Die Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern im Coburger Raum


Diplomarbeit, 2005
243 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung

2. Theorie der psychotischen Krankheitsbilder
2.1 Erklärungsmodell für Psychosen anhand des Vulnerabilitätskonzepts
2.1.1. Biologische Vulnerabilität
2.1.2. Stress
2.1.3. Exkurs zur Bedeutung des Einflusses einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung
2.2 Auswirkung einer psychotischen Erkrankung
2.2.1 Auswirkungen auf die finanzielle Lebenslage
2.2.2 Auswirkungen auf die Partnerschaft
2.2.3 Auswirkungen auf die Familie
2.2.4 Auswirkungen auf die Erziehung
2.3 Zusammenfassung

3. Situation der Kinder von psychisch kranken Eltern
3.1 Probleme von Kindern mit psychisch kranken Eltern
3.1.1 Probleme mit unmittelbaren Zusammenhang zur Erkrankung
3.1.2 Probleme mit mittelbaren Zusammenhang zur Erkrankung
3.2 Einflussfaktoren auf die Situation der Kinder
3.2.1 Vorstellung der Begriffe High Risk und Resilence
3.2.1.1 High Risk
3.2.1.2 Resilence
3.2.2 Einordnung der Faktoren
3.2.2.1 High Risk und Resilence Faktoren in der Person des Kindes
3.2.2.2 High Risk und Resilence Faktoren im Familiensystem
3.2.2.2.1 High Risk und Resilence Faktoren ausgehend von der Familie im Allgemeinen
3.2.2.2.2 High Risk und Resilence Faktoren ausgehend vom erkrankten Elternteil
3.2.2.2.3 High Risk und Resilence Faktoren ausgehend vom gesunden Elternteil
3.2.2.2.4 High Risk und Resilence Faktoren ausgehend von der Partnerschaft der Eltern
3.2.2.3 High Risk und Resilence Faktoren außerhalb der Familie aber in der unmittelbaren Lebenswelt des Kindes
3.2.2.4 High Risk und Resilence Faktoren im Sozialraum des Kindes
3.2.2.5 High Risk und Resilence Faktoren im Gesellschaftssystem
3.2.3 High Risk und Resilence Faktoren und das Konzept der Vulnerabilität bei Kindern
3.3 Zusammenfassung

4. Vorgehensweisen bei den Befragungen zur Situation der Kinder mit psychisch kranken Elternteilen im Coburger Raum
4.1. Befragung von Krankenkassen
4.1.1. Schilderung der Vorgehensweise
4.1.2. Begründung des Vorgehens
4.1.3. Darstellung der Methode
4.1.4. Darstellung des methodischen Vorgehens
4.1.5. Ziel der Befragung
4.2. Befragung von Fachkräften
4.2.1. Schilderung der Vorgehensweise
4.2.2. Begründung des Vorgehens
4.2.3. Darstellung der Methode
4.2.4. Darstellung des methodischen Vorgehens
4.2.5. Ziel der Befragung

5. Kinder psychisch Kranker im Coburger Raum
5.1. Epidemiologie psychisch kranker Eltern und deren Kinder im Coburger Raum
5.1.1. Schätzung für die Stadt und dem Landkreis Coburg aufgrund bundesweiter Daten
5.1.1.1. Darstellung von statistischen Daten
5.1.1.2. Bedeutung der Daten für die Stadt und den Landkreis Coburg
5.1.2. Ergebnisse der Krankenkassenbefragung
5.1.2.1. Definition der Begriffe
5.1.2.2. Epidemiologie psychisch kranker Eltern
5.1.2.2.1. Darstellung der Ergebnisse
5.1.2.2.2. Interpretation
5.1.2.3. Diagnosenverteilung
5.1.2.3.1. Darstellung der Ergebnisse
5.1.2.3.2. Interpretation
5.1.3. Ergebnisse der Befragung von Fachkräften
5.1.3.1. Definition von psychischen Erkrankungen durch Fachkräfte
5.1.3.1.1. Darstellung der Ergebnisse
5.1.3.1.2. Interpretation
5.1.3.2. Epidemiologie von psychisch kranken Eltern und deren Diagnosen
5.1.3.2.1. Darstellung der Ergebnisse
5.1.3.2.2. Interpretation
5.1.4. Abgleichende Diskussion der Ergebnisse
5.2. Wahrnehmung der Situation von psychisch kranken Eltern durch Fachkräfte
5.2.1. Darstellung der Ergebnisse
5.2.1.1. Erziehungssituationen in Familien mit psychisch kranken Elternteilen
5.2.1.2. Problemlagen
5.2.2. Interpretation
5.3. Wahrnehmung der Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern durch Fachkräfte
5.3.1. Darstellung der Ergebnisse
5.3.1.1. Probleme in der Lebenswelt von Kindern mit psychisch kranken Eltern
5.3.1.2. Informationsstand der Kinder über die psychische Erkrankung der Eltern
5.3.2. Interpretation
5.3.2.1. Lebenssituation der Kinder
5.3.2.2. Informationsstand der Kinder
5.4. Wahrnehmung der Bewältigungsstrategien von Kindern mit psychisch kranken Eltern durch die Fachkräfte
5.4.1. Darstellung der Ergebnisse
5.4.1.1. Bewältigungsverhalten von Kindern mit psychisch kranken Eltern
5.4.1.2. Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern mit psychisch kranken Eltern
5.4.1.2.1. Bei kleinen Kindern bis zum Vorschulalter
5.4.1.2.2. Bei Schulkindern und Jugendlichen
5.4.2. Interpretation
5.4.3. Diskussion der Entwicklungschance des Kindes
5.5. Zusammenhang zwischen der Behandlungsbereitschaft der psychisch kranken Eltern und der Verhaltensauffälligkeit der Kinder
5.5.1. Darstellung der Ergebnisse
5.5.2. Interpretation
5.6. Bedarfswahrnehmungen bezüglich ambulanter Hilfen für Kinder mit psychisch kranken Elternteilen durch Fachkräfte
5.6.1. Diskussion des Hilfebedarfs von Kindern psychisch Kranker in der Literatur
5.6.2. Bedarfswahrnehmungen der befragten Fachkräfte
5.6.2.1. Darstellung der Ergebnisse
5.6.2.2. Interpretation

6. Resümee und Ausblick

7. Anhang
7.1 Literaturverzeichnis
7.2 Abbildungsverzeichnis
7.3 Abkürzungsverzeichnis
7.4 Selbstständigkeitserklärung
7.5 Materialien zur Krankkassenbefragung
7.5.1 Fragebogen
7.5.2 Ergebnisse und Berechnungen
7.5.2.1 Darstellung der erhobenen Fälle
7.5.2.2 Berechnung des Zusammenhangs zwischen Krankengeldbezug und Elternschaft
7.5.2.3 Berechnung des Zusammenhangs zwischen Krankengeldbezug und psychischen Erkrankungen
7.5.2.4 Übersicht über die Diagnosenverteilung
7.5.3 Psychose nach Dilling
7.6 Materialien zur Befragung von Fachkräften
7.6.1 Leitfaden
7.6.2 Kurze Vorstellung der befragten Dienste
7.6.3 Transkripte
7.6.3.1 Sozialdienst
7.6.3.2 Jugendamt
7.6.3.3 Gesundheitsamt
7.6.3.4 Sozialpsychiatrischer Dienst mit Auszug aus dem Jahresbericht
7.6.3.5Familienpflege
7.6.3.6 Institut für Psychosoziale Gesundheit
7.6.4 Eingestelltes Modellprojekt
7.6.4.1 Vorstellung
7.6.4.2 Unterschiede zur Familienpflege
7.6.4.3 Gemeinsamkeiten zur Familienpflege
7.6.4.4 Diskussion
7.6.4.5 Flyer der Familienpflege
7.6.4.6 Original des Modellprojekts

1. Einleitung

Während meines Praktikums beim Sozialpsychiatrischen Dienst kam ich erstmals mit psychisch kranken Elternteilen in Kontakt. Besonders gut erinnere ich mich heute noch an eine depressive Mutter, die in einer Wohngemeinschaft für psychisch Kranke betreut wurde. Sie ließ sich damals von ihrem Ehemann, der mit den drei jugendlichen Kindern zusammen lebte, scheiden. Eines Tages brachte die Mutter ihre zwölf jährige Tochter mit zum Gruppentreffen. Die Tochter fiel dadurch auf, dass sie kaum sprach und durch ihre Köperhaltung starkes Unbehagen signalisierte. Ihr Verhalten war Anlass zu meiner Überlegung, wie es wäre eine psychisch kranke Mutter zu haben. Als ich mich in ihre Lage versetzte fragte ich mich, ob ihr Verhalten in erster Linie durch Angst, Scham, Verwirrung, Schüchternheit oder Langeweile verursacht war. Bei diesem Gedanken wurde mir bewusst, dass ich die Situation der Kinder von psychisch kranken Elternteilen bisher kaum wahrgenommen hatte. Ich fragte mich, wie viele Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil aufwachsen und was das für die betroffenen Kinder bedeutet. Deshalb ist das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit auf die Situation der Kinder mit psychisch kranken Elternteilen im Raum Coburg bezogen.

Die Relevanz der Themenstellung „die Situation der Kinder von psychisch kranken Eltern“ wird u.a. im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie deutlich. Remschmidt (1994, S. 15) schreibt, dass rund 33 % der Kinder, die sich in stationärer kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung befinden, einen psychisch kranken Elternteil haben und rund 12 % einen psychotischen Elternteil.

Derartige Veröffentlichungen werfen die Vermutung auf psychische Erkrankungen, insbesondere Psychosen, würden von Generation zu Generation weitergeben. Zum Beginn der Arbeit wird deshalb anhand eines Erklärungsmodells für Psychosen untersucht, wodurch der Ausbruch einer Psychose bedingt ist und in welcher Weise die Wahrscheinlichkeit an einer Psychose zu erkranken durch die Genetik festgelegt ist. Insbesondere rückt die Frage ins Forschungsinteresse, ob eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung einen Einfluss auf den Ausbruch einer Psychose hat.

Dabei ist die Situation der Kinder, die mit psychisch kranken Elternteilen leben, erst neuerdings vermehrt Bestandteil der Fachdiskussion von Sozialpsychiatrie und Jugendhilfe. Es ist davon auszugehen, dass die Angehörigenarbeit in der Psychiatrie mit dem Trend zu ambulanten Wohnformen für psychisch Kranke zunehmend eine bedeutendere Rolle spielte, weil man davon ausgeht, dass Angehörige psychisch kranke Familienmitglieder stützen können. Minderjährige Kinder können ihren Eltern keine Hilfestellungen im Alltag geben und benötigen selbst Anleitung. Möglicherweise wurden Kinder von psychisch Kranken deshalb jahrzehntelang aus der Angehörigenarbeit ausgeklammert und ihre Lebenssituationen kaum berücksichtigt. In Kapitel 3 dieser Arbeit wird dargestellt, wie die Probleme von Kindern mit psychisch kranken Eltern in der aktuellen Fachliteratur beschrieben werden und welche Bedingungen auf die Wahrscheinlichkeit wirken, dass Kinder mit psychisch kranken Eltern verhaltensauffällig werden bzw. unauffällig bleiben.

Mit psychischen Erkrankungen meinen die zitierten Autoren Psychosen, die unabhängig von ihrer Ätiologie[1] folgende Punkte gemeinsam haben:

„1) eine tiefgreifende Störung der Realitätsbeziehung
2) auftreten produktiver Symptome (Wahn, mitunter auch Halluzinationen) und
3) einen zeitlich intermittierenden Verlauf, der die Krankheit als Einbruch in die Kontinuität der Entwicklung, des Erlebens und des Verhaltens erscheinen lässt.“

(Remschmidt, 1994, S. 11)

Damit die Lage der betroffenen Kinder in Zukunft zuverlässiger und aussagekräftiger beschrieben wird besteht die Notwendigkeit vermehrt Informationen über die Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern zu erheben. Einen kleinen Beitrag zur Erhellung der Lebenslage von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen möchte diese Arbeit leisten. Es wird anhand von zwei nicht repräsentativen Befragungen beschrieben, wie sich die Situation und die Epidemiologie der Kinder mit psychisch kranken Elternteilen im Coburger Raum gestaltet. Hierzu wurden vier Krankenkassen und sechs Fachkräfte, die mit psychisch kranken Eltern oder deren Kinder arbeiten, befragt. Beim quantitativen Auftreten von Kindern mit psychisch kranken Eltern bildet die psychische Erkrankung der Eltern den Ausgangspunkt zur Erfassung.

Es stehen dabei folgende Fragen im Mittelpunkt:

- Welchen Anteil bilden psychisch kranke Eltern in der Grundgesamtheit der psychisch Kranken?
- Sind psychisch kranke Eltern im Vergleich zu psychisch Kranken ohne Kinder überdurschnittlich kürzer oder länger von der psychischen Erkrankung betroffen?
- Welche Diagnosen bestehen vorrangig, wenn Eltern psychisch krank sind?

Abschließend wird zum Punkt der Epidemiologie diskutiert inwiefern sich literarische Angaben in der Befragung bestätigt haben.

Auch bei der Ergebnisdarstellung der Fachkräftebefragung bildet die Lebenslage der psychisch kranken Eltern die Basis für die Lebenssituation der Kinder. Die Ergebnisse spiegeln dabei die Wahrnehmungen der Befragten wieder. Ein besonderes Augenmerk galt dabei den Wahrnehmungen der Fachkräfte bezüglich der Problemlagen, dem Informationsstand und den Bewältigungsstrategien der betroffenen Kinder. Wenn die Aussagen von sechs Mitarbeitern aus verschiedenen sozialen Einrichtungen dargestellt werden, müssen auch Gründe in Erwägung gezogen werden, wodurch unterschiedliche Wahrnehmungen ggf. verursacht sein könnten. Ob die Lage der Kinder von psychisch kranken Eltern in der Stadt und dem Landkreis Coburg von Fachkräften als verbesserungswürdig bewertet wurde und worin sich ggf. Verbesserungen im ambulanten Hilfssystem deutlich machen könnten, wird als abschließender Punkt behandelt.

2. Theorie der psychotischen Krankheitsbilder

In diesem Kapitel wird ein Modell vorgestellt, welches die Entstehung von Psychosen erklärt. Außerdem wird in Kapitel 2.2. deutlich, welche Auswirkungen psychotische Erkrankungen auf verschiedene Lebensbereiche haben.

2.1 Erklärungsmodell für Psychosen anhand des Vulnerabilitätskonzepts

Zunächst möchte ich darstellen, wodurch endogene[2] Psychosen verursacht werden. Dies hat nicht nur für die Erklärung der elterlichen Erkrankung Relevanz, sondern ggf. auch für den Ausbruch einer Psychose bei ihren Kindern.

Für die Entstehung von Psychosen gibt es genetische, biologische, psychologische und soziale Erklärungsmodelle. Zum jetzigen Zeitpunkt hat sich ein Modell durchgesetzt, das biopsychosoziale Faktoren integriert und dabei auf einen interaktiven Austausch zwischen Individuum und Umwelt eingeht. Ein solches Konzept ist das der Vulnerabilität (1984), welches von Nüchterlein und Dawson stammt. Dieses möchte ich im Folgenden näher vorstellen. Definiert wurde Vulnerabilität von Zubin und Spring (1977) als eine Schwellensenkung des Individuums gegenüber sozialen Reizen. Grundlegender Vorläufer des Modells der Vulnerabilität ist jedoch das integrative Schizophreniemodell von Coimpi. Coimpi hatte 1982, in Anlehnung an Piagets Entwicklungstheorie der kognitiven Strukturen und mit dem Schizophrenieverständnis von Bleuler (1911), folgende theoretische Überlegungen zu akuten psychotischen Phasen[3]: Eine psychotische Phase entstehe dadurch, dass anfällige Personen, die mit labilen und unklar strukturierten kognitiv- emotionalen Schemata ausgestattet sind, durch stressige soziale Situationen oder emotionale Krisen vorübergehend überfordert sind. Als Versuch mit dieser Überforderung umzugehen reagieren die anfälligen Personen mit psychotischen Symptomen.

