Kritik am Wohlfahrtsstaat als Schlüssel zum Erfolg des skandinavischen Kriminalromans


Seminararbeit, 2004
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Der skandinavische Kriminalroman und sein weltweiter Erfolg
1.1. Fräulein Smillas Gespür für Schnee und der Beginn einer Erfolgsgeschichte
1.2. Henning Mankell auf der Erfolgswelle des skandinavischen Kriminalromans
1.3. Der nordische Krimi – Ein neues Genre bildet sich heraus
1.4. Kritik am Wohlfahrtsstaat als genrebestimmendes Merkmal

2. er skandinavische Wohlfahrtsstaat
2.1. Das skandinavische Modell – hohe Steuern und hohe Leistungen
2.2. Der skandinavische Wohlfahrtsstaat in Zeiten des Umbruchs

3. Detektivroman, Krimi oder Thriller? – Eine Genrebestimmung

4. Wohlfahrtsstaatskritik in frühen skandinavischen Kriminalromanen
4.1. Maj Sjöwall/Per Wahlöö – „Roman om ett brott“
4.2. Gunnar Staalesens Varg Veum-Serie
4.3. Dan Turèlls „Mord“-Serie

5. Analyse der Wallander-Serie Henning Mankells als Beispiel für den zeitgenössischen skandinavischen Kriminalroman

6. Kritik am Wohlfahrtsstaat als Schlüssel zum Erfolg des skandinavischen Kriminalromans

7. Sekundärliteratur

1. Der skandinavische Kriminalroman und sein weltweiter Erfolg

1.1. Fräulein Smillas Gespür für Schnee und der Beginn einer Erfolgsgeschichte

Kaum ein literarisches Genre hat die späten Neunziger Jahre so sehr geprägt wie der skandinavische Kriminalroman. Auch heute hat dessen Erfolg seinen Höhepunkt noch nicht überschritten. Namen wie Henning Mankell und Håkan Nesser sind – quer durch die Gesellschaftsschichten – in aller Munde. In den Großbuchhandlungen von Flensburg bis zum Bodensee hat man längst spezielle Verkaufstische für den so genannten nordischen Thriller eingerichtet. Etiketten mit der Aufschrift „schwedischer Kriminalroman“ oder „Kopenhagen-Krimi“ prangen auf den Buchdeckeln wie angesagte Markennamen und lösen die vormals übliche allgemein gehaltene Bezeichnung „Roman“ nach und nach ab.

Verband man mit der Literatur des Nordens vor ein paar Jahren noch idyllische Heile-Welt-Schilderungen, wie sie in der Kinder- und Jugendbuchliteratur von Selma Lagerlöf und Astrid Lindgren auftauchen, so sind es heute wohl eher kaltblütige Verbrechen von globaler Bedeutsamkeit, die die deutsche Leserschaft mit der Belletristik Nordeuropas assoziiert.

Alexandra Krieg datiert den Beginn der Erfolgswelle der skandinavischen Kriminalliteratur auf 1992[1]. Damals erschien der Bestseller Frøken Smillas fornemmelse for sne[2] des Dänen Peter Høeg. Auch wenn sich Høegs Roman inhaltlich nicht unbedingt in eine Reihe mit den späteren Erfolgen seiner Landsleute und nordischen Nachbarn setzen lässt, war doch er es, der die Aufmerksamkeit der deutschen Literaturkonsumenten nach langer Zeit wieder auf das bevölkerungsmäßig eher überschaubare Skandinavien wandern ließ.

1.2. Henning Mankell auf der Erfolgswelle des skandinavischen Kriminalromans

Schon ein Jahr zuvor war Henning Mankells erster Roman um den schonischen Polizisten Kurt Wallander mit dem Titel Mördare utan ansikte[3] erschienen, der 1993 auch in Deutschland veröffentlicht wurde. Der im dünn besiedelten Härjedalen aufgewachsene Schwede hatte sich zuvor vornehmlich als Dramatiker einen Namen gemacht. In Abständen von jeweils rund einem Jahr setzte Mankell die in seiner Heimat von Beginn an höchst erfolgreiche Serie fort. 1992 erschien das Zweitwerk Hundarna i Riga[4], ein Jahr darauf folgte Den vita lejoninnan[5], ein weiteres Jahr später der Roman Mannen som log[6], der aber auf dem deutschen Buchmarkt erst wesentlich später und neben Den femte kvinnan als einziger der Serie außerhalb der ursprünglichen Reihenfolge erschien.

