Gesellschaftskritik in Carl Jonas Love Almqvists Novelle "Der Palast"


Seminararbeit, 2003
9 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Politisch-historischer Hintergrund

Textanalyse

Schlussbetrachtung

Literatur

Einleitung

Will man eine literaturwissenschaftliche Arbeit verfassen, so empfiehlt sich zunächst die Einordnung des zu behandelnden Verfassers in eine literarische Epoche. Im Falle des schwedischen Autoren Carl Jonas Love Almqvist (1793 – 1866) ist das aber nicht ganz einfach. So schreibt Artur Lundkvist: „Många har haft svårt for at se någon enhet i Almqvists diktning […]“[2]. Während unstrittig ist, dass die früheren Werke Almqvists zur schwedischen Neuromantik zählen und seine späteren Schriften eher in die Epoche des Realismus fallen, gibt es in seiner mittleren Schaffensperiode Werke, bei denen diese Zuordnung sich nicht eindeutig treffen lässt. Folke Isaksson spricht daher über Almqvist als „en gränsgestalt mellan två huvudströmningar i svensk litteratur“[3]. Die 1837 erstmals veröffentliche Novelle „Der Palast“ ist sicherlich ein solcher Grenzfall, über dessen epochale Einordnung sich die Literaturwissenschaftler nicht einig sind. So nennt Fritz Paul Almqvists Novelle ein romantisches Gesamtkunstwerk[4] und hebt in Anlehnung an die Werke Edgar Allan Poes deren schauerromantische Grundstimmung hervor.[5] Bertil Romberg stellt hingegen fest, dass „också etnografiska och sociala frågor markeras“[6], was wiederum eher für eine Einordnung der Novelle in die realistische Epoche sprechen würde, die schließlich als Antwort der Literatur auf die in Europa aufkommenden politischen Strömungen der Zeit wie Liberalismus und Sozialismus gesehen werden kann.[1]

In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, inwieweit Carl Jonas Love Almqvists Novelle „Der Palast“ tatsächlich als sozial- und gesellschaftskritisches Werk gedeutet und somit in die Epoche des auch von der Literatur vorangetriebenen politischen Aufbruchs im Vormärz der europäischen Revolution von 1848 eingeordnet werden kann. Dabei werde ich sowohl auf die offene Schilderung gesellschaftlicher Missstände in der ersten Hälfte der Novelle als auch auf die teils allegorischen und parabolischen Stellen in der zweiten Hälfte eingehen, also auf die Frage, wie sich die harsche Kritik des Protagonisten an dem japanischen Harakiri-Ritual im übertragenden Sinne deuten lässt. Schließlich möchte ich eine Antwort auf die Frage finden, ob in Almqvists „Palast“ die romantischen oder die realistischen Elemente überwiegen. Zunächst aber möchte ich kurz auf den politisch-historischen Hintergrund des Werkes eingehen, ohne dessen Betrachtung eine Interpretation der Novelle kaum denkbar ist.

Politisch-historischer Hintergrund

Als Carl Jonas Love Almqvist 1793 geboren wurde, war die Französische Revolution in vollem Gange. Und auch in den kommenden 50 Jahren wurde Europa durch verschiedene politische Umstürze geprägt. Die gesellschaftlichen Strömungen des Nationalismus, Liberalismus und Sozialismus hatten ihre Geburtsstunde in dieser turbulenten Zeit. Die Julirevolution von 1830, bei der der französische König Karl X. binnen dreier Tage gestürzt und durch den „Bürgerkönig“ Louis Philipp von Orleans abgelöst wurde, „löste revolutionäre Wellen aus, die sich über weite Gebiete Europas erstreckten.“[7] Obwohl die europäische Revolution ihre Zentren freilich eher in Frankreich und in den deutschen Staaten – und weniger in Skandinavien – hatte, hatten die Geschehnisse von 1830 auch Auswirkungen auf die schwedische Gesellschaft. Laut Mogens Brøndsted bildeten sie „den Auftakt zu einer allmählichen Liberalisierung im Innern.“[8] In Stockholm schafften sich die Liberalen mit der Zeitung „Aftonbladet“ ein Sprachrohr; später war auch Almqvist dort als Journalist tätig. Isaksson zitiert den Literaturwissenschaftler Ivar Simonsson wie folgt: „Interesset för samhällets reformering grep från denna tid [1830] alltmera omkring sig, även i vårt land.“[9]