Dawson und Nüchterlein zeigen mit ihrem Vulnerabilitäts-Stress Modell besonders den Einfluss der biologischen Verletzbarkeit auf den Ausbruch einer endogenen Psychose auf (Scherrmann 1995, S. 5 ff).

Vulnerabilitätsmodell im Überblick

Die prämorbide Verletzlichkeit besteht aus einem Zusammenspiel zwischen psychosozialer und biologischer Verletzlichkeit.

2.1.1. Biologische Vulnerabilität

Die biologische Vulnerabilität wird differenziert in organische[4] und in genetische Vulnerabilität.

Genetische Einflüsse

Die Veranlagung für die erhöhte psychotische Sensibilität ist vererbbar und dennoch handelt es sich bei einer endogenen Psychose um keine Erbkrankheit. Es ist in der Psychoseforschung bekannt[5], dass das eigene Erkrankungsrisiko durchschnittlich 10% beträgt, wenn ein blutsverwandtes Mitglied der Kernfamilie psychotisch erkrankt ist. Ist ein Elternteil an einer endogenen Psychose erkrankt, liegt das Erkrankungsrisiko des Kindes zwischen 10% und 15%. Sind beide Elternteile erkrankt, so liegt die Wahrscheinlichkeit einer psychotischen Erkrankung sogar zwischen 30% und 50%. Bei endogen psychisch erkrankten Geschwistern liegt die Wahrscheinlichkeit für die eigene Erkrankung zwischen 6% und 10%. Zwillingsforschungen weisen darauf hin, dass nicht allein die Genetik ausschlaggebend ist. Denn ein eineiiger Zwilling hat ein Erkrankungsrisiko zwischen 25% bis 50%, wenn der andere Zwilling bereits eine Psychose hatte.

- Somatische Einflüsse

Auch körperliche Einflüsse haben auf den Ausbruch einer endogenen Psychose Einfluss. Obwohl der Begriff „endogen“ ein älterer Psychiatriebegriff ist und so viel wie „nicht organisch bedingt“ bedeutet, ist es mittlerweile[6] bei einigen Patienten möglich organische Veränderungen nachzuweisen. Die Erweiterung des Ventrikelsystems kann zum Beispiel ein Indikator für eine schwere psychotische Erkrankung sein.

Eine pathologische Veränderung der Gehirnsubstanz kann auf die Vulnerabilität Einfluss nehmen. Bäumel (a.a.O.) spricht von Untersuchungen, in denen Geburtskomplikationen[7] zu einem frühen Erkrankungsausbruch und einem lang andauernden Behandlungsverlauf führten. Er geht davon aus, dass auch andere Erkrankungen, wie eine schwere Meningitis, Einfluss auf den Ausbruch einer Psychose nehmen.

Jedoch wird der Ausbruch einer Psychose nicht nur durch genetische und körperliche Faktoren bestimmt, sondern ist auch von Stressfaktoren abhängig.

2.1.2 Stress

Mit Stress ist der augenblickliche Spannungszustand gemeint, den ein Individuum im Austausch mit der Umwelt erlebt. Bäumel (a.a.O., S. 33) unterteilt in akuten und chronischen Stress.

- Chronischer Stress bzw. Milieueinflüsse

Der chronische Stresspegel ist das, was eine Person „mitbringt“. Die Höhe des chronischen Stresspegels ist abhängig von der Art der individuellen Erfahrungen aus der Lebensgeschichte und von der Effizienz der erlernten Copingstrategien[8]. Der psychosoziale Faktor „chronischer Stress“ bildet zusammen mit den biologischen Faktoren das Bedingungsgefüge für die prämorbide Verletzlichkeit.

- Akuter Stress bzw. Psychose auslösende Einflüsse

Kommt dann in der aktuellen Lebenssituation eine zusätzliche Belastung dazu, führt die Summe der Belastungen zur Überschreitung des kritischen Grenzwertes und somit zum Ausbruch einer akuten Psychose. Die zusätzliche Belastung kann entweder in Form von Kumulierung alltäglicher Dauerbelastungen[9] oder durch Life Events[10] bestehen. Bildlich gesprochen kommt das Fass zum Überlaufen.

2.1.3 Exkurs zur Bedeutung des Einfluss einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung auf den Ausbruch einer endogenen Psychose

Einen wiederkehrenden Diskussionspunkt bildete in der Vergangenheit die Frage, welchen Einfluss eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung auf die psychische Erkrankung hat. Bateson et al. (1969, S. 16 ff) prägt den „Double bind“[11] Begriff auf kommunikationspsychologischer Grundlage. Die Theorie, die bereits 1956 aufkam, geht davon aus, dass eine Mitteilung, die zwei widersprüchliche Botschaften enthält, das Opfer dazu veranlasse schizophren zu reagieren. Das Opfer könne der Situation nicht entfliehen, weil ihm die Beziehung als lebenswichtig erscheint und zugleich sei das Opfer nicht in der Lage, die Botschaft metakommunikativ zu durchleuchten. Dadurch bräche die Fähigkeit zur Unterscheidung logischer Typen zusammen, wie es auch bei schizophrenen Patienten der Fall ist. Deshalb wurde vermutet, dass Beziehungsfallen Auslöser für Psychosen sind. In diesem Zusammenhang entstand der Begriff der „schizophrenogenen Mutter“[12]. Eine Kausalität konnte in weiteren Untersuchungen nicht eindeutig nachgewiesen werden. Jedoch erlebten viele betroffene Familien durch dieses Erklärungsmodell schwere Schuldzuweisungen. Dörner (1982) beschäftigte sich eingehend mit der Belastung von Angehörigen und forderte mit seinem gleichnamigen Buch den „Freispruch der Familie“. Ein weiterer Ansatz, der einen Zusammenhang zwischen Rückfallwahrscheinlichkeit und vorherrschenden Familienklima schizophrener Patienten belegt, ist das Expressed-Emotion[13] Konzept von Brown (1958), das etwa zeitgleich mit Batesons Überlegungen entstand. Im Unterschied zu Batesons ist Browns Konzept wissenschaftlich fundierter (siehe Scherrmann, 1995, S. 11), was ein Grund für seine größere Anerkennung heute ist.

Bäumel (a.a.O.) kommt zu dem Schluss, dass präpsychotische Symptome negativ auf das Familienklima wirken können und damit die familiäre Situation nicht unbedingt ursächlich für die psychische Erkrankung, sondern auch Effekt der psychischen Krankheit sein könnte. Hinweise, dass eine schwer gestörte Eltern-Kind-Beziehung die Vulnerabilität des Kindes für eine Psychose erhöht sind in der aktuellen Literatur nicht überzeugend belegt.

Wie aus diesen Ausführungen zu erkennen ist, war die pathologische Eltern-Kind-Bindung immer wieder Forschungsgegenstand. Jedoch mit dem Defizit, dass Eltern lange Zeit entweder als Psychose verursachender Faktor oder als Leid tragende Angehörige gesehen wurden. Der Begriff des psychosekranken Kindes bezog sich auf erwachsene Patienten der Psychiatrie. Der Schwerpunkt lag in keiner mir bekannten Untersuchung auf der eingeschränkten Erziehungsfähigkeit psychisch beeinträchtigter Eltern und den damit verbundenen Auswirkungen auf das Kind. Im Gegenteil: Kinder sind in den Buchtiteln „Freispruch der Familie“ (Dörner, 1982), „Patient Familie“ (Richter, 1972), „Schizophrenie und Familie“ (Bateson et. al 1969) keine eigenständige Angehörigengruppen, wie Eltern oder Partner. Auch in aktueller Literatur zu den Bewältigungsstrategien von Angehörigen, zum Beispiel Richter (1997) „Leben mit einem psychisch Kranken“, finden Kinder als krankheitskonfrontierte Angehörige keine Erwähnung. Die kindliche Wahrnehmung, Bewertung und Bewältigung der endogenen Psychose der Eltern[14] ist bei Richter (a.a.O) kein Thema. Wenn Kinder in der angegebenen Literatur Erwähnung fanden, dann als ausgelieferte prämorbide Opfer des mütterlichen Fehlverhaltens (siehe Richter, 1972 und Bateson, 1972). Dabei wird nicht ausreichend beachtet, dass das Fehlverhalten einer Mutter durch psychotische Symptome verursacht sein kann. Welche zusätzlichen Auswirkungen eine psychotische Erkrankung der Eltern auf die Lebenslage der Familie haben kann, wird im nächsten Kapitel erläutert.

2.2 Auswirkungen einer psychotischen Erkrankung

Bei der Auswirkung der psychotischen Erkrankung eines Elternteils auf die Lebenssituation der Familie gilt grundsätzlich: Je stärker sich eine Psychose chronifiziert, desto stärker sind die negativen Auswirkungen auf die Lebenslage.

2.2.1 Auswirkungen auf die finanzielle Lebenslage

Die Veränderung der Lebenssituation beginnt mit dem ersten Ausbruch von psychotischen Symptomen. Scherrmann (1995, S. 5) beschreibt als Symptom einer akuten Schizophrenie eine gesenkte Leistungsfähigkeit in Bezug auf Selbstständigkeit, Arbeit und sozialen Beziehungen.

Gerade wenn die psychische Erkrankung länger dauert, sind damit häufig finanzielle Probleme verbunden. Baumann (2000, S. 33) zitiert eine Arbeit, durch die errechnet wird, dass die Familien mit psychisch Kranken durch den Rückgriff auf ihr Einkommen 19% der Kosten für die Versorgung des kranken Angehörigen tragen[15]. Und auch wenn ein nicht berufstätiges Elternteil erkrankt, hat dies mittelbare finanzielle Nachteile, weil die berufliche Leistungsfähigkeit des gesunden Partners unter den zusätzlichen Belastungen leidet (vgl. Creer 1977, S. 132 f). Nahezu 100% der psychisch Kranken seien arbeitslos, merkt Baumann (a.a.O.) an[16].

Ein weiterer Lebensbereich, der häufig von der psychotischen Erkrankung beeinträchtigt wird, ist das Familienleben bzw. die Partnerschaft des Erkrankten.

2.2.2 Auswirkungen auf die Partnerschaft

Remschmidt (1994, S. 13) stellt fest, dass Familien mit psychotischen Mitgliedern stark belastet sind und überdurchschnittlich häufig auseinander brechen, was dann durch die Trennung auch mit finanziellen Einbußen verbunden ist. Scheidungen sind bei psychischer Erkrankung des Ehepartners kein Einzelfall. Hassmann (2004, S.126) führt eine Untersuchung aus Großbritannien an aus der hervorgeht, dass die Scheidungsrate bei Ehen mit psychisch erkrankten Partnern drei- bis vierfach höher liegt als die Scheidungsrate in der Durchschnittsbevölkerung. Es ist davon auszugehen, dass aus Ehen in der Regel Kinder hervorgehen. Somit wachsen Kinder von psychisch kranken Eltern häufiger als Kinder von gesunden Eltern mit familiären Schwierigkeiten auf. Für Remschmidt (a.a.O.) stellt sich daher die Frage, ob Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern unmittelbar aufgrund der seelischen Erkrankung des Elternteils bestehen oder aus der Konfrontation mit den Folgen der Erkrankung wachsen.

2.2.3 Auswirkungen auf die Familie

Ähnlich wie Remschmidt (a.a.O.) schreibt Baumann (2000, S. 31), dass nicht die psychiatrischen Symptome an sich die Belastung der Angehörigen bilden, sondern die Auswirkungen der Psychose im Alltag. Sie beruft sich auf Koenning (1987, S. 26), der folgende Auswirkungen der Psychose auf das Familienleben feststellt:

- Die Angehörigen sind plötzlich mit Inaktivität und Apathie konfrontiert oder sie erleben das Familienmitglied in völliger Ruhelosigkeit und ständiger Aktivität.
- Die Körper- und Wohnungspflege sowie die Ordnungs- und Hygieneregeln werden vom erkrankten Angehörigen nicht mehr oder kaum beachtet.
- Der gewohnte Tagesablauf der Familie ist gestört. Die Tagesstruktur wird durch ungewohnte Verhaltensweisen oder einen gestörten Tages- und Nachtrhythmus des psychisch Kranken aus dem Konzept gebracht.
- Auch die Ernährung des psychisch Kranken ist möglicherweise ungenügend oder ungewöhnlich, z.B. aus Angst vergiftet zu werden.
- Der Betroffene zeigt ein merkwürdiges Kontaktverhalten, das sich vom völligen Rückzug bis hin zu aggressiven Verhaltensweisen erstrecken kann.

Die Kinder psychisch Kranker sind von den krankheitsbedingten Verhaltensweisen in besonderer Weise betroffen, da sie existenziell von den Eltern abhängig sind.

Neunhöffer (2000, S. 6) befragte einundachtzig Familien, in denen mindestens ein Elternteil psychisch erkrankt war, zu den Hauptproblematiken in ihrer Lebenssituation. Mit neunundvierzig Nennungen stand „Überbelastung des psychisch kranken Elternteils“ an erster Stelle. Sechsunddreißigmal wurde die „materielle Notlage“ als eine Hauptproblematik eingestuft. „Familienkonflikte“ wurden zwanzigmal genannt, genau wie eine „starke Belastung des Kindes“ (zwanzig Nennungen). Einen weiteren hohen Rang belegten die Items „fehlende Krankheitseinsicht“ und „Krisen“ (fünfzehn Nennungen). Sehr wenige Nennungen bekamen die Kategorien „ häufige Aggressionen“ (neun Nennungen) und „Vernachlässigung der Kinder“ (vier Nennungen).

2.2.4 Auswirkungen auf die Erziehung

Wie Neunhöffer (2000, S. 7) feststellt, ist das Befinden der Mutter für das Wohlbefinden der Kinder von entscheidendem Einfluss. Sie unterscheidet mehrere Punkte, die mit der Krankheit zusammenhängen und auf die Erziehung wirken können.

- Mehrfachbelastung

Zunächst stellt Neunhöffer (a.a.O.) eine Mehrfachbelastung von psychisch kranken Müttern durch die Kinderbetreuungs- und Haushaltsarbeit und die psychische Erkrankung fest. Diese Belastung wirkt sich ihrer Meinung nach im Zusammenspiel mit der krankheitsbedingten eingeschränkten Leistungsfähigkeit negativ auf den Gesundheitszustand der Mütter aus.

- Angst

Psychisch kranke Mütter sind in hohem Maß mit Ängsten konfrontiert. Meines Erachtens können krankheitsbedingte Ängste[17], die in ihrer Intensität und Dauer dem Auslöser nicht angemessen erscheinen, von realistischen Ängsten unterschieden werden. Auf realistische bzw. nachvollziehbare Ängste stützt sich Neunhöffer (a.a.O.). Sie nennt u.a. die Angst, die Kinder zu verlieren und die Angst vor einer neuen psychotischen Phase. Sie schließt daraus, dass diese Befürchtungen die Mütter in eine angespannte Haltung versetzen, wodurch sich Probleme eher manifestieren.