Obschon sich alle diese Romane durchaus gewinnbringend verkauften, konnte Mankell erst Ende der Neunziger Jahre zum Star am deutschen Literaturhimmel avancieren. Die Romane 5 bis 7 der Wallander-Serie (Villospår[7], Den femte kvinnan[8] und Steget efter[9]) brachen hierzulande alle Rekorde, wurden von den Kritikern durchweg in höchsten Tönen gelobt und bescherten auch den vorausgegangenen Romanen im Nachhinein steigende Absatzzahlen. Leider konnte mir Mankells deutscher Verleger (Zsolnay in München) keine genauen Verkaufszahlen der einzelnen Romane nennen. Dennoch erfuhr ich auf meine Anfrage hin, dass die Verkaufszahlen von Die falsche Fährte, Die fünfte Frau und Mittsommermord ein Vielfaches über denen der ersten Teile der Romanserie liegen.

Am Beispiel von Mankells achtem und in seiner Art letztem Wallander-Roman Brandvägg[10], lässt sich bereits erahnen, worauf sich der Erfolg vieler skandinavischer Kriminalromane gründet. Es ist die Lust auf mehr, die die Leser in die Buchhandlungen strömen lässt. Denn obgleich Die Brandmauer als erster Mankell-Roman nach langer Zeit nicht durchweg das Lob der Feuilletons fand – „Es ist wohl Zeit, dass der grüblerische Kommissar abdankt“ schrieb zum Beispiel Der Spiegel, „Kommissar Wallander und seinem Schöpfer scheint ein bisschen die Luft auszugehen“ der Focus – gehört die Nummer 8 der Romanreihe nach Auskunft des Zsolnay -Verlages zu den am besten verkauften Teilen der Serie.

Auf ein eher geteiltes Echo stieß schließlich auch Henning Mankells jüngstes Werk Innan frosten[11], das aus der Sicht von Linda Wallander, der inzwischen ebenfalls bei der Polizei beschäftigten Tochter des bekannten Kommissars, geschrieben ist. Doch auch in diesem Fall taten teilweise schlechte Kritiken dem Erfolg des Buches keinen Abbruch.

1.3. Der nordische Krimi – Ein neues Genre bildet sich heraus

Als zweiter Vorreiter des Schweden-Krimi-Booms ist Henning Mankells Landsmann Håkan Nesser zu nennen. Zwar gelang es Nesser nie ganz aus dem Schatten seines mehr als erfolgreichen Kollegen herauszutreten, dennoch finden sich seine Romane um den Kommissar Van Veeteren stets auf den internationalen Bestseller-Listen. Sein Debüt Det grovmaskiga nätet[12] erschien in Deutschland aber erst sechs Jahre nach der Originalausgabe aus dem Jahr 1993, als Henning Mankell bereits unter Beweis gestellt hatte, dass Kriminalromane nordischer Autoren in Deutschland durchaus Absatz finden können.

Obwohl es sich bei den Werken Nessers um herausragende Kriminalromane handelt, möchte ich sie im Folgenden dennoch vernachlässigen. Da Nesser seine Handlungen nicht etwa in Schweden, sondern in einer fiktiven Welt, die den Niederlanden ähnelt, ansiedelt, eignen sich seine Romane nicht für die Analyse des Zusammenhangs zwischen Verkaufserfolg und Kritik am skandinavischen Wohlfahrtsstaat, die den Kern meiner Arbeit bilden soll.

Schaut man sich die Welt des nordeuropäischen Kriminalromans heute, über zehn Jahre nach Erscheinen von Mankells und Nessers Krimidebüts an, so muss man feststellen, dass sich regelrecht ein eigenes Genre herausgebildet hat. Es fällt schwer, sich einen Gesamtüberblick über die Werke der nordischen Krimiautoren zu schaffen. Immer wieder kommen neue Namen hinzu, und die alten Bekannten veröffentlichen ihre Werke zumeist in Serien, wobei die einzelnen „Folgen“ häufig in sehr geringen Abständen erscheinen. Als wichtigste Vertreter Schwedens sind neben Mankell und Nesser Åke Edwardson, Liza Marklund und Jan Arnald zu nennen, der unter dem Pseudonym Arne Dahl kürzlich den dritten Roman um seine Erfolgsfigur Paul Hjelm von der Stockholmer Polizei vorgelegt hat. Des Weiteren feiern zwei Schriftstellerinnen aus Norwegen – Karin Fossum und die ehemalige Justizministerin Anne Holt – große Erfolge auf dem internationalen Kriminalbuchmarkt. Dänemarks derzeit erfolgreichste Krimi-Autoren sind Leif Davidsen und Gretelise Holm, und auch Finnland und Island haben mit Leena Lehtolainen beziehungsweise Arnaldur Indriðason ihre nationalen Krimi-Helden gefunden. Im weiteren Verlauf meiner Arbeit möchte ich mich aber auf die drei skandinavischen Kernländer Schweden, Norwegen und Dänemark konzentrieren.

