Intertextualität in Hjalmar Söderbergs "Martin Bircks Ungdom"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

27 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Intertextualität
2.1 Wortgeschichte
2.2 Intertextualitätsbegriff

3. Intertextualitätstheorie
3.1 Formen der Intertextualität
3.2 Funktionen der Intertextualität
3.3 Modell der Intertextualität

4. Hjalmar Söderbergs „Martin Birck Ungdom”
4. 1 Prätext: Jens Peter Jacobsens „Niels Lyhne“
4.2 Formen der Intertextualität
4.3 Funktionen der Intertextualität

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Hjalmar Söderbergs 1901 erschienenem Roman „Martin Bircks Ungdom“ heißt es an einer Stelle:

Men den första orsaken till deras vänskap var den, att de bägge hade läst Niels Lyhne och älskade den mer än andra böcker.[1]

Wie wir sehen können, wird in diesem Textauszug explizit auf den 1880 erschienen literarischen Text „Niels Lyhne“ des dänischen Schriftstellers Jens Peter Jacobsen (1847-1885) verwiesen. Dass es sich bei diesem intertextuellen Verweis um keinen belanglosen Einzelfall handelt, sondern dass dieser Verweis im Gegenteil eine vom Autor intendierte, textkonstituierende Eigenschaft des Entwicklungsromans „Martin Bircks Ungdom“ darstellt, die wiederum die Sinnkonstitution des Textes maßgeblich bestimmt, möchte ich innerhalb meiner Hausarbeit darlegen. In diesem Sinne beschränkt sich der hier im Mittelpunkt stehende intertextuelle Bezugshorizont ausschließlich auf das Werk „Niels Lyhne“, womit jedoch nicht suggeriert werden soll, dass es keine weiteren Prätexte, d. h. keine anderen literarischen Texte gibt, auf die Hjalmar Söderbergs Roman verweist.

Bevor ich mich jedoch dieser Aufgabe widme, werde ich im ersten Teil meiner Hausarbeit die für die Textanalyse notwendigen theoretischen Voraussetzungen einführen. Ich werde also zunächst den Begriff der Intertextualität erläutern und anschließend eine auf Peter Stocker[2] basierende Intertextualitätstheorie skizzieren.

Im zweiten Teil werde ich mich der Textanalyse von „Martin Bircks Ungdom“ zuwenden. Nach einer kurzen Zusammenfassung beider Texte werde ich zunächst die verschiedenen Intertextualitätsformen, die auf den Prätext „Niels Lyhne“ verweisen, auflisten und kategorisieren. Anschließend werde ich untersuchen, welche Funktionen diese innerhalb des Textes erfüllen und letztendlich versuchen, mithilfe dieser aufgedeckten Textverweise eine abschließende Sinnkonstitution herauszuarbeiten.

2. Intertextualität

Wirft man einen Blick in die literaturtheoretischen Texte zu dem Thema „Intertextualität“ fällt zunächst auf, dass alles andere als Einigkeit über seine Bedeutung herrscht.[3] So schreibt zum Beispiel Plett:

Currently, intertextuality is a fashionable term, but almost everybody who uses it understands it somewhat differently.[4]

Pletts Worte sind m. E. sehr aufschlussreich, da sie auf zwei zentrale Punkte hinweisen: zum einen auf die Popularität des Intertextualitätsbegriffs in der Literaturwissenschaft und zum anderen auf seine unterschiedliche Verwendungsweise. Wenden wir uns zunächst der Popularität des Intertextualitätsbegriffs zu.

2.1 Wortgeschichte

Um zu verstehen, warum der Intertextualitätsbegriff zu solch einem „fashionable term“ in der Literaturwissenschaft avancierte, ist es ratsam, einen Blick auf dessen Entstehung bzw. Wortprägung zu werfen. Das eigentliche Wort „intertextualité“ ist nämlich erst in den späten 60er Jahren von der Kulturwissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva geprägt worden.[5][6] In Anlehnung an Michail Bachtins Dialgogizitätstheorie umschreibt Kristeva mit „Intertextualität“ das literarische Phänomen, dass sich Texte auf andere Texte beziehen.