- Schuldgefühle und deren Kompensation

Des Weiteren führt Neunhöffer (a.a.O.) Schuldgefühle bei psychisch kranken Müttern an und spricht dabei das Gefühl vieler Mütter an bedingt durch die Psychose als Mutter versagt zu haben. Daraus entwickelt sich oft überkompensatorisch ein Wiedergutmachungsbedürfnis. Problematisch wird dies, wenn sich das Wiedergutmachungsbedürfnis in materiellen Geschenken oder inkonsequentem Erziehungsverhalten niederschlägt (siehe auch Neunhöffer a.a.O.). Den Kindern wird dadurch Instabilität vermittelt. Orientierungsmaßstäbe gehen verloren.

An einem scheinbar grundlos wechselnden Erziehungsverhalten knüpft das Konzept der gelernten Hilflosigkeit von Seligmann (1992) an. Das Konzept der gelernten Hilflosigkeit besagt, dass Menschen passiv und teilnahmslos werden, wenn sie erfahren, dass sie die Konsequenzen bzw. das Eintreten von Reizen aus der Umwelt in keiner oder nur in geringer Weise durch ihr eigenes Verhalten steuern können.

Aber die geschilderten Situationsbedingungen bei psychisch kranken Elternteilen haben auch noch eine andere Konsequenz.

- Isolation

Schuldgefühle, Angst und Mehrfachbelastung erschweren es den psychisch kranken Elternteilen[18] Sozialkontakte zu pflegen. Ebenso kann die psychotische Erkrankung selbst Ursache für die Isolation sein (Neunhöffer a.a.O.). Wenn die isoliert lebende Mutter die einzige Bezugsperson für das Kind ist, dann ist das Kind auch unmittelbar von der Isolation betroffen[19]. Von Isolation aufgrund der Tabuisierung der elterlichen Psychose außerhalb der Familie berichten häufig erwachsene Kinder psychisch Kranker. In Fallschilderungen der Fachliteratur wurde deutlich, dass aus Scham für einen schlecht geführten Haushalt keine Bekannten mehr eingeladen wurden, was langfristig zur Isolation der gesamten Familie führte. Meines Erachtens führt diese Isolation jedoch oft zu einer Erziehungssituation, in der die Kinder häufiger und enger mit ihren Eltern Kontakt haben und somit die Abhängigkeit von den Eltern besonders stark erleben. Welche Probleme daraus für die Kinder entstehen können, wird im nächsten Kapitel thematisiert. Vorher findet sich eine kurze Zusammenfassung des zweiten Kapitels.

2.3 Zusammenfassung

Lange Zeit wurde monokausal angenommen, dass eine krankhafte Bindung zwischen Eltern und Kind beim Kind Psychosen auslösen könne. Man fand heraus, dass eine psychotische Erkrankung, wie z.B. Schizophrenie, nach dem Vulnerabilitätskonzept multidimensionale Ursachen hat. Mit diesem Erklärungsansatz werden Eltern von psychotischen Kindern weitgehendst von Schuldgefühlen freigesprochen, da erzieherisches Fehlverhalten[20] lediglich eine Erhöhung der prämorbiden Verletzlichkeit des Kindes bewirken kann.

Akutelle Forschungen sehen familiäre Schwierigkeiten vorrangig als Auswirkung einer psychotischen Erkrankung an. Insbesondere kann sich eine psychotische Erkrankung negativ auf die Kindererziehung auswirken. Auf Angehörige wirken nicht nur die Symptome der Krankheit belastend, sondern auch weitere Problemlagen, die mit dem Ausfall des Familienmitglieds einhergehen, stellen eine Herausforderung für das gesamte Familiensystem dar. Zu diesen weiteren Problemlagen gehören häufig finanzielle Sorgen und Partnerschaftskonflikte.

Im nächsten Kapitel wird die Lage, welche für die Kinder aus der psychischen Erkrankung eines Elternteils entsteht, fokussiert.

3. Situation der Kinder von psychisch kranken Eltern

In diesem Kapitel werden die Probleme von Kindern mit psychotischen Eltern dargestellt. Im Kapitel 3.1 wird darauf eingegangen, worin Probleme für Kinder bestehen und wodurch sie entstehen. Im darauf folgenden Kapitel 3.2 werden verschiedene Faktoren erfasst, die auf die Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern Einfluss nehmen.

Generell spielt das familiäre Zusammenleben in der menschlichen Sozialisation eine entscheidende Rolle. In Baumann (2000, S. 25) werden nach Lidz (1979, S. 241-242) vier Funktionen der Familie dargestellt, die für das Überleben des Kindes wichtig sind.

Vier hauptsächliche Funktionen der Familie in Stichpunkten:

- die elterliche Nähr- und Pflegefunktion
- der Einfluss auf die Strukturierung der Persönlichkeit
- Übermittlung grundlegender Sozialprinzipien
- Übermittlung instrumentaler Mittel und Techniken der Kultur und der Sprache

Nach Baumann (a.a.O.) ist es sehr wahrscheinlich, dass durch die psychotische Erkrankung der Eltern die vier Funktionen nicht mehr ausreichend existieren und dadurch die Entwicklungschance der Kinder eingeschränkt ist. Deshalb stellt sie fest:

„Jedes Kind leidet in irgendeiner Form darunter.“

Baumann (2000, S. 38)

Allerdings wird aus der Fachliteratur immer wieder deutlich, dass die Probleme der Kinder mit psychisch kranken Elternteilen individuell unterschiedlich geformt sind und vielfältige Faktoren auf die Situation der Kinder wirken. Im Folgenden werden Probleme von Kindern mit psychosekranken Elternteilen dargestellt. Die Problemlagen lassen sich dabei nach ihrer Ursache unterscheiden.

3.1 Probleme von Kindern mit psychisch kranken Eltern

Schone (2002, S. 16) bezieht sich auf Mattejat (1996, S. 22) und unterscheidet Probleme, die für die Kinder unmittelbar durch die psychische Erkrankung des Elternteils entstanden sind und Folgeprobleme, die für die Kinder durch die veränderte soziale Situation entstanden sind:

3.1.1 Probleme mit unmittelbaren Zusammenhang zur Erkrankung

- Erstens:Desorientierung

Ein kindliches Problem, das unmittelbar durch die psychische Erkrankung eines Elternteils bedingt ist, ist eine starke Desorientierung, weil das krankhafte[21] Verhalten des Elternteils vom Kind nicht zugeordnet und nicht erklärt werden kann. Kinder nehmen die Krankheitssymptome nicht als solche wahr, sondern erleben Verhaltensweisen der Eltern, die sie unmittelbar betreffen. Verschärft tritt das Problem der Desorientierung auf, wenn sich das Verhalten bzw. die Stimmung des psychisch kranken Elternteils von einem auf den anderen Moment völlig verändert (Pretis 2004, S. 42). Es ist damit zu rechnen, dass Kinder, die keine äußere Ursache für das Verhalten der Eltern finden können, die Ursache in ihrem eigenen Verhalten suchen.

- Zweitens: Schuldgefühle

Damit geben sich Kinder mit psychisch kranken Eltern häufig die Schuld für die psychotische Erkrankung der Eltern. Vermutlich haben Kinder dann auch die Erwartungshaltung die gesundheitliche Lage des kranken Elternteils mit ihrem eigenen Verhalten positiv verändern zu können, was die Kinder unter einen enormen psychischen Druck setzt.

- Drittens: Kommunikationsverbot

Das Verantwortlichkeits- bzw. Schuldgefühl der Kinder kann dazu führen, dass sich Kinder psychisch Kranker für ihr eigenes Verhalten, das nach Meinung der Kinder bei dem Elternteil zu psychotischen Symptomen führt, schämen. Wenn sich Kinder für etwas schämen, sprechen sie in der Regel nicht darüber. In Schone (2002, S. 16) ist von einem „selbst ausgesprochenem Kommunikationsverbot“ zu lesen.

Pretis (2004, S. 42) schreibt[22], dass 75 % der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren über die psychische Erkrankung des Elternteils nicht informiert seien. 50 % der elf bis vierzehn Jährigen wüssten nicht, warum sich ihr kranker Elternteil manchmal merkwürdig verhält. Und bei den fünfzehn bis achtzehn Jährigen sei immerhin jeder Vierte noch nicht über die Erkrankung aufgeklärt. Dabei stellt sich nach meinem Erachten die Frage, wie ein Kind über Dinge reden soll, die es nicht kennt bzw. ihm keine Worte zum Ausdruck zur Verfügung stehen.

Erfahrungsberichten mittlerweile erwachsener Kinder psychisch kranker Eltern ist öfters zu entnehmen, dass die Tabuisierung der Krankheit[23] eine bewusst gewählte Norm des Familiensystems war.

- Viertens: Isolation

Aus dem Kommunikationsverbot entsteht eine Isolation der Kinder. Sie wissen nicht mit wem sie ihre eigenen Probleme[24] besprechen können. Hier ist zu ergänzen, dass den Kindern für ein offenes Gespräch über die psychische Erkrankung des Elternteils häufig die Fähigkeit zur Reflexion und zum Ausdruck fehlt.

- Fünftens: gestörter Identifikationsprozess

Baumann (2000, S. 38) erweitert die genannten Probleme, indem sie behauptet der Identifikationsprozess mit den Eltern, der für die Entwicklung des Kindes von großer Bedeutung ist, sei „auf jeden Fall gestört“. Sie kommt zu dem Schluss, weil sich die Identität des Kindes immer im Austausch mit dem elterlichen Vorbild entwickelt.

Es ist anzumerken, dass jede psychisch kranke, sorgeberechtigte Person auch gesunde Persönlichkeitsanteile hat, an dem sich Kinder orientieren können. Ebenso können „gesunde Eltern“ widersprüchliche oder aus erzieherischer Sicht bedenkliche Identifikationsmöglichkeiten bieten. Hier stellt sich die Frage, unter welchen Voraussetzungen ein gestörter Identifikationsprozess vorliegt.

- Sechstens: Übernahme der psychotischen Symptome

Identifiziert sich das Kind mit dem psychotischen Verhalten des Elternteils besteht die Gefahr der Ansteckung. Deneke (2004, S. 4) spricht von „folie a`deux“. Die Gefahr Ansteckung mit der Psychose besteht, wenn ein existenziell abhängiger Mensch mit dem psychotisch Erkrankten eng zusammen lebt und keine Möglichkeit zur Realitätsüberprüfung hat. D.h. das Kind ist von den Wahnideen des psychisch kranken Elternteils ohne Zweifel überzeugt. Weshalb das Kind im gleichen Ausmaß Ängste und Gefühlszustände durchlebt, wie der psychisch Kranke.

An den Ausführungen wird deutlich, dass die Psychose eines Elternteils unmittelbar problematisch auf die Situation des Kindes wirkt. Wie bereits angedeutet wirkt sich unter Umständen auch die durch die psychotische Erkrankung veränderte Familiensituation problematisch auf die Situation des Kindes aus.

3.1.2 Probleme mit mittelbaren Zusammenhang zur Erkrankung

- Erstens: Betreuungsdefizit

Ein bedeutendes Problem entsteht für Familien, wenn der Elternteil, der die Kinder versorgt, plötzlich ausfällt. Wenn der Funktionsausfall nicht von anderen Familienmitgliedern kompensiert wird, entsteht ein Betreuungs- und Aufmerksamkeitsdefizit gegenüber den Kindern. Die Gefahr den Kindern nicht ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken besteht auch, wenn der Elternteil, der nicht überwiegend für die Kindererziehung zuständig ist, psychotisch erkrankt. In diesem Fall ist der für die Erziehung zuständige und gesunde Partner durch die psychische Erkrankung belastet und kann sich überfordert fühlen. Die Ressourcen der gesunden Lebenspartner sind häufig durch die Erkrankung erschöpft (vgl. Baumann, 2000, S. 37). Den Kindern fehlt die elterliche Anleitung und Kontrolle beim Bewältigen der Alltagsanforderungen.

An folgendem Zitat wird besonders deutlich, welche schwer wiegenden Folgen aus dem Betreuungsdefizit resultieren können. Creer (1977, S. 123) nach Baumann (2000, S. 39):

So beschreibt ein Ehemann, wie er einmal seinen kleinen Sohn mit dem brennenden Ölofen spielen sah, während seine Frau daneben saß und in die Luft starrte.“

Aus dem Betreuungsdefizit können also unmittelbare Gefährdungen für das Wohl des Kindes resultieren.

-Zweitens: zusätzliche Belastungen

Durch das Betreuungsdefizit verursacht finden die Bedürfnisse der Kinder oft nicht genügend Raum. Häufig müssen Kinder sogar zusätzliche Aufgaben für die Familie übernehmen[25], wodurch die Kinder zusätzlich belastet sind.

- Drittens: Rollentausch

Die Erledigung von zusätzlichen Aufgaben kann ein solches Ausmaß annehmen, dass es bis zu einer Parentifizierung[26] kommt. Eine Parentifizierung des Kindes kann sich zum Beispiel in der Erziehung kleinerer Geschwister oder im Versorgen des erkrankten Elternteils zeigen. Die übernommenen Aufgaben stellen häufig eine Überforderung für das Kind.

Die Folgen aus der elterlichen Rollenübernahme sind häufig, dass Aufgaben aus anderen Lebensbereichen, wie z.B. Hausaufgaben, nicht mehr angemessen bewältigt werden.

- Viertens: Abwertungs- und Diskriminierungserlebnisse

Vor allem durch den Lebensbereich der Schule, aber auch durch andere Lebensbereiche außerhalb der Familie, erleben Kinder die Abwertung von psychischen Erkrankungen und die noch immer bestehenden Vorurteile gegenüber psychosekranken Menschen[27]. Damit erfahren sie – mehr oder weniger direkt[28] - die Abwertung der eigenen Eltern. Schone (a.a.o.) geht davon aus, dass Kinder die Abwertung unterschwellig erleben, wenn sie nicht über die Erkrankung aufgeklärt sind. Mit dem Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Familie entwickeln Kinder ein Gefühl der eigenen Minderwertigkeit.

- Fünftens: Loyalitätskonflikte nach innen und außen

Die eben geschilderte Abwertungserfahrung versetzt die Kinder in einen Spannungszustand. Einerseits fühlen die Kinder Scham für die Eltern vor Bekannten und Freunden, andererseits besteht ein verpflichtendes Gefühl zur Loyalität gegenüber der Familie. Mattejat (a.a.O.) spricht deshalb von „Loyalitätskonflikte nach außen“. Loyalitätskonflikte können sich jedoch für ein Kind auch innerhalb der Familie entwickeln. Es kommt in Familien mit psychisch kranken Eltern überdurchschnittlich häufig zu Partnerschaftskonflikten. Kinder erleben Streitigkeiten zwischen Eltern sehr häufig und meist unbewusst als Druck für einen Elternteil Partei ergreifen zu müssen.

- Sechstens: Trauer

Meusgeiger[29] (2004, S. 146 f) ergänzt die von Mattejat (a.a.O.) genannten Punkte um eine weitere Problematik. Sie stützt sich auf Erfahrungsberichte von Kindern schizophrener Mütter, die Schmerz und Trauer über den Verlust der gesunden Mutter zum Ausdruck bringen. Die Trauergefühle zeigen sich darin, dass Kinder gemeinsame schöne Erlebnisse, die sie mit dem damals noch gesunden Elternteil hatten, vermissen.

