Soziale und materielle Armut - Arbeit und Armut im 19. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
36 Seiten, Note: 2

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Der Pauperismus im 19.Jahrhundert

2. Entlohnung und Lohnentwicklung in der Textilindustrie als Indikatoren der Armut
2.1. Grundlegende Bemerkungen zur Entlohnung und Lohnentwicklung im industriellen Bereich
2.2. Die Löhne in der Textilindustrie
2.2.1. Lohndifferenzen aufgrund der Funktion im Betrieb
2.2.2. Entlohnungsunterschiede nach Alter und Geschlecht

3. Daseinsrisiken von Textilarbeitern

4. Lebens- und Existenzbedingungen von Textilarbeitern
4.1. Grundlegendes
4.2. Wohnverhältnisse
4.3. Ernährungssituation

5. Betriebliche Sozialpolitik
5.1. Vorbemerkungen
5.2. Sozialeinrichtungen in der Fabrik
5.3. Sozialeinrichtungen im Reproduktionsbereich Schlussbemerkungen

QUELLENVERZEICHNIS

LITERATURVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Aus zeitgenössischer Perspektive wird man den Begriffen Arbeit und Armut vermutlich eine grundsätzliche Divergenz bescheinigen. Es ist heute nicht davon auszugehen, dass Personen, die sich in einem Arbeitsverhältnis befinden (zumindest was die industrialisierten Länder dieser Welt anbetrifft), Not und Hunger leiden müssen. In den vorangegangenen Jahrhunderten war dies freilich anders. Diesen Umstand beweist allein die Tatsache, dass es bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts üblich war, Arbeiter als Arme zu bezeichnen[1].

In dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, das Verhältnis und die Beziehungen von Arbeit[2] und Armut[3] in Deutschland[4] im 19.Jahrhundert aufzuzeigen. Im Hinblick auf den zu untersuchenden geographischen Raum treten dabei unweigerlich zwei Phänomene dieser Zeit in den Focus der Untersuchung: der allmählich abklingende Pauperismus in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts und die beginnende Industrialisierung Deutschlands, die ab ca. 1850 ihren Siegeszug antrat. Der zeitliche Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei deutlich in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts. In erster Linie soll hier untersucht werden, inwieweit sich Arbeit und Armut in den industrialisierten Produktionsbereichen gegenseitig bedingt haben. Hauptzielgruppe werden dabei im folgenden die Industriearbeiter[5], im speziellen die Textilarbeiter[6] sein, da diese im Vergleich mit den anderen Industriebranchen ganz besonders von der Armut bedroht waren. Bevor es allerdings darum gehen wird, die Situation der Industriearbeiter zu untersuchen, soll in einem ersten Abschnitt zunächst der Pauperismus und seine Erscheinungsformen bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts beleuchtet werden. Ziel ist es, eine grundlegende Vorstellung von der Massenarmut und ihren Ursachen zu vermitteln.

Im Anschluss wird sich dem eigentlichen Thema, Arbeit und Armut der Industriearbeiter, zugewandt. Zunächst soll anhand der Entlohnung bzw. der Lohnentwicklung von Textilarbeitern gezeigt werden, warum sie der potentiellen Armut in höherem Maße ausgesetzt waren als Arbeiter in anderen Industriesektoren. In einem weiteren Abschnitt sollen dann mögliche Daseinsrisiken der (Textil-)Arbeiter besprochen werden. Hier wird es vorrangig gefragt, welche konkreten Ursachen die Armut unter Arbeitern haben konnte. Im anschließenden Kapitel ist es das Bedürfnis des Verfassers zu zeigen, wie sich die Armut der Arbeiter im Alltag konkret äußerte. Hierbei wird insbesondere auf die Wohn- und Ernährungslage einzugehen sein. In einem letzten Abschnitt soll, in gebotener Kürze, über Formen der betrieblichen Sozialleistungen gesprochen werden. Es wird untersucht, in welchem Umfang solche Maßnahmen bestanden und ob sie den (Textil-)Arbeiter vor der Armut bewahren bzw. aus der Armut heraus helfen konnten.

