Zivilisation und Barbarei - Stereotype und Identitäten in César Airas "La Liebre"


Seminararbeit, 2004

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Stereotypisierung – Orientierungshilfe oder Vorverurteilung?

3. Konstruktion und Dekonstruktion von Stereotypen im Roman
3.1 Der Engländer
3.2 Die Indios
3.3 Wozu führt die Dekonstruktion der Stereotype?

4. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Hausarbeit sollen einige im 1991 erschienenen Roman La Liebre von César Aira auftretenden Stereotype und ihre Einordnung in die historische Dichotomie Zivilisation – Barbarei näher untersucht werden.

Dabei werde ich zuerst versuchen, den Begriff der Stereotypisierung zu definieren und positive und negative Aspekte von Stereotypen aufzuzeigen. Ich werde kurz darstellen, aus welchen Gründen Indios in der lateinamerikanischen Literatur häufig so negativ dargestellt wurden und welche Auswirkungen diese negativen Stereotype noch heute haben. Ich werde erläutern, auf welche historische Dichotomie Aira seine Charaktere und Stereotype stützt und inwiefern er sie entsprechend der historischen Vorlagen in seinen Roman einbindet.

In der Hausarbeit werde ich exemplarisch auf die wichtigsten, der Dichotomie zuzuordnenden, Stereotype des Romans eingehen: den Engländer und die Indios. Dabei werde ich jeweils zeigen, wie die Figuren zuerst vom Autor konstruiert werden, um einem bestimmten Stereotyp zu entsprechen und wie diese Stereotype anschließend wieder dekonstruiert und verwischt werden – wie also bestimmte Werturteile, die mit den jeweiligen Stereotypen verbunden sind, dann auf andere Figuren übertragen werden und im ursprünglichen Zusammenhang nicht mehr anwendbar sind. Dadurch werde ich zeigen, dass sich die Figuren im literarischen Kontext über ihre eigenen Grenzen hinwegsetzen.

Schließlich werde ich versuchen darzustellen, was durch die Dekonstruktion der Stereotype erreicht wird, zu welchem Zweck Aira diese Stereotype erst nutzt und dann dekonstruiert und in welchem gesellschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Kontext der Autor damit steht.

2. Stereotypisierung – Orientierungshilfe oder Vorverurteilung ?

Als Stereotypisierung bezeichnet man im Allgemeinen den Vorgang, wenn Unterschiede zwischen Gruppen betont und zwischen Mitgliedern einer Gruppe negiert werden. Es findet also eine gewisse „Gleichmacherei“ innerhalb der Gruppen statt, eine „kontrastive[] Abgrenzung der Eigengruppe von einer Fremdgruppe in der Weise, daß [sic] einem positiven Autostereotyp ein negatives Heterostereotyp entgegengesetzt wird“[1]. Es wird ein wertendes Bild von „wir“ und „die anderen“ geschaffen. Durch die Stereotypisierung kommt es aber dazu, dass Personen (beziehungsweise hier den Romanfiguren) Identitäten verwehrt werden. Der Einzelne kann nicht mehr hervorstechen in einer Gruppe, in der alle Mitglieder gleich sind.

Günther Blaicher bemerkt, dass es eine natürliche Tendenz beim Menschen gäbe, „Erfahrungstatbestände zu verallgemeinern und neue Erfahrungen auf dem Hintergrund solcher Verallgemeinerungen zu verstehen“[2]. Weiter meint er, dass die dabei entstehenden Stereotype dem Einzelnen helfen, „sich in einer vielgestaltigen Welt zu orientieren […] und mit der Aufrechterhaltung dieser Ordnung Angstgefühle und Unsicherheit zu bewältigen.“[3] Blaicher ordnet Stereotype also eher in die Kategorie Orientierungshilfe ein.

Jedoch werden Stereotypen häufig auch zu gänzlich anderen Zwecken als der Hilfe bei der Orientierung genutzt. Kurz möchte ich auf Gründe eingehen, warum die Indios in der lateinamerikanischen Literatur häufig so negativ dargestellt wurden. Sie sind in der Geschichte Argentiniens, bzw. Lateinamerikas allgemein, zu suchen: nach der Entdeckung und Besiedlung durch die Europäer wurde es nach und nach immer notwendiger, tiefer in die Pampa, die ökonomische Basis Argentiniens[4] vorzudringen, um Rohstoffe und Territorium zu sichern. Für die Vertreibung der Ureinwohner aus ihren Gebieten war es notwendig, die Gesellschaft zu polarisieren, um ihre Unterstützung zu haben. Dazu wurde auf die angebliche Überlegenheit der Weißen als Argumentationsmuster zurückgegriffen, eine im 19. Jahrhundert durchaus populäre Theorie, die nicht zuletzt durch die sozialdarwinistische Umdeutung von Darwins Theorie des Überlebens des Stärkeren forciert wurde. In der Literatur wurden die so gewonnenen Stereotype häufig genutzt, um über bestimmte Gruppen Werturteile zu fällen und die Rezipienten für bestimmte Sachverhalte zu polarisieren. Die Literatur wurde also zum Vehikel und Instrument von politischen Anliegen.

