Tradition und Kultur: T.S. Eliots Ansatz im Bezug auf Dichtung und Literaturkritik


Seminararbeit, 2005
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Kritik an der Literaturkritik

2. Einfluss der Tradition auf die Dichtung

3. Der Klassiker als reife Form der Literatur und der Kultur

4. Zusammenfassung

Bibliographie

Einleitung

Was ist Literatur? Anhand welcher Kriterien lässt sich bestimmen, ob ein Text als Literatur bezeichnet werden kann oder nicht? Welche Wertmaßstäbe sollten angelegt werden, um festzustellen, ob ein literarischer Text einen hohen Gehalt an Literarizität besitzt oder nicht, ob es sich um „gute“ oder „schlechte“ Literatur handelt?

Literaturgeschichtlich betrachtet lässt sich festhalten, dass die Antworten von denen an das literarische Kunstwerk angelegten Kriterien abhingen und von Stilepoche zu Stilepoche variieren konnten. War es zu einer Zeit vorrangig die Moral nach der Literatur bewertet wurde, so war das Urteil später wiederum eher von der subjektiven Bewertung des Kritikers abhängig.

Diese Arbeit möchte das Werk eines Kritikers und Dichters beleuchten, der sich gegen außerästhetische Kriterien wie z.B. Moral oder Biographie und Psyche eines Autors aussprach und sich für die genaue Analyse der werkimmanenten Kriterien wie der Form und der Struktur einsetzte und weiterhin dazu aufrief, den literarischen Bezug zu schon bestehenden Werken der Literatur als Wertmaßstab an ein literarisches Kunstwerk anzulegen – Thomas Stearns Eliot. Er gilt als der Wegbereiter für eine Strömung, die als New Criticism in die Literaturgeschichte und –theorie eingegangen ist. Diese Arbeit möchte sich jedoch auf das Werk Eliots beschränken und anhand von 9 Essays die Rolle der Kultur und anderer außerästhetischen Kriterien behandeln.

Die Arbeit setzt sich aus vier Teilen zusammen, die aufeinander aufbauen. Im ersten Teil wird erläutert, gegen welche Form der Literaturkritik sich Eliot mit seinem Ansatz abgrenzte und worauf der Fokus der Betrachtung, nach Eliot, gelegt werden sollte. Weg vom Subjektivismus und Psychologismus, hin zur formalen Analyse und zum Vergleich, ließe sich dieser Teil vereinfacht zusammenfassen.

Der zweite Teil soll zeigen, dass Eliot diese normativen Forderungen auch an den Dichter stellte und was für Eliot ausschlaggebend zum Verfassen von Literatur sei. Ein wichtiger Begriff, der hierbei auftaucht, ist der der Tradition.

Im dritten Teil soll hergeleitet werden, dass eben dieser Anspruch, den er mit seinem Begriff der Tradition an den Dichter und an den Kritiker erhebt, nicht völlig abgekoppelt von außerästhetischen Kriterien ist und dass der Begriff der Kultur für Eliot eine wichtige Rolle in seinem Werk spielt, denn Kultur ist eine der Kategorie, auf die sich die Tradition aufbaut und die wiederum von der Tradition beeinflusst wird. Gezeigt werden soll, dass im Begriff der Tradition ein interdisziplinärer Ansatz enthalten ist, der die Signifikanz von Kultur beinhaltet.

1. Kritik an der Literaturkritik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts berief sich die britische Literaturkritik noch immer auf die Tradition der älteren, viktorianischen Literaturkritik, die durch Vertreter wie Hazlitt, Saintsbury oder Hudson geprägt worden war. Der Schreibstil war beeinflusst von der „essayistischen Prosa der Romantiker“, was zu einer „betont unpedantisch, oft unmethodische, dabei aber kultivierten Literaturkritik“ (Weimann)[1] führte. Nicht die objektive Beschreibung des literarischen Kunstwerkes stand im Vordergrund der Literaturkritik, sondern die Ich-bezogene, gefühlsbetonte Schilderung des Kunsterlebnisses, welches durch das Kunstwerk ausgelöst wurde. Diese Beschreibung des subjektiven Kunsterlebnisses auf der Grundlage des „überlegenen Geschmacks und der erhöhten ethischen und ästhetischen Sensibilität des Kritikers“[2] hatte jedoch zur Folge, dass das Urteil über das literarische Kunstwerk äußerst subjektiv-wertend ausfiel. Objektivierbare Fakten und Kriterien die zur allgemeingültigeren Analyse nötig wären, wandten die Kritiker kaum an. Genau diese Tendenz, die willkürliche Vorgehensweise bei der Beurteilung von literarischen Kunstwerken in der Literaturkritik jener Zeit, kritisierte der ebenfalls als Kritiker und Dichter tätige Thomas Stearns Eliot. In seinem Essay Philip Massinger polemisiert Eliot den Subjektivismus englischer Kritiker:

English criticism is inclined to argue or persuade rather than to state; and, instead of forcing the subject to expose himself, these critics have left in their work an undissolved residuum of their own good taste, which, however impeccable, is something that requires our faith. The principles which animate this taste remain unexplained.[3]