Zusammenfassend bleibt fest zu halten, dass sich für die Kinder aus der elterlichen psychotischen Erkrankung vielfältige problematische Auswirkungen ergeben können, die in verschiedenen Lebensbereichen deutlich werden z. B im Familienleben, der Schulwelt, Freundschaften, Nachbarschaft usw. Wie bedrohlich das Kind die psychische Erkrankung eines Elternteils erlebt, ist von mehreren Lebensumständen des Kindes abhängig. Dabei beeinflussen sich alle Lebensbereiche oder auch Systeme wechselseitig (Bronfenbrenner 1978, S.33 ff). Kleinere Systeme[30] sind immer in größere Systeme[31] eingebettet. Bronfenbrenner (a.a.O.) geht davon aus, dass jedes Verhalten unter dem Aspekt seiner weiteren Einbettung in einen größeren Zusammenhang gesehen werden muss. Dies gilt auch für die Verhaltensweisen von Kindern mit psychisch kranken Eltern. Entwicklung definiert er als wechselseitige, fortschreitende, lebenslange Anpassung des Organismus an sich verändernde Umwelten. Dieser Prozess wird durch Beziehungen innerhalb und zwischen Settings[32] und durch einen größeren sozialen Kontext beeinflusst.

Dass die Entwicklung eines Kindes mit psychisch krankem Elternteil von dem interaktionistischen Wirkgefüge der Systeme positiv und negativ beeinflusst werden kann, möchte ich anhand zwei kurzer Beispiele verdeutlichen.

- Ist das Kind über die psychische Erkrankung des Elternteils und über die Ursache der psychischen Erkrankung informiert, so wird das Kind wahrscheinlich weniger Desorientierung und Schuldgefühle erleben, weil es die Symptome der Krankheit richtig bewerten kann. Dieses Kind wird sich in eigenen Notlagen, die im Zusammenhang mit der psychischen Erkrankung entstehen können, vermutlich früher außen Stehenden wenden, weil es sich nicht für die elterliche Erkrankung schämt.

- Bestehen in der Gesellschaft gehäuft Vorteile gegenüber psychisch Kranken, dann ist es denkbar, dass das Kind eines psychisch kranken Elternteils vermehrt Scham und Minderwertigkeit empfindet und deshalb die Krankheit tabuisiert. Vielleicht wird sich das Kind, damit die Schulkameraden von der Erkrankung nichts mitbekommen, auch zunehmend zurückziehen und isolieren.

Aufgrund einer unüberschaubaren Zahl an wechselseitigen Interaktionsbeziehungen zwischen verschiedenen Systemen[33] ist keine allgemein gültige und verlässliche „wenn- dann“ Schlussfolgerung für die Situation von Kindern mit psychotisch erkrankten Eltern zu treffen. Allerdings gibt es Forschungsansätze, die den Einfluss bestimmter Systemvoraussetzungen auf die Kindesentwicklung bei psychisch kranken Eltern untersuchen. Diese sind Inhalt des folgenden Kapitels.

3.2 Einflussfaktoren auf die Situation der Kinder

3.2.1 Vorstellung der Begriffe High Risk und Resilence

Es gibt Forschungen unter welchen Voraussetzungen die Kinder mit psychotischen Eltern später voraussichtlich selbst erkranken oder was Kindern hilft die Erkrankung des Elternteils ohne eigene Störungen zu bewältigen. Man spricht im ersten Fall von High Risk Forschungen und im zweiten Fall von Resilence Forschungen.

3.2.1.1 High Risk

Ein häufig zitierter „High Risk Autor“ ist Remschmidt. Er stellt folgende Punkte fest, welche sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken (1994, S. 13):

(1) Je intensiver die Kinder in die krankhaften Symptome einbezogen werden, umso schwerwiegender ist die Auswirkung auf die Kinder.
(2) Je jünger die Kinder bei der Konfrontation mit den Symptomen sind, umso gefährdeter sind sie später psychiatrische Symptome zu entwickeln[34].
(3) Je weniger der gesunde Elternteil kompensatorisch wirkt, umso schwerwiegender sind die Auswirkungen.Am meisten sind deshalb Kinder mit zwei psychisch kranken Elternteilen belastet.
(4) Wenn die Erkrankung zum Auseinanderbrechen des Familiensystems führt, dann sind die Kinder besonders in ihrer Entwicklung gefährdet.

Remschmidt (1994, S. 23- 63) diskutiert intrinsische[35] und extrinsische[36] bzw. interaktionistische[37] Risikofaktoren als Prädikatoren für schizophrene Erkrankungen. Allerdings sind seine Ausführungen zu den intrinsischen Faktoren auf biologisch medizinischer Ebene gehalten[38] und lassen kaum kausale Interpretationen zur Belastungssituation der betroffenen Kinder zu.

Während die Fragestellung bei Remschmidt (a.a.O.) und Mattejat (2001, S. 192) lautet: „Was macht Kinder mit psychisch kranken Eltern krank?“, fragen Pretis (2004) und Furmann (2000) „Was hält Kinder mit psychisch kranken Eltern gesund?“.

3.2.1.2 Resilence

„Beugt sich aber bricht nicht!“

(Furmann, 2000, Überschrift der Einleitung)

Mit diesem Zitat bezeichnet Furmann (a.a.O.) widerstandsfähige Kinder. Er warnt davor, geradlinig von schlimmen Erlebnissen in der Kindheit auf Probleme im Erwachsenenalter zu schließen. Ebenso müssen Probleme im Erwachsenenalter nicht automatisch ihre Ursache in der Kindheit finden[39]. Er will deutlich machen, dass auch schwierige Situationen erfolgreich bewältigt werden können. Welche Bedingungen in der Lebenswelt von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen protektiv[40] vor einer eigenen psychischen Erkrankung wirken, ist Gegenstand der Resilenceforschung.

Meines Erachtens ist es sinnvoll, die Situation der Kinder mit psychisch kranken Eltern von dem „High Risk“ und dem „Resilence“ Standpunkt aus zu beleuchten, weil man bei einer doppelten Vorgehensweise zu umfangreichen Ergebnissen kommt. Die Ergebnisse können sich teilweise gegenseitig bestätigen. Die Faktoren, die auf die gesundheitliche Entwicklung von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen wirken, bestehen in verschiedenen Lebensbereichen. Zur Gliederung der Lebensbereiche liefert Bronfenbrenner (1978) mit seiner Theorie eine geeignete Basis. Davon ausgehend werden die Ergebnisse aus der Fachliteratur vorgestellt.

3.2.2 Einordnung der Faktoren

Um die Ergebnisse zu den High Risk und den Resilence Faktoren für Kinder mit psychisch kranken Eltern übersichtlich zu gestalten werde ich die Ergebnisse aus der Fachliteratur in verschiedene Systeme bzw. Bereiche einordnen[41].

3.2.2.1 High Risk und Resilence Faktoren in der Person des Kindes

Das System des Individuums ist in Körper, Geist und Seele unterteilbar. Weitere Einflussfaktoren könnten das Alter und das Geschlecht des Kindes sein.

- Erstens: körperliche Faktoren

Welche körperliche Faktoren bei Kindern mit einem schizophrenen Elternteil den Ausbruch einer Psychose wahrscheinlicher machen, behandelt Remschmidt (1994, S. 24- 36). Vorausgesetzt ein Elternteil erkrankt schizophren, dann ist es wahrscheinlicher, dass das Kind auch erkrankt, wenn perinatale Komplikationen bestanden, die Ventrikel des Kindes erweitert sind, neurologische Auffälligkeiten bzw. Auffälligkeiten bei einer Elektroenzephalografie[42] bestehen, motorische Funktionen beeinträchtigt sind oder das Kind langsame Augenfolgebewegungen zeigt. Spricht man von körperlichen High Risk Faktoren für psychotische Erkrankungen, müssen die Erkenntnisse aus der genetischen Forschung einbezogen werden. Genetische High Risk Faktoren sind im Kapitel 2.1.1. beschrieben.

Im Gegensatz zu körperlichen High Risk Faktoren findet sich nur eine allgemeine Aussage zu körperlichen Resilence Faktoren. Allgemein gültig stellt Pretis (2004, S. 66) fest, dass ein gesundes Kind Stress und andere Anforderungen besser bewältigen kann und deshalb vor der Überbelastung durch die psychische Erkrankung des Elternteils besser geschützt ist als ein krankes Kind.

- Zweitens: kognitive Faktoren

Ein kognitiver High Risk Faktor für Schizophrenie liegt nach Remschmidt (1994, S. 24- 36) vor, wenn bereits in der Kindheit Denkstörungen vorliegen, die Sprache, die Kommunikation, die Aufmerksamkeit, die Informationsverarbeitung oder die Zusammenarbeit zwischen der rechten und der linken Gehirnhälfte gestört ist.

Meines Erachtens ist ein kausaler Zusammenhang zwischen geringen kognitiven Fähigkeiten und erhöhtem eigenem Krankheitsrisiko denkbar. Die kognitiven Fähigkeiten wachsen mit dem Lebensalter der Kinder. Dass junge Kinder gefährdeter sind die Belastung durch die elterliche psychische Erkrankung nicht angemessen bewältigen zu können, findet sich vielfach in der Fachliteratur.

Die Intelligenz des Kindes stellt Pretis (2004, S. 67) als einen wesentlichen Resilence Faktor heraus. Mit Intelligenz meint er nicht nur Kompetenz auf schulischer Ebene, sondern auch die Fähigkeit praktische Probleme z.B. im Alltag erfolgreich zu lösen und soziale Kompetenz. Deutlich werde soziale Kompetenz z.B. im richtigen Wahrnehmen von sozialen Signalen anderer Menschen, im angemessenen Ausdrücken eigener Gefühle, im normenorientierten Handeln und im erfolgreichen Umgang mit Konflikten. Zur sozialen Kompetenz sei auch die Fähigkeit Hilfe einzufordern zu zählen. Zum Beispiel würden Kinder von psychisch kranken Eltern Hilfe einfordern, wenn sie sich an außen Stehende wenden, um auf ihre defizitäre Situation aufmerksam zu machen. Eine wesentliche Voraussetzung sei die Bereitschaft sich selbst zu helfen und Hilfe von anderen anzunehmen[43]. Diese Erkenntnis ist kompatibel zu einer Untersuchung von Stiffman et al. (1986), die in Remschmidt (1994, S. 40) angeführt wird: Die Fähigkeit zur Problembewältigung sei ein wesentlicher Resilence Faktor[44].

- Drittens: seelische Faktoren

Neben körperlichen und kognitiven Faktoren spielen seelische Faktoren bei Kindern psychisch Kranker eine tragende Rolle. Ein ausgeglichenes, ruhiges, aktives und gutmütiges, optimistisches Temperament und ein positives Selbstkonzept zählt Pretis (2004, S. 67) zu seelischen Schutzfaktoren, weil dies das Kind vor einer Beeinträchtigung des Selbstwertes[45] schützt. Wenn das Kind einen angemessenen Selbstwert hat, dann erlebt es sich als aktiv, handelnd und Einfluss nehmend. Im Gegensatz dazu fühlen sich Kinder mit einem geringen Selbstwert häufiger ausgeliefert und passiv. Damit ist das Konzept der Selbstwirksamkeit verknüpft[46]. Es zeigt: Fehlt die Überzeugung bestimmte Stressoren durch eigene Kraft bewältigen zu können, so ist die Gefahr einer Depression bereits im Kindesalter deutlich erhöht. Ein hoher Selbstwert und die Überzeugung der Selbstwirksamkeit ist nach Pretis (a.a.O) nicht in jedem Falle ein ausreichender Schutz vor einer seelischen Beeinträchtigung[47]. Es ist für die Entwicklung des Kindes wichtig, pathologische Verhaltensweisen der psychisch kranken Eltern[48] nicht in sich selbst verursacht zu sehen, sondern als externe Ursachenzuschreibung zu interpretieren. Daneben nennt Pretis weitere Resilence Faktoren bei Kindern psychisch kranker Eltern: Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit nach Ziel und Plan zu handeln, um den Erfolg des Handelns zu spüren.

- Viertens: Alter und Geschlecht des Kindes

Es ist bekannt, dass die Vulnerabilität individuell besteht. Jedoch lassen sich geschlechtsspezifische und altersspezifische Tendenzen festhalten. Jungs sind im Kindergartenalter, Mädchen dagegen in der Adoleszenz vulnerabler. Dies stellt u.a. Dornes (2001) fest. Methner (1974, S. 81 ff) kommt in seiner Studie mit 93 Kindern endogen depressiver Eltern zu dem Schluss, dass die Identifikation mit dem gesunden Elternteil in der Gruppe der sechzehn bis achtzehn Jährigen am stärksten ausgeprägt ist und folglich die Gruppe vor eigener Erkrankung am besten geschützt sein müsste. Tatsächlich zeigte die Gruppe der sechzehn bis achtzehn Jährigen am wenigsten Verhaltensstörungen.

Neben den Faktoren, die in der Person des Kindes wirken, ist es für das Ausmaß der kindlichen Belastung von Bedeutung, welche Bedingungen innerhalb der Familie bestehen.

3.2.2.2 High Risk und Resilence Faktoren im Familiensystem

Zu den High Risk und Resilence Faktoren innerhalb der Familie gehören zum einen Faktoren, die im ganzen Familiensystem bestehen, zum anderen Faktoren die in der Beziehung einzelner Mitglieder zu einander existieren. Ob das Familiensystem als beschützender Faktor auf das Kind wirkt, hängt nicht nur von Persönlichkeitseigenschaften der einzelnen Mitglieder ab. Auch die Familiengröße und die Wohnverhältnisse haben einen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder mit psychisch kranken Elternteilen.

3.2.2.2.1 High Risk und Resilence Faktoren ausgehend von der Familie im Allgemeinen

- Erstens: Wohnungsgröße und Familiengröße

Pretis (2004, S. 71 f) erwähnt eine Studie aus der hervorgeht, dass Kinder, die in beengten Wohnverhältnissen aufwachsen, vermehrt psychisch erkranken. Meines Erachtens kann dies durch mangelnde Rückzugs- und Distanzierungsmöglichkeiten erklärt werden. Eine andere Studie[49] belegt: Kinder aus Familien mit weniger als fünf Mitgliedern wachsen widerstandsfähiger auf. Nach Pretis (a.a.O.) kann in kleinen Familien besser auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes eingegangen werden. Den beiden messbaren Faktoren „Wohnraum und Familiengröße“ liegt vermutlich der schlecht messbare Resilence Faktor „angemessene Bedürfnisbefriedigung des Kindes“ zu Grunde.

- Zweitens: Regeln und Normen in der Familie

Daneben stellen auch Regeln und Rituale eine Bedingung, die krankheitsschützend oder krankheitsgefährdend auf das Kind wirken. Wie wichtig Rituale und Alltagsstruktur für die Entwicklung eines Kindes sind, wird in letzter Zeit gehäuft in Erziehungszeitschriften[50] publiziert. Auch Pretis (2004, S. 71) sieht klare Strukturen in Haushalt und Kindererziehung als wichtigen Resilence Faktor an. Meines Erachtens wirken klare Regeln und Grenzen der Gefahr der Desorientierung entgegen und vermitteln allen Kindern ein Gefühl von Sicherheit.

