Madonnas "Express yourself". Die Dominanz der weiblichen Sexualität einer postmodernen Femme fatale


Seminararbeit, 2000

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beschreibung des Videos „Express yourself“

3. Der Siegeszug der weiblichen Sexualität und die Abneigung gegenüber körperlichen Festlegungen
3.1. Madonnas Verhältnis zur Sexualität
3.2. Rollensprünge als Widerstand gegen geschlechtliche Rollenzuweisungen
3.3. Madonnas Spiel mit der Ambivalenz

4. Untersuchung der Beziehungen zwischen Text-, Bild- und Musikebene
4.1. Filmtechnische Aspekte
4.2. Beziehung zwischen Text- und Bildebene
4.3. Musikalische Ebene

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Musikvideoclip „Express yourself“ aus dem Album „Like a prayer“ wurde im Mai 1989 erstmals über MTV ausgestrahlt. Es war der erste Clip nach der skandalösen Veröffentlichung von „Like a prayer“. Der Song erreichte den zwei- ten Platz der amerikanischen „Billboards“, jedoch waren die Verkaufszahlen des Albums nicht so hoch wie die der Vorgänger. Dennoch wurde es von der Presse als das bisher künstlerisch hochwertigste Werk von Madonna angesehen. Da Ma- donna großen Wert auf das Einbringen eigener Ideen in dieses Video gelegt hat, beteiligte sie sich mit einer Million Dollar an den Produktionskosten.

In der folgenden Analyse soll Madonnas sexuelles und ökonomisches Machtstre- ben aufgezeigt werden. Anhand der Untersuchung ihres sprunghaften Rollenver- haltens, ihrer aggressiven Einstellung zur eigenen weiblichen Sexualität und dem Spiel mit der Ambivalenz in „Express yourself“ soll veranschaulicht werden, dass Madonna für sich jede Art von Kategorisierung ablehnt und letztlich möglichst viel Raum für Spekulationen bieten möchte. Madonnas Demonstration aggressiver

Dominanz weiblicher Sexualität gegenüber dem Patriarchat versucht auch die Untersuchung von Text-, Bild- und Musikebene und die Analyse der Beziehung der Ebenen zueinander zu vermitteln.

2. Beschreibung des Videos „Express yourself“

Das Musikvideo „Express yourself“ wird eingeleitet durch den Blick auf eine verregnete Großstadt bei Nacht. Die sehr dunkle und kalte Atmosphäre wird unterstützt durch eine blaue bis schwarze Farbgebung. Es folgt eine Szene, in der Madonna auf dem Rücken eines riesigen, steinernen Vogels vor hellem Hintergrund das Publikum fragt, ob es noch an die Liebe glaube. Sie ruft weiter, dass sie im folgenden Clip ihre Vorstellungen von Liebe mitteilen möchte.

Nach diesen einleitenden Worten wird die erste von zwei Ebenen eingeblendet. In dieser ersten Ebene sieht man eine unterirdische Fabrik, in der Männer mit nack- ten Oberkörpern schwer arbeiten. Die Kamera konzentriert sich dabei auf einen bestimmten Arbeiter, der im Folgenden eine wichtige Rolle spielen wird. Unmit- telbar darauf erscheint Madonna in der zweiten Ebene. Sie wendet sich dabei an ein weibliches Publikum und singt, dass die Frauen ihr Selbstvertrauen steigern und ihre Männer dazu bringen sollen, sie so sehr zu lieben, bis sie von ihnen wie eine Königin verehrt werden. Diese Worte erklingen durch einen Lautsprecher hindurch in die untere Ebene, wo sie ein Verhandlungsgespräch zwischen dem Fa- brikchef und einem Verhandlungspartner unterbrechen. Der Chef wendet seinen Blick besorgt in Richtung des Lautsprechers und anschließend hinunter in die Fa- brikhalle, da er bemerkt hat, dass auch der erwähnte Arbeiter aufmerksam die Geräusche geworden ist.

In der folgenden Szene liegt der Arbeiter auf seinem eisernen Bettgestell, woraufhin Madonnas Gesicht wie eine Fata Morgana in seinem Blickfeld erscheint und ihn zum Aufspringen veranlässt. Nun erscheint Madonna in der Fabrikhalle und vollzieht einen obszönen Tanz auf einer Treppe direkt vor den Augen der überraschten Arbeiter. Dabei fordert sie die Frauen auf, ihre Liebe zu überprüfen, indem sie die Männer dazu bringen, ihr Innerstes zu enthüllen.

In der nächsten Szene erscheint Madonna gefesselt auf ihrem Bett liegend. Die Kamera blendet dabei Szenen des Fabrikchefs ein, der mit einer Fernbedienung eine männliche Band in einem Glaskasten wie Marionetten ein- und ausschalten kann und beim Anblick der Musiker einen lüsternen Gesichtsausdruck annimmt. Kurz wird Madonnas schwarze Katze eingefangen, die sich nun auf dem Weg in die Fabrikhalle befindet und in den Armen des Arbeiters landet.

