Autor- und Sekretärfunktion in der Schule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

26 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe


Inhalt

I. Einleitung

II. Die Geschichte des Schreibens

III. Wozu „schreiben“ lernen?

IV. Schreiben in der Schule
1 Das Schreibturnen
2 Abschreiben
3 Aufschreiben oder Auswendigschreiben
4 Das Diktat
5 Niederschreiben
6 Bilanz

V. Möglichkeiten zu integriertem Schreibunterricht
1 Vom Kritzeln zum Schreiben in der Grundschule
2 Integrierter Grammatik- und Orthografieunterricht

VI. Zusammenfassung in Niveaustufen

VII. Die Bildungsstandards im neuen Lehrplan
1 Lehrplanbezug Grundschule
2 Lehrplanbezug der weiterführenden Schulen

VIII. Schlusswort

IX. Bibliografie

X. Anhang
1 Beispielmaterial zum Trainieren des Formsehens und des Formgefühls
2 Schwungübung 1
3 Schwungübung 2
4 Schwungübung 3
5 Nachspuren von Buchstaben
6 Diktatübung
6.1 In der Grundschule
6.2 Klassenstufe 5
6.2 Diktat verschiedene Schwierigkeiten, Klasse 9/10
7 Anlauttabelle
8 Schreiben mit der Anlauttabelle

I. Einleitung

Jahrhundertelang war die Fähigkeit zu schreiben hauptsächlich privilegierten und reichen Menschen vorbehalten, die es sich leisten konnten, für Bildung und damit für die Lehre der Schriftsprache zu bezahlen.

Heutzutage ist es, zumindest in den Industrieländern, eine Selbstverständlichkeit, dass man in der Schule lernt Briefe, Interpretationen, Erörterungen, Aufsätze, Phantasiegeschichten, Argumentationen und vor allem orthografisch und grammatikalisch richtig zu schreiben.

Auf den ersten Blick scheint man die Anfänge des „Schreibenlernens“ völlig verdrängt zu haben, aber wie war es denn noch gleich in der ersten Klasse mit den zaghaft beginnenden Schreibversuchen?

Aus dieser Frage heraus eröffnet sich unverzüglich eine mehrdimensionale Bedeutung des einfachen Begriffs „Schreiben“.

Im engeren Sinne und in der Erinnerung an die Grundschulzeit, versteht man unter „schreiben“ zunächst einmal das Formen von Buchstaben und Wörtern. Mit Hilfe von Werkzeugen (Füller, Bleistift etc.) und Materialien (Heft und Papier) erstellt ein Schreiber Schriftzeichen. Bei dieser Betrachtungsweise steht also der grafomotorische Aspekt im Vordergrund[1], welchen Erstklässler anfangs trainieren müssen: Wie hält man einen Stift richtig zum Schreiben, wie formt man ein a,b,c usw.

Bei der Betrachtung des weiteren Schul- und Lebenslaufs, tritt dieser Aspekt fast vollständig in den Hintergrund, denn die Tätigkeit des Schreibens wird im Laufe der Zeit nahezu automatisch und beinahe unbewusst ausgeführt. Viel wichtiger ist nun die geistige Leistung, gesprochene Sprache, Gedanken, Gefühle oder Mitteilungen in der Buchstabenschrift festzuhalten, d.h. Texte zu produzieren.

Da das Schreiben in diesem Fall neben Konzipieren, Formulieren und Organisieren nur eine Teilhandlung bei der Herstellung von Texten ist[2], nennt man es auch integriertes Schreiben, die rein handwerkliche Tätigkeit, wie im oberen Absatz geschildert, entsprechend nicht - integriertes Schreiben.[3] Die ausschließliche Autortätigkeit, beispielsweise beim Diktieren von einem eigenen Text, bei dem der Autor seine Gedanken nicht selbst niederschreibt, nennt man ebenfalls nicht -integriertes Schreiben.

In dieser Arbeit soll unter besonderer Betrachtung des integrierten und nicht -integrierten Schreibens dargestellt werden, wie Kinder während und nach der Grundschule schreiben lernen. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei auf die didaktischen Methoden gelegt werden, welche besonders im Anfangsunterricht für einen neuartigen Unterrichtsstil gesorgt haben.

II. Die Geschichte des Schreibens

In Anbetracht der eingangs differenzierten Bedeutungen von Schreiben, als handwerkliche Tätigkeit einerseits und der Textproduktion auf der anderen Seite, soll ein kurzer Exkurs in die geschichtliche Entwicklung der Schreibtätigkeit deren Bedeutung und kulturelle Herkunft klären.