Bevor ich jedoch etwas genauer auf Kristevas Intertextualitätsbegriff eingehe, möchte ich kurz darauf hinweisen, dass es sich bei dem literarischen Phänomen, das Kristeva als erste auf den Namen „Intertextualität“ taufte, um alles andere als ein neues Phänomen handelt. Pfister schreibt: „Schon seit der Antike haben sich Texte nicht nur in einer imitatio vitae unmittelbar auf Wirklichkeit, sondern in einer imitatio veterum auch aufeinander bezogen, und die Rhetorik und die aus ihr gespeiste Poetik brachten solche Bezüge von Texten auf Texte mit zunehmender Detailliertheit, wenn auch ohne Sinn für den Gesamtzusammenhang, auf den Begriff.“[7] Man sollte sich also nicht dazu verleiten lassen, von der Neuheit der Bezeichnung auf die Neuheit des Phänomens zu schließen.

Obwohl sich Kristeva explizit auf Bachtin bezieht, nimmt Kristeva „entscheidende[n] Umakzentuierungen“[8] vor. So führt sie den Terminus „Intertextualität“ ein, obwohl in Bachtins Konzept der Dialogizität intra textuelle Phänomene, also Stimmen innerhalb eines Textes, im Vordergrund standen und postuliert, dass dieses Phänomen ein Wesensmerkmal aller literarischen Texte sei. In diesem Sinne schreibt sie:

Tout texte se construit comme mosaïque de citations, tout texte est absorption et transformation d’un autre texte. A la place de la notion d’intersubjectivité s’installe celle d’ intertextualité, et le langue poétique se lit, au moins, comme double.[9]

Des Weiteren nimmt sie eine Ausweitung des Textbegriffs vor. Im Gegensatz zu Bachtin unterscheidet Kristeva nicht mehr zwischen literarischen und nicht-literarischen Texten, sondern erklärt kurzerhand „alles, oder doch zumindest jedes kulturelle System und jede kulturelle Struktur“[10] zum Text. Das wiederum hat zur Folge, dass „[b]ei solch einer Ausweitung des Textbegriffes […] natürlich kein Text mehr nicht intertextuell [ist], […] Intertextualität kein besonderes Merkmal bestimmter Texte oder Textklassen mehr [ist], sondern mit der Textualität bereits gegeben [ist].“[11]

Als letzte Umakzentuierung nimmt Kristeva die Dekonstruktion sowohl des Autors als auch des individuellen Subjekts vor. Kristeva zufolge steht nicht mehr der Autor als Erzeuger seiner Texte im Mittelpunkt, sondern die Produktivität geht vollständig auf den Text selbst über, der als Teil eines „texte général“ ständig auf andere Texte verweist. Und so wie „Aktivität und Produktivität dem Text und dem intertextuellen Spiel überschrieben werden, verschwindet die individuelle Subjektivität als intentionale Instanz“[12].

Nach diesem kurzen Überblick über Kristevas Intertextualitätsbegriff, sind wir nun in der Lage zu verstehen, warum er solch eine Popularität erlangt hat. Wie wir gesehen haben, zeichnet sich Kristevas Intertextualitätsbegriff vor allem dadurch aus, dass er eine Eigenschaft aller Texte ist, die in einem „Universum von Texten“ als subjektlose Texte immer wieder auf andere (subjektlose) Texte verweisen. Dieser globale Charakter der „Intertextualität“ wiederum ist es, der laut Stocker für die Popularität des Begriffs verantwortlich ist. So schreibt Stocker:

Was Ende der 60er Jahre den Attraktions- oder Sensationswert von „Intertextualität“ ausmacht, ist der Versuch, ihn als einen Globalbegriff zu etablieren, der manches, was davor vereinzelter Betrachtung überlassen blieb, im Zusammenhang verstehen lässt.[13]

Während Stocker in dem oben genannten Zitat vollkommen richtig den globalen Charakter des Intertextualitätsbegriffs für dessen Popularität verantwortlich macht, geht Pfister noch einen Schritt weiter, indem er auf den literaturtheoretischen Hintergrund, d. h. Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus, dieser Entwicklung hinweist. So schreibt Pfister:

