Kultur der Schriftlichkeit - Ursprünge und Entwicklung in Deutschland und Frankreich


Seminararbeit, 2003

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALT

Einleitung

I. Anfänge und Entwicklung
1. Die orale Gesellschaft
2. Erste Schriftzeugnisse
3. Anfänge einer literalen Gesellschaft
4. Die verschiedenen Schriftarten
5. Folgen der Schriftlichkeit

II. Sprachkontakt: Deutschland - Frankreich

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung:

Meine Hausarbeit beschäftigt sich mit der Kultur der Schriftlichkeit, ihren Ursprüngen und der Entwicklung in Deutschland und Frankreich.

Meine ersten beiden großen Oberbegriffe sind die Anfänge und die Entwicklung der Schrift. Zunächst skizziere ich hierzu kurz die orale, das heißt die noch mündlich organisierte, Gesellschaft[1] zu der Zeit, in der man das Medium Schrift als solches noch nicht entdeckt hatte. Dann gebe ich einen Überblick über erste Schriftzeugnisse, die vor einigen Jahrtausenden vornehmlich in China und Ägypten gefunden wurden. Hierauf gehe ich auf die Anfänge einer literalen Gesellschaft durch die Entdeckung und Verbreitung der Schrift ein und behandle danach die verschiedenen Schriftarten und ihre Anwendung. Als nächstes kommt die Gesellschaft und, wie sie sich durch das neue Medium verändert und die Folgen, die sich hieraus für sie ergeben.

Der zweite größere Teil meiner Arbeit dreht sich um den Sprachkontakt zwischen Deutschland und Frankreich, nämlich die Französische Sprache in Deutschland mit besonderem Augenmerk auf die Zeit der Französischen Revolution.

Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf dem gesellschaftlichen Aspekt, in bezug auf den die Schrift immer mitbeleuchtet werden sollte, da sie die Gesellschaft maßgeblich prägt und durch ihre Weiterentwicklung auch eine Entwicklung für die Menschheit und ihr gesellschaftliches Zusammenleben mit sich bringt.

I. Anfänge und Entwicklung

I.1 Die orale Gesellschaft

Dass wir lesen und schreiben können, dass wir mit und in einer Welt der Schrift leben, schien lange Zeit nur allzu selbstverständlich, die Schriftkultur nur allzu offenkundig zum natürlichen menschlichen Habitus zu gehören- eben wie die gesprochene Sprache selbst[2]. Doch diese Annahme entspricht nicht ganz unseren heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Entdeckung der Schrift. So stellte zum Beispiel schon Flavius Josephus um 100 vor Christus fest, dass die Griechen zu Zeiten Homers noch nicht schreiben konnten und daher die Ilias und die Odyssee vorerst nur mündlich existierten und schließlich später erst aufgeschrieben wurden.[3]

Es gab also damals eine präliterale Gesellschaft[4] vor der Entdeckung der Schrift. Doch auch diese Menschen wollten ihr soziales Wissen und ihre Kultur sichern und Genealogie, Gesetze, Gebete und Zaubersprüche in zuverlässiger Form in die nächste Generation weitergeben. Mangels des Mediums Schrift, mussten sie sich andere Techniken zunutze machen. Sie wandten unter anderem Mnemotechniken an; die Befestigung des Wortflusses durch regelmäßige Rhythmen des Körpers ( Puls, Atem, Schritt), so dass Metrum, Gesang und Tanz die Rede begleiten und ihren Ablauf leichter einprägen.[5] So war zum Beispiel der Berufsstand des Sängers sehr wichtig, da er kulturelles, oder auch politisches Gut in rhythmischen Liedern unter das Volk trug. Außerdem gab es noch die Möglichkeit der Anwendung repetitiver Formeln; die feste Einteilung der Redeweisen nach Länge, Metrum, Melodie, Sprachhöhe und Gelegenheit.[6] Das bedeutet, dass öffentliche Reden je nach Anlass und Wichtigkeit in bestimmte Gattungen eingeteilt und in der für die jeweilige Gattung charakteristischen Form vorgetragen wurden, so dass jeder Zuhörer aus der ihm geläufigen leichten Form nur noch den Sinn der Rede erkennen musste, was durch das wiederholtes Muster einfacher für ihn wurde.

Doch schon zu dieser Zeit bildet der Mensch als soziales Wesen zur besseren Verständigung, sein Kommunikationsmodell durch materiell selbstständige Strukturen aus. Es beginnt ein Prozess, der für seine Art natürlich vorgesehen ist, die Entwicklung der Entäußerung einer spezifisch menschlichen Medialität.[7] Der Beginn der Entwicklung der Schriftlichkeit und damit eine weitere Ausbildung der Gesellschaft.

