob Tagespflegeeinrichtungen eine echte Chance zur Entlastung darstellen oder lediglich eine Notlösung im Pflegealltag bilden.
- Krankheitsbild der Demenz (insb. Alzheimer) und Behandlungsansätze
- Strukturen und Handlungskonzepte der teilstationären Tagespflege
- Finanzierungsmodelle von häuslicher Pflege und Tagespflege
- Belastungsfaktoren und Grenzen für Demenzkranke sowie pflegende Angehörige
- Vergleich der Bedeutung von Tagespflege gegenüber dem stationären Heimaufenthalt
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Scham
Die Scham ist uns Menschen allen wohlbekannt, sie wird auch die Hüterin unserer Würde genannt. Je nach Kultur gelten eigene Charakterzüge und soziale Tatsachen als beschämend. Scham steht in direktem Zusammenhang mit unseren Schwächen und unserer Angst vor mangelnder Selbstkontrolle.29
Bei Demenzkranken fallen schnell zwei wesentliche Punkte ins Auge, die Scham auslösen. Da ist zum einen die Situation, bei der die eigene Hilflosigkeit die Hilfe anderer (Angehörige, Institutionen etc) erfordert. Der Betroffene ist nicht mehr in der Lage seinen Alltag alleine zu bewältigen und ist auf Hilfestellungen angewiesen, was ihn entsprechend beschämt.
Zum anderen kann notwendiger Pflegebedarf zu Situationen führen, die Scham auslösen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist der Verlust über die Körperkontrolle und damit einhergehende Inkontinenz. Auch das ästhetische Empfinden des eigenen, gealterten Körpers kann Scham auslösen. Hinzu kommt, dass die Pflege durch einen anderen Menschen einen Eingriff in die Intimsphäre des Betroffenen darstellt.30
Pflegebedürftigkeit macht den Menschen von anderen abhängig. Die Eigenständigkeit muss ein Stück weit aufgegeben werden und mit der persönlichen Scham und den persönlichen Schamgrenzen muss ein Umgang gefunden werden. Je nach Charakter, Persönlichkeit und Biographie fällt dieses dem einen Menschen leichter und dem anderen schwerer.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Relevanz der Tagespflege für die Versorgung Demenzkranker sowie Erläuterung der Forschungsfragen bezüglich der Belastungsgrenzen und Entscheidungsfaktoren für eine Heimunterbringung.
2. Demenz: Definition des Krankheitsbildes und Einteilung in die drei Hauptgruppen, mit speziellem Fokus auf den Verlauf und die Stadien der Alzheimer-Demenz.
3. Tagespflege und Formen der Finanzierung: Darstellung der teilstationären Tagespflege als Betreuungsform, inklusive Handlungskonzepten wie Basale Stimulation und Validation sowie der relevanten Finanzierungsmöglichkeiten.
4. Grenzbetrachtungen und Aspekte der häuslichen Versorgung: Analyse der Belastungsgrenzen aus Sicht der Demenzkranken (Scham, Orientierung) und der pflegenden Angehörigen (physische und psychische Erschöpfung, Gewaltpotenzial).
5. Versorgung von Demenzkranken in der häuslichen Umgebung: Erörterung der dynamischen Situation bei fortschreitender Erkrankung und die Notwendigkeit, ab gewissen Stadien eine 24-Stunden-Betreuung sicherzustellen.
6. Bedeutung von Tagespflege oder Heim für den Demenzkranken: Gegenüberstellung der Auswirkungen von Heimen versus Tagespflegeeinrichtungen, insbesondere unter Berücksichtigung der kleinen Gruppenstrukturen in der Tagespflege.
7. Fazit – Einen alten Baum verpflanzt man nicht: Zusammenfassende Bewertung der Tagespflege als wertvolle Entlastungschance für Angehörige und Betroffene, die einen Heimaufenthalt verzögern oder vermeiden kann.
8. Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Fachliteratur, Internetquellen sowie Tabellen und Schaubilder.
Schlüsselwörter
Demenz, Alzheimer-Krankheit, Tagespflege, ambulante Pflege, pflegende Angehörige, häusliche Versorgung, Finanzierung, Belastungsgrenzen, Scham, Validation, Basale Stimulation, Pflegeversicherung, Heimunterbringung, teilstationäre Pflege, Betreuungskonzepte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Möglichkeiten und Grenzen der ambulanten sowie teilstationären Betreuung von Demenzkranken im häuslichen Umfeld.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bedeutung von Tagespflege, den Belastungsfaktoren für Angehörige und Betroffene sowie den ethischen und finanziellen Aspekten der häuslichen Versorgung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu klären, unter welchen Bedingungen eine ambulante Versorgung sinnvoll und tragbar ist und ob die Tagespflege als reale Chance oder lediglich als Notlösung für Demenzkranke zu bewerten ist.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Der Autor stützt sich auf Fachliteratur sowie auf seine eigenen vierjährigen Erfahrungen in einer Tagespflegeeinrichtung, die durch Fallbeispiele und Beratungsgespräche mit Angehörigen untermauert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Tagespflegekonzepte, die detaillierte Analyse der physischen und psychischen Grenzen bei der häuslichen Pflege sowie den Vergleich zwischen Tagespflege und stationärer Heimunterbringung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Demenzverlauf, Pflegelast, Schamgefühle, Entlastung, soziale Bedingungen und Versorgungsformen.
Warum wird die Scham in Kapitel 4.1.2 besonders thematisiert?
Weil die Scham als "Hüterin der Würde" bei Demenzkranken massiv unter Druck gerät, insbesondere bei zunehmender Hilflosigkeit und dem Verlust der Körperkontrolle, was das Konfliktpotenzial in der Pflegebeziehung erheblich steigert.
Was sind die Hauptunterschiede zwischen häuslicher Angehörigenpflege und professioneller Tagespflege?
Angehörige verfügen meist über ein tiefes Beziehungswissen, sind aber emotional stark belastet. Fachkräfte bringen wissenschaftlich fundierte Konzepte wie Validation oder Basale Stimulation ein, arbeiten jedoch oft in einem engeren Zeitkorsett.
Welchen Stellenwert nimmt die "Kleine Gruppenstärke" in der Tagespflege ein?
Sie ermöglicht eine konstantere Betreuung und individuellere Anpassung an die Bedürfnisse der Besucher, was in der Anonymität eines Heimes oft nicht leistbar ist.
Welches Fazit zieht der Verfasser zur Tagespflege?
Der Verfasser bewertet die Tagespflege ausdrücklich als eine "Chance", da sie durch Entlastung und Regeneration der Angehörigen dazu beiträgt, ein menschenwürdiges Leben des Erkrankten im vertrauten Zuhause so lange wie möglich zu erhalten.
- Quote paper
- Diplom Sozialarbeiter/Sozialpädagoge FH Christian Grieß (Author), 2005, Tagespflege Chance oder Notlösung. Grenzen der ambulanten Betreuung Demenzkranker, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39131