Das Phänomen Sprache in Martin Heideggers Werk Sein und Zeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Heideggers Kritik an Descartes

3. Heideggers Kritik an Husserl

4. Der Begriff des Phänomens

5. Das Dasein Stiftende – die Weltlichkeit

6. Die Existenzialien Verstehen, Befindlichkeit und Rede
6.2 Das Existenzial Verstehen
6.2 Das Existenzial Befindlichkeit
6.3 Das Existenzial Rede

7. Das Phänomen Sprache
7.1 Die Struktur von Rede
7.1.1 Zusammenhang von Bedeutung, Sinnhaftigkeit und Zeitlichkeit
7.2 Die konstitutiven Möglichkeiten der Rede: Hören und Schweigen
7.3 Das Mitsein der Rede im Dasein
7.4 Das Gerede als Seinsmodus der Rede

8. Schlusswort

9. ANHANG
Sein und Zeit - §34 Da-Sein und Rede. Die Sprache (eine Skizze)

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Warum ist das alltägliche Phänomen Sprache ein faszinierender Erkenntnisgegenstand im Allgemeinen aber besonders im Philosophischen? Sprache ist und hat Struktur. Sie spiegelt unsere Umwelt und unser Selbst wider. Sprachphilosophie setzt genau an dieser Stelle an. Dazu eine kleine Analogie, die eben Ausgeführtes verdeutlichen soll: Sprache und Struktur sind zwei Seiten der selben Münze. Deren Existenz und Wahrhaftigkeit beruht auf diesen beiden Seiten. Jede Seite ihrerseits ist real und verifiziert den Wert des Gesamten. Nun beschreibt diese Analogie die Wirklichkeit der Münze, so wie sie von der Allgemeinheit gesehen bzw. verstanden wird. Dass diese Wirklichkeit Bestand hat, beruht auf einer hintergründigen Struktur, die nicht für jedermann ersichtlich bzw. ergründbar ist. Eine Münze besitzt einen Wert, weil er das Ergebnis von Übereinkünften ist, die im Konsens von mächtigen und kompetenten Elementen getroffen wurden. In Bezug zum Phänomen Sprache ist dies ganz ähnlich, nur mit dem wesentlichen Unterschied, dass jene Elemente nicht im Konsens bestimmt wurden, sondern schon immer Gegenstand philosophischer Auseinandersetzungen waren. Die Triebfeder in diesen Auseinandersetzungen ist die Suche des Menschen nach Wahrheit, Bedeutung und Sinn (in seinem Leben). Was er damit aufspürt ist zeitlich geprägte Wirklichkeit in der Welt. Inwiefern kann Sprache diese Suche gestalten und die Ergebnisse offenlegen? Und welche Struktur liegt hierfür nach Heideggers Verständnis dem Phänomen Sprache zugrunde?

Beide Fragen beantwortet diese Hausarbeit unterschiedlich: Erstere soll beim Lesen ständig im Hinterkopf gegenwärtig sein. Sie gehört zu den Fragen, die in der Sprachphilosophie behandelt werden. Die zweite Frage wird vor allem in den Unterkapiteln zur Sprache eingehend beantwortet. Das Phänomen Sprache und ihre Struktur stellen sich darin als ein durch existentielle Elemente geprägtes Ganzes dar.

Diese Hausarbeit beginnt mit der Kritik an Descartes und an Husserl aus der Sicht Martin Heideggers. Beide Philosophen haben Heidegger unterschiedlich nachhaltig beeinflusst. Descartes durch seine Ideen zum cartesisches System und Husserl, Heideggers philosphischer Ziehvater in Freiburg, durch seine Überlegungen zur Phänomenologie. Deshalb folgt im Anschluss an beide Kritiken eine Klärung des Begriffs des Phänomens. Eine Definition wird darin jedoch nicht gegeben. Das Phänomen Sprache, so wie Heidegger es verstand, ist anschließend Gegenstand von Analysen. Abschließend werden wesentliche Elemente bzw. Erscheinungsformen, die zum einen Sprache erst ermöglichen und zum anderen Sprache erfahrbar machen, in den Kapiteln 5 und 6 sowie unter Kapitel 7 behandelt.

