Die Koordination der Massen im Kontext der kulturtheoretischen Betrachtungen (nach Sigmund Freud)


Seminararbeit, 2005
16 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Themenstellung

3. Freud und die Kultur

4. Das Krokodil in uns

5. Es, Ich und Über-Ich

6. Von der Ich zur Wir-Analyse

7. Die Kultur sind wir

8. Die Koordination der Massen

9. Resümee und Ausblick

10. Literaturverzeichnis

11. Musiknachweis

12. Filmnachweis

13. Anhang

„Es scheint festzustehen, dass wir uns

in unserer heutigen Kultur nicht wohl fühlen,

aber es ist sehr schwer,sich ein Urteil

darüber zu bilden, inwieweit die

Menschen früherer Zeiten sich glücklicher

gefühlt haben und welchen Anteil ihre

Kulturbedingungen daran hatten“

(Freud, 1930, S 55 )

1. Einleitung

Alle neuen Erkenntnisse und Einsichten pflegen sich an bereits Erschlossenem zu reiben, stellen bisher Erfahrenes infrage, werden eingangs skeptisch betrachtet und oft wird ihnen etwas abgewonnen. Im Idealfall verfügen sie über ein Ergänzungspotenzial und beleuchten Nischen, welche sich bis vor kurzem noch vor einem verschlossen zu haben scheinen.

Das hier zu behandelnde Thema ist vielmehr ein Versuch, sich einem Spektrum zu nähern, welches in der politikwissenschaftlichen Forschung über wenig Stellenwert verfügt, wenngleich es in vielen Forschungsansätzen (wenn auch unter anderen Vorzeichen) ubiquitär ist. Gemeint sind psychoanalytische Betrachtungsweisen[1], welche vielmehr auf die Zäsuren des Individuums bei der so genannten Zivilisationswerdung[2] abzielen. Die Theorie- und Methodenentwicklungen der letzten Dekaden innerhalb der politikwissenschaftlichen Forschung, versuchten notweniger Weise sukzessive ihren Dimensionsradius zu erhöhen. Die Beziehung der spezifischen Theoriekorrelate und deren Interdependenzen zum einen, und andererseits, der anhaltende Versuch sich Theorien aus den politikwissenschaftlichen Randbezirken (Philosophie, Soziologie, Rechtswissenschaften etc.), zu bedienen, führte zu einem Dickicht, an nur schwer für die politikwissenschaftliche Forschung modifizierbaren Ansätzen. Diese durchaus begrüßenswerte und fruchtbare Interdisziplinarität wirft eine dringende Frage auf, nämlich jene, an welcher Stelle der Theorieetablierung die Relevanz psychoanalytischer Ansätze einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn erbringen kann. Bei der näheren Betrachtung der politikwissenschaftlichen Forschungsansätzen; beginnend mit den Makro-Theorien (normativ-ontologischer Ansatz, historisch-dialektischer Ansatz und empirisch-analytischer Ansatz) bis hin zu systemtheoretischen, strukturalistischen, institutionalistischen, korrelationsanalytischen- und machtanalytischen Ansätzen (um nur einige zu nennen), scheint die Analyse des Individuums - als ein wesentlicher Bestandteil der Gesellschaft, - einer gewissen Verwässerung zu unterliegen.

