Dan Sperber - Rethinking Symbolism


Hausarbeit, 2001
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Das Kriterium der Irrationalität (Tylor, Frazer, Lévy-Bruhl)

2. Das semiologische Konzept
2.1 Bedeuten Symbole wirklich?
2.2 Stellen Symbole einen Code dar?
2.3 Versteckte Bedeutung (Turner, Freud)
2.4 Gibt es im Symbolismus Symbole?
2.5 Die Bedeutung wird unwichtig (Lévi-Strauss)

3. Der Symbolismus als Teil des Wissens (Sperber)

4. Symbolische Behandlung und symbolischer Mechanismus (Sperber)

5. Der vergessene Autor (Strecker)

6. Fazit

0. Einleitung

„Im Symbolismus gibt es keinen Code, keine Bedeutung und keine Symbole!“

So oder so ähnlich könnte man zugespitzt die provokantesten Thesen in Sperbers Buch „Le symbolisme en général – Rethinking symbolism“ formulieren.

In der Tat geht es Sperber in erster Linie darum, einige der Grund­annahmen bisheriger Symbolismus-Theorien, insbesondere des semiologischen Konzepts, in Frage zu stellen. Er greift hierzu einige der bekanntesten Theorien auf, jeweils unter dem Gesichtspunkt der von ihm kritisierten Konzepte von „Bedeutung“, „Symbolismus als Code“, „Symbolismus als Aneinanderreihung von Symbolen“, und versucht anhand dessen aufzuzeigen, worin er die Schwächen bzw. Fehler der Theorien sieht.

Ausgehend von seiner Kritik an den bisherigen Theorien, entwickelt Sperber dann sein eigenes Konzept zur Analyse symbolischer Phänomene.

Im folgenden sollen sowohl Sperbers Kritik als auch seine eigene Theorie und ihre eventuellen Schwächen dargestellt werden. Dazu soll außerdem der Beitrag Streckers zur Symbolismus-Forschung herangezogen werden, der Sperber an einigen wichtigen Stellen kritisiert, ohne jedoch dessen Theorie völlig zu verwerfen, sondern vielmehr indem er einige Lücken bei Sperber aufzeigt und versucht, diese zu ergänzen bzw. die Theorie in gewisser Weise weiterzuentwickeln und zu verbessern.

1. Das Kriterium der Irrationalität ( Tylor, Frazer, Lévy-Bruhl)

Die Theorien Tylors, Frazers und Lévy-Bruhl behandelt Sperber nur kurz. Diese drei Theorien haben gemeinsam, daß sie in ihrer Analyse des Symbolismus den Schwerpunkt auf das „Kriterium der Irrationalität“ (Sperber, 1974: 13) setzen. Sperber erkennt zwar an, daß das Kriterium, das Ethnologen bei ihrer Feldforschung anwenden, in der Tat das Kriterium der Irrationalität ist. Das heißt, es fällt ihnen jede Aktivität als symbolisch auf, „bei der [mir] die Mittel, die eingesetzt werden, als klar disproportioniert zu ihrem expliziten oder impliziten Zweck erscheinen“ (1974: 16). Jedoch ergebe sich aus der Untersuchung, ob der Symbolismus nun rational sei oder nicht, noch keine Definition des Symbolismus. Wenn nun das Kriterium der Irrationalität das Entscheidende zur Definition sei, so könne der Symbolismus nicht mehr Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung sein (1974: 16). Sperber gesteht dem Kriterium der Irrationalität also nur zu, eventuell den Symbolismus einzugrenzen, ohne ihn jedoch gleichzeitig zu definieren.

2. Das semiologische Konzept

Nachdem Sperber den Ansatz von Tylor, Frazer und Lévy-Bruhl kurz vorgestellt und kritisiert hat, widmet er sich der semiologischen Theorie über den Symbolismus, die Hauptgegenstand seiner Kritik ist. Sperber faßt diese Theorie kurz und prägnant zusammen: der Symbolismus sei hier „das Semiotische minus die Sprache“ (1974: 16). Der semiologischen Theorie zufolge verfügt der Symbolismus über keine eigenen Zeichen, sondern benutzt solche, die anderswo geschaffen wurden. Man hat also ein Zeichen (Bezeichnendes und Bezeichnetes), welches eine Verbindung mit einem symbolischen Sinn eingeht. Der Fehler, so die Verfechter des semiologischen Konzepts, besteht nun darin, die alltägliche Bedeutung, die hier nur einen Aspekt des Bezeichnenden darstellt, für die relevante zu halten. Die symbolische Bedeutung sei jedoch eine versteckte.