- Drittens: Abwesenheit der Eltern

Ein weiterer Punkt, der bei Kindern psychisch Kranker als Wirkfaktor auf die Entwicklung diskutiert wird ist die Abwesenheit der Eltern. „Ob es für das Kind besser wäre ohne die psychisch kranken Eltern aufzuwachsen?“ Das werden sich Mitarbeiter des Jugendamts häufiger fragen, wenn das Wohl des Kindes durch die psychotische Mutter nicht mehr gewährleistet ist. Remschmidt (1994, S.39) bezieht sich auf eine dänische High Risk Studie, in der 205 Kinder von schizophrenen Müttern untersucht wurden. Darin wurde deutlich, dass die Kinder bei einer Trennung von der Mutter am wenigsten psychiatrische Symptome zeigten, wenn sie nicht im Heim, sondern von Familienangehörigen versorgt wurden. Bei den Söhnen zeigte die Gruppe, die bei Familienangehörigen aufwuchs, sogar weniger Verhaltensauffälligkeiten als die Gruppe der Söhne, die mit der psychotischen Mutter zusammenlebte. Die Trennung von der Mutter schien sich bei Mädchen schwer wiegender auszuwirken als bei Jungs.

Diese Studie verdeutlicht, dass bei einer Trennung von Mutter und Kind die kindliche Bedürfnisbefriedigung häufig gut durch das Familiensystem kompensiert werden konnte.

Neben der Verfügbarkeit des erkrankten Elternteils gibt es weitere Faktoren, die auf die auf die kindliche Entwicklung wirken.

3.2.2.2.2 High Risk und Resilence Faktoren ausgehend vom erkrankten Elternteil

Vier Faktoren, die im Zusammenhang mit dem Einfluss des erkrankten Elternteils diskutiert werden, möchte ich im Folgenden schildern.

- Erstens: Qualität der Eltern-Kind-Beziehung

Wie bereits erwähnt wurde, hat die psychische Erkrankung eines Elternteils eine hohe problematische Auswirkung auf die Eltern-Kind-Beziehung. Es ist anzunehmen, dass auch die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung als Resilence oder als High Risk Faktor wirken kann. Remschmidt (1994, S. 40) stützt sich auf Forschungen, aus denen hervorgeht, dass zwischen allen schizophrenen Müttern und ihren Kindern die Interaktion drei Tage nach der Geburt erheblich gestört war. Diese Kinder zeigten signifikant häufiger ein ängstliches (vermeidendes bzw. ambivalentes) Bindungsverhalten als Kinder mit gesunden Eltern. Nach Bowblys Bindungstheorie neigen die Kinder mit unsicherer Bindung häufiger zu psychischen Erkrankungen als Kinder, die eine sichere Bindung zu ihren Eltern aufgebaut haben.

Andererseits gibt es Forschungsergebnisse, die belegen, dass Kinder mit psychotischen Eltern umso gefährdeter vor eigener psychischer Krankheit sind, je mehr sie in die pathogene Symptomatik der Eltern eingebunden sind (vgl. u.a. Pretis 2004, S. 72). Es ist wahrscheinlich, dass die Stärke des Einbezugs mit der Stärke der Bindung wächst.

Schlussfolgernd lässt sich vermuten: Kinder, die ein sicheres Bindungsverhalten zeigen und kaum in die Symptomatik des psychisch kranken Elternteils einbezogen werden, sind am wenigsten gefährdet selbst zu erkranken. Da beim Bindungsverhalten des Kindes zu den beiden Elternteilen Unterschiede bestehen, kann man annehmen, dass das Geschlecht des psychisch erkrankten Elternteils einen Einfluss auf die Vulnerabilität des Kindes hat.

- Zweitens: Geschlecht des erkrankten Elternteils

Zu dieser Thematik gibt es kontroverse Forschungsergebnisse. Auf alle einzeln einzugehen ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, jedoch möchte ich die Forschungen im Überblick darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Tabelle zum Einfluss des Geschlechts bei psychisch kranken Eltern (aus Remschmidt, 1994 und Schuchardt, 1979)

Obwohl es auch Untersuchungen gibt, die zu dem Schluss kommen „Kinder von psychisch kranken Vätern sind stärker belastet“, ist meines Erachtens davon auszugehen, dass die Kinder von psychisch kranken Müttern stärker belastet sind, weil die Mutter in der Regel die vorrangige Bezugsperson darstellt. Wenn die Mutter psychotisch erkrankt, wird das Kind mit größerer Wahrscheinlichkeit ein unsicheres Bindungsverhalten zeigen, was als High Risk Faktor angesehen werden kann. Außerdem ist in den meisten Familien durch den Ausfall der psychisch kranken Mutter das Kinderbetreuungs- und Erziehungssystem beeinträchtigt, wodurch das Kind zusätzliche Belastungen erfährt, wenn dieser Funktionsausfall nicht von Erwachsenen kompensiert wird. Fällt ein Vater aufgrund einer psychischen Beeinträchtigung aus, schlägt sich das überwiegend auf die finanzielle Situation der Familie nieder. Jedoch ist der alltägliche Tagesablauf des Kindes nicht gestört. Deshalb ist die psychische Erkrankung der Mutter vermutlich ein High Risk Faktor ist.

Wenn beide Elternteile psychisch erkrankt sind, befindet sich das Kind in einer noch schwierigeren Situation und ist deshalb noch mehr gefährdet psychisch zu erkranken (vgl. Remschmidt 1994, S. 13).

-Drittens: Ausmaß der Erkrankung

Daneben hat der Schweregrad der psychischen elterlichen Erkrankung einen entscheidenden Einfluss auf die kindliche Entwicklung.Nach Remschmidt (1994, S. 40) gilt: Je schwerer die Erkrankung, desto schlimmer sind die potenziellen Folgen für das Kind. Es gilt auch: Je schwerer die Mutter an Schizophrenie erkrankt, umso früher erkranken die Kinder, falls sie erkranken. In der Literatur finden sich diesbezüglich keine widersprüchlichen Forschungsergebnisse.

- Viertens: Diagnose der Erkrankung

Kontrovers wird der Einfluss der elterlichen Diagnose auf die Entwicklungssituation des Kindes diskutiert. Remschmidt (1994, S. 172 ff) vergleicht in einer Studie Kinder schizophrener Eltern mit Kindern endogen depressiver Eltern. Das Identifikationsverhalten gegenüber dem gesunden Elternteil ist bei Kindern endogen depressiver Eltern stärker ausgeprägt als bei Kindern schizophrener Eltern. Woraus Remschmidt und Mattejat schließen, Kinder schizophrener Eltern würden die Erkrankung schwieriger bewältigen. Die Diagnose „Schizophrenie“ bei einem Elternteil wäre demnach als High Risk Faktor zu bewerten.

Baumann (2000, S. 60)[51] vergleicht in ihrer Studie Kinder depressiver Eltern mit Kindern manisch depressiver Eltern. Sie kommt zu folgendem Ergebnis: Die Kinder mit unipolar gestörten Eltern sind doppelt so häufig und schwerer krank als die Kinder von bipolar erkrankten Eltern. Vor allem leiden die Kinder unipolar depressiver Eltern unter sozialen Anpassungsschwierigkeiten und Lernstörungen. Zu gegensätzlichen Ergebnissen kommt Serbanescu (1993, S. 654). Sie vergleicht den Grad der psychosozialen Anpassung bei Kindern mit unipolar und biopolar gestörten Eltern. Ihres Erachtens sind Kinder bipolar erkrankter Eltern häufiger und schwerer gestört. Kinder mit unipolar erkrankten Elternteilen, zeigten ähnliches Anpassungsverhalten, wie die Kinder aus der Kontrollgruppe[52]. Serbanescu unterstreicht ihre Ergebnisse, indem sie sich auf Weintraub (1987) bezieht. Sie bewertet die soziale Anpassung bei Kindern Schizophrener am gestörtesten. Gefolgt von Kindern mit biopolar gestörten Eltern und dann Kinder von unipolaren elterlichen Störungsbildern.

Die Forschungsergebnisse zeigen bei der Anpassungsleistung der Kinder einen Widerspruch auf. Meines Erachtens zeigen die Kinder schizophrener und bipolar gestörter Eltern Desorientierung und Verwirrung vermutlich aufgrund der schwer nachvollziehbaren Krankheitssymptome. Kinder depressiver Eltern leiden vorrangig sicherlich an der gedrückten Stimmung und haben vielleicht dadurch Hemmungen im sozialen Umgang mit anderen. Die unterschiedlichen Ergebnisse könnten als Hinweis interpretiert werden, dass das elterliche Störungsbild nur einen zweitrangigen Einfluss auf die Anpassungsleistung der Kinder hat. So nimmt auch Denke (2004, S. 7) an, die Krankheitsschwere und Verfestigung, sowie der soziale Status der Eltern habe einen wesentlich höheren Einfluss auf die psychische Entwicklung des Kindes als die Art der Diagnose.

Festzuhalten bleibt, dass vom psychisch kranken Elternteil vielerlei Faktoren, die auf das Wohlergehen des Kindes wirken, ausgehen. Im Gegensatz dazu wird der Einfluss, der vom gesunden Elternteil ausgeht und auf die Entwicklung des Kindes wirkt, weniger komplex beschrieben.

3.2.2.2.3 High Risk und Resilence Faktoren ausgehend vom gesunden Elternteil

Einig sind sich alle mir bekannten Autoren in folgendem Punkt: Je mehr der gesunde Elternteil in die Erziehung eingebunden ist, umso entlasteter ist das Kind von der psychischen Erkrankung. Somit ist es auch wahrscheinlicher, dass das Kind zum gesunden Teil eine stabile, gesunde Bindung aufbauen kann, welche die Entwicklungsbedürfnisse des Kindes angemessen befriedigt (vgl. Pretis 2004, S. 70).

Besonders schwierig wird es für die Kinder, wenn der zweite Elternteil nicht zur Verfügung steht (durch Trennung, mangelndes Interesse oder Tod), bzw. der Partner mit der Erkrankung selbst überlastet ist.

Falls der zweite Elternteil vorhanden ist, dann hat auch die Qualität der Partnerschaft einen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes.

3.2.2.2.4 High Risk und Resilence Faktoren ausgehend von der Partnerschaft der Eltern

Obwohl das Kind dem Partnerschaftssetting nicht angehört, wirkt sich die Paarbeziehung der Eltern maßgeblich auf die Situation des Kindes aus. Eine positive Partnerschaftsbeziehung kann als Resilence Faktor angesehen werden (vgl. Pretis, 2004, S. 71). Schon deshalb, weil das Kind dann nicht zusätzlich mit der Trennungsproblematik belastet ist. Wenn die Elternbeziehung dagegen dysfunktional ist oder die psychisch kranke Mutter allein erziehend ist, besteht die Gefahr, dass das Kind zum Partnerersatz wird. Das Kind wird dann wie ein Erwachsener behandelt und soll Rollen und Erwartungen erfüllen, die weder seinen Bedürfnissen noch Fähigkeiten entsprechen. Aufgrund der existenziellen Abhängigkeit des Kindes von seinen Eltern hat das Kind kaum die Möglichkeit die Forderungen der Eltern abzulehnen. Natürlich ist ein Kind mit der Partnerrolle völlig überfordert. Dementsprechend stellen derart bestehende Rollenerwartungen eine negative Entwicklungsbedingung dar[53].

Bis jetzt wurden High Risk und Resilence Faktoren für Kinder psychisch Kranker genannt, die entweder in der Person des Kindes oder im Familiensystem wirken. Im Folgenden wird der Einfluss der weiteren Lebenswelt des Kindes berücksichtigt.

3.2.2.3 High Risk und Resilence Faktoren außerhalb der Familie aber in der unmittelbaren Lebenswelt des Kindes

In der weiter gefassten Lebenswelt des Kindes wirken Faktoren schützend, sofern sie die defizitäre Bedürfnisbefriedigung des Kindes[54] ausgleichen.

Während sich eine dauerhafte Trennung des Kindes vom psychotisch erkrankten Elternteil nicht als Resilence Faktor herausstellte, begünstigen häufige stundenweise Trennungen das seelische Gleichgewicht des Kindes. Eine räumliche und begrenzte Trennung des Kindes von dem psychisch kranken Elternteil und der Krankheit begünstigt, dass das Kind neue Erfahrungen außerhalb der Familie machen kann, wobei es Stress reduzieren kann (Pretis 2004, S. 72). Dabei ist nicht die Trennung als Resilence Faktor anzusehen, sondern die Erfahrungen, die außerhalb der Familie gemacht werden. Eine Möglichkeit um stärkende Erfahrungen zu machen liegt für Kinder mit einem psychisch kranken Elternteil in tragfähigen Beziehungen zu anderen Erwachsenen außerhalb des Familiensystems.

- Erstens: Beziehung zu Erwachsenen außerhalb des Familiensystems

Zwar nicht in gleicher Weise wirksam wie eine positive, stabile Beziehung zum gesunden Elternteil, aber dennoch kompensatorisch bedeutsam, kann eine tragfähige Beziehung zu anderen Erwachsenen außerhalb des Familiensystems sein. Die Erfahrung von anderen verstanden, wertgeschätzt und ernst genommen zu werden ist eine starke Entlastung für das Kind. Ebenso wie konkrete Angebote und Leistungen, z.B. Kinderbetreuung bei einem Ausfall des psychisch kranken Elternteils, dem Kind das Gefühl vermitteln nicht auf sich alleine gestellt zu sein (vgl. Pretis 2004, S. 73). Die erwachsene Person, die anstelle des erkrankten Elternteils einspringt, kann z.B. aus der Nachbarschaft, von einem sozialen Dienst, aus der Verwandtschaft oder Bekanntschaft sein. Neben positiven Erfahrungen aus der Beziehung zu Erwachsenen, kann auch der Lebensbereich der Schule protektive Erfahrungen vermitteln.

- Zweitens: Schule

Die psychische Erkrankung des Elternteils wirkt nicht nur einseitig belastend auf den Lebensbereich der Schule. Vielmehr ist eine Interaktion[55] zwischen den Lebensbereichen Familie und Schule anzunehmen. Gute Schulleistungen sind nach Pretis (2004, S. 74) ein Zeichen für eine hohe Widerstandsfähigkeit des Kindes. Da seines Erachtens gute Schulleistungen ein Zeichen für eine altersgerechte, gute kognitive Entwicklung des Kindes sind. Die Förderung von Talenten, Hobbies und Interessen stellt die Grundlage für die seelische Gesundheit des Kindes. Furmann (2000, S. 30) zitiert hierzu aus einem Brief[56]:

Das gute Gelingen in der Schule und im Studium hat mir geholfen den Satz zu verinnerlichen ¢Ich bin ein wertvoller Mensch ¢.“

Es ist seiner Meinung nach vorstellbar, dass vielen Erwachsenen, die eine schwierige Kindheit erfolgreich bewältigten, die Erkenntnis gut in der Schule zu sein half.

Meines Erachtens muss die Institution Schule gezielte und individuelle Förderung anbieten, damit sie effektiv zur Erhöhung der Widerstandskraft bei Kindern mit psychisch kranken Eltern beitagen kann[57]. Dazu sind vermutlich weit reichende Veränderungen im Schulsystem nötig. Bei quantitativen Forschungen zur Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern war die Schule weitgehendst als Ort definiert, an dem es aufgrund der familiären Belastung des Kindes zu Verhaltensauffälligkeiten kommt.

In dieser Weise äußert sich Serbanescu (1993, S. 657). Sie beschreibt die Anpassung bei Kindern schizophrener Eltern in der Schule als schlecht. Sie führt Studien an, bei welchen diesen Kindern folgende Attribute zugesprochen wurden: Erhöhte Aggressivität, Wutausbrüche gegenüber Lehrern und Mitschülern, Nervosität, gedankliche Zerstreutheit, gefühlsmäßige Verflachung und Wechselhaftigkeit, Hyperaktivität, Mangel an Eigeninitiative und Aufmerksamkeit, sowie Disziplinlosigkeit.