1. Heideggers Kritik an Descartes

Heidegger wirft Descartes vor, dass er das Phänomen Welt nicht erkennt. Das hat Folgen für die Abgrenzung des Seienden vom eigentlich nicht identifizierbaren Sein in der Welt, schlußfolgert Heidegger im Paragraph 6 seines Werkes. Beispielhaft für dieses Problem der ontologischen Differenz stellt sich in Heideggers Konzeption Seiendes und Sein wie folgt dar: Dasein benötigt die Grundverfassung des „In-der-Welt-seins“, weil dies die primäre Konstitution ist. Sie weist drei gleichursprüngliche Momente auf: Welt, Seiendes und In-sein (zweites und drittes Kapitel im ersten Abschnitt). Demzufolge ist Dasein als Seiendes in Bezug zu seinem Seinsverhältnis im Raum zu verstehen. Descartes umgeht das Phänomen Welt, indem er Seiendes als Substanz deklariert. Diese Substanz hat die Eigenschaft, unabhängig von einer anderen Substanz zu sein. Heidegger formuliert dies so: „Was in seinem Sein schlechthin eines anderen Seienden unbedürftig ist“ (92). Die wesentliche Eigenart dieses Seins ist die räumliche Ausdehnung extensio. Heidegger bestreitet nicht, dass Sein auf diese Weise „ontologisch grundsätzlich bestimmbar“ wird (vgl. 93). Dennoch kritisiert er Descartes dahingehend, dass das Sein des Daseins - welches laut Heidegger in-der-Welt-ist – „in der selben Weise wie das Sein der res extensa “ als Substanz überhaupt existiere und unendlich vorhanden sei (98). Heidegger zufolge verhindert diese oberflächliche Denkweise seitens Descartes die Konzeptualisierung von Innerweltlichkeit (vgl. 89-101). Innerweltlichkeit ist jedoch ein zentraler Begriff im Denkgerüst der phänomenologischen Hermeneutik Martin Heideggers.

Heidegger und Descartes unterscheiden sich gleichfalls in der Methode einer Offenlegung der ontologischen Differenz. Viel stärker noch als für Heidegger ist für Descartes das Kriterium der Klarheit von besonderer Wichtigkeit. Descartes unternimmt eine Destruktion eingefahrener Denkgewohnheiten aufgrund der ihm bewußt gewordenen Menschen und ihrer Denkweisen. Die Methode, mit der er sich gedanklich befreit, ist die der Weigerung: „Wir weisen zurück bis wir nicht mehr zurückweisen können, daß wir frei sind“ (Descartes, zit. in Holz 66). Diese Vorgehensweise hat zur Folge, dass nicht immer mehr Wissen angehäuft, sondern dass Wissen abgebaut wird; korrektes Urteilen gewinnt an Bedeutung und tritt in den Vordergrund. Eine gezielte Fragestellung ist geeignet, diesen Prozess zu fördern. Ziel ist es, eine Regel bzw. Gesetzmäßigkeit aufzustellen, die noch Gültigkeit hat, wenn alle anderen Grundlagen wissenschaftlichen Denkens nicht mehr anwendbar sind. Descartes vertraut auf die menschliche Vernunft (den gesunden Menschenverstand) und attestiert ihr die Fähigkeit bzw. die Allmacht, dem denkenden Menschen den richtigen Weg zur Erkenntnis weisen zu können. Nach Jahrhunderten der unverifizierten Alltagserfahrung im Kontext theologischer Alleinherrschaft bricht Descartes alte Traditionen und verkrustete Konventionen auf (vgl. Holz 62f). Edmund Husserl, – wie noch gezeigt wird – beschreitet den selben Weg „zu den Sachen selbst“, wie einst der Pionier Descartes. Erkenntnisgewissheit beruht auf der richtigen Methode, so verstand es auch Husserl. Diese Methode bedarf leistungsfähiger Werkzeuge. Der Weg dorthin ist bereits vorgegeben: Zu den Sachen selbst (Husserl) bedeutet nichts anderes als mit Weigerung oder Zurückweisung von dem Anschein nach Bekanntem in der Welt, zum Wesentlichen zu gelangen, dass Grundlegendes zu Sein und Seiendem aufzudecken soll. Dazu nimmt Descartes „einfachste und evidente Sachverhalte“ und „eliminiert aus dem Bereich sicherer Erkenntnis alle qualitativen Bestimmungen, die unsere Aussagen über die Wirklichkeit ausmachen“. Damit isoliert er „die formale Gestalt reinen Denkens an sich“ (Holz 62). Das Ergebnis dieser Reduktion ist die eruierte Selbstgegebenheit von Gegenständen. Zunächst sieht Descartes solche Gegenstände in der Mathematik. Ausgehend von ihrer Logizität überträgt er deren einziges Charakteristikum, nämlich das der Selbstgegebenheit, auf das Denken. Denken wird a priori festgelegt als das Denken des Denkens und soll selbst als einzigartige Quelle „absolute Gewissheit“ ans Tageslicht befördern (vgl. Holz 62). „Damit wird Descartes zum Begründer der neuzeitlichen spekulativen Metaphysik, die aus der Einsicht in das Wesen des Denkens die Gewißheit des Seins sicherstellen will.“ (Holz 62f). Das bedeutet, dass der im Denken beinhaltete Gegenstand, das reine Denken so umkreisen kann, wie Elektronen den Atomkern. Dieser Vergleich ist möglich, da man dank der Modelle aus der Chemie heute weiß, dass es eine Wechselbeziehung zwischen Kern und Elektron(en) gibt. Laut Holz ist diese Begegnung absoluter Selbstgegebenheit „das Problem der Erkenntnistheorie“ (vgl. 70). Denn, so fügt er noch an: „Dieses Verhältnis ist, nach dem Reduktionsprozeß des Zweifelns, ganz und gar ungeklärt.“ (Holz 70).

