Mein Nachbar ist gehörlos, Analphabet und kann weder sprechen noch gebärden, sich nur im engsten Familienkreis notdürftig verständigen. Als er mit acht Jahren in Folge einer Viruserkrankung das Gehör verlor, nahmen ihn seine Eltern aus der Schule und behielten ihn im Haus. Sie empfanden es als Schande, ein gehörloses Kind zu haben, deshalb sollte es der Öffentlichkeit möglichst verborgen bleiben. Das liegt jetzt fast sechzig Jahre zurück. Inzwischen gibt es das Bundesgleichstellungsgesetz vom 1.5.2002, das die Gebärdensprache als eigenständige Sprache anerkennt. Auch die zunehmende Präsenz von Gehörlosen in den Medien (wie z.B. in dem Film „Jenseits der Stille“, im „Tatort“ oder durch Gebärdensprachdolmetscher in der Nachrichtensendung „Phönix“ oder durch die Sendung für Gehörlose von Gehörlosen „Sehen statt Hören“) zeigt, dass sich das Bild der Gehörlosen in der Öffentlichkeit gewandelt hat. Ein Schicksal wie das meines Nachbarn ist heute in der Bundesrepublik nicht mehr vorstellbar.
Neue Erkenntnisse in der Gebärdensprach-Forschung und ein damit zusammenhängendes neues Selbstverständnis der Gehörlosen haben dazu geführt, dass Gehörlosigkeit immer häufiger nicht nur aus pathologischer Sicht betrachtet wird. Die Gehörlosen haben ein positives Selbstbewusstsein entwickelt, das das Ausmaß der Hörschädigung in den Hintergrund treten lässt. Sie sehen sich weniger als Menschen mit Behinderung, sondern vielmehr als Teil einer eigenen kulturellen Gemeinschaft.
Beobachtet man Gehörlose, die ihre Gehörlosigkeit nicht verleugnen, in einer hörenden Umgebung, z.B. eine Gruppe gebärdender junger Erwachsener im Zug, ist zu beobachten, dass sich das positive Selbstbild der Gehörlosen auch auf die Hörenden überträgt, die ihnen begegnen. Von anfänglich befremdeter Neugier wechseln die Blicke der Hörenden meist rasch zu fasziniertem Interesse, mit dem die in der Regel intensive und lebendige gebärdensprachliche Konversation verfolgt wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Lebenswelt Gehörloser
2.1 Kultur
2.1.1 Eine Begriffsdefinition
2.1.2 Die Kultur der Gehörlosen
2.2 Die Gehörlosengemeinschaft
2.2.1 Die Zugehörigkeit zur Gehörlosengemeinschaft
2.2.2 Der Gehörlosenverein
3 Die kulturellen Merkmale der Gehörlosengemeinschaft
3.1 Die Gebärdensprache
3.2 Die Sprach- und Verhaltenskonventionen Gehörloser
3.2.1 Konversationsverhalten
3.2.2 Informationsaustausch
3.2.3 Entscheidungen
3.2.4 Namensgebärden
3.2.5 Kennenlernen
3.2.6 Zeit
3.3 Die Kunst Gehörloser
4 Der Stellenwert der Gehörlosengemeinschaft für die Identitätsbildung
4.1 Identität
4.2 Die Entwicklung der Identität bei Gehörlosen
4.2.1 Die Bedeutung der Sprache
4.2.2 Die individuellen Voraussetzungen
4.2.3 Die Bedeutung der Gemeinschaft
5 Die Konsequenzen für die pädagogische Förderung
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die kulturelle Identität von gehörlosen Menschen und deren Stellenwert innerhalb der Gemeinschaft. Ziel ist es, durch die Analyse der Gehörlosenkultur und ihrer Kommunikationsformen einen Anreiz für eine pädagogische Förderung zu schaffen, die gehörlosen Kindern den Zugang zu beiden Welten – der hörenden und der gehörlosen Welt – ermöglicht und ihre Identitätsbildung stärkt.
- Kulturelle Identität und Gehörlosengemeinschaft
- Bedeutung der Gebärdensprache für soziale Interaktion
- Sprach- und Verhaltenskonventionen in gehörlosen Kulturen
- Theorien zur Identitätsentwicklung bei Gehörlosen
- Implikationen für die pädagogische Förderung und Inklusion
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Konversationsverhalten
Eine Möglichkeit, die Besonderheit einer Kultur zu verdeutlichen, ist es, deren Höflichkeitsregeln, wie sie sich z.B. in der Konversation offenbaren, zu betrachten. Denn diese verdeutlichen implizite und explizite Werte und Konventionen, die in einer kulturellen Gemeinschaft gelten.