Im alltäglichen Sprachgebrauch kommt es im Grunde nur selten zu einer Trennung der beiden Teilaspekte des Schreibens. Fragt eine interessierte Tante ihren Neffen nach den Erfahrungen in der Schule und ob der Junge bereits Schreiben gelernt habe, so meint diese Erkundigung allgemein den Lernfortschritt im Produzieren von Schriftstücken: nicht allein das Formen von Schriftzeichen, sondern gleichermaßen die Textproduktion. Diese begriffliche Verbindung ist jedoch keinesfalls die Regel: in islamischen und ostasiatischen Kulturen ist Schreiben beispielsweise die künstlerische Ausgestaltung der Schriftform, also Kalligrafie. In anderen Kulturkreisen beinhaltet Schreiben hauptsächlich das Kopieren oder Reproduzieren von z.B. religiösen Texten.

Wenn also im heutigen Sprachgebrauch Schreiben in der Regel nicht zweigeteilt betrachtet wird, bleibt die Frage zu klären, woher die Trennung des Begriffs in Bezug auf das Schreibenlernen kommt.

In der Geschichte des Schreibens, so Ludwig, kann davon ausgegangen werden, dass der Schreibvorgang die längste Zeit seiner Existenz[4] arbeitsteilig organisiert war: Könige, Minister, Beamte und Kanzler sowie Redner und Dichter haben in der Regel alle nicht selbst geschrieben, sondern sich darauf beschränkt, ihre Gedanken, Ideen und Dichtungen in die Feder eines Schreibers zu diktieren[5]. Die Tatsache, dass im modernen Schreibvorgang eben diese Arbeitsteiligkeit aufgehoben ist, der Autor also selbst Schreiber ist, führt heutzutage zu dem integrierten Verständnis des Begriffs „Schreiben“. Es muss im Laufe der Sprach- und Schreibentwicklung also eine Wandlung vom diktierenden zum selbst schreibenden Autor stattgefunden haben.

Ludwig datiert diese Veränderung des Schreibvorganges in die scholastische Zeit zwischen 1100 und 1500, mit der Begründung, dass es gerade in jener Zeit erforderlich war, den neuen Geist der Zeit eigenhändig aufs Papier zu bringen (und nicht mehr nur auf die beengenden Wachstäfelchen).

Die Funktion des Schreibens hatte sich also verändert: es war nicht mehr nur Aufzeichnungsmittel von bereits Gesagtem, Gedachtem und das Kopieren von bereits Geschriebenem, es ist nun vielmehr „zu einem ausgesprochenen Produktionsmittel, zu einer konstitutiven Operation bei der Produktion von Texten“ geworden.[6] Man wollte nicht mehr nur nachahmen, sondern schöpferisch tätig sein und eigenes Wissen aufs Papier bringen.

Dabei kann keine Rede von einer deutlichen Trennlinie zwischen beiden Schreibvorgängen sein. Immer wieder kam es zu Kombinationen, so dass ein schreibender Autor, in der Eile seine lebhaften Gedanken zu fixieren, nicht auch noch auf eine besonders ordentliche Handschrift achten konnte. Das führte dazu, dass er sein „Gekritzel“ doch wieder diktieren musste, um ein lesbares Äußeres zu erhalten. Oder es wurden nur Stichworte aufgezeichnet, die ein Sekretär anschließend, in schöner Schrift, auszuformulieren hatte.

Diese kulturelle Entwicklung der Schreibtätigkeit sowie des Schreibbegriffs bildete die Grundlage für ein gegliedertes Schulsystem. Da das Diktieren einen geistigen, intellektuellen Prozess darstellte, waren es auch die diktierenden Autoren, welche die Achtung und das Ansehen der Leute genossen. Der Schreiber hingegen war ein reiner Handwerker, mit etwas Wohlwollen ein Künstler, der sein Handwerk gut oder weniger gut verstand, zu besonders hoher Verehrung verhalf ihm das jedoch nicht.

Solch eine Einstellung wirkte sich natürlich auch auf die Entwicklung der Schule aus, was bis in die Gegenwart hinein zu spüren ist. Lange Zeit hat für Bildungsabschlüsse unterhalb des höheren Schulwesens eine nur verhältnismäßig elementare Alphabetisierung zu eingeschränkter Schriftlichkeit geführt. Was die Kinder und Jugendlichen in ihrer Schulzeit hauptsächlich gelehrt bekamen, war die handwerkliche Fertigkeit des Schreibvorganges. Was ihnen jedoch weitgehend vorenthalten wurde, war die Ausbildung zum Autor.

