Die mythologische Figur des Titanensohns Prometheus hat über fast alle Jahrtausende das Interesse von Literaten und Künstlern beschäftigt. Prometheus als Feuerbringer und Menschenbildner, als Vorausschauender und listiger Betrüger, Prometheus im Kampf gegen Zeus und, daraus resultierend, als gequälter Büßer für die Menschheit – das künstlerische Repertoire, oder anders gesagt, die individuelle Interpretierbarkeit dieser Figur, die aus vielen Einzelaspekten besteht, ist erschöpfend genug, um dieses Interesse zu rechtfertigen.
Die Geschichte, die hinter Prometheus steckt, sein Schicksal und dessen rätselhaftes Ende, die Offenheit, mit der man Prometheus zum Helden deklarieren oder als Verräter verdammen kann, wurde im Laufe der Zeit immer wieder von Schriftstellern, Philosophen und Künstlern erzählt. Jeder dieser 'Autoren' bringt mit der Art und Weise seines Erzählens auch ein Stück seiner eigenen Persönlichkeit zum Ausdruck und zeigt, allein durch seine thematische Wahl und durch die Konzentration auf einen bestimmten Teilaspekt des Prometheus-Mythos, wie er die Figur des Prometheus versteht und wie er ihn in Erinnerung behalten möchte.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit den bildnerisch-künstlerischen und literarischen Darstellungen der Prometheus-Figur, wobei der Schwerpunkt jedoch eindeutig bei der Kunst liegt.
Durch einen mehr oder weniger stringenten Blick auf mehrere Epochen, Zeitalter und Künstler soll exemplarisch die Spannweite der Prometheus-Darstellungen sichtbar gemacht werden. Die Entwicklung, welche die Prometheus-Figur dabei durchläuft, kann grobpoetisch unter dem Stichwort ‚Menschwerdung’ festgehalten werden.
Wie es dazu kam, dass ein Titanensohn, ein Gott, im Laufe der Geschichte, der Umschreibungen, Mehrdeutungen und Interpretationen immer mehr 'vermenschlicht' wurde, seine Taten und sein Denken immer mehr zu einem individuellen Schicksal und nicht mehr unter eine göttliche Sagen- und Heilsgeschichte gestellt wurden und somit nicht mehr einem ‚fatum’, einer übergeordneten Kraft, folgten, soll Thema dieser Arbeit sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Anfänge: Die Antike
a. Hesiod
b. Aischylos
c. Der Skyphos-Krater des Nessos-Malers
d. Prometheus und Atlas auf lakonischer Schale
3. Bestandsaufnahme: Von Spätantike bis Frührenaissance
4. Bedeutungsveränderungen und erste Schritte zur Menschwerdung: Die Renaissance
a. Boccaccios „Prometheus duplex“
b. Der erste Schritt
c. Die Prometheus-Tafeln des Piero di Cosimo
d. Die verschiedenen Bildtraditionen
e. Die Bedeutungsänderung der Bildtradition
5. Politisierung und Inversion: Der Barock
a. Peter Paul Rubens ‚Gefesselter Prometheus’
b. Jacob Jordaens ‚Der gefesselte Prometheus’
6. Selbstidentifikation, Prototyp und Dekonstruktion: Der Sturm und Drang
a. Johann Wolfgang von Goethe: ‚Prometheus’
7. Bestandsaufnahme: Von Goethe zur Moderne
a. Jacques Lipchitz: ‚Prometheus stranguliert den Adler’
8. Das Prometheische am Menschen: Die Postmoderne
a. Hans Dieter Schaal: ‚Menschenbilder. Körperbilder. Prometheus’
9. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Transformation der mythologischen Figur des Prometheus in der bildenden Kunst und literarischen Quellen. Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich die Deutung vom göttlichen Titanen hin zu einem Symbol der menschlichen Selbstbestimmung und des individuellen Schicksals entwickelte.
- Wandel der Prometheus-Figur von der Antike bis zur Postmoderne
- Interdisziplinäre Analyse von Kunstwerken und literarischen Texten
- Der Prozess der „Menschwerdung“ des Mythos durch Jahrhunderte der Rezeption
- Einfluss soziokultureller und politischer Rahmenbedingungen auf die Darstellung
- Die Rolle des Künstlers als Schöpfer im prometheischen Sinne
Auszug aus dem Buch
Die ‘Prometheus-Tafeln’ von Piero di Cosimo
Der Maler Piero di Cosimo schuf zwischen 1510 und 1515 die „Prometheus-Cassoni”, zwei Tafeln, die an zwei zusammengehörigen Brauttruhen angebracht waren. Die stark querformatige Münchner Tafel zeigt auf der linken und rechten Seite je eine Figurengruppe, die von einer zentrierten, auf einem Podest stehender, Statue getrennt werden. Die linke Gruppe zeigt im Vordergrund drei Männer. Einer der Männer, er ist mit einem roten Gewand und blauem Tuch bekleidet, versucht offensichtlich gerade, den sitzenden, nach unten schauenden, nackten Mann zu biegen, während ein anderer Mann kniend die Arme vor Entsetzen anwinkelt. Im Hintergrund sieht man einen weiteren Mann, der in einer Art Fellkostüm auf einem Baum herumklettert.