Die Überlegungen zu den spezifischen Höflichkeitskonventionen innerhalb gebärdensprachlicher Konversation, die Bestandteil dieses Kapitels sind, beruhen neben persönlichen Erfahrungen der Verfasserin vor allem auf Erfahrungen von Hall (1989), die sie während ihres jahrelangen Kontaktes mit Mitgliedern eines Gehörlosenvereins in Philadelphia gewonnen hat (Vgl. Kap. 2.2). Zwar beziehen sich Halls Beobachtungen nur auf diesen einen Verein, sie lassen sich aber nach Hall mit einigen Ausnahmen auf Gehörlose generell übertragen (Hall. 1989. S. 90). Hall untersucht die Höflichkeitsregeln Gehörloser anhand der Fragestellung, inwieweit sie an gegebene Umstände angepasst werden und was passiert, wenn diese Regeln gebrochen werden. Dabei betrachtet sie besonders die Einstellungen und Voraussetzungen Gehörloser, die diesen Regeln zugrunde liegen und sie beeinflussen. Diese grundlegenden Faktoren, die auf die Konventionen innerhalb der Gehörlosengemeinschaft einwirken, sollen im Folgenden erläutert werden:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wandel des gesellschaftlichen Bildes von Gehörlosen und skizziert das Anliegen der Arbeit, Gehörlosigkeit nicht nur pathologisch, sondern als Teil einer kulturellen Identität zu betrachten.
2 Die Lebenswelt Gehörloser: Dieses Kapitel definiert den Kulturbegriff im Kontext der Gehörlosengemeinschaft und beschreibt soziale Systeme, in denen Gehörlose leben, arbeiten und handeln.
3 Die kulturellen Merkmale der Gehörlosengemeinschaft: Hier werden die Gebärdensprache sowie spezifische Sprach- und Verhaltenskonventionen und die Kunst von Gehörlosen detailliert analysiert.
4 Der Stellenwert der Gehörlosengemeinschaft für die Identitätsbildung: Das Kapitel untersucht anhand soziologischer Theorien, wie Zugehörigkeit und Gemeinschaft die Identitätsentwicklung bei gehörlosen Menschen prägen.
5 Die Konsequenzen für die pädagogische Förderung: Hier werden aus den theoretischen Erkenntnissen praktische Ansätze abgeleitet, wie Bildungseinrichtungen gehörlose Kinder in ihrer Identität stärken können.
6 Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass eine stärkere Anerkennung der Gehörlosen als kulturelle Minderheit in Deutschland notwendig ist und plädiert für mehr Austausch zwischen der hörenden und der gehörlosen Welt.
Schlüsselwörter
Gehörlosenkultur, Gehörlosengemeinschaft, Gebärdensprache, Identitätsbildung, Identität, Soziologie, Pädagogische Förderung, Gehörlosenverein, Sprachliche Minderheit, Kommunikationsverhalten, Sozialisation, Inklusion, Kultur, Gehörlosigkeit, Identitätsdarstellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Lebenswelt gehörloser Menschen, ihre Kultur, ihre Gemeinschaft und die Bedeutung dieser Faktoren für die Entwicklung einer positiven Identität.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Gebärdensprache, spezifische kulturelle Verhaltenskonventionen, die Rolle des Gehörlosenvereins und die Auswirkungen dieser Aspekte auf die Identitätsbildung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gehörlose durch ihre Kultur und Gemeinschaft ein positives Selbstbild entwickeln können, und daraus Handlungsempfehlungen für eine identitätsfördernde pädagogische Praxis zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen, Erfahrungsberichte und soziologische Theorien zur Identitätsbildung auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die kulturellen Merkmale der Gehörlosengemeinschaft, inklusive der Sprachkonventionen, der Bedeutung des Humors und der Kunst, sowie die soziologischen Grundlagen der Identitätsentwicklung bei gehörlosen Individuen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Gehörlosenkultur, Identitätsbildung, Gebärdensprache, Gehörlosengemeinschaft und pädagogische Förderung.
Wie unterscheidet sich die Kommunikation Gehörloser von der Hörender?
Gehörlose nutzen vorwiegend den visuellen Kanal. Dies führt zu spezifischen Konversationsregeln, wie etwa dem ständigen Blickkontakt, einer direkten Art der Informationsweitergabe und dem Bedarf an einer uneingeschränkten Sichtbarkeit während des Dialogs.
Warum ist der Kontakt zur Gehörlosengemeinschaft so wichtig für die Identität?
Der Kontakt ermöglicht es, die eigene Gehörlosigkeit nicht als Defizit oder Mangel wahrzunehmen, sondern als wertvolles Merkmal innerhalb einer Gemeinschaft, die sich durch gemeinsame Werte, Traditionen und Sprache auszeichnet.
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- Lea Gregor (Author), 2003, Zwischen Kultur und Gemeinschaft: Die Lebenswelt Gehörloser und ihr Stellenwert für die Identitätsbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40454