Heidegger hingegen benutzt die hermeneutische Phänomenologie, um in das Problem der Erkenntnistheorie Klarheit zu bringen. Eine Vergegenständlichung im Sinne zweier Selbstgegebenheiten (so wie im Moment der Begegnung von Subjekt und Objekt) ist nach Heideggers Vorstellung „eine Grundtendenz der neuzeitlichen Philosophie, die einem angemessenen Verständnis des Menschen und seiner Welt entgegen steht“ (Demmerling 92). Schritt für Schritt unternimmt Heidegger die Destruktion der von Descartes entworfenen – und gezeigten – dualistischen Vorstellung, mit dem Ziel, auch ein zu sich selbst transparentes Subjekt aufzulösen. Wie schon oben am Beispiel von Dasein gezeigt wurde, bedarf es der primären Konstitution Welt, damit die ontologische Bestimmung von Sein erst möglich werden kann.

Heidegger geht es immer auch um die Praxisnähe seines Gedankengebäudes (vgl. Demmerling 91). Er sieht die Philosophie als eine theoretische Ableitung der Welt. Mit Hilfe der Hermeneutik der Alltäglichkeit soll diese Beschreibung von Welt zur Auslegung des menschlichen Lebens beitragen. Heidegger meint, dass das Leben nur durch reflexive Weltbezüge ergründet werden könne. Deshalb gilt der Vorrang der Untersuchungen den kognitiven und reflexiven Selbstbezügen in der Alltäglichkeit. Nur durch eine Hermeneutik der Alltäglichkeit könnten sie ans Tageslicht gebracht werden (vgl. Demmerling 91).

3. Heideggers Kritik an Husserl

Martin Heidegger war Schüler von Edmund Husserl (1859 – 1938). Husserl war der herausragendste Vertreter einer Philosophie der Phänomenologie (vgl. Wetz 9-14). Seine Ideen zur transzendentalen Phänomenologie haben viele Philosophen nach ihm beeinflusst. Husserl beschäftigte sich in seinen Untersuchungen mit der Ergründung des Daseinsverständnisses auf einem hochabstrakten Niveau. Diese Auffassung von philosophischer Wissenschaft stellt ihn in diametralen Gegensatz zu Heidegger (Phänomenologie des Bewusstseins versus Phänomenologie der Alltäglichkeit). Dies wird beim Lesen deutlich: Heidegger bevorzugte in seinem Werk Sein und Zeit den Stil der Gesprächlichkeit für seine Ausführungen (vgl. Internetquelle 1). Beide Philosophen verbindet jedoch die Phänomenologie. Für Husserl wie für Heidegger war sie ein Werkzeug der Analyse. Sie sollte die Sachen selbst verstehen helfen. Mit Sachen sind Phänomene gemeint, auf die das Bewusstsein intentional gerichtet ist. Anders als Husserl, der die Phänomenologie als empirische Wissenschaft verstand und das absolute Ich zur obersten Instanz erklärt, sieht Heidegger das menschliche Dasein als ein durch Sorge gekennzeichnetes Ganzes, und schlußfolgerte daraus anschauliche Theorien. Die Idee des wahrnehmenden absoluten Subjektivismus in Gestalt des absoluten Ich begriff Husserl – so wie Descartes in seinen Untersuchungen zur absoluten Selbstgegebenheit des Verstandes – „als die eigentliche Eingangspforte in die Wirklichkeit.“:

„Das bestritt jedoch sein […] Schüler Heidegger, nach dessen Ansicht die ursprüngliche Welt zwar auch nicht die Theoriewelt der Wissenschaft, sondern die vorwissenschaftliche Lebenswelt ist, die aber eine Praxiswelt des hantierenden Besorgens darstellt und nicht eine gleichsam objektive Naturwelt der bloß hinschauenden Wahrnehmung“ (Wetz 136)

Das bloß hinschauende absolute Ich ist bei Husserl „ein Welt und Sein konstituierendes Subjekt“ (vgl. Wetz 141). Heidegger setzt jedoch anstelle des absoluten Ich „ein sich geschichtlich wandelndes Seinsgeschick“, welches an das Phänomen Welt gebunden ist (vgl. Wetz 160). Es ist nicht losgelöst von der Welt, da es außerhalb des Daseins kein selbstständiges Bewusstsein (von ihr) gibt.

Heideggers „Inaugenscheinnahme“ der vorwissenschaftlichen Lebenswelt findet ihren Ursprung in Husserls transzendentaler Phänomenologie (vgl. Wetz 155). Sie diente Husserl zur Sinnbewirtschaftung einer durch die Naturwissenschaften entleerten Welt. Die transzendentale Phänomenologie sollte dazu beitragen, dass alles Sein der Welt „in konstituierten Sinn“ verwandelt werden würde (vgl Wetz 155). Das Objekt der transzendentalen Phänomenologie sollte der sinnlich wahrnehmbaren Welt vorgelagerte ursprüngliche Lebenswelt entsprechen. Die Unterscheidung zwischen beiden Welten war Husserl sehr wichtig, verteidigte er doch die Besonderheit aller Erfahrung vor jeglichem Zugriff durch die Wissenschaft (vgl. Wetz 132). Husserl war überzeugt, dass die „konkrete Lebenswelt“ eine getrennte Welt ist, in der „die geschichtlich – gesellschaftliche Alltagswelt mit ihren vielen kulturellen Ausprägungen, Lebensformen und Anschauungen“ eine „vorgeordnete Welt der sinnlichen Erfahrung“ ist (132). Naturwissenschaft sei folglich „eine von der Theorienwelt … unterschiedene Sinnwirklichkeit eigener Art“ (132). Hier knüpfte Husserl an die den prädikativen Urteilen vorprädikativen Erfahrungen an. Mit diesem aus der Grammatik bekanntem Begriff soll deutlich gemacht werden, dass sich Urteile bzw. Ergebnisse immer auf deren bezügliche Erfahrungen gründen. Mit anderen Worten formuliert: Ein Mensch ohne Prägungen (durch zurückliegende Erfahrung) gelangt zu keinem ausgeprägtem Charakter. Ebenso können wir nur Etwas als uns Bekanntes identifizieren, wenn in uns dieses Etwas schon seine Spuren hinterlassen hat. Wie in einem noch folgenden Kapitel gezeigt wird, muss man „die Welt schon kennen, um sie erkennen zu können“ (Wetz 135).

Heidegger griff die Konzeptualisierung der beiden Lebenswelten auf und entwickelte in seinem Werk Sein und Zeit eine Philosophie der Alltäglichkeit, in welcher wieder der Frage vom Sinn von Sein nachgeforscht werden kann. Außerdem verbesserte er mit Hilfe der hermeneutischen Phänomenologie den Zugang zur ontologischen Differenz und verhalf somit Husserls begonnener Analyse der Phänomene zu einer leistungsfähigeren Erfassung des Usprungs alles Vorhandenem (vgl. Wetz 39-46.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen Sprache in Martin Heideggers Werk Sein und Zeit
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (FASK - Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V40620
ISBN (eBook)
9783638390958
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
des Professors: "Es ist Ihnen gelungen ein überaus komplexes Gedankengerüst konzise zusammenzufassen. Gratuliere." Im Anhang der Arbeit befindet sich eine selbst erarbeitete Skizze zu Kernaussagen des §34 aus M. Heideggers Werk "Sein und Zeit". Die Arbeit entstand im Rahmen des Hauptseminars Sprachphilosophie im Diplomstudiengang Übersetzen.
Schlagworte
Phänomen, Sprache, Martin, Heideggers, Werk, Sein, Zeit
Arbeit zitieren
Thomas Schins (Autor), 2005, Das Phänomen Sprache in Martin Heideggers Werk Sein und Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40620

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