Hinsichtlich der Literaturlage ergibt sich im Großen und Ganzen folgendes Bild: In der Vergangenheit wurde, zumindest was den deutschsprachigen Raum angeht, der Geschichte der Arbeiter bewegung sehr viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet als der Geschichte der Arbeiter. Erst in den letzten Jahren vollzog sich ein Perspektivenwechsel in der sozialhistorischen Forschung. Er ist gekennzeichnet durch die Abwendung von der Organisations- und Ideologiegeschichte und die Hinwendung zur Alltaggeschichte der Arbeiterschaft. Thematisiert werden zunehmend die Lebensbedingungen der Arbeiter und ihre Veränderungen durch technisch-industrielle oder rechtlich-institutionelle Entwicklungen. Im Kontext dieser veränderten Fragestellungen wird auch der Armutsproblematik größere Beachtung geschenkt. Festzustellen ist allerdings, dass sich die Untersuchungen zumeist regional bzw. lokal beschränken. Neben den Publikationen für den Zeitraum der Industrialisierung in Deutschland, erweist sich auch die Literaturlage in Bezug auf die Pauperismusproblematik als günstig.

1. Der Pauperismus im 19.Jahrhundert

Betrachtet man die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts unter der hier gewählten Fragestellung, so fallen vor allem die beiden großen Erscheinungen dieser Zeit ins Auge: die industrielle Produktion und das Massenelend, der Pauperismus. Aufgrund der relativen Gleichzeitigkeit beider Phänomene in manchen Regionen, wurde daraus oftmals ein direktes Kausalitätsverhältnis abgeleitet. Diese Argumentationsweise gilt aber als überholt und ist daher abzulehnen[7].

Vielmehr waren die Erscheinungen des Pauperismus in Deutschland und weiten Teilen Europas bereits in den vorangegangenen Jahrhunderten keineswegs unbekannt. Allerdings spitze sich die Armut großer Teile der Bevölkerung im ausgehenden 18.Jahrhundert dramatisch zu. Um 1800 zählten ca. 50% der damaligen Bevölkerung Deutschlands zu den potentiell Armen – gehörten somit der Unterschicht an[8]. Auf dem Lande fristeten gar 70-80% der Familien ein Leben am Existenzminimum. Hier waren hauptsächlich die Familien von Kleinstbesitzern, Landhandwerkern, Heimarbeitern und Taglöhnern betroffen. In der Stadt hingegen waren neben Bettlern, Vagabunden etc. schwerpunktmäßig Manufaktur- und Heimarbeiter, Tagelöhner, die meisten Gesellen aber auch ein gutes Drittel der zünftigen Meister von der (potentiellen) Armut betroffen. Dieser Sachverhalt verdeutlicht, dass zu Beginn des 19.Jahrhunderts keinesfalls nur arbeitslose Menschen in großer Armut lebten, sondern auch die Lage der Mehrheit der Handwerker äußerst prekär war[9]. Von der Armut stark betroffen waren speziell die durchschnittlich ärmeren Gewerbe wie Schneider, Weber, Nadler, Schuster und andere[10].

Das Novum am Pauperismus des 19. Jahrhunderts war die Tatsache, dass die Landwirtschaft aufgrund des stetigen Bevölkerungswachstums nicht mehr in der Lage war, die Ernährung der Gesamtbevölkerung abzusichern (→Tabelle 1). Zweifelslohne kam sie diesem Anspruch auch in den Jahrhunderten zuvor nicht nach, dennoch verschafften die relativ kurzen Katastrophen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit der Bevölkerung immer wieder – zumindest für einige Jahrzehnte – Luft, um sich zu erholen. Im 19.Jahrhundert wurde das Massenelend nun aber chronisch. Der Pauperismus wurde von einem nicht enden wollenden Dahinsterben der schwächsten Bevölkerungsteile begeleitet. Infolge des ständigen Nahrungsmittelmangels waren hiervon überwiegend die Kinder der sozialen Unterschichten betroffen[11].

Tabelle 1: Einwohner pro Quadratmeile[12] 1700-1846

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

aus: Kocka, Jürgen: Weder Stand, a.a.O., S.197.

Neben der chronischen Unterernährung waren die elenden Wohn- und Lebensverhältnisse ein aussagekräftiger Indikator des Pauperismus. Je elender eine Familie war, um so höhere Anteile des Familieneinkommens musste sie in die Ernährung investieren und um so weniger konnte sie für die Wohnung – oder besser: die Unterkunft – ausgeben. Ein weiteres Signum des Pauperismus war die hohe Arbeitslosigkeit. In dem Maße, wie es der Gesellschaft nicht möglich war, eine ausreichende Nahrungsmittelversorgung zu gewährleisten, war es für sie unmöglich der gesamten Bevölkerung eine lohnende Beschäftigung zur Verfügung zu stellen. Logische Folge waren überlange Arbeitszeiten sowie Kinder- und Frauenarbeit in großem Umfang, um das Familieneinkommen etwas aufzubessern.

