Nibelungenlied - Die Versöhnung zwischen Gunther und Kriemhilt


Seminararbeit, 2002

6 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Oliver Tekolf

Das Nibelungenlied - Individuum und Gesellschaft: Die Versöhnung zwischen Kriemhilt und Gunther (Str. 1101-1116)[1]

I.

Bei der Betrachtung einer Szene aus dem Nibelungenlied unter dem Aspekt des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft müssen wir uns natürlich darüber im Klaren sein, daß dieses Verhältnis im Mittelalter ein anderes ist als unser heutiges. Bei der Betrachtung dieses anderen Verhältnisses darf man sich meines Erachtens aber nicht von einer Geschichtsphilosophie und einer daraus folgernden Anthropologie leiten lassen, die darauf hinausläuft, dem mittelalterlichen Menschen eine niedrigere Evolutionsstufe zuzusprechen als die unsere, wie Czerwinski das in seinem Aufsatz "Heroen haben kein Unbewußtes"[2] in der Betrachtung verschiedener mittelalterlicher Texte tut und seine Thesen dann von der Literatur auf die Geschichte transferiert, was unter anderem zu der Behauptung führt, daß "Fähigkeiten zur Abstraktion [...] vor etwa 700 Jahren entstanden sein könnten"[3], und zu der im Titel auf Literatur bezogenen, im Schlußsatz des Aufsatzes historisch formulierten These: "Feudale Adlige haben kein Unbewußtes."[4] Dies erwähne ich nur, um mich bewußt hiervon abzusetzen. Eher schon kann ich Jan-Dirk Müller folgen, der über die Betrachtung mittelalterlicher Epen im allgemeinen und des Nibelungenliedes im besonderen sagt: "Die Epenfigur ist, was von ihr ausgesagt wird. Diese Aussage kann stillschweigend ein gemeinsames 'Wissen' von Erzählern und Hörern einschließen: über ihre historische Alltagswelt im allgemeinen oder auch den Erzählgegenstand im besonderen."[5] Das heißt nichts anderes, als daß schon im Akt des Schreibens bzw. Vortragens des Epos die historische Wirklichkeit der Zeit zumindest mitgedacht wurde. Wenn wir davon ausgehen, daß uns von der Geschichtswissenschaft ein die damalige Wirklichkeit annähernd abbildendes Bild von Umständen und Bedingungen mittelalterlichen Lebens erabeitet wurde, können wir dieses als Hintergrund verwenden, vor dem wir einen literarischen Text jener Zeit betrachten. Dabei können wir einiges bestätigt finden und dadurch leichter verstehen, aber wir können auch zu dem Schluß kommen, daß die Personen des literarischen Textes anders handeln, als wir es von einem mittelalterlichen Menschen erwarten. Die nachfolgenden Betrachtungen wollen sich dieser Prämisse unterwerfen. Ferner soll die Fassung C gelegentlich zum Vergleich herangezogen werden, als zeitgenössischer Versuch, das Nibelungenlied zu "verstehen".

[...]


[1] Das Nibelungenlied wird zitiert nach: [Roswitha Wisniewski (Hrsg.)], Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch herausgegeben von Helmut de Boor, Mannheim 22. rev. u. von Roswitha Wisniewski erg. Aufl. 1988. - Die Zitierung der Strophen erfolgt im fortlaufenden Text in Klammern. Die Handschrift C wird zitiert nach: Das Nibelungenlied nach der Handschrift C, herausgegeben von Ursula Hennig, Tübingen 1977 (= Altdeutsche Textbibliothek 83). - Hierbei erfolgt die Zitierung wie oben mit dem vorangestellten Zusatz "C".

[2] Peter Czerwinski, Heroen haben kein Unbewußtes - Kleine Psycho-Topologie des Mittelalters, in: Gerd Jüttemann, Die Geschichtlichkeit des Seelischen. Der historische Zugang zum Gegenstand der Psychologie, Weinheim 1986, S. 239-272.

[3] Vgl. Czerwinski (1986), S. 243.

[4] Vgl. Czerwinski (1986), S. 255.

[5] Jan-Dirk Müller, Motivationsstrukturen und personale Identität im Nibelungenlied. Zur Gattungsdiskussion um 'Epos' und 'Roman', in: Fritz Peter Knapp (Hrsg.), Nibelungenlied und Klage. Sage und Geschichte, Struktur und Gattung. Passauer Nibelungenliedgespräche 1985, Heidelberg 1987, S. 221-256, hier S. 226.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Nibelungenlied - Die Versöhnung zwischen Gunther und Kriemhilt
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie)
Note
1-
Autor
Jahr
2002
Seiten
6
Katalognummer
V3973
ISBN (eBook)
9783638124744
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Versöhnung, Gunther, Kriemhilt
Arbeit zitieren
Oliver Tekolf (Autor), 2002, Nibelungenlied - Die Versöhnung zwischen Gunther und Kriemhilt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3973

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