1.4. Wohlfahrtsstaatskritik als genrebestimmendes Merkmal

Liest man mehrere moderne skandinavische Kriminalromane und unternimmt man dann den Versuch, Gemeinsamkeiten herauszufiltern, fällt ein inhaltliches Element besonders auf. So sehr sich die einzelnen Autoren in Erzählstil und Handlungsaufbau unterscheiden mögen, so deutlich wird auch, dass sich in beinahe allen Werken der genannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen mehr oder weniger deutliche Anzeichen von Gesellschaftskritik und Kritik am skandinavischen Wohlfahrtsstaat finden lassen.

Zunächst mag das verwundern. Schließlich sind kritische Töne aus den Klassikern der Kriminalliteratur wie den Werken Agatha Christies, Raymond Chandlers und Arthur Conan Doyles eher weniger bekannt. Doch berücksichtigt man die These, dass Autoren oft mehr oder minder Geschehnisse und Stimmungen aus der Zeitgeschichte mit in ihre Werke einfließen lassen, so erstaunt den Leser der kritische Umgang der skandinavischen Krimi-Autoren mit Staat und Gesellschaft nicht mehr so sehr.

2. Der skandinavische Wohlfahrtsstaat

2.1. Das skandinavische Modell – hohe Steuern und hohe Leistungen

Der skandinavische Wohlfahrtsstaat ist in seiner Art einzigartig und für den politisch Informierten zu einem festen Begriff geworden. Besonders der Begriff vom schwedischen Volksheim und Schwedens Mittelweg zwischen Sozialismus und Marktwirtschaft ist auch in Deutschland weitgehend bekannt und wird sogar von der Mehrheit der Deutschen – egal ob eher sozialdemokratisch oder konservativ eingestellt – als gutes und gangbares Politikkonzept geschätzt.

Ohne näher auf die Gedanken hinter dem skandinavischen Wohlfahrtsstaatsmodell eingehen zu wollen, möchte ich dennoch einige Kernpunkte aufzeigen, die besonders den schwedischen Weg ausmachen und die dessen Auffassung von Wohlfahrt von dem vor allem in Deutschland und Frankreich praktizierten kontinentaleuropäischen Modell unterscheiden.

[...]


[1] vgl. Krieg, Alexandra: „Der skandinavische Kriminalroman“. In: Dies.: „Auf Spurensuche. Der Kriminalroman und seine Entwicklung von den Anfängen bis zur Gegenwart.“ Marburg, 2002, S.75

[2] Høeg, Peter: „Frøken Smillas fornemmelse for sne“. København, 1992. Deutsche Erstausgabe: “Fräulein Smillas Gespür für Schnee”. Hamburg, 1994

[3] Mankell, Henning: „Mördare utan ansikte“. Stockholm, 1991. Deutsche Erstausgabe: „Mörder ohne Gesicht“. Berlin, 1993

[4] Mankell, Henning: „Hundarna i Riga“. Stockholm, 1992. Deutsche Erstausgabe: “Hunde von Riga”. Berlin, 1993

[5] Mankell, Henning: „Den vita lejoninnan“. Stockholm, 1993. Deutsche Erstausgabe: „Die weiße Löwin“. Berlin, 1995

[6] Mankell, Henning: „Mannen som log“. Stockholm, 1994. Deutsche Erstausgabe: „Der Mann, der lächelte“. Wien, 2001

[7] Mankell, Henning: „Villospår“. Stockholm, 1996. Deutsche Erstausgabe: „Die falsche Fährte“. Wien, 1999.

[8] Mankell, Henning: „Den femte kvinnan“. Stockholm, 1997. Deutsche Erstausgabe: „Die fünfte Frau“. Wien, 1998

[9] Mankell, Henning: „Steget efter“. Stockholm, 1997. Deutsche Erstausgabe: “Mittsommermord”. Wien, 2000

[10] Mankell Henning: „Brandvägg“. Stockholm, 1998. Deutsche Erstausgabe: „Die Brandmauer“. Wien, 2001

[11] Mankell, Henning: „Innan frosten“. Stockholm, 2002. Deutsche Erstausgabe: „Vor dem Frost“. Wien, 2003

[12] Nesser, Håkan: „Det grovmaskiga nätet“. Stockholm, 1993. Deutsche Erstausgabe: „Das grobmaschige Netz“. München, 1999

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kritik am Wohlfahrtsstaat als Schlüssel zum Erfolg des skandinavischen Kriminalromans
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Nordeuropa-Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V40746
ISBN (eBook)
9783638391887
Dateigröße
713 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritik, Wohlfahrtsstaat, Schlüssel, Erfolg, Kriminalromans
Arbeit zitieren
Ebbe Volquardsen (Autor), 2004, Kritik am Wohlfahrtsstaat als Schlüssel zum Erfolg des skandinavischen Kriminalromans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40746

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