Vergegenwärtigt man sich die oben beschriebenen Merkmale des Pauperismus und setzt sie in Beziehung zu der in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts in Deutschland einsetzenden Industrialisierung, so läst sich folgendes festmachen:

Weder die Bergwerks- und Hüttenbesitzer, noch die „rationalen“ Landwirte oder die Fabrikindustriellen schufen den Pauperismus. Sie zogen ihn aber an, weil sie in einer Zeit der weitverbreiteten Unterbeschäftigung Arbeitsplätze anboten und weil sie Löhne zahlten, die fast durchweg höher als in anderen Beschäftigungen waren. Daher ist es unangebracht die einsetzende industrielle Produktion mit dem Pauperismus in ein direktes Kausalitätsverhältnis zu setzen. Treffender erscheint es indes den Pauperismus der ersten Jahrzehnte des 19.Jahrhunderts als letzten Ausläufer der alten, vorindustriellen Armut zu verstehen. Oder um es plastischer auszudrücken: „Deutschland und Europa befanden sich durchaus noch in der Epoche des Pauperismus, als die Industriearbeiterschaft entstand. An ihrer Wiege stand das Elend der Massen.“[13]. Der Pauperismus wurde zu jener Zeit allerdings durch Ernteausfälle, schnelles Bevölkerungswachstum und den dazu vergleichsweise langsamen Produktivitätszuwachs in Landwirtschaft und Industrie noch verschärft[14].

Objektive Beobachter haben diesen Sachverhalt auch in der damaligen Zeit schon realistisch eingeschätzt. So sah u.a. der damalige Professor der Staatswissenschaften Bruno Hildebrand die Ursachen für die verbreitete Armut der Arbeiter in Deutschland keineswegs in der einsetzenden Industrialisierung begründet. Am Beispiel seiner unmittelbaren Umgebung, der kurhessischen Provinz Oberhessen, beschreibt er recht anschaulich die dort vorherrschenden Verhältnisse und widerspricht so der Theorie ENGELS[15] auf das Schärfste: „Sie besitzt nichts von alledem, was gewöhnlich zu den Ursachen des Pauperismus und des Proletariats gerechnet wird. Sie kennt keine Fabriken und Fabrikarbeiter, keine Spinn-, Dampf- und andere Maschinen, keine Gewerbefreiheit und unbeschränkte Konkurrenz der einzelnen, sondern in alter patriarchalischer Form herrscht hier neben dem Ackerbau noch der alte Handwerksbetrieb, welcher Gesellen und Lehrlinge zu Familienmitgliedern der Meister macht. Es herrschen noch Zünfte, wenn auch nicht geschlossen, aber doch privilegiert für ihren bestimmten Arbeitszweig. Dabei ist diese Gegend nicht etwa von der Natur vernachlässigt ..., nicht eingeschlossen durch enge Zollschranken, nicht mit Steuern überlastet ... kurz ohne irgendeine besondere Eigenschaft, welche Ursache einer speziellen Verarmung sein könnte.“[16]. In der von Hildebrand beschriebenen Provinz übertraf die Zahl der Gesellen die der steuerpflichtigen Meister nur in vier Gewerben. In sieben weiteren kam auf zwei Meister je ein Geselle und in den übrigen Gewerben werkten die „Alleinmeister“, also jene Meister die weder Gesellen noch Lehrlinge beschäftigten. Diese waren laut Hildebrand lediglich eine andere Form von Tagelöhnern, die allein von ihrem Verdienst nicht in der Lage waren ihre Familie zu versorgen und folglich als Proletarier bezeichnet werden konnten[17]. Diese Benennung mag zwar nicht ganz korrekt sein, dennoch lassen sich Parallelen zu den Proletariern nicht von der Hand weisen. Beispielsweise verdiente ein Schumachermeister dieser Provinz noch um 1840 rund 100 Taler jährlich. Davon musste er ca. 1/3 für Wohnung, Holz, Licht und Kleidung aufbringen. Für die tägliche Familienkost blieben dann täglich fünf Silbergroschen[18]. Hiervon konnte eine Familie sich selbst in guten Zeiten kaum adäquat ernähren. Kam hierzu noch ein Anstieg der Lebensmittelpreise, was in Zeiten mit z.T. eklatanten Ernteausfällen durchaus nicht selten war, so erreichte die Not ein enormes Ausmaß[19]. Welche z.T. unvorstellbaren Formen das Elend annehmen konnte, beschreibt Hildebrand beispielhaft für das Teuerungsjahr 1846/47: „In Marburg wurden in diesem Winter zweimal bei 10 Grad Kälte Kinder auf der Straße geboren ... In Schmalkalden, Schlüchtern, Fulda und Hünfeld schlug man die Zahl der völlig Verarmten auf ein Drittel der ganzen Bevölkerung an.“[20].