Auch heute noch werden über Vorurteile, die auf diese Art entstanden sind, politische Machtstrukturen aufrechterhalten. Jung und Schlichte haben dazu festgestellt, dass der Rassismus, der in vielen lateinamerikanischen Ländern vorherrscht,

den Ruf nach Autorität [rechtfertigt], die die bestehenden Unterschiede verbürgt, das Gefühl der eigenen Überlegenheit bestätigt und die Alltagsangst vor den Ungewißheiten [sic] sozialen Wandels nimmt. Als Konformismus erzeugende Alltagsreligion dient der Rassismus legitimationsschwachen wie populistischen Regimen als Mittel, um Ohnmachtsgefühle und Verunsicherung gegen subalterne Bevölkerungsgruppen zu kanalisieren und das Gefühl zu vermitteln, Mitglied einer Elite und zugleich der Mehrheit zu sein.[5]

Vorurteile können also helfen, Unruhe in der Bevölkerung zu verhindern, indem ein Sündenbock definiert wird und die Überlegenheit der eigenen Gruppe betont wird. Dass die Ruhe in der Bevölkerung immer aber auch auf Kosten der negativ dargestellten Gruppe erreicht wird, stellt David William Foster dar wenn er sagt: „el exterminio de los indios sirvieron a los intereses de una élite gobernante política“[6], und weiter: “una lectura desconstructiva de [la literatura de frontera] revela cómo estos [textos] son ideológicamente manipulados sin ser vehículo neutrales de un significado natural o preexistente”[7]. Stereotype haben also nichts Naturgegebenes mehr an sich, sie sind im eigentlichen Sinne des Wortes Vorverurteilungen, und können so auch nicht bei der Orientierung helfen.

Im Roman La Liebre werden nun verschiedene Stereotype aufgegriffen, die in der Literatur immer wieder genutzt wurden. Aira bedient sich einer Dichotomie, die dem 19. Jahrhundert entnommen ist und in der sich Zivilisation und Barbarei gegenüberstehen. Dieser Diskurs spielte besonders in der Grenzliteratur (literatura de frontera) in Argentinien eine wichtige Rolle, als es um die Klärung der „Indiofrage“ ging. Die Dichotomie wurde genutzt zur Polarisierung zwischen den verschiedenen Standpunkten der Integration der Indios und ihrer Akzeptanz als Argentinier, sowie der völligen Auslöschung der „unzivilisierbaren“ Wilden[8]. Entsprechend der Dichotomie Zivilisation – Barbarei werden, wie im Folgenden im Detail gezeigt werden soll, in La Liebre verschiedene Personen und Gruppen diesen beiden Polen zugeordnet: Clarke, der Engländer, steht für den Prototypen der Zivilisation; genauso prototypisch werden die Indios der Barbarei zugeordnet.

[...]


[1] Blaicher, Günther: „Zur Entstehung und Verbreitung nationaler Stereotypen in und über England“. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 51, 1977: 550.

[2] Ebd.: 549.

[3] Ebd.: 549.

[4] Vgl.: Foster, David William: „David Viñas: Lecturas desconstructivas y correctivas de la historia sociocultural argentina”. In: Ideologies and Literature: Journal of Hispanic and Lusophone Discourse Analysis 2.2, 1987: 160.

[5] Jung, Dietrich, Schlichte, Klaus, und Siegelberg, Jens: Kriege in der Weltgesellschaft: Strukturgeschichtliche Erklärung kriegerischer Gewalt (1945- 2002). Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003: 128.

[6] Foster: 161.

[7] Ebd. : 163.

[8] Vgl. Garramuño, Florencia: „ ‚La Liebre’, de César Aira, o lo que quedó de la campaña del desierto”. In: Revista de crítica literaria latinoamericana XXIV, 1998: 150.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zivilisation und Barbarei - Stereotype und Identitäten in César Airas "La Liebre"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Aktuelle Argentinische Romane: César Aira, Juan José Saer, Ricardo Piglia
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V39505
ISBN (eBook)
9783638382533
ISBN (Buch)
9783638816045
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zivilisation, Barbarei, Stereotype, Identitäten, Airas, Liebre, Aktuelle, Argentinische, Romane, Aira, Juan, José, Saer, Ricardo, Piglia
Arbeit zitieren
Claudia Müller (Autor), 2004, Zivilisation und Barbarei - Stereotype und Identitäten in César Airas "La Liebre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39505

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