I.2 Erste Schriftzeugnisse

Bemerkenswert ist, dass die Entdeckung der Schrift erst Jahrhunderte und Jahrtausende nach ihrer materiellen Erfindung erfolgt. Sie ist also eigentlich keine rechte Erfindung, da diese etwas Neues voraussetzt, vielmehr eine Entdeckung, die Enthüllung von etwas schon Vorhandenem, aber Unbekannten und die Anwendung dieser bereits existenten Gaben und Fähigkeiten.[8]

Die frühesten überlieferten Anfänge der Schrift sind wohl die Graphismen.

Bei diesen graphischen Markierungen handelt es sich nicht, wie erwartet, um erste Versuche der Menschheit um gegenständliches Abbilden der Wirklichkeit.

Die frühen Graphismen sind vielmehr als Chiffren zu verstehen. Symbole oder Zeichen, in Form von Schraffuren, Kerben, Punktierungen und sonstigen rhythmischen Markierungen auf Knochen oder Steinen, die in einem bestimmten gelebten Moment ihrem Bedeutungsinhalt zugeordnet wurden.[9]

Durch diese willkürliche Zuordnung einer vorzeitlichen Kultur ist es nahezu unmöglich, die gefundenen Nachrichten zu entschlüsseln.

Sie gehören zu der Gruppe erster Zeugnisse prähistorischer Kunst und reichen bis 40.000 Jahre vor unserer Zeit zurück. Es handelt sich um Funde auf Fels- und Höhlenmalereien, gemalten Handabbildungen, Tierdarstellungen oder auch Schmuckgegenständen.[10]

Auf diese Zeit wird auch die Herkunft erster Farbstoffe, Ocker und Mangan, datiert .

Im vierten Jahrtausend schon entwickelten städtische Kulturen

Asiens und des Orients komplexe Schriftformen, die meist aus kleinen Bildern des Bezeichneten bestanden.

Ein Beispiel für eine dieser ersten Kulturen ist China. Erste Funde

aus der Zeit kurz vor 2000 vor Christus sind Bronzegefäße mit Inschriften, Dreifüße, Kessel, Becken, Krüge und Pokale, die zumeist als Opfergefäße den Ahnen des Stifters geweiht waren. Zudem sind Knochen und Schildkrötenschalen aus heiligen Zeremonien erhalten, auf die die Angehörigen der Chou- Dynastie Orakelanfragen und Orakelauskünfte schrieben.[11]

Weiter zu nennen wären die frühen Schriftversuche der Ägypter um 3000 vor Christus. Die altägyptischen Hieroglyphen, sogenannte Logogramme, wurden beispielsweise auf Felsbildern, Schalen, Gefäßen, Elfenbeinkämmen, Grabwänden, Schminkpaletten, Annalentäfelchen oder Krügen entdeckt. Sie bildeten Gegenstände mittels drei Gruppen von Zeichen ab. Die wichtigste und am einfachsten zu deutende Gruppe ist die der Ideogramme. Damit sind diejenigen Zeichen gemeint, die das bedeuten, was sie darstellen. Unter die zweite fallen die Phonogramme. Darunter versteht man komplementierende oder Zusatzzeichen, die verwendet werden, wenn ein schwierig darzustellendes Wort einfach durch das Bild eines ähnlich klingenden dargestellt wird. Bleiben noch die Determinativen, die, um Mehrdeutigkeit bei so gewonnenen Zeichen zu verhindern, an die Phonogramme drangehängt werden und so den Bildinhalt kennzeichnen.[12] Die Schwierigkeit bestand darin, für jedes zu Bezeichnendes ein eindeutiges Bildzeichen zu entwickeln, ohne, dass eine Doppeldeutigkeit vorkam und für abstrakte Begriffe logische Bilder zu entwerfen. Die Zahl der Logogramme und Mehrdeutigkeiten war immens, so dass die Lese- und Schreibfertigkeit nur einem kleinen professionell unterrichteten Teil der Bevölkerung gelang.

I.3 Anfänge einer literalen Gesellschaft

Zwischen 1500 und 1000 vor Christus entstanden die ersten nahöstlichen Silbenalphabete.

Der Grundstein unserer europäischen Literatur wurde in Griechenland gelegt. Nirgendwo sonst ist die Gedächtniskultur einer oralen Gesellschaft so umfassend im Archiv der Schrift überliefert worden[13].