Obige Ausführen machen deutlich, dass die Schule einen Resilencefaktor darstellen kann. Zum Auftreten von weiteren Belastungen bei Kindern mit psychisch kranken Eltern durch die Anforderungen der Schulwelt fand ich keine Literatur. Meines Erachtens sind Forschungen anzustreben, die die Interaktion zwischen Familie[58] und Schulwelt berücksichtigen.

- Drittens: Hobbies

Einen weiteren wichtigen Resilence Faktor bilden bei Kindern mit psychisch kranken Eltern Hobbies. Nach Furmann (a.a.O.) bieten Hobbies gedankliche Ablenkung von den Geschehnissen zu Hause. Durch Sport gelingt es Seele und Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Durch Malen und Zeichen können Gefühle ausgedrückt werden und stellen somit einen wichtigen Beitrag zum seelischen Ausgleich von Kindern mit psychisch kranken Eltern.

- Viertens: Peergroup

Auch Gleichaltrige können eine kompensatorische Funktion für Kinder mit psychisch kranken Eltern einnehmen. Gerade im Jugendalter werden Gleichaltrige zum Ansprechpartner für Dinge, die mit dem psychisch kranken Elternteil nicht besprochen werden können (nach Furmann 2000, S. 25). Diese Funktion können auch Geschwister, Freunde oder Brieffreunde einnehmen.

- Fünftens: Unterstützung der Familie durch außen Stehende

Die Situation eines Kindes, mit einem psychisch kranken Elternteil, kann durch einen sozialen Dienst positiv beeinflusst werden. Pretis (2004, S. 73) macht deutlich, dass z.B. eine Familienhelferin ein Faktor sein kann, der Energien und Kräfte in Kindern mit psychisch kranken Müttern freisetzt, die sonst mit der Verantwortungsübernahme z.B. für den Haushalt gebunden sind. Daran wird deutlich, dass der Funktionsausfall der Mutter nicht nur innerfamiliär, sondern auch außerfamiliär kompensiert werden kann. Mit Sicherheit stellt das Vorhandensein eines außerfamiliären Hilfsnetzes einen wesentlichen Resilence Faktor, wenn innerfamiliäre Ressourcen unzureichend sind.

3.2.2.4 High Risk und Resilence Faktoren im Sozialraum des Kindes

Es ist meines Erachtens anzunehmen, dass die Struktur des außerfamiliären Hilfsnetzes die Situation des Kindes mit psychisch kranken Elternteilen entscheidend beeinflusst. Damit die Familien mit psychisch kranken Elternteilen von Hilfesystemen erreicht werden müssen ausreichende und geeignete sozialräumliche Strukturen bestehen. Sozialräumliche Strukturen umfassen z.B. die Infrastruktur, die wohnlichen Gegebenheiten in einem Sozialraum und das Vorkommen von Hilfsdiensten, sowie deren konzeptionelle Ausrichtung. Alle genannten Faktoren[59] wirken auf die Situation der Familie und somit auch mittelbar auf die Situation von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen. Die Beschaffenheit der sozialräumlichen Einflussfaktoren wird weit gehend von kommunalpolitischen Entscheidungen bestimmt. Es ist anzunehmen, dass sozialräumliche Strukturen mittelbar als Resilence Faktoren für Kinder mit psychisch kranken Elternteilen wirken, unter der Voraussetzung, dass die Strukturen im Sozialraum in hohem Maß den Bedürfnissen der Familien mit psychisch kranken Elternteilen entsprechen. Nach Pretis (2004, S. 75) ist eine gute Integration des Kindes in die Gemeinde ein Resilence Faktor. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist das Bestehen von nahen, lebensweltorientierten Angeboten. Daneben nennt er kirchliche oder andere weltliche Organisationen, die dem Kind Entwicklungschancen bieten können, die in der Familie möglicherweise nicht oder vermindert vorhanden sind z.B. Selbsterfahrung, die Möglichkeit Neues auszuprobieren und die Erfahrung „Kind sein“ zu dürfen. Auch Religiosität kann nach Pretis (a.a.O.) entwicklungsfördernd wirken, wenn der Glaube Hoffnung, Optimismus, Identifikation, Zugehörigkeit und klare Richtlinien für das Verhalten vermittelt.

Neben den Lebensbedingungen in kleineren Systemen[60] und im Sozialraum stellen die Voraussetzungen aus dem Gesellschaftssystem die Grundlage für die Lebenswelt und Entwicklungschance des Kindes.

3.2.2.5 High Risk und Resilence Faktoren im Gesellschaftssystem

Die High Risk und Resilence Faktoren, die im Gesellschaftssystem wirken, bestimmen und beeinflussen die Hilfssysteme überregional in ihrer Quantität und Qualität. Ein Einflussfaktor, der mittelbar auf die Situation von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen wirkt, ist das Wissen über Psychosen, welches in der Bevölkerung, in der Fachöffentlichkeit, bei den freien Trägern der Wohlfahrtspflege, bei Politikern, bei Ärzten und bei vielen anderen Gruppen besteht. Daneben wirkt sich die finanzielle Situation und auch die Geschichte des Bundesstaates[61] auf die Situation der Kinder mit psychisch kranken Elternteilen aus. Ebenso wirken die gesetzlichen Grundlagen, die das Zusammenleben in einem Land regeln, auf die Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern.

Kinder, die psychisch kranke Eltern haben, nehmen bestimmte Gesellschaftsbedingungen als High Risk Faktoren wahr. Eine Teilnehmerin der Selbsthilfegruppe „Kinder psychisch Kranker“ merkte bei von mir durchgeführten, aber in dieser Arbeit nicht verwendeten, Befragung an:

„Die psychische Belastung von Angehörigen resultiert unmittelbar aus der Gesetzeslage.“

Die Notwendigkeit zur Entlastung von Angehörigen psychisch Kranker wird scheinbar gesetzlich nicht ausreichend berücksichtigt. Auf jeden Fall haben Gesetzesinhalte Einfluss auf die Situation der Angehörigen. Gesetzliche Veränderungen in den neunziger Jahren, welche die Selbstbestimmung der psychisch Kranken stärkten[62], könnten evtl. auch dazu geführt haben, dass Angehörige weniger Macht über den Erkrankten haben und dadurch der psychischen Erkrankung hilfloser gegenüber stehen als vor der Gesetzesänderung.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Belastungs- und Schutzfaktoren für Kinder psychisch Kranker, die durch den Sozialraum und das Gesellschaftssystem wirken, kaum erforscht sind. Es ist anzunehmen, dass übergeordnete Systemebenen die Situation der Kinder mit psychisch kranken Eltern grundlegend festlegen[63]. Ausschlaggebend für das Wohlergehen des einzelnen Kindes innerhalb Deutschlands sind vermutlich Bedingungen, die in kleineren Systemen bestehen und mit denen das Kind unmittelbar konfrontiert ist.

3.2.3 Resilence bzw. High Risk Faktoren und das Konzept der Vulnerabilität bei Kindern

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass einige der vorgestellten Faktoren unmittelbar und unumstritten eine Be- bzw. Entlastung für das Kind darstellen. Andere High Risk und Resilence Faktoren wirken indirekter oder schwächer. Das Zusammenspiel von protektiven Faktoren und von Risikofaktoren wirkt auf die Vulnerabilität des Kindes.

Dass biologische Vulnerabilität und psychosoziale (externe) Stressoren die prämorbide Verletzlichkeit bilden, wurde bereits in Kapitel 2.1 erwähnt. Die Wirkung der protektiven Faktoren fand dort noch keine Beachtung. Damit Kinder psychisch kranker Eltern vor eigener Erkrankung geschützt sind, ist es wichtig, dass zwischen Risikofaktoren und protektiven Faktoren mindestens ein Gleichgewicht besteht. Noch besser ist es, wenn mehr stärkende als gesundheitsgefährdende Faktoren bestehen, da das Kind dann sehr widerstandsfähig ist.

3.3 Zusammenfassung

Kinder sind in besonderer Weise von den Auswirkungen eines psychisch kranken Elternteils betroffen, da sie existenziell von den Eltern abhängig sind. Psychotische Verhaltensweisen eines Elternteils können beim Kind zu Desorientierung, Schuldgefühlen, Kommunikationsverbot, Isolation, Trauer und zu einer gestörten Identifikation mit dem erkrankten Elternteil führen. Außerdem leiden die Kinder von psychisch kranken Elternteilen überdurchschnittlich häufig, an unzureichender Betreuung, zusätzlichen Belastungen, Diskriminierungserlebnissen und Loyalitätskonflikten.

Der Grad der Belastungssituation des Kindes ist von High Risk und Resilence Faktoren abhängig. Die Faktoren[64] bestehen, wie die Problemlagen der Kinder, in verschiedenen Lebensbereichen. Forschungsergebnisse darüber, welche Bedingungen auf die Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern ent- bzw. belastend wirken werden zum Teil kontrovers diskutiert[65]. Daneben gelten generelle und unumstrittene, entwicklungsfördernde Bedingungen auch für Kinder mit psychisch kranken Eltern[66].

Anerkannte Schutzfaktoren[67] bei Kindern psychisch Kranker sind:

- ein guter körperlicher Gesundheitszustand des Kindes
- eine angemessene Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten beim Kind
- eine positive Lebenseinstellung des Kindes
- ein hohes Alter des Kindes bei Ersterkrankung des Elternteils
- feste Alltagsstrukturen in der Familie
- ein geringer Einbezug des Kindes in die Symptomatik der psychischen Erkrankung
- eine stabile Bezugsperson aus der Familie steht als Ansprechpartner zur Verfügung
- ein kurzer Krankheitsverlauf mit leichter Symptomatik bei dem erkrankten Elternteil
- angemessene Sozialkontakte des Kindes
- Erfahrungen vermitteln Wertschätzung und Anerkennung z.B. gute Schulnoten
- Ablenkung durch Hobbies und Freunde
- außen Stehende helfen bei Bedarf
- Sozialraum- und Gesellschaftsstrukturen berücksichtigen die Bedürfnisse von psychisch Kranken, deren Familien und Kinder.

Im Rahmen dieser Arbeit liegt es in meinem Interesse die Situation der Kinder mit psychisch kranken Elternteilen im Coburger Raum zu erhellen. Damit das Vorgehen bei den Datenerhebungen transparent wird, ist das nächste Kapitel den Vorgehensweisen gewidmet.

4 Vorgehensweisen bei den Befragungen zur Situation der Kinder mit psychisch kranken Elternteilen im Coburger Raum

Die Vorgehensweisen waren bei den Befragungen von Fachkräften und Krankenkassen unterschiedlich.

4.1 Befragung von Krankenkassen

4.1.1 Schilderung der Vorgehensweise

Ich befragte örtliche Krankenkassen um Daten über das Vorkommen psychisch kranker Eltern und deren Kinder zu erhalten. Dies wurde nötig, weil es zur Epidemiologie von Kindern mit psychisch kranken Eltern in der Literatur kaum statistische Zahlen gab. Zu einem Stichtag wurden in Zusammenarbeit mit vier örtlichen Krankenkassen u.a. folgende Punkte erhoben[68]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Erkenntnisinteresse bei der Befragung von Krankenkassen (n.d.A.)

4.1.2 Begründung des Vorgehens

Eine Erhebung bei den örtlichen Krankenkassen hat gegenüber einer Erhebung bei sozialen Einrichtungen Vor- und Nachteile.

Die örtlichen Krankenkassen können nur Auskunft über die Versicherten geben, d.h. die Aussagen sind nicht auf die Einwohner in der Stadt und dem Landkreis Coburg zu übertragen. Kriterium zur Darstellung und Interpretation der Ergebnisse ist somit nicht der Wohnort der psychisch kranken Eltern, sondern der Ort ihrer Krankenversicherung.

Eine Befragung bei den Krankenkassen entgeht der Gefahr der Zweifachnennung. Im Gegensatz zu sozialen Einrichtungen bestehen bei Krankenkassen keine doppelten Mitgliedschaften. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass die Krankenkassen auch die Fälle erfassen, die nicht von sozialen Diensten betreut werden, aber aufgrund psychiatrischer Diagnose arbeitsunfähig gemeldet sind. Daneben lässt sich der Personenkreis, für den die Aussagen valide sind, genau benennen: Die Versicherten der befragten Krankenkassen. Eine Befragung bei sozialen Einrichtungen hätte sich schwierig gestaltet. Mir ist bekannt, dass soziale Einrichtungen in Coburg die erforderlichen Daten nicht statistisch festhalten. Außerdem hätte eine Vielzahl an sozialen Einrichtungen befragt werden müssen[69]. Deshalb macht eine Befragung von Krankenkassen Sinn. Einen weiteren entscheidenden Vorteil bietet die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen in diagnostischer Hinsicht. Den Krankenkassen liegen die Diagnosen nach dem Schlüssel des ICD 10 vor. Soziale Institutionen haben vermutlich selten die aktuellen Diagnosen ihrer Klienten festgehalten.

4.1.3 Darstellung der Methode

Die Erhebung der Daten erfolgte durch eine schriftliche Befragung an einem zufällig gewählten Stichtag. Bei der Befragung handelt es sich um eine postalische Befragung, bei der Fragebögen an Befragte versendet werden, mit der Bitte, diese Fragebögen auszufüllen und zurückzusenden (Schnell, 1992, S. 357 ff.).

Gewöhnlicherweise ist dem Fragebogen ein Begleitschreiben beizulegen, das über folgende drei wesentliche Punkte informiert:

- Sinn und Zweck der Befragung
- Information, in welchem Rahmen, die Daten verwendet werden
- Auf welche Weise die Auswahl der Befragten erfolgte

Bei einer nicht anonymisierten Befragung besteht die Möglichkeit, die Befragten an das Zurücksenden der ausgefüllten Fragebögen zu erinnern (Schnell, 1992, S. 372).

Die Daten werden addiert bzw. per Hand ausgezählt und in Kategorien zusammengefasst. Zur Auswertung können die Ergebnisse in Tabellen und in Grafiken dargestellt werden. Die relative Häufigkeit kann prozentual berechnet werden.

4.1.4 Darstellung des methodischen Vorgehens

Zunächst trat ich mit verschiedenen Krankenkassen in Kontakt. Das primäre Auswahlkriterium war dabei eine hohe Versichertenanzahl. Vier von fünf Krankenkassen, mit denen ich Kontakt aufnahm, stimmten der Zusammenarbeit zu. Zu Beginn erstellte ich einen Fragenbogen, der festhielt welche Daten zum Stichtag erhoben werden sollen. In Rücksprache mit den Kassen ergab sich eine starke Einschränkung der Fragen, da die Dokumentationsmöglichkeiten unterschiedlich waren. Zum Stichtag des 30.09.2004 wurde ein einheitlicher Fragebogen verschickt. Das Anschreiben zum Fragebogen erübrigte sich, da die Ansprechpartner bei den Krankenkassen die Zusammenarbeit bereits zugesichert hatten. Trotz mehrmaliger Erinnerungen dauerte es drei Monate bis alle Kassen die Ergebnisse zurück gesendet hatten. Eine Kasse konnte sich bei der Datenerhebung nicht an die verabredete Form halten, was dazu führte, dass nicht alle Kategorien für alle Kassen übereinstimmend ausgewertet werden konnten. Die Kategorien bestanden bei geschlossenen Fragen in den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten. Bei offenen Fragen, z.B. bei der Frage nach den bestehenden Diagnosen der arbeitsunfähigen Eltern, wurden alle Ergebnisse einzeln notiert. Dann wurden sinnvolle Kategorien nach ICD 10 gebildet.