Letzteres ist erstaunlich, da Schweden schon 1810 eine neuständische Vierkammerverfassung bekommen hatte, in der die Bauern – also die einfachen Leute – den Ständen der Bürger und Geistlichen numerisch deutlich überlegen waren.[10] Dass der revolutionäre Funke dennoch auch nach Schweden übersprang, lässt sich aber dadurch erklären, dass der Adel auch nach 1810 noch besondere Vorrechte besaß und auch nach der neuen Verfassung die meiste Macht im Staat innehatte.[11] Für Fritz Paul ist Almqvists „Palast“ eine indirekte Kritik an diesem Zustand. Er spricht von einer „Parabel für den europäischen Feudalismus.“[12]

Was nun Almqvists Rolle in dieser von Veränderungen geprägten Epoche angeht, so muss man wie Hans-Jürgen Hube feststellen, dass er ein „leidenschaftlich engagierter Sozialkritiker [und] seiner Zeit voraus“[13] war. „Egentligen är han en av den politiska radikalismens potalfigurer i Sverige“[14], konstatiert Folke Isaksson. In einer Mischung aus tiefer Religiosität und liberalem Fortschrittsdenken, schrieb Almqvist gegen soziale Missstände, kämpfte für die Gleichberechtigung der Frau und löste einen Skandal aus, als er sich in „Det går an“ für die freie Liebe aussprach. „Och Socialist var han redan på en tid, da knappt någon i Sverige visste vad denna sekt egentligen var“[15], zitiert Isaksson Almqvists Zeitgenossen, den Journalisten Vilhelm Fredrik Palmblad.

Auch wenn die Novelle „Der Palast“ in einer Zeit geschrieben wurde, zu der die schwedische Literatur am Übergang von Romantik zu Realismus stand, ist es angesichts Almqvists Fortschrittlichkeit und Modernität nur schwer vorstellbar, dass es sich dabei lediglich um einer schauerromantische Abenteuergeschichte handelt. Vielmehr verlangt die Einschätzung, Almqvist sei seiner Zeit stets voraus gewesen, danach, den Text näher nach gegenwartskritischen Äußerungen zu untersuchen. Das möchte ich im folgenden Teil meiner Arbeit tun.

[...]


[1] Um nicht Gefahr zu laufen, Aussagen zu verfälschen, gebe ich im Folgenden Zitate aus der schwedischen Fachliteratur im originalen Wortlaut wider und versuche, diese in den deutschen grammatikalischen Kontext einzubauen.

[2] Lundkvist, Artur: „Vari består Almqvists modernitet?“ In: Ulla-Britta Lagerroth/Bertil Romberg (Hg.): Perspektiv på Almqvist. Uddevalla, 1973. S. 31

[3] Isaksson, Folke: „En politisk människa.“ In: ebd., S. 37

[4] vgl. Paul, Fritz: „Asien lastet noch heimlich auf Europa. Labyrinthischer Exotismus und unaufhebbare Fremdheit in C.J.L. Almqvists „japanischer“ Schauernovelle ‚Der Palast´.“ In: Eijiro Iwasaki (Hg.): Begegnung mit dem Fremden. Grenzen – Traditionen – Vergleiche. Band 11, Sektion 21: Skandinavistik. München, 1991. S. 394

[5] vgl. ebd. S. 393

[6] Romberg, Bertil: Carl Jonas Love Almqvist. Liv och verk. Stockholm, 1993. S. 138

[7] Bergeron, Louis, François Furet, Reinhart Koselleck (Hg.): Fischer Weltgeschichte. Band 26. Das Zeitalter der europäischen Revolution 1780 – 1848. Frankfurt/Main, 1969. S. 263

[8] Brøndsted, Mogens: „Der skandinavische Beitrag zum europäischen Realismus.“ In: Klaus von See (Hg.): Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Band 17: Europäischer Realismus. Wiesbaden, 1980. S. 186

[9] Lagerroth/Romberg (1973). S. 41

[10] vgl. Bergeron u.a. (1969). S. 245

[11] vgl. ebd.

[12] Iwasaki (1991). S. 399

[13] Hube, Hans-Jürgen: Abriß der Schwedischen Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin, 1994. S. 46

[14] Lagerroth/Romberg (1973). S. 39

[15] ebd. S. 45

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftskritik in Carl Jonas Love Almqvists Novelle "Der Palast"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Nordeuropa-Institut)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
9
Katalognummer
V40747
ISBN (eBook)
9783638391894
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschaftskritik, Carl, Jonas, Love, Almqvists, Novelle, Palast
Arbeit zitieren
Ebbe Volquardsen (Autor), 2003, Gesellschaftskritik in Carl Jonas Love Almqvists Novelle "Der Palast", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40747

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