Natürlich, darauf deutet schon dieser Quellenbeleg hin, gab es auch in Deutschland Zonen mit größerer und Zonen mit geringerer Not. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die Verhältnisse in Oberhessen auch für weite Teile Deutschlands sprechen. Zeitgenossen berichten, dass sich bereits vor dem Ausbruch der akuten Not ein gutes Drittel aller Gemeinden in entsetzlicher Armut befand[21]. Gemessen an ihrem Einkommen, als ein entscheidendes Kriterium für Armut, zählte auch die Mehrzahl der Arbeiter zu den Unterschichten. Ihre Lebensverhältnisse hatten sich auch um 1850 noch nicht wesentlich verbessert. So konnte ein Hamburger Handarbeiter die durchschnittlichen Jahresausgaben einer fünfköpfigen Familie in Höhe von etwa 420-440 Mark nur dann verdienen, wenn er das ganze Jahr über beschäftigt war und zu den oberen Kategorien gehörte (z.B. Maurergeselle). Ein gewöhnlicher Tagelöhner konnte jährlich zwischen 340 und 400 Mark verdienen. Dies war ihm jedoch nur unter der Bedingung möglich, das er das ganze Jahr über einer Beschäftigung nachgehen konnte. Das dies eher die Ausnahme denn die Regel war, muss an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden. Um das Existenzminimum in den Familien der unteren Schichten dennoch zu sichern, war es selbstverständlich dass die Ehefrau und zumindest ein Kind mitverdienen mussten. Dennoch reichte ihr Verdienst (wenn überhaupt) nur dazu aus, um von der Hand in den Mund zu leben. Ersparnisse für den Fall temporärer Verdienstausfälle oder für die Zeit kurzfristiger Erkrankungen waren beinahe ein Ding der Unmöglichkeit[22].

Angesichts dessen, lässt sich die potentielle Armut der Mehrzahl der Handwerker keinesfalls mit der Behauptung rechtfertigen, dass die entstehenden Fabriken den Handwerkern die Aufträge wegnahmen. Wie gezeigt wurde, litten die Handwerker schon vor dem Einsetzen der Industrialisierung unter der Armut. Richtiger ist hingegen die Feststellung, dass die Armut der Handwerker aus der weniger produktiven, weil nicht-maschinellen Arbeitsweise resultierte[23]. Wenn also der Pauperismus, der auch die arbeitende Bevölkerung in großem Maße betraf u.a. auf die geringe Produktivität im handwerklichen Bereich zurückzuführen war, so müssten sich die Lebensverhältnisse der veramten Arbeiter im Zuge der sich durchsetzenden Industrialisierung verbessert haben. Die entstehende Fabrikarbeiterschaft – und dafür ist die Überwindung der Massenarmut in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts ein aussagekräftiger Beleg – sollte an und für sich ein besseres Leben führen, als die arbeitende Bevölkerung in den Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten zuvor.

Im folgenden soll hier der Frage nachgegangen werden, ob diese Aussage zu generalisieren ist. Konnten tatsächlich alle Arbeiter – egal in welchem Produktionsbereich sie auch tätig waren – ein Leben jenseits der Armut führen? Oder gab es vielmehr gravierende Unterschiede zwischen den verschiedenen Industriesektoren? Wenn ja, welche Gruppe von Arbeitern war auch nach dem Einsetzten der Industrialisierung zu den potentiell Armen zu zählen. Welche Ursachen hatte die Armut hier und wie äußerte sie sich?

2. Entlohnung und Lohnentwicklung in der Textilindustrie als Indikatoren der Armut

2.1. Grundlegende Bemerkungen zur Entlohnung und Lohnentwicklung im industriellen Bereich

Was die Lohnentwicklung ab Mitte des 19.Jahrhunderts in Deutschland anbetrifft, so gilt es zunächst zwischen den verschiedenen Regionen Deutschlands einerseits und den unterschiedlichen Industriesektoren andererseits zu differenzieren.

