Franziskus von Assisi. Personifikation laikaler Armutsbewegung im 12./13. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

16 Seiten, Note: sehr gut (1,0)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstitution des Armutsbegriffs in die hochmittelalterliche Lebenswelt von Franziskus
2.1 Freiwillige vs. unfreiwillige Armut
2.2 Hochmittelalterliches Armutsideal - Bedürfnis einer neuen Gesellschaft?

3. Franziskus von Assisi - Der Weg zur paupertatem
3.1 Die Jugend - Spiegelbild der neuen bürgerlichen Kultur
3.2 Konversion und Beginn der fraternitas minores

4. Franziskus´ Armut - eine Bedrohung für die römische Kirche?

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur

7. Quellen

1. Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit reiht sich in die umfangreiche Forschungsliteratur zur Armut des Franziskus ein und versucht zunächst, wenn auch nur skizzenhaft, den Begriff der freiwilligen von der unfreiwilligen Armut abzugrenzen, um dann von diesen an sich noch allgemeinen Beschreibungen den gesellschaftlichen Kontext des hohen Mittelalters in Italien darzustellen. Dies erscheint mir deswegen sinnvoll, da durch einen solchen Rahmen die Lebenswelt von Franziskus besser dargestellt werden kann.

Keine andere Biografie verdeutlicht meines Erachtens durch ihre Zweiteilung so präzis das erwachende Bewusstsein der damaligen Laiengesellschaft. Wenn seine Jugend gerade von der aus den Artusromanen vermittelten ritterlichen Idealität geprägt war, so steht Franziskus nach seiner Bekehrung pars pro toto für die neue Laienfrömmigkeit, deren Signifikanz die radikale Armut war. Deswegen soll diese im letzten Kapitel einerseits als solche analysiert werden. Schlussendlich möchte ich andererseits ihre Ambivalenz zum klerikalen Modell diskutieren und die Reaktion der römischen Kirche herausarbeiten.

2. Konstitution des Armutsbegriffs in die hochmittelalterliche Lebenswelt von Franziskus

2.1 Freiwillige vs. unfreiwillige Armut

Armut im heutigen Verständnis definiert sich als ein problematischer Zustand, als ein sozialer Missstand, dessen Vermeidung bzw. Überwindung Ziel moderner Gesellschaften ist. Dieser Prozess der Überwindung beginnt mit dem erwachenden Bewusstsein und der damit verbundenen aktiven Begegnung der sozial unteren Schichten in der modernen postfeudalen europäischen Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts.[1]

Armut, und das nicht erst seit dem Mittelalter, hat jedoch noch eine andere Seite: Während die eben anskizzierte Variante alternativlos bleibt, verfügt die freiwillige Armut bereits über eine Alternative der eigentlichen Andersheit, die in Opposition zur unfreiwilligen Armut steht: Der freiwillige Arme ist jemand, der nicht arm sein bräuchte, der eigentlich, so er denn wollte, reich sein könnte und dieses Bewusstsein macht seine Souveränität aus.[2]

Es stellt sich dennoch die Frage nach Erklärungsmustern für die Konstitution freiwilliger Armut. Eine Möglichkeit läge im Aufbegehren gegen den sozialen Missstand, der der Armut zugrunde liegt. Indem Armut freiwillig aufgebürdet wird, begründet sich die Hoffnung in der Aufhebung dieses Mangelzustandes bzw. in der Umkehrung des Mangels in die paradiesische Fülle.[3]

„Freiwillige Armut ist desweiteren ein gemeinschaftsstiftendes kollektives Handlungsmuster und liegt in dieser Funktion den verschiedensten sozialen Formationen zugrunde. Ebenso wie die integrativen Funktionen der unfreiwilligen Armut muß die kulturgeschichtliche Bedeutung der freiwilligen Armut, ihre kreative Potenz als soziales Organisationsprinzip, betont werden.[4]

Letztlich, so Kehnel, stelle Armut stets ein Medium der Geltungsansprüche dar. Der freiwillig Arme hält dem Reichen immer eine Alternative vor Augen, die dem Reichtum moralisch überlegen ist und diese Alternative gibt dem scheinbar Machtlosen eine Potenz, die sich aus der Ablehnung des ökonomischen Einflusses begründet. Denn wer sich der Abhängigkeit des Reichtums entziehen kann, ist letztlich der Stärkere.

„Kompensationsleistung, gemeinschaftsstiftendes Handlungsmuster, Medium der Geltungsproduktion: Unter diesen Gesichtspunkten läßt sich das kulturelle Potential der freiwilligen Armut, ihre Attraktivität als ein Medium zur Durchsetzung von Geltungsbehauptungen, ihr Erfindergeist in der kulturellen Sinnproduktion, ihre Durchschlagkraft als Reformprinzip, ihr soziales Organisationstalent und ihre differenzsetzende katalytische Funktion ordnen.“[5]

2.2 Hochmittelalterliches Armutsideal - Bedürfnis einer neuen Gesellschaft?

Um verstehen zu können, worin sich die Erhebung der Armut zum Ideal neben einer religiösen Motivation begründet, wird die Fokussierung der gesellschaftlichen Umstände, Prozesse, Veränderungen im 12./13.Jahrhundert vor allem im italienischen Raum notwendig.[6]

Seit dem 11. Jahrhundert veränderte sich das Gesellschaftsbild durch die Ausbreitung einer Wirtschaft des Gewinns: War im Frühmittelalter der Zugang zu Landbesitz und damit verbundenem Reichtum allein den Aristokraten offen, so fand nun eine Differenzierung der unfreien Gesellschaft statt. Diese entwickelte sich aus dem Aufschwung italienischer Städte, welcher wiederum im kausalen Zusammenhang mit den Kreuzzügen stand, was den Handel und somit die Prosperität italienischer Städte enorm förderte.

