«Être un peuple minoritaire dans une fédération, c'est être un peuple annexé.»1 – dieses Zitat des Historikers Maurice Séguin kann als exemplarisch für den heutigen Nationalismus in der kanadischen Provinz Québec gelten. Dabei verfügt der Nationalismus in Québec über wahrlich breiten Rückhalt in der Bevölkerung. So wäre es 1995 beinahe zu einem Austritt Québecs aus der kanadischen Föderation gekommen; damals sprachen sich immerhin 49,4% der Wahlberechtigten in einem Referendum für die Unabhängigkeit der frankophonen Provinz aus.2 Das Ergebnis dieses Referendums zeigt die ungebrochene Aktualität des Nationalismus in Québec, der in dieser Arbeit thematisiert werden soll. Dabei wollen wir zwecks Begriffsklärung in einem ersten Schritt versuchen, uns dem Phänomen "Nationalismus" theoretisch anzunähern. Das ist schon deshalb erforderlich, weil Begriffe wie "Nationalismus", "Nationalist", "nationalistisch" durch ihren häufigen Gebrauch im öffentlichen Diskurs stark verwässert sind und insbesondere im Deutschen eine stark negative Konnotation aufweisen. Im Gegensatz zu diesem populären Gebrauch werden sie in der vorliegenden Arbeit als objektive wissenschaftliche Begriffe verwendet. Dementsprechend sollen die Eigenheiten des Québecer Nationalismus anhand des begrifflichen Instrumentariums der Nationalismus-Theorie erarbeitet werden. Dabei liegt der Schwerpunkt der Betrachtung auf dem Zeitraum von etwa 1970 bis zur Gegenwart – mithin auf der Periode, in der der Québecer Nationalismus seine stärkste politische Bedeutung entfaltet hat. Gezeigt werden soll, was die Québécois mit anderen nationalistischen Bewegungen auf der Welt verbindet und wo die Besonderheiten dieses Nationalismus liegen, eines Nationalismus, dessen separatistische Tendenzen für den kanadischen Bundesstaat manche Zerreißprobe bedeutet haben. Gefragt werden soll schließlich auch, ob eine Unabhängigkeit Québecs in naher Zukunft wahrscheinlich ist – und inwieweit das nationalstaatliche Projekt den Interessen der dortigen Bevölkerung überhaupt entgegenkommt. 1 Séguin, Maurice L'idée d'indépendance au Québec, Montréal 1977, 9. 2 Zit. n. <http://pages.infinit.net/histoire/referd95.html>. Siehe auch Abschnitt XY.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Was ist Nationalismus?
2. Die Grundlagen des Québecer Nationalismus
2.1. Die Anfänge
2.2. La conquête
2.3. Die verpasste Revolution
2.4. Das Dominion of Canada
2.5. Die kanadische Vernunftehe
3. Der Québecer Nationalismus nach 1960
3.1. Die Révolution tranquille
3.2. Der Parti Québécois
3.3. Die Sprachpolitik
4. Der Québecer Nationalismus heute
4.1. Kritik des Québecer Nationalismus
Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Nationalismus in der kanadischen Provinz Québec im Zeitraum von etwa 1970 bis zur Gegenwart. Ziel ist es, die spezifischen Ausprägungen dieses Nationalismus theoretisch einzuordnen, die separatistischen Tendenzen kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, inwieweit das Ziel einer staatlichen Unabhängigkeit den Interessen der Bevölkerung tatsächlich dient.
- Theoretische Grundlagen des Nationalismusbegriffs
- Historische Voraussetzungen des Québecer Nationalismus
- Die Auswirkungen der "Révolution tranquille"
- Politischer Einfluss des Parti Québécois und Referenden
- Die Bedeutung der Sprachpolitik (Loi 101)
Auszug aus dem Buch
1. WAS IST NATIONALISMUS?
Nationalismus ist eine Ideologie, die für die Deckungsgleichheit von staatlichen und kulturellen Einheiten plädiert. Anders ausgedrückt: Der Nationalismus tendiert zum Nationalstaat. Was aber ist eine "Nation"? Zu dieser Frage hat Benedict Anderson eine überzeugende Definition eingeführt, indem er Nationen als "vorgestellte Gemeinschaften" (imagined communities) bezeichnet. Denn ganz gleich, auf welcher Grundlage sich eine Nation definiert – sei es Kultur, Sprache, Geschichte, Religion – entscheidend ist immer der Glaube der Mitglieder der Nation, dass sie infolge der genannten Faktoren eine Gemeinschaft bilden würden und dementsprechend auch gleiche Interessen hätten.