Auf der rechten Seite sieht man zwei Männer und eine Frau: die mit einem blauen Gewand und rotem Tuch bekleidete Frau führt ihre Hand gerade zur Brust eines stehenden, mit einem kurzen braunen Gewand bekleideten Mann, dessen linker Arm zum Himmel zeigt. Der dritte Mann, im roten Kleid unter einem Felsen, verbeugt sich demütig von den beiden. Die Statue in der Mitte zeigt einen unbekleideten, im Kontrapost stehenden Jüngling, der seinen rechten Arm nach oben abgewinkelt hat und mit seinem Zeigefinger auf den Himmel zeigt. Im Vordergrund befinden sich einige Arbeitsutensilien: ein Korb, Lehm, Holz und ein Schemel. Im Hintergrund sieht man eine Stadt, grüne Wiesen und blaue Berge, darüber erhebt sich ein freundlicher Himmel mit zwei verschwindenden Götterwagen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die mythologische Figur des Prometheus und Darlegung der zentralen Fragestellung bezüglich seiner „Menschwerdung“ über die Epochen hinweg.
2. Die Anfänge: Die Antike: Untersuchung der antiken Quellen bei Hesiod und Aischylos sowie der frühen bildlichen Darstellungen als gefesselte Figur.
3. Bestandsaufnahme: Von Spätantike bis Frührenaissance: Analyse der Rezeption bei Ovid und der Rolle der Figur im Übergang zum Mittelalter.
4. Bedeutungsveränderungen und erste Schritte zur Menschwerdung: Die Renaissance: Untersuchung der Aufwertung des Künstlers und der Darstellung des Prometheus als „Artifex“ oder weiser Philosoph.
5. Politisierung und Inversion: Der Barock: Analyse der barocken Darstellung bei Rubens und Jordaens, die Prometheus als Gestürzten und die Hybris als Warnung thematisieren.
6. Selbstidentifikation, Prototyp und Dekonstruktion: Der Sturm und Drang: Untersuchung der Bedeutung der Prometheus-Ode von Goethe für die Selbstidentifikation und Individualisierung der Figur.
7. Bestandsaufnahme: Von Goethe zur Moderne: Betrachtung der Bronzeskulptur von Jacques Lipchitz als Ausdruck neuer Handlungsfähigkeit des Mythos.
8. Das Prometheische am Menschen: Die Postmoderne: Analyse der Installation von Hans Dieter Schaal, die Prometheus nicht mehr als Figur, sondern als Idee der menschlichen Selbsterschaffung begreift.
9. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Reflexion über die Vielschichtigkeit der Figur und ihre dauerhafte Faszination als Synonym für Fortschritt und Menschlichkeit.
Schlüsselwörter
Prometheus, Mythos, Menschwerdung, Titan, Bildende Kunst, Renaissance, Barock, Sturm und Drang, Goethe, Ikonographie, Selbsterschaffung, Moderne, Hybris, Götterkult, Anthropologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich die Darstellung des mythologischen Titanen Prometheus in Literatur und Bildender Kunst über die Jahrtausende verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit behandelt den Wandel von der göttlichen Sagenfigur hin zur Projektionsfläche für menschliche Selbstbestimmung, Fortschritt und individuelles Schicksal.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, wie Prometheus durch verschiedene Epochen hindurch „vermenschlicht“ wurde und warum diese Figur als Sinnbild für das menschliche Streben fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein chronologisch-thematischer Ansatz verfolgt, der Bildquellen und literarische Texte im Kontext ihrer jeweiligen epochenspezifischen Rezeptionsgeschichte vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Epochen: von der Antike über die Renaissance und den Barock bis hin zum Sturm und Drang, der Moderne und der Postmoderne.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Prometheus, Menschwerdung, Mythos, Hybris, Ikonographie, künstlerische Selbsterschaffung und Epochenwandel.
Warum spielt die Goethe-Ode eine so entscheidende Rolle in der Arbeit?
Goethes Ode markiert laut Autorin den Wendepunkt der Rezeption, an dem die Figur zur radikalen Selbstidentifikation und zum Protest gegen Autoritäten genutzt wird.
Wie unterscheidet sich die postmoderne Sichtweise auf Prometheus von den vorangegangenen Epochen?
In der Postmoderne fungiert Prometheus nicht mehr als konkrete Figur oder Kunstsujet, sondern als abstrakte Idee menschlicher Innovationskraft und Selbstgestaltung.
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- Franziska Irsigler (Author), 2005, Die "Menschwerdung" des Prometheus in Darstellungen der Bildenden Kunst und literarischen Quellen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39706