Exegese Mk 1, 29 - 34


Seminararbeit, 2004
38 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Erlebnisanalyse

2. Textsicherung
2.1. Übersetzung des Textes
2.2. Gliederung des Textes nach Segmenten, Sätzen und Propositionen
2.3. Kontext- und Abgrenzungsanalyse
2.4. Textkritik

3. Synchrone Analyse
3.1. Sprachlich-syntaktische Analyse
3.2. Semantische Analyse
3.2.1. Textsemantik
3.2.2. Wortsemantik
3.3. Narrative Analyse und Argumentationsanalyse
3.4. Pragmatische Analyse
3.5. Textsortenanalyse

4. Diachrone Analyse
4.1. Literarkritik
4.2. Form- und Überlieferungsgeschichte
4.3. Traditionsgeschichte als Begriffs- und Motivgeschichte
4.4. Religionsgeschichtlicher Vergleich
4.5. Redaktionskritik

5. Ergebnissicherung
5.1. Versexegese
5.2. Gesamtexegese
5.3. Hermeneutisch-theologische Reflexion

6. Literaturverzeichnis

1. Erlebnisanalyse

Beim erstmaligen Lesen von Mk 1, 29-34 wird sofort klar, dass die Geschichte der ‚Heilung der Schwiegermutter des Petrus’, relativ zu Beginn des zweiten Evangeliums nach Markus im Neuen Testament, nicht in der heutigen Zeit abgefasst ist. Mit einer solchen Wundergeschichte können heute viele Menschen nichts mehr anfangen, sie würde eher Skepsis als Bewunderung erzeugen.

Vollkommen undetailliert und unkommentiert berichtet der Autor in der ersten Hälfte von einer für heutige Verhältnisse sensationellen Wunderheilung. Die mit Fieber im Bett liegende Schwiegermutter des Simons wird von Jesus durch bloße Berührung mit der Hand wiederaufgerichtet und ist somit geheilt. Eine Erklärung, wie etwas so Außergewöhnliches vor sich gegangen ist, bleibt aus. Stattdessen scheint die Tatsache für den Verfasser eine Selbstverständlichkeit darzustellen, denn schon im Anschluss relativiert er die sonderbare Heilung der Schwiegermutter durch eine fast überzogen wirkende, noch verwunderlichere Massenheilung. Plötzlich strömen alle Kranken und sogar Besessenen der Stadt Kafarnaum zu dem Hause Simons, in dem sich Jesus aufhält, um geheilt zu werden. Und genau dies geschieht, Jesus heilt viele Kranke und treibt die bösen Geister aus, denen er zu sprechen verbietet.

Vor allem in diesem Teil bleiben für den Leser viele Fragen offen. Woher wissen die Einwohner der Stadt von Jesu Ankunft? Warum werden keine Zweifler erwähnt? Wie genau vollzieht sich die massenhafte Heilung? Was hat man sich unter Besessenen und Dämonen vorzustellen? Auf welche Weise läuft die Kommunikation zwischen Jesus und den Dämonen ab und wie verhindert er, dass sie sprechen? Im Unklaren lässt uns der Autor im letzten Vers auch darüber, wovon die Dämonen eigentlich wissen und warum Jesus verhindern will, dass sie es an die anwesenden Menschen weitergeben. Hieraus wird deutlich, dass ein Verstehen des Textes einer ausführlichen Auseinandersetzung bedarf, welche die durch den Text aufkommenden Unklarheiten klärt.

Auch die Hauptperson der Geschichte wirft zunächst einige Fragen auf. Einerseits wird Jesus eindeutig positiv und allmächtig charakterisiert, wie man es in einer Bibelstelle erwartet. Andererseits wirkt er fast ein bisschen abgehoben, weil er in dieser Geschichte menschliche Züge vermissen lässt, z.B. verzichtet die Heilung der Schwiegermutter auf sprachliche oder mimische Beschreibungen Jesu. Außerdem ist zumindest eine sonderbare Nähe Jesu zu den Dämonen, deren Herkunft ja wohl eindeutig in den negativen Sphären zu suchen ist, gegeben, die ihm sogar gehorchen. Dadurch erscheint der Protagonist beinahe unheimlich.

Ebenso wird der Gesamteindruck dargestellt, vor allem gegen Ende der Handlung hin. Neben dem Auftreten von Dämonen trägt sich das Geschehen zudem des Nachts zu, wodurch die Erzählung in der Phantasie des Lesers in eine noch unheimlichere Dunkelheit eintaucht. Ein Exorzist tritt auf und treibt die bösen Geister aus. Schließlich gebietet dieser den Dämonen sogar. Alles in allem mag der Leser bei der Vorstellung sogar erschaudern. Wozu die Schaffung einer solchen Atmosphäre dienen mag, welche Merkmale bei der Charakterisierung der Hauptperson wichtig sind und was uns der Autor mit der sonderbaren Geschichte in Wirklichkeit mitteilen wollte, wird in der nun folgenden Exegese unter anderem versucht aufzuzeigen.