Dieses Konzept hat mit der Wirklichkeit nur wenig gemein. Denn tatsächlich ist es so, dass die Mitglieder einer Nation einander in der Regel gar nicht kennen und dass sie auch nur selten übereinstimmende Interessen haben; statt dessen stehen sie in Bezug auf die meisten materiellen und ideellen Güter dieser Welt in Konkurrenz zueinander. Was nun die gemeinsame Kultur betrifft, die die Mitglieder der meisten Nationen für sich in Anspruch nehmen, so hält auch diese einer kritischen Überprüfung nicht stand.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik des Nationalismus in Québec und Darlegung der wissenschaftlichen Herangehensweise.
1. Was ist Nationalismus?: Theoretische Definition des Nationalismusbegriffs unter Rückgriff auf Konzepte wie "vorgestellte Gemeinschaften".
2. Die Grundlagen des Québecer Nationalismus: Historischer Abriss von den Anfängen der Kolonisierung bis zur Gründung des Dominion of Canada und den verschiedenen Formen des frankokanadischen Nationalismus.
3. Der Québecer Nationalismus nach 1960: Analyse der "Stillen Revolution" (Révolution tranquille), der Rolle des Parti Québécois und der zentralen Bedeutung der Sprachpolitik.
4. Der Québecer Nationalismus heute: Untersuchung des aktuellen Zustands, der rechtlichen Grenzen einer Sezession sowie der Kritik an der nationalistischen Zielsetzung.
Schlussbemerkung: Zusammenfassendes Fazit zur Entwicklung und Bewertung des Québecer Nationalismus als gesellschaftliches Phänomen.
Schlüsselwörter
Québec, Nationalismus, Kanada, Révolution tranquille, Parti Québécois, Separatisums, Sprachpolitik, Loi 101, Identität, Souveränität, Ethnische Nation, Frankophonie, Geschichte, Politik, Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Nationalismus in der kanadischen Provinz Québec, dessen Entstehung und die politische Entwicklung der separatistischen Bestrebungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Definition des Nationalismus, die historische Entwicklung in Québec, die kulturelle Identität, die Rolle der Sprache und die ökonomischen sowie politischen Argumente für eine Unabhängigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Québecer Nationalismus wissenschaftlich objektiv zu betrachten und die Erfolgsaussichten sowie die Sinnhaftigkeit einer Sezession zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse der Nationalismus-Forschung sowie eine historische Aufarbeitung der politischen Ereignisse in Québec.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historischen Grundlagen, den gesellschaftlichen Wandel nach 1960, die Rolle politischer Akteure wie des Parti Québécois und die Bedeutung der Sprachgesetze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Québec, Nationalismus, Révolution tranquille, Separatisums, Sprachpolitik und nationale Identität.
Warum war das Referendum von 1995 so bedeutend?
Es markierte einen entscheidenden Moment, in dem die Unabhängigkeit Québecs mit 49,4 % der Stimmen denkbar knapp verfehlt wurde, was das hohe Mobilisierungspotenzial der separatistischen Bewegung zeigt.
Welche Rolle spielt die Loi 101 für den Nationalismus?
Die Loi 101 (Charte de la langue française) ist das zentrale Instrument zur Durchsetzung des Französischen im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben, um die Identität der Québécois zu schützen.
Ist ein Austritt Québecs aus Kanada realistisch?
Aufgrund rechtlicher Hürden (Urteil des Obersten Gerichtshofes von 1998) und der Haltung der kanadischen Regierung ist eine einseitige Abspaltung nach Einschätzung der Arbeit extrem unwahrscheinlich.
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- Arne Friedemann (Author), 2005, Der Nationalismus in Québec, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40231