In der nächsten Szene bewegt sich Madonna wie ihre Katze auf allen Vieren auf dem Fußboden. Dies scheint der Arbeiter verstanden zu haben und steht aus sei- nem Bett auf, um sich auf den Weg in Madonnas Tempel zu machen. Als er in ei- nen Fahrstuhl steigt, ergießt sich eine Welle von Milch, die Madonna gerade in ihrem Tempel über ihre Schultern fließen lässt, über sein Gesicht. Schließlich landet er in ihrem Schlafgemach. In diesen Teil werden kurze Szenen aus der Fabrikhalle eingestreut, wo die Arbeiter untereinander schwere Ringkämpfe aus- tragen. Als sich eine erotische Begegnung der beiden andeutet, schließen sich gro- ße Stahltüren, so dass weitere Blicke verwehrt werden. Der Clip endet mit der geschriebenen Zeile „Without the heart there can be no understanding between the hand and the mind“. Damit fasst Madonna ihre Textaussagen zusammen, indem sie für emotionale Verständigung statt materiellen Reichtum in einer Beziehung plädiert.

3. Der Siegeszug der weiblichen Sexualität und Madonnas Abneigung gegen- über körperlichen Festlegungen

3.1. Madonnas Verhältnis zur Sexualität

In der „Penthouse-Szene“ am Anfang des Videos hält Madonna eine schwarze Katze in ihrem Arm. Im Hintergrund erkennt man deutlich, wie durch das Fen- ster die Silhouette eines Schornsteins hindurchschimmert. Diese phallische Kon- struktion, neben der Katze, die umgangssprachlich auch „Pussy“ genannt wird, legt die Vermutung nahe, dass hier der sexuelle Machtkampf zwischen Mann und Frau symbolisiert werden soll.1 In diesem Machtkampf behält Madonna die Ober- hand, da ihre Stellung aufgrund der Einteilung des Videos in Ober- und Unterwelt eindeutig dominant ist.

In dem Video sind klare Anspielungen auf den Film Metropolis auszumachen.

Das Grundmotiv dieses Films ist die Bedrohung eines bestehenden Herrschaftssy- systems durch weibliche Sexualität.2 Bezüge zum Film sind beispielsweise die Aufteilung in Ober- und Unterwelt, die Verbindung beider Welten durch einen Fahrstuhl, Aufnahmen von drehenden Maschinenrädern sowie die Schrifttafel am Ende des Clips. In „Express yourself“ wurde der ursprüngliche Satz aus Metropo- lis „The heart mediates between hand and brain“3 abgeändert zu „Without the heart there can be no understanding between hand and the mind“. In der Moloch-Szene von Metropolis folgt ein Mann nach einem Spiel in den „e- wigen Gärten“4 einer Frau in eine unterirdische Fabrik, wo eine Explosion statt- findet und der Mann schließlich in Ohnmacht fällt. Später verarbeitet er den Alp- traum in der Halluzination des menschenverschlingenden Molochs. Die Funktion dieser Szene ist neben der Gefährdung des Menschen durch unkontrollierbare Technik auch die Bedrohung durch weibliche Sexualität, welche auf die Technik übertragen wird.5

Eine Machtdemonstration weiblicher Sexualität gibt Madonna in der Szene, wo sie auf einer Treppe unten in der Fabrikhalle vor den Augen der Arbeiter einen obszönen Tanz aufführt. In einer Aufnahme greift sie sich in den Schritt und feuert bildlich mit ihrer Hand einen Pistolenschuss auf den Arbeiter ab, welcher angsterfüllt den Kopf herabsenkt.6

Die Bedrohung durch weibliche Sexualität wird hier wiederum untermauert durch Filmzitate aus Metropolis, wo der Treppenaufgang zum Moloch unmissverständ- lich an die podestartige Tanzbühne in der Fabrikhalle erinnert. Madonna verstärkt ihre Absichten weiterhin mit der Übernahme der Kleidung des Herrschers, inklu- sive des Monokels, in dieser Treppenszene. Es soll den Übergang der Herrschaft vom Regenten an Madonna symbolisieren. An den aus anfänglichen Gymnastik- übungen entstandenen wilden Ringkämpfen der Arbeiter lässt sich erkennen, dass der Regent die Herrschaft über sein Reich verloren hat. Die weibliche Sexualität Madonnas hat die Herschaftsstrukturen zerstört und die Macht an sich gerissen, was die Fahrstuhlfahrt des Arbeiters hinauf in Madonnas Tempel als Zeichen der sklavischen Hingabe an Madonna ausdrücken soll.