In solchen Regionen, in denen die Mechanisierung der Produktion und somit der Produktivitätszuwachs (noch) gering blieb, blieben auch die Löhne niedrig. Demgegenüber stiegen die Löhne in den bereits industrialisierten Gebieten aus zweierlei Gründen an: Zum einen, weil die steigende Produktivität dies erlaubte und zum anderen, weil hier die Nachfrage an Arbeitskräften sehr hoch war[24].

Neben den regionalen Unterschieden gab es des weiteren eklatante Lohnunterschiede in den unterschiedlichen Industriezweigen. Durchweg kann man davon ausgehen, dass die Löhne in der Eisenindustrie oder dem Maschinenbau erheblich über denen in der Textilindustrie lagen. So variierte (lässt man die 5 Mark der Arbeitsburschen außer acht) der mittlere Wochenlohn in den Maschinenbaubetrieben Berlins 1853 zwischen 10 Mark (Heizer) und 30 Mark (Kesselschmied)[25]. Ähnliche Spannen gab es u.a. auch in der eisenverarbeitenden Industrie. Demgegenüber reichte der Arbeitslohn z.B. in den Wollfabriken nur von 4,50 Mark (Wicklerin) bis zu 9 Mark (Webergeselle). Die Meister verdienten freilich etwas besser[26]. Für die Stadt Bielefeld hat man für die 1860er Jahre folgende Zahlen ermittelt:

Tabelle 2: Löhne in Bielefeld in den 1860er Jahren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

aus: Ditt, Karl: Industrialisierung, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung in Bielefeld, Dortmund 1982, S.115.

Aus dieser Tabelle gehen die auffallenden Lohnunterschiede zwischen Textilarbeitern einerseits und Maschinenbauarbeitern andererseits deutlich hervor. Die Gründe für diese interbetrieblichen Lohngefälle dürfen dabei längst nicht monokausal angesehen werden. Eine Ursache war sicherlich, dass die Arbeiter in der Textilindustrie aufgrund ihrer zumeist wenig anspruchsvollen Arbeit, leicht ersetzbar waren. Hinzu kam, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Arbeiterschaft aus Frauen bestand. Diese bekamen „von Natur aus“ deutlich weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Einen weiteren Grund für die Niedriglöhne im Textilsektor glaubt KOCKA in der sozialen Distanz zwischen Unternehmern und Arbeitern auszumachen. Anders als z.B. in den frühen Maschinenbauanstalten, wo sowohl Unternehmer als auch ein Großteil der qualifizierten Arbeitnehmer überwiegend aus dem Metallhandwerk kamen, fehlte in der Textilindustrie dieser gemeinsame, einander verbindende Hintergrund. Hier kamen die meisten Arbeiter nicht aus dem Handwerk, die meisten Unternehmer hingegen waren ehemalige Kaufleute und Verleger. Daher vermutet Kocka, dass in den Textilunternehmen von Anfang an schärfer gerechnet wurde und die Löhne so auf einem äußerst niedrigen Level gehalten wurden[27].

Die Unterschiede im Arbeitseinkommen zwischen den einzelnen Industriezweigen näherten sich bis zur Jahrhundertwende etwas an. Auch die Relationen zwischen den einzelnen Industrien verschoben sich. So verloren die Druckereibeschäftigten ihre Spitzenpositionen, weil u.a. durch den Einsatz weiblicher Buchdrucker-Hilfsarbeiter die Löhne gedrückt werden konnten (→ Tabelle 3). Die Metallerzeugung und -verarbeitung hingegen konnte ihre Position verbessern. Die Textilindustrie freilich war nicht in der Lage, die Rote Laterne bei den durchschnittlichen Arbeitseinkommen abzugeben. Im Gegenteil, was die Lohnsteigerungen in der Industrie ab 1870 anbetraf, so lag sie deutlich unter dem Durchschnitt[28].

[...]


[1] Vgl. Geremek, Bronislaw: Geschichte der Armut, München 1991, S.277.

[2] Verstanden als zweckgerichtete, planmäßige Tätigkeit, die i.d.R. der Existenzsicherung, aber auch Gewinnmaximierung dient.

[3] Verstanden als materieller Mangel an Lebensnotwendigem und Existenzsicherndem.

[4] Geographischen Bezugspunkt bilden die heutigen Grenzen Deutschlands.

