Die Diskussion um die gebärdensprachlich orientierte Erziehung gehörloser Schüler, also die Diskussion darüber, ob gehörlose Kinder die Gebärdensprache erlernen und im Unterricht anwenden sollen oder nicht, geht zurück auf die Anfänge institutionalisierter Erziehung Hörgeschädigter Ende des 18. Jahrhunderts. Schon damals war die Hörgeschädigtenpädagogik beherrscht durch einen Methodenstreit zwischen Anhängern lautsprachlich und Anhängern gebärdensprachlich orientierter Erziehung gehörloser Kinder.
Das auf die Gebärdensprache ausgerichtete Konzept, auch die Französische Methode genannt, wurde 1770 von Abbé de l`Epée (1712-1789) eingeführt . Er gründete in Paris ein privates Taubstummeninstitut, an dem er seine Schüler mittels eines gebärdensprachlichen Zeichensystems unterrichtete. Unterstützt wurde diese gebärdensprachliche Kommunikation durch das Handalphabet und die Schrift. Die Lautsprache hatte im Institut von Abbé de l`Eppée so gut wie keine Bedeutung, auch als es nach seinem Tod durch Abbé Sicard (1742-1822) weitergeführt wurde. Der Französischen Methode gegenüber stand ein deutsches Konzept, das durch Samuel Heinicke mit Gründung des „Kürfürstlich-Sächsischen Instituts für Stumme und andere mit Sprachgebrechen behaftete Personen“ 1778 in Leipzig eingeführt wurde. Heinicke vertrat die Meinung, die Lautsprachvermittlung habe an erster Stelle zu stehen. Entsprechend betonte er die Notwendigkeit der alltagsorientierten Artikulation und bahnte das Lesen mit der Ganzheitsmethode (eine Methode, bei der das Kind mittels ganzer Wörter und nicht einzelner Buchstaben das Lesen lernt) an. Dem Absehen der Laute vom Mund und dem Schriftbild maß er eine minimale Bedeutung zu, die Gebärde lehnte er ganz ab.
So unterschiedlich und gegensätzlich die beiden Schulen in Paris und Leipzig mit den dort praktizierten Methoden auch waren, so hatten sie doch eines gemeinsam: Sie waren erfolgreich und diese Erfolge ebneten einer
institutionalisierten Bildung und Erziehung Gehörloser den Weg. Man orientierte sich methodisch an einem der beiden Konzepte, wobei zunächst eine vermehrte Ausrichtung an der Französischen Methode festzustellen war. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich dann in den deutschsprachigen Ländern die lautsprachig orientierte Erziehung Hörgeschädigter durch.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG UND EXKURS IN DIE GESCHICHTE
2. VORSTELLUNG DER BILINGUALEN MODELLE AUS SCHWEDEN UND HAMBURG
2.1 SCHWEDEN
2.2 HAMBURG
3.1 KRITIK DILLERS
3.2 KRITIK CONINX`
3.3 KRITIK DER BUNDESGEMEINSCHAFT DER ELTERN UND FREUNDE HÖRGESCHÄDIGTER KINDER E.V.
4. EIGENE STELLUNGNAHME
5. LITERATUR
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit den Konzepten der bilingualen Erziehung gehörloser Schüler auseinander. Ziel ist es, die bestehende, oft unsachlich geführte Diskussion zwischen Befürwortern lautsprachlich orientierter Erziehung und Verfechtern bilingualer Modelle zu analysieren und eine differenzierte eigene Stellungnahme zur optimalen Förderung gehörloser Kinder zu erarbeiten.
- Historische Entwicklung des Methodenstreits in der Gehörlosenpädagogik
- Analyse bilingualer Erziehungsmodelle (Beispiele Schweden und Hamburg)
- Kritische Auseinandersetzung mit den Positionen von Diller, Coninx und der Bundesgemeinschaft
- Bedeutung der Gebärdensprache für Identität und Kultur
- Herausforderungen der Lautspracherziehung und Integration
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung und Exkurs in die Geschichte
Die Diskussion um die gebärdensprachlich orientierte Erziehung gehörloser Schüler, also die Diskussion darüber, ob gehörlose Kinder die Gebärdensprache erlernen und im Unterricht anwenden sollen oder nicht, geht zurück auf die Anfänge institutionalisierter Erziehung Hörgeschädigter Ende des 18. Jahrhunderts. Schon damals war die Hörgeschädigtenpädagogik beherrscht durch einen Methodenstreit zwischen Anhängern lautsprachlich und Anhängern gebärdensprachlich orientierter Erziehung gehörloser Kinder.