Als weiteres Element der Bedrohung kann die schwarze Katze aufgefasst wer- den.7 Sie steht symbolisch für Madonna, die sich damit als Inbegriff weiblicher Geschlechtlichkeit äußert. Als sie sich auf den Weg zum Arbeiter macht, um ihn anzulocken, wirken die abwechselnden Einblendungen von Katze und die Zooms auf den Arbeiter wie eine „Konnotation des Angriffs“8. Zudem wirken die rot leuchtenden Augen der Katze in der Einstellung, wo sie sich gerade in den Tunnel begibt, um den Arbeiter anzulocken, fast teuflisch. Damit erfährt Madonnas se- xueller Kreuzzug eine fast biblische Dimension, in der Madonna als personifizier- ter Teufel die Macht an sich reißen will. Die Tatsache, dass Madonnas Augen am Ende des Videos überdimensional über die Stadt blicken, untermauert den erfolg- reichen Machtwechsel weiterhin. Im Bezug auf den Film Metropolis bedeutet dies, „dass nicht mehr Fredersen über Metropolis, sondern Frederike über Madon- >napolis herrschen wird“.9

3.2. Rollensprünge als Widerstand gegen geschlechtliche Rollenzuweisungen

Auffällig an dem Video sind Madonnas häufige Rollenwechsel. In der Anfangs- szene, wo sie auf dem Rücken eines großen Vogels sitzend den weiblichen Zu- schauern verkündet, dass sie nun etwas über ihr Verständnis von Liebe mitteilen möchte, entsteht der Eindruck, Madonna habe eindeutig edle Absichten, zumal diese Aufnahme vor hellem Hintergrund als Symbol für das Gute erscheint. Au- ßerdem wirkt Madonna mit ihren hochgekämmten, blonden Haaren fast engelartig und unschuldig. Auch der große Vogel als Konnotation für Freiheit und Frieden fügt sich nahtlos in diese durchweg gutherzige und von kindlicher Unschuld ge- prägte Botschaft ein. Als sie vom Vogelrücken herab in die Stadt schaut, strahlt sie wie die Heilsbringerin, die die Stadt von ihrem Elend erlösen möchte.

In der „Penthouseszene“ wirkt sie dagegen durchgestylt und berechnend. Damit bricht sie mit der anfänglichen Unschuld. Sie erscheint wie eine Ratgeberin, die in machtvoller Position der Oberwelt singt, man brauche keine materiellen Reichtümer in einer Beziehung.

In der nächsten Szene sieht man Madonna als „verführerischen Vamp“, der in der kühlen Atmospäre eines schwarz-weiß ausgestatteten Fotostudios erotische Tanz- einlagen aufführt. Damit spiegelt sie die sexuellen Phantasien des Arbeiters wider, da die Kamera kurze Passagen des träumenden Arbeiters auf seinem eisernen Bettgestell einfährt. Die „Vamp-Szene“ lässt eindeutig erkennen, dass der Arbeiter Madonna und damit der weiblichen Sexualität hörig geworden ist .

Schließlich gibt sich Madonna in der Treppentanzeinlage in der Fabrikhalle als Frau in einem männlichen Geschäftsanzug zu erkennen. Diese symbolisierte Machtübernahme Madonnas, inklusive der Kleidung des früheren Regenten, ent- hält die Komponente der Hosenrolle.10 Sie kann gedeutet werden als Widerstand gegenüber traditionellem Rollenverhalten oder auch als Befriedigung der Erwar- tungshaltung der Zuschauer, da dies zu ihrem festen Showrepertoire gehört.

[...]


1 Vgl. Grigat, Nicoläa: Madonnabilder. Dekonstruktive Ästhetik in den Videobildern Madonnas. Frankfurt a.M. 1995, S. 62.

2 Vgl. Ebd., S. 63.

3 Ebd., S.62.

4 Ebd., S. 63.

5 Vgl. Ebd., S. 64.

6 Vgl. Ebd., S. 64.

7 Vgl. Ebd., S.61.

8 Ebd., S. 61.

9 Ebd., S. 66.

10 Ebd., S. 66.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Madonnas "Express yourself". Die Dominanz der weiblichen Sexualität einer postmodernen Femme fatale
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Musikwissenschaftliches Institut der Ruhr-Universität -Bochum)
Veranstaltung
Madonna - gesungene Beschwörung weiblicher Sexualität
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V39877
ISBN (eBook)
9783638385428
ISBN (Buch)
9783668166172
Dateigröße
896 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit richtet sich auch an Fernseh- und Medienwissenschaftler
Schlagworte
Madonnas, Express, Dominanz, Sexualität, Femme, Madonna, Beschwörung, Sexualität
Arbeit zitieren
Marco Antonic (Autor), 2000, Madonnas "Express yourself". Die Dominanz der weiblichen Sexualität einer postmodernen Femme fatale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39877

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