2. Textsicherung

2.1. Übersetzung des Textes

29. Und alsbald gingen sie aus der Synagoge und gelangten mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas.[1]
30. Die Schwiegermutter Simons aber lag fibrig da, und alsbald sagten sie ihm von ihr.
31. Und er ging hin, richtete sie auf und ergriff ihre Hand. Und das Fieber verließ sie und sie diente ihnen.
32. Als es aber Abend wurde, nachdem die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.
33. Und es war die ganze Stadt vor der Tür versammelt.
34. Und er heilte viele Kranke mit unterschiedlichen Krankheiten, trieb viele böse Geister aus und ließ die bösen Geister nicht reden, weil sie ihn kannten.

2.2. Gliederung des Textes nach Segmenten, Sätzen und Propositionen

In diesem Abschnitt wird die Perikope in kleinere Einzelabschnitte gegliedert. Hierbei wird eine terminologische Differenzierung in Segmente, Sätze und Propositionen vorgenommen.[2]

„Textsegmente sind Gliederungseinheiten der Textoberfläche“[3] und werden demnach nach inhaltlichen und syntaktischen Gesichtspunkten bestimmt. Sie bilden die umfangreichsten Abschnitte der Analyse. Augenscheinlich zerfällt unsere Perikope in nur zwei größere Abschnitte (Heilung der Schwiegermutter und Massenheilung), die durch eine inhaltliche Zäsur klar voneinander abgetrennt sind und sich jeweils in zwei Textsegmente teilen lassen. Die Verse 29-30 bzw. 32-33 bilden die Exposition der Geschichte, der Vers 31 bzw. 34 enthält jeweils die Wunderheilung.

Als nächst kleinere Texteinheit spalten wir den Text nun in ‚Sätze’ auf, wobei diese nicht nur anhand der Interpunktion abgegrenzt sind. Stattdessen wird im Folgenden nach einer grammatikalischen Satzdefinition gegliedert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Noch mehr Elemente erhalten wir anhand folgender Zerlegung (durch Bindestriche gekennzeichnet) des Textes in Propositionen, die kleinsten hier untersuchten semantischen Struktureinheiten.

Und alsbald gingen sie aus der Synagoge - und gelangten in das Haus des Simon und Andreas - mit Jakobus und Johannes. Die Schwiegermutter Simons aber lag fibrig da, - und alsbald sagten sie ihm von ihr. Und er ging hin, - richtete sie auf - und ergriff ihre Hand. - Und das Fieber verließ sie - und sie diente ihnen. - Als es aber Abend wurde, - nachdem die Sonne untergegangen war, - brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. - Und es war die ganze Stadt - vor der Tür versammelt. Und er heilte viele Kranke - mit unterschiedlichen Krankheiten, - trieb viele böse Geister aus - und ließ die bösen Geister nicht reden, - weil sie ihn kannten.

2.3. Kontext- und Abgrenzungsanalyse

Bei der nun durchgeführten Kontext- und Abgrenzungsanalyse wird eine Differenzierung in einen Mikro- und einen Makrokontext vorgenommen.

Zunächst soll bei der Untersuchung auf Kohärenz im Mikrokontext auf grammatikalische Kohärenzkriterien eingegangen werden. Diese werden beispielsweise durch die Verwendung von Konjunktionen zu Beginn eines neuen Satzes erfüllt. Die Konjunktion ‚καˆ’ verbindet alle Sätze mit Ausnahme von 30a und 32a, wo die formale Kohärenz der Aussagen durch ‚䝒 gesichert wird. Asyndeta, unverbundene Sätze ohne einleitende Konjunktion, finden sich keine.

Ein weiteres sprachliches Mittel, welches in unserer Perikope Kohäsion erzeugt, ist die Wiederholung. Mehrmals greift der Autor dieselben Wörter im Folgesatz wieder auf und stellt somit eine direkte Verbindung her, wie z.B. ‚Σˆμων’ oder ‚δαιμÒνιον’, einmal manifestiert sich die Verbindung zweier Sätze durch die Wiederholung eines Wortpaares (‚κακîς Ÿχwν’).

Schließlich lässt auch die zahlreiche Verwendung von Pronomina auf kohärierende Verse schließen. So wird der Name ‚Jesus’ in der ganzen Perikope nicht verwendet, sondern stets durch ein Pronomen ersetzt. Rein grammatikalisch erweist sich der Text als äußerst kohärent. Inhaltlich stellen der Ortswechsel zu Beginn der Perikope (V.29) und die doppelte Zeitangabe (V.32) deutliche Zäsuren dar.