Die Einkreisung des hier zu verhandelnden Themas wirft einige Schwierigkeiten auf. Es grenzt nahezu an Fahrlässigkeit, wesentliche historische Entwicklungsinstanzen im Zivilisationswerdungsprozess unberücksichtigt zu lassen. Im Wissen, dass die Triebzähmung als eines der wichtigsten Instrumente der Zivilisierungskräfte fungieren, entschied ich mich für einen historischen Abschnitt, welcher aufgrund der psychoanalytischen Studien Freuds einen wesentlichen Erkenntnisschub in der Betrachtung der Zivilisationsprozesse einbrachte. Eine Entscheidung für diese Etappe bringt zwei wesentliche Vorzüge. Zum einen, lässt sich mit Freuds Konzeption des Über-Ichs und der Entdeckung des Unbewussten ein roter Faden in die Vergangenheit zurückverfolgen, - ein anderer Vorzug ist die Aufhebung der Vergangenheitsform ganz allgemein[3]. Wenn wir von Zivilisationsprozessen sprechen, müssen wir diese auch immer in einer dynamischen Gegenwart denken. Es wäre sehr verkürzt gedacht, wenn angenommen wird, dass wir per se zivilisiert sind. Die heute vorliegende Zivilisation der Massen[4], ist mit Sicherheit ein Resultat aus Staatenbildung, Machtmonopolisierung, Ökonomie, Bildung, staatliches Gewaltmonopol etc. Diese Faktoren trugen wesentlich dazu bei, Sicherungsinstanzen über das Mittel der zivilisierten Ordnung zu konstituieren. Dies sind aber nur die externen Rahmenbedingungen, welche im engen Zusammenhang mit internen (subjektorientierten) zu sehen sind. Sozialisation und Bildung könnten den externen Rahmenbedingungen als interne gegenüberstehen. Systemtheoretisch ausgedrückt, wäre dies treffend mit der System-Umwelt Differenz (vgl. Luhmann, 1987, S 242) zu beschreiben.

2. Themenstellung

"Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung gehabt wie diesmal, daß ich allgemein Bekanntes darstelle, Papier und Tinte, in weiterer Folge Setzarbeit und Druckerschwärze aufbiete, um eigentlich selbstverständliche Dinge zu erzählen"(Freud, 1930, S 80).

Was für Freud so selbstverständlich und doch wieder so komplex ist, lässt bei der Einkreisung des Themas zahlreiche Schwierigkeiten aufkommen. Ich habe mich dazu entschlossen, als Grundlage dieser Arbeit einige kulturtheoretische Schriften Freuds auszuwählen, welche die im Seminar behandelnden Themen weitestgehend abdecken, oder voraussetzen. In erster Linie erschienen mir die Schriften „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) und „Die Zukunft einer Illusion“ (1927) als besonders beispielhaft und aufschlussreich, zumal sie die Konstitution der Kultur durch den Einsatz eines Über-Ichs (bzw. Kultur-Über-Ichs[5]) als notwendige Voraussetzung haben. Die besondere Rolle dieser Instanzen lassen am deutlichsten eine Weiterentwicklung des Kulturbegriffs entstehen und erfahren in der Gegenwart, wie auch in der Vergangenheit, stichhaltige Nachweise über deren Besetzung und Auswirkungen auf die Gesellschaft und letztlich auf das Individuum innerhalb der Kultur selbst. Freud nimmt im „Unbehagen in der Kultur“ noch mal Bezug auf „Die Zukunft einer Illusion, was die Interpretation zulässt, dass die Besetzung des Über-Ichs durch die Religionsgläubigkeit[6], als ein kritisch zu beurteilendes Massenphänomen ist.

Warum lohnt sich gerade eine Beschäftigung mit Freuds Kulturanalyse, wenn es sich doch nicht um einen unserer Wissenschaft verwandten Theoretiker handelt? Nun, wie bereits in der Einleitung hingewiesen, weisen einige Theorien der politikwissenschaftlichen Forschung gerade in Bezug auf das psychologische Individuum einige Insuffizienzen auf. Oder anders formuliert: Wir analysieren Machtkonstellationen, Gesellschaftsstrukturen, Institutionen, Staaten und politische Systeme etc. Bei näherer Betrachtung sind es doch die Individuen, die immer in einer Beziehung zueinander reagieren und agieren, sich beeinflussen und unterdrücken. Biografische Analysen berühmter Führungspersönlichkeiten erbringen oftmals umstrittene Beweise dafür, warum welche Entscheidungen zu bestimmten Zeitpunkten ihrer Machtausübung getroffen wurden. Klammern wir die Bedeutung von psychologischen Kategorien aus, unterlassen wir einen wesentlichen Erkenntnisprofit.