Die Auszählungen wurden in absoluten Häufigkeitsverteilungen grafisch und tabellarisch dargestellt. Daneben gibt die prozentuale Angabe einen Überblick über die relative Verteilung.

4.1.5 Ziel der Befragung

Das Erhebungsziel ist es das Vorkommen für Kinder und für deren psychisch kranke Elternteile im Raum Coburg zu erhellen. Um die Zahl der betroffenen Kinder zu erhellen muss zwangläufig vorher die Zahl der erkrankten Elternteile ermittelt werden. Ich möchte darauf hinweisen, dass die erhobenen Daten keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit für den Raum Coburg erheben. Die Aussagen beziehen sich lediglich auf die untersuchten Gruppen zum angegebenen Zeitpunkt. Durch die Befragung von Krankenkassen soll gezeigt werden, welchen Anteil arbeitsunfähige, psychisch kranke Eltern im Vergleich zu anderen psychisch kranken Arbeitsunfähigen einnehmen. Des Weiteren soll untersucht werden, wie häufig psychisch kranke Eltern Krankengeld beziehen und ob sich diesbezüglich Unterschiede zu psychisch kranken Arbeitsunfähigen ohne Kinder ergeben. Außerdem kann geschätzt werden, wie viele Kinder, die über ihre Eltern bei den befragten Krankenkassen mitversichert sind, am 30.09.2004 arbeitsunfähige, psychisch kranke Eltern hatten.

Um die Situation der Kinder mit psychisch kranken Eltern im Raum Coburg zu erhellen, wurden neben der Befragung von Krankenkassen Fachkräfte befragt, die täglich mit psychisch kranken Elternteilen oder mit Kindern psychisch Kranker arbeiten. Das Vorgehen dabei wird im nächsten Kapitel erklärt.

4.2 Befragung von Fachkräften

Die zweite Vorgehensweise zur Datenerhebung für die Stadt und den Landkreis Coburg bestand in einer Befragung von Fachkräften.

4.2.1 Schilderung der Vorgehensweise

Ich befragte Fachkräfte in der Stadt und dem Landkreis Coburg, wie sie die Situation von minderjährigen Kindern, die mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil in einer Wohnung aufwachsen, wahrnehmen.

Folgende Interviewfragen fanden in der Arbeit Verwendung:[70]

- Geschätztes Vorkommen von psychisch kranken Eltern bei den befragten Diensten
- Wie nehmen Fachkräfte die Situation psychisch kranker Eltern in der Stadt und dem Landkreis Coburg wahr?
- Welche Probleme nehmen Fachkräfte bei Kindern mit psychisch kranken Eltern wahr?
- Wer informiert die Kinder über die psychische Erkrankung der Eltern? Wie findet die Aufklärung über die psychische Krankheit statt?
- Welche Bewältigungsstrategien nehmen Fachkräfte bei Kindern mit psychisch kranken Eltern wahr?
- Wo sind Mängel und Bedarfe im ambulanten Hilfesystem für Kinder mit psychisch kranken Eltern in der Stadt und dem Landkreis Coburg?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Erkenntnisinteresse bei der Befragung von Fachkräften (n.d.A.)

Hierzu wurden einzelne Mitarbeiter aus folgenden Einrichtungen interviewt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Übersicht über die interviewten Einrichtungen (n.d.A.)

Eine kurze Vorstellung der Dienste findet sich im Anhang.

4.2.2 Begründung des Vorgehens

Bei dieser Befragung ging es mit darum die Lebenswelt der minderjährigen Kinder mit psychisch kranken Eltern im Raum Coburg zu erforschen. Zu bevorzugen wäre bei der Datenerhebung eine primäre Datenquelle. Leider hatte ich keinen Zugang zu Kindern von psychisch kranken Elternteilen, die in der Stadt oder dem Landkreis Coburg leben. Gegen die Befragung von minderjährigen Kindern sprechen in erster Linie auch rechtliche Bedenken[71]. Eine Befragung von mittlerweile erwachsenen Kindern, die ihre Kindheit mit psychisch kranken Eltern verbrachten, war nicht möglich, weil mir auch durch Recherchen[72] keine derartige homogene Gruppe in der Stadt und dem Landkreis Coburg bekannt wurde. Gegen eine Befragung von psychisch kranken Eltern spricht, dass die Erhebung wahrscheinlich nur dann valide Ergebnisse hervor bringen würde, wenn bereits vor der Befragung[73] ein Vertrauensverhältnis bestanden hätte, da die Fragestellung für die Elternteile vermutlich unangenehm ist. Bei der Befragung von sozialpädagogischen Fachkräften besteht diese Problematik nicht. Außerdem ist anzunehmen, dass das Fachpersonal aus dem sozialen Bereich zu einer unverzerrteren und objektiveren Reflexion fähig ist als psychisch kranke Eltern.

4.2.3 Darstellung der Methode

Die Erhebung erfolgte qualitativ durch ein problemzentriertes Interview. Durch ein problemzentriertes Interview sollen Bedeutungszusammenhänge deutlich werden. Nach Mayering (2002, S. 67ff), der sich auf Witzel (1982, 1985) bezieht, handelt es sich beim problemzentrierten Interview um einen Überbegriff für alle Formen der offenen, halb strukturierten Befragung. Dieses Interview ist auf ein Problem fokussiert, auf das der Interviewer immer wieder zu sprechen kommt, obwohl der Befragte ansonsten möglichst frei erzählen soll. Witzel (a.a.O.) nennt neben der Problemzentriertheit noch zwei weitere Grundgedanken des Vorgehens:

- Problemzentriertheit meint, dass es an gesellschaftlichen Problemstellungen anknüpft, mit denen sich der Forscher bereits vorher auseinander gesetzt hat.
- Gegenstandorientierung heißt, dass die Gestaltung des Forschungsverfahrens immer am Gegenstand orientiert sein muss.
- Prozessorientierung ist in der flexiblen Analyse des Forschungsfeldes begründet. Es geht um eine schrittweise Datengewinnung, wobei sich der Zusammenhang und die Beschaffenheit erst langsam, im reflexiven Bezug herausstellen.

Die Datenaufbereitung erfolgte durch wörtliche Transkription. Bei einer wörtlichen Transkription wird das Gesagte wörtlich in Schriftform festgehalten.

Bei der Auswertung wurde die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse gewählt (Mayring, 2002, S. 114 ff). Das Kategoriensystem zur Auswertung ist am Leitfaden orientiert. Gleichzeitig lässt das Vorgehen bei der Auswertung auch Platz zur Bildung neuer Kategorien.

Bei der qualitativen Inhaltsanalyse gibt es drei Grundformen:

- Zusammenfassung: Zielsetzung ist Material zu reduzieren und trotzdem die wesentlichen Inhalte zu erhalten.
- Explikation: Zielsetzung ist ein erweitertes Verständnis zu bekommen. Dazu werden die Textstellen mit weiterem Material, z.B. aus der Literatur, ergänzt.
- Strukturierung: Zielsetzung ist bestimmte Aspekte aus dem Material herauszufiltern und die Daten aufgrund bestimmter Kriterien einzuschätzen.

Durch induktives Vorgehen wird schrittweise ein Kategoriensystem gebildet. Innerhalb der Inhaltsanalyse müssen die Dimensionen und die Abstraktivität der Kategorien vorher bestimmt werden. Durch die Kategoriendefinition ist das Selektionskriterium festgelegt. Diesen Kategorien werden passende Aussagen zugeordnet. Wenn eine Textstelle zu den vorhandenen Kategorien unpassend ist, kann eine neue Kategorie gebildet werden. Die qualitative Inhaltsanalyse ist also zugleich durch induktives[74] und deduktives[75] Vorgehen geprägt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2.4 Darstellung des methodischen Vorgehens

Zunächst verschaffte ich mir beim Sozialdienst einen Überblick über Hilfsinstitutionen im Raum Coburg. Aus literarischen Anregungen und aus diesem Gespräch bildete sich der Interviewleitfaden heraus. Wie Schone (2002) schreibt, arbeiten Institutionen der Erwachsenpsychiatrie und der Jugendhilfe gleichermaßen mit Kindern und deren psychotischen Eltern. Deshalb wählte ich aus beiden Bereichen Institutionen im Raum Coburg für die Befragungen aus.

Weitere Auswahlkriterien waren:

- Die Befragten sollen überwiegend den Berufsstand des Sozialpädagogen haben.
- Die Einrichtungen sollen mit Familien arbeiten, in denen minderjährige Kinder gemeinsam mit ihren psychisch beeinträchtigten Elternteilen in einer Wohnung leben.
- Es soll die Situation von Kindern untersucht werden, deren Familien vorrangig durch das ambulante Hilfssystem betreut werden.
- Das Zuständigkeitsgebiet des Dienstes erstreckt sich auf die Stadt oder den Landkreis Coburg bzw. auf beide.

Der Gesprächstermin in der Einrichtung der befragten Fachkräfte wurde vorab telefonisch vereinbart. In diesem Telefonat skizzierte ich die Themenkomplexe und die Ziele meiner Arbeit[76] kurz. Die Gespräche wurden zwischen dem 24.7.2004 und dem 30.10.2004 geführt.

In den Interviews achtete ich darauf, möglichst wenig in den natürlichen Gesprächsfluss einzugreifen. Themenkomplexe, die kurz angesprochen wurden, griff ich meistens nochmals explizit auf, weil dadurch häufig sinnvolle Ergänzungen zur Sprache kamen.

Bei der Datenaufbereitung wurden Aussprache, Mimik und Stimmlage der Interviewten nicht berücksichtigt, weil die sachliche Information der Gespräche im Mittelpunkt steht. Eines von sieben Interviews konnte aufgrund einer sehr schlechten Aufnahmequalität nur teilweise aufbereitet werden und wurde deshalb nicht ausgewertet. Bei der Darstellung der Ergebnisse wurden Syntax und Grammatik teilweise korrigiert um die Aussagen der Interviewten leserfreundlicher zu gestalten.

Die Kategorien zur Auswertung bestanden größten Teils an den Fragestellungen im Leitfaden. Als ein Teil des erhobenen Materials in die Kategorien eingeordnet war, wurde das gesamte System auf einen angemessenen Abstraktionsgrad und Logik überprüft. Es wurde nötig, dass die Kategoriendefinitionen verändert werden müssten, was eine Neuzuordnung des Materials bedeutete. Bei der Darstellung der Ergebnisse konnten nicht alle Kategorien berücksichtigt werden.

4.2.5 Ziel der Befragung

Die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse humanwissenschaftlicher Forschung müssen im Einzelfall und erst Schritt für Schritt begründet werden. Die Aussagen gelten für die befragten Fachkräfte. Die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse auf die Situation von Kindern psychisch Kranker aus der Stadt und dem Landkreis Coburg muss im Einzelfall erst begründet werden. Außerdem zeigen die Ergebnisse die Ist-Situation. Damit soll widergespiegelt werden, wie die derzeitige Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern in der Stadt und den Landkreis Coburg von Fachkräften wahrgenommen wird.

Außerdem soll die Lebenssituation von Kindern mit psychisch kranken Eltern erhellt werden. Wenn sich Aussagen der Befragten widersprechen[77], soll gezeigt werden wodurch die Unterschiede begründet sein könnten. Außerdem sollen die Ergebnisse anhand von Fachliteratur erweitert bzw. diskutiert werden.

Welche Ergebnisse die Befragungen hervorbrachten wird im nächsten Kapitel gezeigt.

5 Kinder psychisch Kranker im Coburger Raum

In den folgenden Kapiteln wird das Vorkommen von psychisch kranken Eltern und ihren Kindern im Raum Coburg behandelt. Außerdem werden die Probleme von psychisch kranken Eltern und deren Kinder geschildert. Es soll deutlich werden, wie Fachkräfte die Situation von psychisch kranken Elternteilen und von deren minderjährigen Kindern wahrnahmen. Das vornehmliche Augenmerk fällt dabei auf die Situation der Kinder. Deshalb ist es innerhalb dieser Arbeit auch relevant, ob Kinder über die psychische Erkrankung informiert werden und wie sie mit der Tatsache mit einem psychisch kranken Elternteil zu leben umgehen. Daneben soll ein Einblick vermittelt werden, welche Wahrnehmungs- und Klientelunterschiede es bei den befragten Dienststellen gibt. Abschließend geben die Befragten eine Einschätzung ab, ob für die Kinder von psychisch kranken Eltern in der Stadt und dem Landkreis Coburg ausreichende Hilfen bestehen bzw. welche Maßnahmen notwendig wären, damit Kinder psychisch Kranker entlastet werden.

5.1 Epidemiologie psychisch kranker Eltern und deren Kinder im Coburger Raum

Um eine quantitative[78] und qualitative[79] Vorstellung über das Vorkommen von Kindern mit psychisch kranken Eltern zu vermitteln stütze ich mich auf Fachliteratur, auf die Ergebnisse der Krankenkassenbefragung und auf die Ergebnisse der Expertenbefragungen. Da die Kinder psychisch Kranker sehr schwierig als statistische Gruppe zu erfassen sind und die psychische Erkrankung des Elternteils das wesentliche Merkmal ist, beziehe ich mich in diesem Kapitel häufig auf die psychisch erkrankten Elternteile.

5.1.1 Schätzung für die Stadt und dem Landkreis Coburg aufgrund bundesweiter Daten

Zunächst werde ich die Ergebnisse aus der Fachliteratur darstellen und im Anschluss auf den Aussagewert für die Stadt und den Landkreis Coburg schließen.

5.1.1.1 Darstellung von statistischen Daten

Die Recherche beim statistischen Bundesamt brachte kein befriedigendes Ergebnis in Bezug auf quantitatives Zahlenmaterial zur Epidemiologie „Kinder mit psychisch kranken Eltern“.

Weder die Abteilung der Gesundheitsberichtserstattung noch die der Kinder- und Jungendhilfe erfasst Daten, die Aufschluss darüber geben, wie häufig psychiatrische Erkrankung und Elternschaft zusammen treffen (Stand: 9. September 2004). Nach Aussagen der Mitarbeiterin, die für die Erziehungshilfestatistik zuständig ist, bedarf jede statistische Erhebung einer gesetzlichen Grundlage. Diese bestehe im Fall von Kindern mit psychisch kranken Eltern nicht.

Die Diagnoseberichtserstattung verwies auf die Internethomepage: www.gbe-bund.de. Auf dieser Webside befinden sich Informationen über Diagnosen stationär behandelter Patienten[80], jedoch keine Informationen über Elternschaft.

Eine ausgedehnte Internetrecherche brachte schließlich Ergebnisse. In der Pressemitteilung der Kinderschutzzentren in Deutschland werden folgendende statistische Zahlen für Deutschland veröffentlicht (www.kinderschutzzenten.org/ksz_news1.html am 01.10.2004):

„In Deutschland leben:

- 320 000 erwachsene Menschen, die sich jährlich in psychiatrische Behandlung begeben müssen und die ein oder mehrere Kinder haben.
- 500 000 Kinder in Familien, in denen zumindest ein Elternteil an einer Psychose erkrankt ist.
- 2, 65 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter bis 18 Jahre in einer Familie mit einem Elternteil, das eine alkoholbezogene Störung hat.
- 50 000 Kinder mit einem drogenabhängigen Elternteil.“

Aus welchen Studien diese Schätzungen hervorgehen wird nicht genannt. Jedoch schätzt auch Remschmidt (1994, S. 5) die Zahl der Kinder mit psychotischen Eltern in Deutschland auf mindestens 500 000. Mit dieser Anzahl von betroffenen Kindern ließe sich ein Bezirk wie die Stadt und der Landkreis Coburg über dreieinhalbmal füllen.