Ursprung unseres heutigen und aller anderen heute gebräuchlichen Alphabete sind die semitischen Silbenalphabete, die alle im zweiten Jahrtausend entstanden sind. So stammt auch der Name unseres Alphabets von der lateinischen Form der ersten zwei Buchstaben im griechischen Alphabet, alpha und beta, und ursprünglich vom semitischen aleph und beth ab.[14]

Die Griechen übernahmen im Vergleich zu den orientalischen Hochkulturen erst spät, nämlich im 8. Jahrhundert, das damals beste der semitischen Schriftsysteme, die phönizische Silbenschrift. Sie ergänzten sie zu einem phonetisch vollkommenen Alphabet.[15] Durch dieses neue phonemische System konnten die Menschen nun nicht wie vorher nur ganze Wörter aufzeichnen, sondern die einzelnen konventionalisierten Laute, mit denen die Gesellschaft ihre Wörter formte, durch einzelne, in ihrer Bedeutung der Lautstruktur zugeordnete Phoneme zu Wörtern zusammensetzen. So gelang eine leicht erlernbare und eindeutige Schriftsprache, durch die ab sofort alles, worüber die Gesellschaft sprach, aufgeschrieben werden konnte.[16]

Mit dem Aufkommen erster Schriftformen wurde auch gleich Kritik gegen diese neue Art der Kommunikation laut. Aus dieser Zeit stammt Platons bekannte Schriftkritik. Er monierte, die Schrift schwäche das Gedächtnis. Der Leser könne nicht, wie in einem Gespräch, nachfragen, falls er eine Erläuterung des Geschriebenen benötige. Außerdem sei die Rezeption zu offen, d.h. das Mitgeteilte sei nicht mehr nur für einen bestimmten Kreis von Adressaten vorgesehen. Und letztlich sei es lediglich eine gespielte Anwesenheit des Autors, mit der er für seine Lehre einstehe.[17]

[...]


[1] Jack Goody, Ian Watt und Kathleen Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Übers. Von Friedhelm Herboth. Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, 1. Auflage, Frankfurt a. M., 1986, Seite 12

[2] Jens Brockmeier: Literales Bewusstsein: Schriftlichkeit und das Verhältnis von Sprache und Kultur, München, 1997, Seite 47

[3] Jack Goody, Ian Watt und Kathleen Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Übers. Von Friedhelm Herboth. Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, 1. Auflage, Frankfurt a. M., 1986, Seite 9

[4] Jack Goody, Ian Watt und Kathleen Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Übers. Von Friedhelm Herboth. Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, 1. Auflage, Frankfurt a. M., 1986, Seite 14

[5] Jack Goody, Ian Watt und Kathleen Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Übers. Von Friedhelm Herboth. Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, 1. Auflage, Frankfurt a. M., 1986, Seite 14

[6] Ebd.

[7] Jens Brockmeier: Literales Bewusstsein: Schriftlichkeit und das Verhältnis von Sprache und Kultur, München, 1997, Seite 26

[8] Jens Brockmeier: Literales Bewusstsein: Schriftlichkeit und das Verhältnis von Sprache und Kultur, München, 1997, Seite 20

[9] Jens Brockmeier: Literales Bewusstsein: Schriftlichkeit und das Verhältnis von Sprache und Kultur, München, 1997, Seite 29

[10] Jens Brockmeier: Literales Bewusstsein: Schriftlichkeit und das Verhältnis von Sprache und Kultur, München, 1997, Seite 27

[11] Dietrich Gerhardt: Vorwort. In: Frühe Schriftzeugnisse der Menschheit. Sammlung von Vorträgen gehalten auf der Tagung der Joachim Jungius- Gesellschaft der Wissenschaften, Hamburg, 9.u.10.Oktober 1969, Seite 11/ 12

[12] Wolfhart Westendorf: „ Die Anfänge der ägyptischen Hieroglyphen.“ In: Frühe Schriftzeugnisse der Menschheit. Sammlung von Vorträgen gehalten auf der Tagung der Joachim Jungius- Gesellschaft der Wissenschaften, Hamburg, 9.u.10.Oktober 1969, Seite 57

[13] Jack Goody, Ian Watt und Kathleen Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Übers. Von Friedhelm Herboth. Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, 1. Auflage, Frankfurt a. M., 1986, Seite 15

[14] Jack Goody, Ian Watt und Kathleen Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Übers. Von Friedhelm Herboth. Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, 1. Auflage, Frankfurt a. M., 1986, Seite 80/81

[15] Jack Goody, Ian Watt und Kathleen Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Übers. Von Friedhelm Herboth. Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, 1. Auflage, Frankfurt a. M., 1986, Seite 15

[16] Jack Goody, Ian Watt und Kathleen Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Übers. Von Friedhelm Herboth. Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, 1. Auflage, Frankfurt a. M., 1986, Seite 74

[17] Jack Goody, Ian Watt und Kathleen Gough: Entstehung und Folgen der Schriftkultur, Übers. Von Friedhelm Herboth. Mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer, 1. Auflage, Frankfurt a. M., 1986, Seite 10

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kultur der Schriftlichkeit - Ursprünge und Entwicklung in Deutschland und Frankreich
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Veranstaltung
Interkulturelle Germanistik
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V39563
ISBN (eBook)
9783638382960
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kultur, Schriftlichkeit, Ursprünge, Entwicklung, Deutschland, Frankreich, Interkulturelle, Germanistik
Arbeit zitieren
Kirsten Hauk (Autor:in), 2003, Kultur der Schriftlichkeit - Ursprünge und Entwicklung in Deutschland und Frankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39563

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