3. Freud und die Kultur

Hat man/frau einmal das psychoanalytische Theoriegebäude betreten, fällt ein Verlassen schwer. Zu faszinierend erscheinen die unterschiedlichen Räume mit ihrem Inventar, das trügerische Schimmern von Wahrheit und Schlüssigkeiten und die Türen zu Zimmern, an welchen sich zweifelsohne bereits der Zahn der Zeit sich zu schaffen machte, stehen weit offen. Führen wir die Gebäudemetaphorik weiter, werden wir schnell einer schmalen Treppe in den Keller folgen. Denken wir uns konsequenter und sich aufdrängender Weise den Keller als das Unbewusste. Ohne diesen Keller, oder der Erforschung der dort verdrängten und abgelegten Relikte, können psychoanalytische Erkenntnisse nicht „das Oben“ (demnach das Bewusste) erklären. Das Gebäude, oder das Haus dient nicht zuletzt als brauchbare Metapher, da ein Keller durchaus mit Unaufgeräumtheit und Dunkelheit assoziiert werden kann, oder gar die nicht Anwesenheit eines Kellers beim Gebäude sukzessive zu erheblichen Beschädigungen führen kann.

Freuds kulturtheoretische Betrachtungen können als Anbau an das psychoanalytische Gebäude gedacht werden. Nachdem Freud die Analyse des Subjekts, oder schöner ausgedrückt, des Individuums, gewidmet hat, kann es nur als logische Konsequenz bezeichnet werden, dass die Kultur eine wesentliche Rolle in seinem Spätwerk eingenommen hatte. In sehr eindeutigen Worten verortet Freud in den Kultivierungsprozessen erhebliche Ursachen für das individuelle Unbehagen bis hin zu neurosengenerierenden Kräften. Neben einigen beispielhaften Belegen, verorten Freud gerade im Triebverzicht und anderen Einschränkungen das grundlegende Dilemma des Subjekts zwischen Kultur-Über-Ich und Ich. "Wenn man dem Eindruck nachgibt, ist man versucht zu sagen, die Sublimierung sei überhaupt ein von der Kultur erzwungenes Triebschicksal" (Freud, 1930, S 63) . Ferner kommt jedoch Freud zu dem Entschluss, wie viele Kulturtheoretiker schon vor ihm :“ "Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am größten vor jeder Kultur, allerdings damals meist ohne Wert, weil das Individuum kaum imstande war, sie zu verteidigen" (Freud, 1930, S 61). Letztere Feststellung ordnet sich in Thomas Hobbes Staatskonzeption („Leviathan“) ein, worin die Überwindung des Naturzustandes („Homo homini Lupus“, „Der Mensch ist des Menschen Wolf“) die eigentliche Hauptaufgabe des Staates darstellt und die Triebzähmung erst die Voraussetzung einer Staatskonstruktion mit ihren Institutionen sein kann. Was bei Hobbes noch als eine Art Tauschgeschäft „Sicherheit gegen Freiheit“ gelesen werden kann, meint Freud naturgemäß pessimistischer und sieht im Zivilisationsprozess in erster Linie eine Anerkennung von Leidensquellen und Triebunterdrückungen.

4. Das Krokodil in uns

"Doch finden wir alle einfachen Lebensformen noch heute unter den Lebenden. Das Geschlecht der Saurier ist ausgestorben und hat den Säugetieren Platz gemacht, aber ein richtiger Vertreter dieses Geschlechts, das Krokodil, lebt noch mit uns" (Freud, 1930, S 35).

Das hier sehr pointiert entworfene Bild des Krokodils in uns, ist jenes, was im Laufe des Kulturprozesses zwar zu Einschränkungen gezwungen wurde, aber dessen Akzeptanz als eine notwendige Voraussetzung gesehen werden muss, wenn Zivilisierungsprozesse und deren Erhalt erörtert und verstanden werden sollen. Gemeinhin werden Kulturprozesse gegenwärtig in Vergangenheitsformen gedacht. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass diese Prozesse einer permanenten Modifikation und Transformation unterliegen. Im historischen Rückblick erscheinen uns besonders auffällige Daten der Kultivierung (bspw. Revolutionen, Aufstände, Staatenbildung, technische Errungenschaften etc.) als plausibel und verglichen mit den gegenwärtigen Anforderungen unserer Gesellschaft als notwendig und nicht mehr wegzudenken. Eine funktionierende Ökonomie, ohne wesentliche staatliche oder private Sicherheitsvoraussetzungen erscheint ebenso undenkbar, wie ein gegenseitiges Verständnis und Anerkennung sozialen Beziehungen. Die Zentrierung eines staatlichen Gewaltmonopols und die Akzeptanz über dessen Ausübung, treffen dieser Tage selten auf Unverständnis. Diese Produkte der Zivilisierungskräfte setzen maßgebliche Zähmungen der Leidenschaften mit sich. Stark verkürzt ausgedrückt, ist die Triebunterdrückung nach Freud eine der wesentlichen psychischen Kultivierungsprozesse, welcher jedoch Energien bindet und durch Sublimierungsmechanismen zu tage treten. Diese werden zwar vom Objekt abgewendet, richten sich aber über den Umweg der Sublimierung gegen das Subjekt selbst und führt zu einem Unbehaglichkeitsgefühl in der Kultur. Was bleibt sind Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb, welcher immer im Konflikt des Einzelnen mit der Kultur steht (vgl. Freud, 1930, S 108).