Eliot war der Meinung, man müsse das literarische Kunstwerk, z.B. ein Gedicht, auch als solches betrachten, und man solle sich nur der Kriterien zur Beurteilung und zum Verfassen einer Literaturkritik bedienen, die das Gedicht enthalte. Eigene, persönliche Assoziationen, die durch das Kunstwerk hervorgerufen würden, hätten keinen Platz in einer allgemeingültigen Kritik. Deshalb strebte Eliot eine transparentere, objektive Methode zur Analyse von literarischen Kunstwerken an, da diese wichtiger sei, als die subjektiv getätigte Meinungsäußerung eines Kritikers. Eliot schreibt: „It is difficult – it is perhaps the supreme difficulty of criticism – to make the facts generalize themselves; [...] It is an important part of criticism, more important than any mere expression of opinion.”[4]

Um diesem Anspruch gerecht zu werden und das Kunstwerk nur als Kunstwerk zu betrachten, verzichtete Eliot beim Studium und bei der Analyse eines Gedichtes auf andere, außerästhetische Kriterien wie z.B. die Biographie des Autors oder die geschichtlichen Hintergründe im Zusammenhang mit der Entstehung eines Gedichtes. Diese äußerästhetischen, für die Gedichtsanalyse irrelevanten Kriterien sollten ausgeklammert werden, da sie eher hinderlich als förderlich für den Genuss eines Gedichtes seien. Bei Eliot heißt es:

Nach meinen Erfahrungen in der Würdigung von Poesie habe ich immer gefunden: je weniger ich vom Dichter und seinem Werk wußte, bevor ich zu lesen begann, desto besser. [...] eine sorgsame Bereitstellung geschichtlichen und biographischen Wissens hat für mich immer eine Schranke bedeutet.[5]

Dieser neue, mit der traditionellen angelsächsischen Literaturkritik brechende Ansatz lehnte nicht nur die auf einer bürgerlichen Wertvorstellung basierende Herangehensweise der Literaturkritiker ab, sondern forderte zudem auf, sich der dem Gedicht eigenen Form zu zuwenden und die formale Struktur zu analysieren. Nicht die Biographie oder die Psyche des Autors, bzw. das Wissen um darum, sollte Genuss beim Lesen eines Gedichtes bereiten; es sollte das Kunstwerk selbst mit seiner spezifischen Form genossen werden. Eliot begründete diesen Ansatz wie folgt: „Ich will nicht den Mangel an Wissen verteidigen: [...] Mindestens ist es besser, den Antrieb zur Aneignung von Gelehrsamkeit dadurch zu gewinnen, daß man die Dichtung genießt, als anzunehmen, man genieße die Dichtung, weil man sich die Gelehrsamkeit angeeignet hat.“[6] Damit rief Eliot zur Befreiung des Kunstwerkes vom bis dahin üblichen Psychologismus der Literaturkritiker auf, denn für Eliot war nicht der Autor das Vordergründige im Kunstwerk sondern das Kunstwerk selbst.

Eine weitere außerästhetische Kategorie, die für Eliot nicht als Wertmaßstab zur Kritik eines Gedichtes herangezogen werden sollte, ist die der Moral. Da Moral und das Moralverständnis abhängig vom jeweiligen historischen sowie kulturellen Kontext sind und sich diese Wertvorstellungen ändern können, seien sie kein verlässliches Kriterium zum Bewerten von Literatur. In einem seiner Essays heißt es:

Aber vom Standpunkt der Moral werden Urteile über Werke der Literatur nur nach dem Standpunkt der Moral gefällt, den jeweils jede Generation für sich bejaht, ob sie nun nach diesen Standards lebt oder nicht. [...] Aber wenn der gemeinsame Standard sich von seinem theologischen Hintergrund entfernt und infolgedessen mehr und mehr bloß eine Sache der Gewohnheit wird, ist er sowohl dem Vorurteil wie dem Wandel ausgesetzt.[7]

[...]


[1] Weimann, Robert. “New Criticism“ und die Entwicklung bürgerlicher Literaturwissenschaft. Geschichte und Kritik autonomer Interpretationsmethoden. München, 1974. S. 21.

[2] Ebd. S. 28.

[3] Eliot, Thomas Stearns. “Philip Massinger.” The Sacred Wood. Essays on Poetry and Criticism. London, 1960. S. 123.

[4] Ebd. S. 123 f.

[5] Eliot, Thomas Stearns. ”Dante.” Ausgewählte Aufsätze, Vorträge und Essays. Hrsg. v. Wolfgang Wicht. Berlin, 1982. S. 86.

[6] Ebd.

[7] Eliot, Thomas Stearns. “Religion und Literatur.“Ausgewählte Essays 1917 – 1947. Berlin; Frankfurt am Main, 1950. S. 88.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Tradition und Kultur: T.S. Eliots Ansatz im Bezug auf Dichtung und Literaturkritik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Anglistik / Amerikanistik)
Veranstaltung
Literaturtheoretische Texte des 20. Jahrhunderts
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V39778
ISBN (eBook)
9783638384667
ISBN (Buch)
9783656084990
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar der Dozentin: Eine Arbeit, die in Gliederung, Argumentation und Analyse überzeugt! Sehr gut!
Schlagworte
Tradition, Kultur, Eliots, Ansatz, Bezug, Dichtung, Literaturkritik, Literaturtheoretische, Texte, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Jörn Schulz (Autor), 2005, Tradition und Kultur: T.S. Eliots Ansatz im Bezug auf Dichtung und Literaturkritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39778

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