„[Der] flexible und dynamische Kaufmannsgeist schuf ein neues System wirtschaftlicher Beziehungen und führte die hierfür notwendige Geldwirtschaft ein. Das städtische Bürgertum wurde sich seiner besonderen Bedeutung bewußt und dieses Selbstwertgefühl löste einen Aufstieg aus, der allmählich eine eigenständige bürgerliche Kultur entstehen ließ.“[7]

Eben dieser Aufschwung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit einem starken Wachstum der Bevölkerung teilweise um mehr als 50 Prozent innerhalb von 100 Jahren.[8]

Diese ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen standen im Gegensatz oder bedingten gar die seit dem 11. Jahrhundert existenten religiös motivierten Armutsbewegungen, fanden diese, die Gesellschaft verändernden, Entwicklungen nun stärkeren Rückhalt in der Argumentation, dass „die ganze Welt der Habsucht zum Opfer gefallen sei.“[9] Es fand also eine Reaktion auf diesen Umbruch in der Weise statt, dass Armutsbewegungen diesem neuen wirtschaftenden System entsagten und

„sich statt dessen einmütig auf die heiligsten Aktivitäten konzentriert[en]. Ihr Ansehen und ihre Macht bezogen diese pauperes aus Verneinung materieller Machtmittel.“[10]

Nun läge der Verdacht nahe, dass sich aufgrund dieses gesellschaftlichen Wandels solcherlei Bewegungen der Armen aus eben den Betroffenen, den sozial unteren Schichten rekrutierten. Damit wäre diese Bürde zur Tugend deklariert und käme einer unmittelbaren Statuserhöhung gleich. Wie jedoch oben beschrieben, erweist sich der unfreiwillig Arme hinsichtlich seines Zustandes alternativlos. Nur der ökonomisch Gesicherte behält die Alternative der freiwilligen Armut, was sich nicht nur anhand der hier noch zu behandelnden historischen Figur des Franziskus´ nachweisen lässt, stammte doch auch der andere Laie Valdes, oft mit Franziskus verglichen, „aus dem reichen Bürgertum ihrer Heimatstädte […].“[11]

Ohne nun einen Katalog der einzelnen Armutsbewegungen vom 11. Jahrhundert beginnend zu Franziskus hin aufstellen zu wollen, soll hier doch die Motivation laikaler Gesellschaftsschichten, sich zu religiösen Bewegungen zu konstituieren, hinterfragt und kurz skizziert werden. Die ersten, die sich pauperes christi nannten, waren die Reformmönche von Cluny, entstammten also standesgemäß dem Klerus. Warum aber übernahmen verstärkt Laien klerikale Lebensformen mit der Armut als oberstes Prinzip?

[...]


[1] Karl Bosl, Das Armutsideal des Heiligen Franziskus als Ausdruck der Hochmittelalterlichen Gesellschaftsbewegung. In: Amt der NÖ Landesregierung, Abt. III/2 – Kulturabteilung (Hg.), 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters. Krems-Stein 1982. S. 1.

[2] Annette Kehnel, Der Freiwillig Arme ist ein potentieller Reicher. Eine Unterscheidung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Armut. In: Gert Melville/Annette Kehnel (Hgg.), In proposito paupertatis: Studien zum Armutsverständnis bei den mittelalterlichen Bettelorden. Münster 2001. S. 203f.

[3] Ebd., S. 208.

[4] Ebd., S. 209.

[5] Ebd., S. 210.

[6] Harry Kühnel, Die Minderbrüder und ihre Stellung zu Wirtschaft und Gesellschaft. In: Amt der NÖ Landesregierung, Abt. III/2 – Kulturabteilung (Hg.), 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters. Krems-Stein 1982. S. 41.

[7] Ebd., S. 41.

[8] Helmut Feld, Franziskus von Assisi und seine Bewegung. Darmstadt 1994. S. 77.

[9] Richard Newhauser, Avaritia und Paupertas. Zur Stellung der frühen Franziskaner in der Geschichte der Habsucht. In: Gert Melville/Annette Kehnel (Hgg.), In proposito paupertatis: Studien zum Armutsverständnis bei den mittelalterlichen Bettelorden. Münster 2001. S. 36.

[10] Ebd., S. 37.

[11] Peter Segl, Franziskus und Valdes. Armut als Religion gegen die etablierte Religion. In: Günter Frank/Jörg Haustein/Albert de Lange (Hgg.), Asyl, Toleranz und Religionsfreiheit. Historische Erfahrungen und aktuelle Herausforderungen. Göttingen 2000. S. 74.

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Details

Titel
Franziskus von Assisi. Personifikation laikaler Armutsbewegung im 12./13. Jahrhundert
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: Armut, Krankheit und Tod im Mittelalter
Note
sehr gut (1,0)
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V40360
ISBN (eBook)
9783638388894
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franziskus, Assisi, Personifikation, Armutsbewegung, Jahrhundert, Hauptseminar, Armut, Krankheit, Mittelalter
Arbeit zitieren
Marian Brys (Autor), 2005, Franziskus von Assisi. Personifikation laikaler Armutsbewegung im 12./13. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40360

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