Sowohl die Vorstellung, Symbole hätten eine Bedeutung, als auch die Idee, der Symbolismus sei codeartig aufgebaut, stellt Sperber in Frage. Das „Versteckt-Sein“ des symbolischen Sinns haben unter anderem Victor Turner und Sigmund Freud analysiert. Sperber benutzt diese beiden exemplarisch, um seine Kritik an der semiologischen Konzeption näher zu erläutern und zu guter Letzt auch den Begriff des „Symbols“ anzufechten.

2.1. Bedeuten Symbole wirklich?

Eine der Hauptkritiken Sperbers richtet sich gegen den Gebrauch des Begriffs „Bedeutung“, wenn es um symbolische Phänomene geht. Provokant stellt er hierzu die Frage: „Ist es nützlich zu sagen, daß Symbole bedeuten?“ (1974: 20). Das Wort „Bedeutung“ werde allgemeinhin mit vielen anderen Begriffen wie zum Beispiel Referenz, Konnotation, Diagnostik oder Prognostik verwechselt. Während diese Verwechslung im alltäglichen Sprachgebrauch nicht weiter schlimm sei, so sollte man die Begriffe jedoch, das fordert Sperber, im wissenschaftlichen Diskurs sorgsam unterscheiden. Der Begriff „Bedeutung“ erlange einen wissenschaftlichen Status nur, „indem er sich auf die Beziehungen bezieht, die intuitiv zwischen Zeichen erkannt werden [...]“ (1974: 22). Sperber meint hier insbesondere Beziehungen paraphrasischer oder analytischer Natur, denn deren Kennzeichen ist die Austauschbarkeit oder, wie Sperber es nennt, die Substitution. Etwas kann nur als paraphrasisch oder analytisch bezeichnet werden, wenn durch eine Substitution, sei es eines Zeichens, sei es des Kontexts, keine Veränderung hervorgerufen wird. Sperber definiert den Begriff „Bedeutung“ also als paraphrasische oder analytische Beziehung zwischen Zeichen. Wenn man für symbolische Phänomene nun den Begriff „Bedeutung“ verwenden wollte, so argumentiert Sperber weiter, so müßten sich auch hier paraphrasische und/oder analytische Beziehungen finden lassen. Dies verneint er jedoch kategorisch. Die Interpretation symbolischer Phänomene hänge vom Kontext ab und werde im allgemeinen durch jegliche Substitution verändert (1974:23). Dies sieht Sperber als einen der fundamentalen Unterschiede zwischen der Funktionsweise der Sprache und der des Symbolismus an, ein Grund also, den Symbolismus nicht auf semiologischer Basis zu analysieren. In engem Zusammenhang mit dem Begriff „Bedeutung“ steht das semiologische Konzept des Codes. Auch hier stellt Sperber die Frage, ob es sinnvoll sei, dem Symbolismus eine codeartige Struktur zu unterstellen.