[5] Gemeint sind jeweils sowohl die Arbeiterinnen als auch die Arbeiter. Der besseren Lesbarkeit wegen wird aber im folgenden die maskuline Anredeformel verwendet.

[6] In weiteren Sinne jede Person die eine Arbeitsleistung erbringt, im Speziellen ist hier der im industriellen Bereich tätige Lohnarbeiter gemeint.

[7] Vgl. Schildt, Gerhard: Die Arbeiterschaft im 19. und 20. Jahrhundert (=Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 36), München 1996, S.2.

[8] Vgl. Kocka, Jürgen: Weder Stand noch Klasse. Unterschichten um 1800 (=Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18.Jahrhunderts, Bd.1), Bonn 1990, S. 134.

[9] Vgl. Schäuble, Gerhard: Theorien, Definitionen und Beurteilung der Armut (=Sozialpolitische Schriften, H. 52), Berlin 1984, S.151-154.

[10] Vgl. Kocka, Jürgen: Weder Stand, a.a.O., S.134.

[11] Vgl. Schildt, Gerhard: Die Arbeiterschaft, a.a.O., S.1.

[12] Die Quadratmeile betrug ca. 56 km2.

[13] Schildt, Gerhard: Die Arbeiterschaft, a.a.O., S.2.

[14] Vgl. Fischer, Wolfram: Armut in der Geschichte: Erscheinungsformen und Lösungsversuche der „Sozialen Frage“ in Europa seit dem Mittelalter (= Kleine Vandenhoeck-Reihe, Bd. 1476), Göttingen 1982, S. 56-57.

[15] Engels, Friedrich: Die Lage der arbeitenden Klasse in England: nach eigener Anschauung und authentischen Quellen, 2.Aufl., Berlin 1952.

[16] Hildebrand, Bruno: Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft und andere gesammelte Schriften, in: Sammlung Waeting, 22, 1922, zit. nach: Abel, Wilhelm: Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland (=Kleine Vandenhoeck-Reihe, Bd. 1352), 3.Aufl., Göttingen 1986, S.7.

[17] Vgl. Fischer, Wolfram: Armut, a.a.O., S.58.

[18] Dieser Wert entsprach einer Kaufkraft von entweder 3,4 kg Roggenbrot oder ca. 800g Fleisch (Ochsen-, Schweine- oder Hammelfleisch).

[19] Vgl. Abel, Wilhelm: Massenarmut, a.a.O., S.8-10.

[20] Hildebrand, Bruno: Die Nationalökonomie, a.a.O..

[21] Vgl. Fischer, Wolfram: Armut, a.a.O., S.58.

[22] Vgl. Fischer, Wolfram: Armut, a.a.O., S.60-61.

[23] Vgl. Ebd. S.62.

[24] Vgl. Fischer, Wolfram: Armut, a.a.O., S. 64-65.

[25] Es handelt sich hierbei um umgerechnete Werte.

[26] Kocka, Jürgen: Arbeitsverhältnisse und Arbeiterexistenzen. Grundlagen der Klassenbildung im 19.Jahrhundert (=Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18.Jahrhunderts, Bd.2), Bonn 1990, S.460.

[27] Vgl. Kocka, Jürgen: Arbeitsverhältnisse, a.a.O., S.459.

[28] Ritter, Gerhard A.; Tenfelde, Klaus: Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914, Bonn 1992, S.476-477.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Soziale und materielle Armut - Arbeit und Armut im 19. Jahrhundert
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Armut in der Vormoderne. Fürsorge, Verwaltung und Ausgrenzung (16.-19.Jh.)
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
36
Katalognummer
V39299
ISBN (eBook)
9783638381062
ISBN (Buch)
9783638654913
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit und Armut schlossen sich in der Geschichte keinesfalls kategorisch aus. In dieser Arbeit wird versucht, das Verhältnis von Arbeit und Armut in Deutschland im 19.Jh. aufzuzeigen. Der zeitliche Schwerpunkt liegt dabei in der 2.Hälfte der Industrialisierung. Primär wird untersucht, wie sich Arbeit und Armut in industrialisierten Produktionsbereichen gegenseitig bedingt haben. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Textilindustrie gelegt.
Schlagworte
Soziale, Armut, Arbeit, Jahrhundert, Vormoderne, Fürsorge, Verwaltung, Ausgrenzung
Arbeit zitieren
Sebastian Knobbe (Autor), 2003, Soziale und materielle Armut - Arbeit und Armut im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39299

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