Das auf die Gebärdensprache ausgerichtete Konzept, auch die Französische Methode genannt, wurde 1770 von Abbé de l`Epée (1712-1789) eingeführt. Er gründete in Paris ein privates Taubstummeninstitut, an dem er seine Schüler mittels eines gebärdensprachlichen Zeichensystems unterrichtete. Unterstützt wurde diese gebärdensprachliche Kommunikation durch das Handalphabet und die Schrift. Die Lautsprache hatte im Institut von Abbé de l`Eppée so gut wie keine Bedeutung, auch als es nach seinem Tod durch Abbé Sicard (1742-1822) weitergeführt wurde. Der Französischen Methode gegenüber stand ein deutsches Konzept, das durch Samuel Heinicke mit Gründung des „Kürfürstlich-Sächsischen Instituts für Stumme und andere mit Sprachgebrechen behaftete Personen“ 1778 in Leipzig eingeführt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG UND EXKURS IN DIE GESCHICHTE: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Methodenstreit zwischen der lautsprachlichen und der gebärdensprachlichen Erziehung nach, der bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht.
2. VORSTELLUNG DER BILINGUALEN MODELLE AUS SCHWEDEN UND HAMBURG: Hier werden die aktuellen bilingualen Konzepte aus Schweden und dem Hamburger Schulversuch vorgestellt, die als Grundlage für die nachfolgende Kritik dienen.
3.1 KRITIK DILLERS: Dr. Diller lehnt bilinguale Konzepte ab, da er die Leistungsfähigkeit der Gebärdensprache als Basis und die Lautsprachentwicklung im bilingualen Kontext als gefährdet ansieht.
3.2 KRITIK CONINX`: Prof. Coninx argumentiert, dass eine zweisprachige Erziehung nicht zwangsläufig zur Zweisprachigkeit führt und betont die Notwendigkeit, Kinder durch eine frühzeitige Lautsprachförderung auf das Leben in der hörenden Welt vorzubereiten.
3.3 KRITIK DER BUNDESGEMEINSCHAFT DER ELTERN UND FREUNDE HÖRGESCHÄDIGTER KINDER E.V.: Die Bundesgemeinschaft kritisiert die Unwissenschaftlichkeit der Hamburger Konzepte und warnt vor einer einseitigen Ausrichtung auf die Gebärdenkultur, die die Integration erschweren könne.
4. EIGENE STELLUNGNAHME: Der Autor plädiert für einen bilingualen Ansatz, der jedoch die spezifischen Entwicklungsbedürfnisse des Kindes in beiden Sprachwelten und eine frühzeitige, qualifizierte Lautsprachförderung gleichermaßen berücksichtigt.
5. LITERATUR: Auflistung der im Text verwendeten Quellen und weiterführenden Literatur.
Schlüsselwörter
Gebärdensprache, Lautsprache, Bilinguale Erziehung, Gehörlosenpädagogik, Hörgeschädigte, Identität, Inklusion, Schulversuch, Sprachentwicklung, Kommunikation, Methodenstreit, Gehörlosengemeinschaft, Lautspracherwerb
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Debatte um die bilinguale Erziehung gehörloser Kinder und reflektiert die gegensätzlichen Positionen von Befürwortern und Kritikern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der Vergleich zwischen lautsprachlich und gebärdensprachlich ausgerichteten Erziehungsmodellen sowie die Frage nach der optimalen Identitätsentwicklung und Integration hörgeschädigter Kinder.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine sachliche Bewertung der bilingualen Ansätze unter Berücksichtigung sowohl des Bedarfs an Gebärdensprachkompetenz als auch der Notwendigkeit einer soliden Lautsprachbeherrschung.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung auf Basis der Auswertung von Fachliteratur, Memoranden und spezifischen Stellungnahmen sowie eigenen Praxiserfahrungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Modelle, die detaillierte Kritik durch Diller, Coninx und die Bundesgemeinschaft sowie die eigene reflektierte Stellungnahme des Autors.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Bilinguale Erziehung, Gebärdensprache, Lautsprache und Gehörlosenpädagogik erschließen.
Welche Rolle spielt der Hamburger Schulversuch in der Argumentation?
Der Hamburger Schulversuch dient als praktisches Beispiel für ein bilinguales Modell, an dem die Kritiker ihre Bedenken bezüglich der methodischen Umsetzung und der Lautsprachentwicklung festmachen.
Warum wird die Mutter-Kind-Interaktion so stark hervorgehoben?
Die Interaktion gilt als essenziell für die emotionale und sprachliche Entwicklung; Kritiker bemängeln, dass Eltern gehörloser Kinder oft nicht über ausreichende Gebärdenkompetenz verfügen, um diese zu stützen.
Welche Bedeutung misst der Autor dem Cochlear-Implantat (CI) bei?
Der Autor erkennt das CI als technisches Hilfsmittel an, das den Spracherwerb und die Integration in die hörende Welt erleichtern kann, betont aber gleichzeitig das Recht des Kindes, die Gebärdensprachkultur kennenzulernen.
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- Lea Gregor (Author), 2001, Kritik an der bilingualen Erziehung hörgeschädigter Kinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40449