5.1.1.2 Bedeutung der Daten für die Stadt und den Landkreis Coburg

Glaubt man den oben genannten statistischen Zahlen für Deutschland und geht von 500.000 Kindern mit psychosekranken Eltern in Deutschland aus, dann lassen sich über die Einwohnerzahlen Rückschlüsse für den Coburger Raum ziehen.

Laut http://www.statistik-portal.de lebten am 31.12.2003 82,537 Millionen Einwohner in der Bundesrepublik Deutschland. Das Einwohnermeldeamt zählte am 31.12.2003 134 541 Einwohner in der Stadt und dem Landkreis Coburg.

Danach hätten am 31.12. 2003 durchschnittlich 815 Kinder mit mindestens einem Elternteil, der an einer Psychose erkrankt ist, in der Stadt und dem Landkreis Coburg gelebt. Bei dieser Angabe finden alkoholkranke oder drogenabhängige Eltern noch keine Berücksichtigung. Es gäbe folglich über 4.000 Kinder mit Eltern, die eine alkoholbezogene Störung haben und in der Stadt und dem Landkreis Coburg leben.

Allein in der Stadt Coburg gab es laut Einwohnermeldeamt am 02.12.2003 insgesamt 42.063 Einwohner. Das heißt, es müsste im Stadtgebiet von Coburg ca. 254 Kinder (von 0 bis 18 Jahren) mit mindestens einem psychosekranken Elternteil gegeben haben. Aus den Statistiken des Einwohnermeldeamts geht hervor, dass es am 2.12.2003 in der Stadt Coburg insgesamt 7.012 Kinder gab, die zwischen 0-17 Jahre alt waren. Die Zahlen sind leider nicht direkt vergleichbar, weil die Statistik des Coburger Einwohnermeldeamt in der Gruppe „Kinder“ Einwohner bis 17 Jahre erfasst. Aber auch im Zusammenhang mit der Annahme, „deutschlandweit gibt es 500.000 Kinder mit psychotisch erkrankten Eltern“, ist die Folgerung zu finden, dass schätzungsweise jedes dreißigste Kind mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil leben würde.

Die im Internet veröffentlichte Zahl von 500.000 Kindern mit psychosekranken Elternteilen in Deutschland ist eine bedeutend hohe Anzahl. Meines Erachtens sollte anhand eines kleineren Bezirks wie Coburg überprüft werden, ob diese Zahl realistisch sein kann.

5.1.2 Ergebnisse der Krankenkassenbefragung

Im Folgenden werden die Ergebnisse einer Erhebung bei den örtlichen Krankenkassen in Coburg vorgestellt.

5.1.2.1 Definition der Begriffe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Begriffsabgrenzung bei der Krankenkassenbefragung (n.d.A.)

5.1.2.2 Epidemiologie psychisch kranker Eltern

In dieser Arbeit finden sich die Ergebnisse zur Epidemiologie psychisch kranker Eltern. Die Ergebnisse konnten bei allen drei Kassen gleichermaßen ausgewertet werden. Falls sich ein Ergebnis nur auf einen Teil der Befragten bezieht, ist eine entsprechende Anmerkung im Text zu finden.

5.1.2.2.1 Darstellung der Ergebnisse

Insgesamt waren die Versichertenzahlen folgendermaßen verteilt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Versichertenzahlen der befragten Krankenkassen (n.d.A.)

Zum 30.09.2004 erhielt ich folgende absolute Zahlen von den Krankenkassen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10: Tabelle zur Darstellung erhobener Versichertengruppen (n.d.A.)

Diagnosen nach ICD 10 F 00-99 und Arbeitsunfähigkeit zum 30.09.2004

Bei der Berechnung des Verhältnisses von den Krankenversicherten zu den Arbeitsunfähigen mit psychiatrischer Diagnose bzw. mit psychiatrischer Diagnose und mit Elternschaft wurde die Kasse 2 nicht berücksichtigt, weil ihre angegebene Versichertenzahl nur die Versicherten mit Krankengeldanspruch ausweist.[82]

- 0,38 % aller Krankenversicherten waren arbeitsunfähig und hatten zugleich eine psychiatrische Diagnose.
- 0,06 % aller Krankenkassenversicherten waren psychisch kranke, arbeitsunfähige Eltern.
Zur weiteren Auswertung beziehe ich mich auf die summierten Zahlen aller Kassen.
- 15,19 % aller Arbeitsunfähigen waren von einer ICD 10 F 00- 99 Diagnose betroffen.

Arbeitsunfähigkeiten mit ICD 10 F 00 – 99 Diagnosen und Elternschaft zum 30.09.2004

- 2,50 % aller Arbeitsunfähigen hatten die eine Diagnose nach ICD 10 F 00-99 und waren gleichzeitig Eltern.
- 16,43 % aller Arbeitsunfähigen mit einer Diagnose nach ICD 10 F 00- 99 hatten mindestens ein Kind.
- Bei den ausgewerteten arbeitsunfähigen, psychisch kranken Elternteilen, die bei der AOK versichert sind, waren 9,88 % Arbeitslosenhilfeempfänger[83].

Diagnosen nach ICD 10 F 00-99 und Krankengeldbezug zum 30.09.2004

Bei den Versicherten, die länger arbeitsunfähig waren und deshalb Lohnersatzleistungen (Krankengeld) bezogen, nahm der relative Anteil der psychischen Erkrankungen deutlich zu.

- 38,55 % aller Krankengeldbezieher hatten eine Diagnose nach ICD 10 F 00- 99[84].

Krankengeldbezug mit ICD 10 F 00- 99 Diagnosen und Elternschaft zum 30.09.2004

- 12,44 % der Krankengeldbezieher mit einer psychischen Diagnose nach ICD 10 F 00- 99 hatten mindestens ein Kind.
- Während 78, 03% der psychisch kranken Arbeitsunfähigen ohne Kinder[85] Krankengeld bezogen, bezogen „nur“ 56,38 % der psychisch kranken und arbeitsunfähigen Eltern Krankengeld.

Insgesamt stellen Eltern in der Gruppe der Arbeitsunfähigen mit psychiatrischer Diagnose einen Anteil von 16,43 %. Grafisch stellt sich der Anteil der Eltern folgendermaßen dar:

[...]


[1] Ist die Lehre der Ursachen insbesondere bei Krankheiten.

[2] Was soviel heißt, wie „von innen kommend“, „ weder organisch noch psychogen bedingt“ (Pschyrembel, 2002).

[3] Oder auch: psychotische Dekompensation.

[4] Meint eine erworbene, körperliche Verletzlichkeit.

[5] Und u.a. auch von Bäumel (2000, S. 44) erwähnt.

[6] Dank moderner Forschungsmethoden z.B. durch die Computertomographie.

[7] Bei gleichzeitig vorliegender familiärer Disposition für endogene psychische Erkrankungen.

[8] Coping ist der Umgang mit Stress bzw. die Bewältigung von Stresserleben.

[9] Ein Beispiel hierfür ist die Mehrfachbelastung von berufstätigen Müttern.

[10] Life Events sind einscheidende, lebensverändernde Ereignisse. Zum Beispiel: Berufsstart, Heirat, Geburt des eigenen Kindes usw.

[11] Auch Beziehungsfalle genannt.

[12] Mütter, die für die psychotische Krankheit ihres Kindes verantwortlich sind. (vgl. Bäumel 2000, S. 46)

[13] Expressed Emotion meint, wie intensiv und wie ausgeprägt die ausgedrückten gefühlsmäßigen Reaktionen eines Menschen im Kontakt mit anderen sind.(Bäumel 2000, S.49)

[14] Und die Bewältigung der negativen Auswirkungen, die mit der psychotischen Erkrankung verbunden sind.

[15] Zum Vergleich: die Krankenkassen tragen 21 % der Kosten.

[16] Er bezieht sich dabei auf Koenning (1982, S. 31 f).

[17] z.B. Angststörungen, wie Angoraphobie, Soziale Phobie und auch Panikattacken.

[18] Die Autorin spricht nur von psychisch kranken Müttern.

[19] Je jünger Kinder sind, umso eingeschränkter sind die eigenen Möglichkeiten soziale Kontakte zu leben.

[20] Ein erzieherisches Fehlverhalten kann z.B. bei einer psychotischen Erkrankung der Eltern bestehen.

[21] Wahnhafte, depressive, schizophrene oder zwanghafte Verhaltensweisen.

[22] Und bezieht sich dabei auf Dörner et al. (1997)

[23] Außerhalb und auch innerhalb der Familie.

[24] Hier besteht eine enger Zusammenhang zu dem Umfang der Aufgeklärtheit der Kinder.

[25] Z.B. müssen ältere Geschwister häufig den Haushalt übernehmen, wenn ein Elternteil stationär behandelt wird.

[26] Rollentausch und Verantwortungsverschiebung zwischen Eltern und Kind.

[27] Die Tatsache, dass unberechtigte Vorurteile immer noch bestehen, stellt u.a. Bäumel (2000, S. 5) fest.

[28] Je nachdem, wie aufgeklärt sie über die Erkrankung sind. In jedem Falle spüren Kinder die Abwertung unterschwellig.

[29] Meusgeiger bezieht sich auf Probleme von Kindern mit schizophren erkrankten Müttern. Meines Erachtens treffen die Probleme weitgehendst auch auf die Kinder von psychotisch erkrankten Vätern zu.

[30] Z.B. das System der Familie oder der Schule.

[31] Z.B. das Gesellschaftssystem.

[32] Setting ist ein Ort mit bestimmten physikalischen Eigenschaften, an dem sich Teilnehmer mit spezifischen Rollen, in spezifischer Weise, in spezifischen Zeitabschnitten betätigen. (Bronfenbrenner, 1978, S. 35)

[33] Schulsystem, Familiensystem, Sozialraumsysteme, staatliches Sozialsystem, Gesellschaftssystem,

[34] Remschmidt bezieht sich hier auf Rutter (1966).

[35] Liegen im Individuum selbst.

[36] Variablen, die sich auf die Umwelt des Individuums beziehen.

[37] Situationen, die durch das Wechselspiel von Umwelt und Individuum bedingt sind.

[38] Z.B. langsamere Augenfolgebewegung und elektroenzephalografische Auffälligkeiten bei Kindern schizophrener Patienten.

[39] Damit übt er starke Kritik an der psychoanalytischen Entwicklungstheorie.

[40] beschützend

[41] Die verschiedenen Faktoren wirken nicht nur durch ihr Bestehen, sondern insbesondere durch ihr Zusammenspiel, auf die Entwicklung des Kindes.

[42] Diagnostische Methode zur Messung von Hirnströmen. (Pyschrembel, 2002)

[43] Die Selbstwirksamkeit von Kindern mit psychisch kranken Eltern ist aufgrund der Unstetigkeit und Unvorhersehbarkeit der elterlichen Verhaltensweisen häufig vermindert.

[44] Bei Kindern mit mindestens einem psychisch kranken Elternteil.

[45] Durch die psychische Erkrankung des Elternteils

[46] Beim Konzept der Selbstwirksamkeit spielen seelische und kognitive Faktoren eine Rolle.

[47] Bei Kindern, die mit psychisch kranken Eltern aufwachsen.

[48] Die Verhaltensweisen, die Symptome der Krankheit sind, sind nicht vom Kind beeinflussbar.

[49] Die Pretis ebenfalls erwähnt.

[50] Und auch in Fernsehsendungen, wie „Die Supermamis“.

[51] Bezieht sich auf Hammen (1991)

[52] Die Kontrollgruppe bestand aus Kindern mit gesunden Eltern.

[53] Weiterführende Literatur: Lidz (1979, S. 159- 174) diskutiert die Verletzung der Generationsgrenze und deren Folgen für das Kind (das gleichzeitig der schizophrene Patient ist) auf psychoanalytischer Ebene.

[54] Die durch die psychische Erkrankung eines Elternteils bestehen kann.

[55] Meint eine sich wechselseitig beeinflussende Beziehung.

[56] Den Brief bekam er von einem Erwachsenen, der seine schwierige Kindheit erfolgreich bewältigte.

[57] So wie es Pretis (a.a.O.) fordert.

[58] Gemeint sind insbesondere Familien mit psychisch kranken Elternteilen.

[59] Und noch viele weitere Faktoren.

[60] Z.B. Schulkasse, Familie, Gleichaltrigengruppe, Nachbarschaft

[61] Normen und Werte entstehen durch die Geschichte eines Landes, z.B. prägten die Kriegserfahrungen die deutsche Bevölkerung sehr stark. Beispiel Finanzen: Staatliche Hilfsangebote sind von der finanziellen Lage des Staates abhängig.

[62] Z.B. Betreuungsrecht

[63] Es ist nicht vorstellbar, dass die Situation der Kinder mit psychisch kranken Eltern in der dritten Welt eine Berücksichtigung findet.

[64] Bilden durch ihr individuelles Zusammenspiel das Wirkgefüge.

[65] Beim Einfluss des Geschlechts oder beim Einfluss der Erkrankungsart auf die Belastungssituation des Kindes.

[66] Z.B. interne Kontrollüberzeugung, soziale Fähigkeiten, ein stabiles soziales Netz, feste Freundschaften und Bestätigung in der Schule.

[67] Vor eigener Erkrankung bzw. Verhaltensauffälligkeit.

[68] Der Erhebungsbogen ist im Anhang zu finden.

[69] Schätzungsweise hätte sich die Zahl auf vierzig bis sechzig soziale Dienste aus den Bereichen der Jugendhilfe, der Erwachsenenpsychiatrie und der Kinder- und Jugendpsychiatrie belaufen.

[70] Der Leitfaden der Experteninterviews ist im Anhang angefügt.

[71] Die Eltern müssen zu stimmen.

[72] Z.B. in: Stadt Coburg (2004)

[73] Über die Situation der Kinder

[74] Durch die Bildung neuer Kategorien am erhobenen Material.

[75] Durch die Orientierung des Kategoriensystems am Leitfaden.

[76] Ziele der Erhebung in Stichpunkte s.o..

[77] Innerhalb eines Interviews oder zwischen verschiednen Interviews.

[78] Wie viele Eltern sind betroffen?

[79] Von welchen Diagnosen sind sie betroffen?

[80] Die in Zusammenarbeit mit dem Robert Koch Institut erhoben wurden

[81] Diese Krankenkasse stellte mir nur die Versichertenanzahl mit Krankengeldanspruch zur Verfügung.

[82] Ohne Kasse 2: 136622 (Versicherte insgesamt), 515 (Arbeitsunfähige mit psychiatrischer Diagnose), 85 (arbeitsunfähige Eltern mit psychiatrischer Diagnose)

[83] Die absolute Anzahl der Arbeitslosenhilfeempfänger beträgt acht.

[84] Bei den Arbeitsunfähigkeiten betrug der Anteil der psychiatrischen Diagnosen 15,19 %.

Ende der Leseprobe aus 243 Seiten

Details

Titel
Die Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern im Coburger Raum
Hochschule
Hochschule Coburg (FH)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
243
Katalognummer
V39165
ISBN (eBook)
9783638380232
Dateigröße
2589 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Drei wesentliche Schwerpunkte der Arbeit sind: - Die Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern - Die Epidemiologie von Familien mit psychisch kranken Elternteilen (mit eigenen Erhebungen) - Die Wahrnehmung der Situation von Kindern psychisch Kranker durch Fachkräfte aus dem Coburger Raum (mit eigenen Erhebungen)
Schlagworte
Situation, Kindern, Eltern, Coburger, Raum
Arbeit zitieren
Heike Grießhammer (Autor), 2005, Die Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern im Coburger Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39165

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