2.2. Stellen Symbole einen Code dar?

Neben der Idee, daß Symbole „bedeuten“, besteht eine der weiteren Grundstützen der semiologischen Theorie darin, Symbol und Interpretation als codeartig miteinander verbunden anzusehen. Auch dieses Konzept kritisiert Sperber scharf. Dazu definiert er zunächst den Begriff „Code“ folgendermaßen: „Ein Code ist eine Menge an gegebenen Paaren (Botschaft, Interpretation [...]“ (1974: 26). Wenn es nun darum geht, eine Botschaft zu senden, spielt die Interpretation, wenn sie einmal codiert ist, keine Rolle mehr, die Botschaft hat sie ersetzt. Umgekehrt wird die erhaltene (codierte) Botschaft unwichtig, sobald sie vollständig interpretiert ist, denn die Interpretation ersetzt sie. Auch hier begegnet man wieder dem Phänomen der Substitution. Sperber stellt dem nun zwei wichtige Feststellungen entgegen: Erstens sei nicht jede Paarung notwendigerweise eine Codierung. Hier weist er mit einem Beispiel auf die wichtige Rolle der Substitution bei der Codierung hin: Die Gebrauchsanweisung auf einer Waschmittelpackung zum Beispiel ersetze nicht deren Inhalt (1974: 26). Ohne Substitution gibt es also keine Codierung. Zweitens kann jede Information interpretiert werden, ohne daß diese Interpretation notwendigerweise in einem feststehenden Paar mit der Information verknüpft ist und somit ohne daß diese Interpretation eine Decodierung darstellt. Sperber führt aus, daß ohne Zweifel die zwei eben gemachten Feststellungen für Symbole zutreffen, das heißt, daß sie gepaart und interpretiert werden. Das Problem sei es aber, herauszufinden, ob die Phänomene, die an die Symbole gekoppelt sind, Interpretationen darstellen, und ob die Interpretationen von Symbolen in regelmäßiger Weise an diese gekoppelt sind, das heißt im Grunde, herauszufinden, ob es sich beim Symbolismus wirklich um einen Code handelt. Jedoch sieht Sperber diese Bedingungen nicht erfüllt. Es gebe keine Liste und keine Regeln, die eine Menge an Paaren in der Zusammensetzung „Symbol-Interpretation“ hervorbrächte, so daß man jedem Symbol eine Interpretation zuordnen könnte (1974: 28).

2.3. Versteckte Bedeutung (Turner, Freud)

Am Beispiel der Theorien von Turner und Freud versucht Sperber aufzuzeigen, warum er die Grundannahme der semiologischen Konzeption, der Symbolismus sei wie ein Code aufgebaut, für falsch hält. Auch Turner und Freud suchen nach der Bedeutung von Symbolen. Sie gehen davon aus, daß diese Bedeutung in irgendeiner Art „versteckt“ ist. Turner sieht die Lösung in der Exegese, Freud in der unterbewußten Vorstellung. Sie würden den symbolischen Code also als eine Menge an Paaren (Symbol, Exegese) bzw. (Symbol, unterbewußte Vorstellung) definieren. Sperber stellt nun die Frage: „Macht der Kommentar, der an Symbole gekoppelt ist, wirklich die Interpretation aus?“ (1974: 33).

Hierzu zieht er noch die zwei wichtigen Begriffe „Begründung/Motivation eines Symbols“ (bei Turner) und „gedankliche Assoziationen“ (bei Freud) heran. Sperber erläutert, daß beide Begriffe eben nicht auf eine codeartige Struktur des Symbolismus hindeuten. Denn die Begründung von Symbolen geschehe meist willkürlich – hier zitiert er Lévi-Strauss, der sagte, daß eher die Tatsache einer Verbindung wichtig sei, als die Art, in welcher diese bestehe (1974: 39) – und auch Assoziationen gebe es mehr als eine, wobei die eine die andere nicht unbrauchbar machen muß.

Das Hauptargument ist jedoch, wie schon weiter oben erwähnt, das der beim Symbolismus – im Gegensatz zum Code – nicht vorhandenen Substitution. Sperber wirft sowohl Turner als auch Freud vor, den zweiten Begriff ihrer jeweils aufgestellten Paare (also „Exegese“ bzw. „unterbewußte Vorstellung“) wie in einem Code als Interpretation anzusehen, die den ersten Begriff (das Symbol als Botschaft) ersetzt. Seine Forderung lautet (an dieser Textstelle bezogen auf Assoziationen):

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Dan Sperber - Rethinking Symbolism
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Ethnologie und Afrikastudien)
Veranstaltung
Geschichte der Ethnologie II - Symbolforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V40692
ISBN (eBook)
9783638391467
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Im folgenden sollen sowohl Sperbers Kritik als auch seine eigene Theorie und ihre eventuellen Schwächen dargestellt werden. Dazu soll außerdem der Beitrag Streckers zur Symbolismus-Forschung herangezogen werden, der Sperber an einigen wichtigen Stellen kritisiert, ohne jedoch dessen Theorie völlig zu verwerfen, sondern vielmehr indem er einige Lücken bei Sperber aufzeigt und versucht, diese zu ergänzen bzw. die Theorie in gewisser Weise weiterzuentwickeln und zu verbessern."
Schlagworte
Sperber, Rethinking, Symbolism, Geschichte, Ethnologie, Symbolforschung
Arbeit zitieren
Nadia Cohen (Autor), 2001, Dan Sperber - Rethinking Symbolism, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40692

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