Diese eher bescheidene Zielsetzung des Deutschunterrichts ist heute überholt. Im Folgenden soll daher darauf eingegangen werden, was Schreiben in der Schule tatsächlich bedeutet und in wie weit die Schreibdidaktik auch heute noch zwischen der Sekretär- und der Autorfunktion unterscheidet und von welchen Lehrmethoden sie Gebrauch macht.

III. Wozu „schreiben“ lernen?

Die bisher eher phylogenetische Betrachtungsweise hat offenbar erhebliche Auswirkungen auf die ontogenetische Schreibentwicklung jedes Einzelnen. Die einzigartige Möglichkeit, flüchtig gesprochene Sprache, d.h. Gedanken, Ideen, Wissen und Erfindungen, in Wort und Schrift aufzuzeichnen und so über längere Zeit hinweg zu archivieren und nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen, ist vielen Menschen heutzutage kaum noch als etwas Besonderes bewusst.

In einer Zeit, in der Schriftkultur hauptsächlich durch Fernsehen, Radio und Computer bestimmt wird[7], stellt sich häufiger die Frage, wozu in der Schule überhaupt noch so viel Wert auf den Schreibunterricht gelegt wird. Deswegen gehört es meiner Meinung nach mehr denn je, zu einer der wichtigsten Aufgaben im Deutschunterricht, den Schülerinnen und Schülern verständlich zu machen, welchen praktischen Nutzen die geschriebene Sprache im „wirklichen“ Leben für sie hat. Das Verhältnis von gesprochener zu schriftlicher Sprache liegt, sowohl im Schulunterricht, als auch im Alltag, eindeutig auf der Seite des gesprochenen Wortes. Diese Tatsache darf bei Kindern und Jugendlichen jedoch nicht den Eindruck erwecken, dass sich der Aufwand, korrekt schreiben zu lernen, nicht lohne. Es gilt ihnen klar zu machen, dass Schrift in eindrucksvoller Weise Kommunikation bedeutet, sowohl in der Gegenwart, als auch in Zukunft; dort vermutlich sogar in immer neuen Aufgaben und Bereichen.

Für die heutige Jungend kann als anschauliches Beispiel das SMS schreiben angeführt werden[8]. Eine Kurzform der brieflichen Kommunikation, von der in außergewöhnlicher Menge Gebrauch gemacht wird. Sicherlich haben sich auf diese besondere Art der Kurzmitteilungen bezogen, eigene Schreib(ab)normen entwickelt, aber die Intention von schriftlichen Nachrichten kann den Kindern an diesem Beispiel leicht deutlich gemacht werden. Das kommunikative Hindernis einer physischen Distanz zweier Gesprächspartner, kann durch Schreiben überwunden werden. Durch Telefonieren heutzutage auch, werden die meisten Menschen auf diese Feststellung antworten, dennoch scheint die schriftliche Kommunikation in vielen Lebenslagen die am meisten bevorzugte Verständigungsmöglichkeit zu sein, was allein durch die große Anzahl der täglich versendeten SMS zu erkennen ist.

[...]


[1] vgl.: Akademiebericht Nr. 166: Deutsch in der Grundschule; Akademie für Lehrerfortbildung, Dillingen 1990, S. 123

[2] Ludwig, Otto: Integriertes und nicht - integriertes Schreiben. In: Baurmann/ Weingarten (Hrsg.): Schreiben – Prozesse, Prozeduren und Produkte; Opladen 1995, S. 283

[3] ebd: S. 281 ff.

[4] seit ca. 5500 Jahren

[5] vgl.: Ludwig, Otto: Vom diktierenden zum schreibenden Autor. In: Feilke/ Portmann: Schreiben im Umbruch, Stuttgart 1996, S. 16

[6] Ludwig: Vom diktierenden zum schreibenden Autor. S. 21

[7] Bräuer, Gerd: Schreibend lernen. Grundlagen einer theoretischen und praktischen Schulpädagogik. Innsbruck 1998, S. 9 ff.

[8] vgl.: Barth, Reiner: Kreative Schreibsituationen im Deutschunterricht. Überlegungen zum und neun praktische Beispiele aus dem Deutschunterricht an beruflichen Schulen. In: Josting, Petra und Peyer, Ann (Hrsg.): Deutschdidaktik und berufliche Bildung. In: Lange, Günter und Ziesenis, Werner (Hrsg.): Diskussionsforum Deutsch, Band 8. Hohengehren 2002, S. 102 ff.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Autor- und Sekretärfunktion in der Schule
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Mündlichkeit + Schriftlichkeit in der Schule
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V40562
ISBN (eBook)
9783638390538
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autor-, Sekretärfunktion, Schule, Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Schule
Arbeit zitieren
Julia Kurz (Autor:in), 2005, Autor- und Sekretärfunktion in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40562

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