Seit fast fünf Jahren arbeite ich jetzt auf einer forensischen Station mit milieutherapeutischem Wohngruppencharakter. Die Patientengruppe besteht hier zum größten Teil aus Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, in der Regel lautet die Diagnose Borderline- oder dissoziale Persönlichkeitsstörung.
In der folgenden Arbeit möchte ich mich einer kleinen Minderheit der Persönlichkeitsgestörten widmen – der narzisstischen Persönlichkeit im Maßregelvollzug.
Diese „schillernde“ Persönlichkeit weist viele Gemeinsamkeiten mit anderen Persönlichkeitsstörungen auf und verhält sich doch so eigen. Hinter einer perfekt ausgestrahlten Selbstsicherheit versteckt sich eine höchstverletzliche Persönlichkeit, die selbst auf einen gut gemeinten Rat äußerst gekränkt reagiert. Als Pflegekraft hat man schnell den Eindruck, alles falsch zu machen.
Meine Absicht ist es, in dieser Arbeit, ein theoretisches und pflegerisches Verständnis für den narzisstischen Patienten im Maßregelvollzug vermitteln.
Meine Hausarbeit besteht aus zwei Teilen, wobei sich der erste Teil mit den psychiatrisch-psychologischen und forensischen Grundlagen der Persönlichkeitsstörungen in Bezug auf die narzisstische Persönlichkeit befasst. Ich bin hier speziell auf die verschiedenen Diagnosesysteme eingegangen, da die narzisstische Persönlichkeitsstörung in der allseits gebräuchlichen ICD-10 nicht als selbstständige Störung auftaucht. Im zweiten Teil beschäftige ich mich dann mit pflegerischen Ansätzen in der Behandlung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
Inhaltsverzeichnis
Narcissus
Einleitung
Teil 1: Psychiatrisch-psychologische und forensische Grundlagen der Persönlichkeitsstörungen in Bezug auf die Narzisstische Persönlichkeit:
1.1 Die Persönlichkeit eines Menschen
1.2 Wenn die Persönlichkeit zur Persönlichkeitsstörung wird
1.3 Nosologie der Persönlichkeitsstörungen
1.3.1 Die ICD-10 Diagnostik
1.3.2 Die Diagnosesystematik des DSM-IV
1.4 Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung
1.5 Persönlichkeitsstörung und Kriminalität
1.5.1 Der Maßregelvollzug
1.5.2 Der Narzisstische Patient im Maßregelvollzug
Teil 2: Pflegerische Ansätze in der Behandlung der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung:
2.1 Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung im Pflegeprozess
2.2 Pflegediagnosen zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung
2.3 Interventionsmöglichkeiten im täglichen pflegerischen Umgang
Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, ein fundiertes theoretisches und pflegerisches Verständnis für Patienten mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung im Kontext des Maßregelvollzugs zu vermitteln, um den professionellen Umgang mit diesen herausfordernden Persönlichkeiten zu erleichtern.
- Grundlagen der Persönlichkeitsstörungen und deren diagnostische Klassifikation.
- Spezifika der narzisstischen Persönlichkeitsstörung und deren Abgrenzung.
- Forensische Besonderheiten und der Maßregelvollzug.
- Anwendung von Pflegediagnosen und Interventionsstrategien im klinischen Alltag.
- Bedeutung der Beziehungsgestaltung und Kommunikation in der psychiatrischen Pflege.
Auszug aus dem Buch
Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet laut epidemiologischer Studien weniger als 1% der Allgemeinbevölkerung. Davon handelt es sich hauptsächlich um männliche Patienten, was vermutlich mit einer alteingesessenen Denkweise in der Diagnosepraxis zusammenhängt. Es begleitet uns immer noch ein Bild von „typisch männlichen“ und „typisch weiblichen“ Verhaltensweisen: Patienten mit einer „selbstbewusst präsentierten Nichtkompliance“ könnten die Diagnose „narzisstisch“ erhalten, wogegen Patientinnen mit gleichen Verhaltensweisen wohl eher die Diagnose „histrionisch“ erhalten würden. (vgl. Fiedler, 2001)
Im Jahre 1898 wurde in der psychologischen Literatur das erste Mal Bezug auf die Sage des „Narcissus“ genommen, als H. Ellis die autoerotischen Gewohnheiten eines jungen Mannes in einer Fallstudie darstellte.
Freud benutzte von 1905 an den Begriff „narzisstisch“ in seinen frühen Aufsätzen über die psychosexuelle Entwicklung und arbeitete später Gedanken zum Narzissmus als eigenständigen psychologischen Prozess aus. Er fasste den Narzissmus als eine Phase der normalen Entwicklung auf, die einer autoerotischen Phase folgt und schließlich zur Objektliebe heranreift. Freud unterschied einen primären und sekundären Narzissmus: beim primären Narzissmus richtet das Kleinkind seine sexuelle Energie (Libido) ganz auf sich selbst, beim sekundären Narzissmus wird die sexuelle Energie von äußeren Objekten wieder abgezogen und auf sich selbst bezogen. Nach Freud sind unzuverlässige, unberechenbare Bezugspersonen in der Kindheit, oder Eltern, die ihr Kind ständig überbewerten, die wichtigsten Faktoren, die die Entwicklung zur Objektliebe unterbrechen und somit eine Fixierung auf die narzisstische Phase der Entwicklung bewirken. Freud ging davon aus, dass Narzissten wegen ihrer Fixierung in der Phase der „Ich-Beteiligung“ unfähig sind, feste Beziehungen einzugehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Narcissus: Eine mythologische Einleitung, welche das Selbstbild des Narzissmus veranschaulicht.