Dies [Bild eines „Universums der Texte“, in dem subjektlose Texte stets aufeinander verweisen] ist die eine Grundvorstellung des Poststrukturalismus und des Dekonstruktivismus, und diese schwindelnde Perspektive markiert auch den theoriegeschichtlichen Ort, dem Kristevas Konzept der Intertextualität entstammt und dem er seine Konjunktur zunächst verdankte.[14]

Pfister zufolge ist es also zu kurz gegriffen, allein den globalen Charakter des Intertextualitätsbegriffs für die Berühmtheit verantwortlich zu machen. Vielmehr hängt die Popularität des Intertextualitätsbegriffs damit zusammen, dass sein globaler Charakter Ausdruck poststrukturalistischer und dekonstruktivistischer Literaturtheorien ist, d. h. dass er, wenn man so will, ideologische Implikationen aufweist.

Dies hatte jedoch zur Folge, dass sich nach einer gewissen Zeit die Stimmen mehrten, diesen Begriff ohne seine ideologischen Implikationen zu verstehen und als einen Oberbegriff für die verschiedensten Formen konkreter Bezüge zwischen Einzeltexten (z. B. Parodie, Travestie, Zitat, Anspielung) neu zu definieren. So bildete sich schließlich eine mehr oder weniger homogene[15] alternative Verwendungsweise des Intertextualitätsbegriffs heraus, was uns zu dem zweiten Punkt, der unterschiedlichen Verwendungsweise des Intertextualitätsbegriffs, bringt.

2.2 Intertextualitätsbegriff

Obwohl man durchaus darin übereinstimmt, dass „Intertextualität […] die Eigenschaft von insbesondere literarischen Texten [bezeichnet], auf andere Texte bezogen zu sein.“[16], d. h. Intertextualität einen Text-Text-Bezug bezeichnet,[17] ist man sich alles andere als einig darüber, „[…] welche Arten von Beziehungen darunter subsumiert werden sollen.“[18] In der Regel lassen sich in der Literaturtheorie zwei Antworten auf diese Frage finden, hier als strukturalistische und poststrukturalistische Positionen bezeichnet.[19] Beschränkt man sich, wie Anhänger der strukturalistischen Position, auf die konkreten Beziehungen zwischen literarischen Texten, d. h. intentionale und spezifische Anspielungen eines Autors auf das Werk eines anderen, bezeichnet Intertextualität eine spezifische, aber nicht notwendige Eigenschaft von literarischen Texten. Geht man jedoch wie Julia Kristeva von der poststrukturalistischen Position aus, dass alle Texte vom Autor losgelöst in einem „Universum von Texten“ unablässig aufeinander verweisen, erscheint Intertextualität als eine essentielle Eigenschaft aller Texte. Während also im poststrukturalistischen Ansatz die Offenheit und der prozessuale Charakter der Literatur im allgemeinen im Mittelpunkt stehen, sieht der strukturalistische Ansatz es als seine Aufgabe an, die Beziehungen zwischen konkreten Texten zu klären und zu systematisieren. Dementsprechend vertreten Anhänger der postrukturalistischen Position einen weiten und Anhänger der strukturalistischen Position einen engen Intertextualitätsbegriff.

Innerhalb meiner Hausarbeit nun werde ich mich ausschließlich auf den engen Begriff von Intertextualität beschränken, da nur dieser die für meine Textanalyse notwendige klare Trennung zwischen Prä- und Posttexten garantiert. Denn eine Unterscheidung von Prä- und Posttexten erscheint mir nur dann möglich, wenn der Prätext nicht die Gesamtheit aller Texte umfasst, wie es nun einmal bei dem postrukturalistischen Ansatz der Fall ist. In diesem Sinne bin ich nicht nur der Ansicht, dass „[f]ür die Textanalyse und -interpretation […] sicher das engere und prägnantere Modell [= die strukturalistische Position] das heuristisch fruchtbarere [ist], weil es sich leichter in operationalisierte Analysekategorien und Analyseverfahren überführen lässt […].“[20], sondern würde vielmehr behaupten, dass nur das strukturalistische Modell eine adäquate Textanalyse ermöglicht.

[...]


[1] Söderberg, Hjalmar (1943): S. 79. Hervorhebung von mir.

[2] Stocker, Peter (1998).