[...]


[1] Diese Feststellung erfordert eine wichtige Konkretisierung: Wenn hier die Rede von psychoanalytischen Betrachtungsweisen ist, dann versteht sich dies im engen Zusammenhang mit den hier zu verhandelnden Analysen Sigmund Freuds, welche eingangs die Analyse des Subjekts in das Zentrum seiner Studien stellte. Politikwissenschaftlich übersetzt, kann die subjektzentrierte Analyse etwas unscharf mit „qualitativer Akteursanalyse“ übersetzt werden. Auch hier muss angemerkt werden, dass die Akteursanalyse mehr das soziale Rollenverhalten der jeweiligen Akteure zu analysieren im Stande ist, weniger die psychologischen Hintergründe.

[2] Wenn in dieser Arbeit der Begriff „Zivilisation“ benutzt wird, definiert sich dieser an die Freudsche Auffassung, dass die menschliche Kultur von der Zivilisation nicht getrennt betrachtet werden kann und soll (vgl. Freud, 1927, S110)

[3] Der psychische Apparat wird als feststehende Grundlage in seiner ganzen Komplexität angenommen. Erst die Erkenntnisse über das Unbewusste und die Reaktion auf die Außenwelt schaffen Erklärungen über den gegenwärtigen Stand der Kulturwerdung.

[4] Der Begriff Masse wird an einer anderen Stelle noch konkretisiert werden.

[5] Auf eine genaue Erklärung über den Unterschied wird im Kapitel 5 noch näher eingegangen.

[6] Wenn Freud über „Die Religiongläubigkeit“ spricht, denkt er diesen Begriff als Erklärung der Gefolgschaft. Die Vereinigung der Massen subsumiert unter ein gemeinsames Ziel. Gemein ist den Individuen die Besetzung ihres Ichideals in Form eines Gottes bzw. eines charismatischen Führers. "Man darf also sagen, diese Götter waren Kulturideale. Nun hat er (Anm. der Kulturerwerb) sich der Erreichung dieses Ideals sehr angenähert, ist beinahe selbst ein Gott geworden“ (Freud, 1930, S 57)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Koordination der Massen im Kontext der kulturtheoretischen Betrachtungen (nach Sigmund Freud)
Hochschule
Universität Wien  (für Politikwissenschaft der Universität Wien)
Veranstaltung
Seminar mit dem Titel: Leidenschaft und Politik
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V40300
ISBN (eBook)
9783638388443
ISBN (Buch)
9783638790598
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhand Freuds Über-Ich Konzeption des psychischen Apparates wurde hier versucht, diese auf die politischen Massen anzuwenden. Der Untertitel dieser Arbeit ist "Von der Ich- zur Wir-Analyse". Die Frage ist warum wir so handeln, wie wir handeln und welche Rolle dabei das manipulative Moment des Über-Ichs spielt und warum es so wesentlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist. Zudem wird auch die Rolle der Religion, sowie der Kunst und der Kultur einge Aufmerksamkeit zukommen.
Schlagworte
Koordination, Massen, Kontext, Betrachtungen, Sigmund, Freud), Seminar, Titel, Leidenschaft, Politik
Arbeit zitieren
Mag. Christoph Virgl (Autor), 2005, Die Koordination der Massen im Kontext der kulturtheoretischen Betrachtungen (nach Sigmund Freud), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40300

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