Einleitung: Vorstellung der Intention der Arbeit und der forensischen Arbeitssituation der Autorin.
1.1 Die Persönlichkeit eines Menschen: Kurze Definition der Komponenten, die eine menschliche Persönlichkeit ausmachen.
1.2 Wenn die Persönlichkeit zur Persönlichkeitsstörung wird: Erläuterung der Kriterien, ab wann Persönlichkeitszüge als behandlungsbedürftige Störung gelten.
1.3 Nosologie der Persönlichkeitsstörungen: Gegenüberstellung der theoretischen Einordnung von Persönlichkeitsstörungen.
1.3.1 Die ICD-10 Diagnostik: Übersicht über die Klassifikation nach dem ICD-10-System.
1.3.2 Die Diagnosesystematik des DSM-IV: Erläuterung des DSM-IV-Systems mit seinen spezifischen Clustern.
1.4 Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Historische Herleitung und theoretische Konzepte zur Entstehung der narzisstischen Störung.
1.5 Persönlichkeitsstörung und Kriminalität: Darstellung des Zusammenhangs zwischen Persönlichkeitsstörungen und Delinquenz in der Forensik.
1.5.1 Der Maßregelvollzug: Juristische Hintergründe und Kriterien zur Unterbringung im Maßregelvollzug.
1.5.2 Der Narzisstische Patient im Maßregelvollzug: Spezifische Erscheinungsformen narzisstischer Patienten bei verschiedenen Deliktgruppen.
2.1 Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung im Pflegeprozess: Übertragung therapeutischer Ansätze auf den pflegerischen Alltag und das Pflegemodell nach Peplau.
2.2 Pflegediagnosen zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung: Anwendung von Pflegediagnosen am Beispiel von Fallbeispielen.
2.3 Interventionsmöglichkeiten im täglichen pflegerischen Umgang: Konkrete pflegerische Handlungsstrategien und Maßnahmen im Stationsalltag.
Schlusswort: Fazit zur Bedeutung professionellen Verstehens für den Umgang mit narzisstischen Patienten.
Schlüsselwörter
Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Maßregelvollzug, Psychiatrische Pflege, Pflegeprozess, Forensik, Pflegediagnosen, Defensives Coping, Kognitive Therapie, Beziehungsgestaltung, Empathie, Aggression, Gewaltprävention, Psychopathologie, Selbstbild, Objektbeziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung und den spezifischen Herausforderungen, die diese Patienten im forensischen Maßregelvollzug darstellen, sowie mit pflegerischen Strategien zu deren Behandlung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind psychiatrisch-psychologische Grundlagen, die diagnostische Einordnung im ICD-10 und DSM-IV, forensische Aspekte der Unterbringung sowie pflegerische Interventionen und Beziehungsgestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein theoretisches und pflegerisches Verständnis für narzisstische Patienten zu vermitteln, um den Umgang mit ihnen professionell zu gestalten und gezielte Pflegeinterventionen anzuwenden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse zu psychologischen Theorien und diagnostischen Systemen, kombiniert mit praktischen pflegerischen Konzepten (Pflegediagnosen nach NANDA und Pflegemodell nach Peplau).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden erst die klinischen und forensischen Grundlagen der Störung erläutert und im zweiten Teil konkrete Ansätze für die pflegerische Betreuung sowie die Anwendung von Pflegediagnosen im Alltag analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem narzisstische Persönlichkeitsstörung, Maßregelvollzug, Pflegediagnosen, defensives Coping und therapeutische Beziehungsgestaltung.
Wie unterscheidet sich die Einschätzung des Narzissmus bei Kernberg und Kohut?
Während Kernberg den pathologischen Narzissmus als Abwehrmechanismus bei einem Entwicklungsstillstand und struktureller Schädigung sieht, deutet Kohut ihn als Form der Libido, die aus einem Entwicklungsdefizit resultiert.
Warum wird das Pflegemodell nach Peplau als geeignet angesehen?
Das Modell nach Peplau wird als besonders geeignet empfunden, da es den therapeutischen zwischenmenschlichen Prozess und die unterschiedlichen Rollen der Pflegekraft in den Fokus rückt, was für die Beziehung zum narzisstischen Patienten essenziell ist.
Welche Rolle spielt die Pflegediagnose "Defensives Coping" im Alltag?
Sie dient dazu, typische Verhaltensweisen narzisstischer Patienten wie Projektionen und Überempfindlichkeit zu klassifizieren, um darauf basierend zielgerichtete Maßnahmen für den Stationsalltag abzuleiten.
- Quote paper
- Sabine Röder (Author), 2005, Die narzisstische Persönlichkeit im Maßregelvollzug - Pflegerische Ansätze in der Behandlung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39487