[3] „Der Begriff [der Intertextualität] erscheint vorerst nicht disziplinierbar, seine Polyalenz irreduzibel.“ (Lachmann, Renate: „Ebenen des Intertextualtitätsbegriffs“. S. 134. In: Stierle, K./Warning, R. (Hrsg.) (1984): Das Gespräch. Poetik und Hermeneutik. 11. München. S. 133-138.). „Wenngleich Intertextualität sich in den letzten Jahren als fester Bestandteil der literaturtheoretische Diskussion und auch der interpretativen Praxis etabliert hat, so zeichnet sich der Begriff dennoch bis heute durch eine erstaunliche terminologische Vielfalt sowie durch konzeptuelle Offenheit aus.“ (Schahadat, Shamma: „Intertextualität: Lektüre – Text – Intertext“. S. 366. In: Pechlivanos, Miltos (Hrsg.) (1995): Einführung in die Literaturwissenschaft. Stuttgart und Weimar. 1995. S. 366-377.).

„Dennoch kann heute kaum von einem gesicherten oder ‚disziplinierten’ Begriff ausgegangen werden.“ (Stocker, Peter (1998): S. 16.).

[4] Plett, F. Heinrich (Hrsg.) (1991): S. 3.

[5] Da ich innerhalb dieses Abschnittes nicht auf die Entwicklung des Phänomens bzw. des Begriffs der Intertextualität eingehe, sondern mich mit der Entstehung und Entwicklung des Ausdrucks bzw. des Worts „Intertextualität“ auseinandersetze, habe ich diesem Abschnitt den Titel „Wortgeschichte“ gegeben.

[6] Siehe Kristeva, Julia: „Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman.“ In: Critique (1967) H. 239. S. 438-465. Geringfügig revidiert in: Kristeva, Julia (1969): Sémeiotiké: Recherches pour une sémanalyse. Paris. S. 143-173.

[7] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 1.

[8] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 6.

[9] Kristeva, Julia (1969): Sémeiotiké: Recherches pour une sémanalyse. Paris. S.146.

[10] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 7.

[11] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 8.

[12] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 8.

[13] Stocker, Peter (1998): S. 18.

[14] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 9.

[15] Auch wenn Anhänger dieser Verwendungsweise darin übereinstimmten, dass Intertextualität eine spezifische, aber nicht notwendige Eigenschaft von literarischen Texten darstellt (siehe 2.2 strukturalistischer Ansatz), gibt es durchaus unterschiedliche Ansichten z. B. bezüglich der Frage, ob es sich um ein Spezifikum von Literarizität und Poetitzität oder aber um eine besondere Eigenschaft bestimmter literarischer Texte oder Textsorten handelt, oder aber, ob Intertextualität nur einen Bezug von Einzeltexten auf Einzeltexte oder darüber hinaus noch den Bezug von Einzeltexten auf Textsysteme oder Gattungen beinhaltet.

[16] Aczel, Richard: „Intertextualität und Intertextualitätstheorien.“ S. 287. In: Nünning, Ansgar (Hrsg.) (²2001): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Stuttgart und Weimar. S. 287- 289.

[17] „Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den die heterogenen Richtungen und Diskussionen sich bringen lassen, ist der, dass Intertextualität einen Text-Text-Bezug bezeichnet.“ (Schahadat, Shamma: „Intertextualität: Lektüre – Text – Intertext“. S. 366. In: Pechlivanos, Miltos (Hrsg.) (1995): Einführung in die Literaturwissenschaft. Stuttgart und Weimar. 1995. S. 366-377.).

[18] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 11.

[19] Siehe Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 25.

[20] Broich, Ulrich/ Pfister, Manfred (Hrsg.) (1985): S. 25.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Intertextualität in Hjalmar Söderbergs "Martin Bircks Ungdom"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für nordische Philologie)
Veranstaltung
Skandinavische Prosa der Jahrhundertwende
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V39657
ISBN (eBook)
9783638383769
ISBN (Buch)
9783638655088
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intertextualität, Hjalmar, Söderbergs, Martin, Bircks, Ungdom, Skandinavische, Prosa, Jahrhundertwende
Arbeit zitieren
Katrin Raschke (Autor), 2005, Intertextualität in Hjalmar Söderbergs "Martin Bircks Ungdom", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39657

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