Formal und inhaltlich am wenigsten zu kohärieren scheinen die Verse 31 und 32. Hier fehlt das für die Textstelle sonst so charakteristische ‚καˆ’, zudem wird V.32 durch eine doppelte Zeitangabe eingeleitet, die auf den Beginn einer neuen Sinneseinheit hinweist. Rein inhaltlich beginnt mit V.32 ein neuer Abschnitt.

Die Eingliederung des Textes in den Makrokontext entspricht dessen Einordnung in das gesamte Evangelium. Die Perikope befindet sich nach J. Roloff[4] zu Beginn des ersten von zwei großen Hauptteilen (1,14 – 8,26) im Evangelium nach Markus, der das Wirken Jesu in Galiläa thematisiert. Hier wiederum ist der Text dem ersten der drei Unterpunkte eingeordnet, den Roloff „Jesu vollmächtiges Wirken vor dem Volk (1,14 – 3,12)“[5] nennt. Der Textstelle voraus geht die Erzählung vom Kommen Jesu nach Galiläa (Mk 1,14). Anschließend beruft er die ersten Jünger, Simon, Andreas, Jakobus und Johannes, die in Mk 1,29, wiedererwähnt werden. Der folgende Abschnitt geht direkt der einzuordnenden Passage voraus und handelt von Jesu Ankunft in Kafarnaum und dem Besuch einer Synagoge. Hier trifft Jesus auf einen Besessenen, den er von seinem bösen Geist befreit.

Mk 1, 29-34 stellt, gemeinsam mit dieser Geschichte, somit den Anfang der Wunderheilungen im Markusevangelium dar, die gemeinsam mit der Verkündigung der Lehre Jesu den ersten Hauptteil dominieren.

Die nachfolgende Perikope erzählt vom Aufbruch aus Kafarnaum, sowie von weiteren Dämonenaustreibungen.

2.4. Textkritik

Da eine vollständige textkritische Analyse der Perikope über den Umfang der Arbeit hinausgeht, findet sich im Anschluss eine Auswahl der für den Text bedeutungsvollsten und entscheidenden Varianten. Zu deren Klärung ist eine Sichtung der verschiedenen Lesarten[7] und ihrer Zeugen notwendig.[6]

1.Variante (Mk 1, 29)

Äußere Bezeugung:

1. ‚Καˆ εÙθÝς ™κ τÁς συναγωγÁς ™ξελθÒντες Ãλθον’ lesen die Majuskeln א 01 (Sinaiticus) [Kat.I], A 02 (Alexandrinus) [Kat.III], C 04 (Ephraemi) [Kat.II], L 019 (Regius) [Kat.II], K 017 [Kat.V], N 022 [Kat.V], P 024 [Kat.V], G 036 [Kat.V], D 037 [Kat.III], die Minuskeln 33 [Kat.I], 28 [Kat.III], 892 [Kat.II], 1241 [Kat.III], 1424 [Kat.III], 2542 [Kat.III], die Vulgata, sowie eine syrische und eine bohairische Überlieferung.

2. Dagegen lesen die Majuskeln B 03 (Vaticanus) [Kat.I], Q 038 [Kat.II] (mit Wortumstellung), die Minuskelfamilien f 1 und f 13, sowie die Minuskeln 565 [Kat.III], 579 [Kat.II], 700 [Kat.III], 2427 [ohne Kat.] und wenige andere, eine altlateinische Handschift und Einzelhandschriften der Vulgata ‚καˆ εÙθÝς ™κ τÁς συναγωγÁς ™ξελθîν Ãλθεν’.

3. Die Lesart ‚™ξελθîν δ ™κ τÁς συναγωγÁς Ãλθεν’ bezeugen die Majuskeln D 05 (Bezae Cantabrigiensis) [Kat.IV] und W 032 (Freerianus) [Kat.III], sowie mehrere altlateinische Handschriften eine bohairische Überlieferung.

Innere Bezeugung:

Inhaltlich ergibt sich als Hauptunterschied der drei Lesarten der Numerus der Verben des Verses. Während die zuerst genannte Lesart den Plural setzt, und damit neben Jesus, Jakobus und Johannes noch weitere Begleiter auf dem Weg von der Synagoge zum Haus impliziert, stehen die Verben in den beiden anderen Lesarten im Singular. Demnach würde Jesus nur mit Jakobus und Johannes aus der Synagoge in das Haus gehen, ohne andere Personen.

Textkritisches Urteil:

Die äußere Bezeugung spricht tendentiell eher für die erste Lesart, obwohl wichtige Textzeugen wie der Codex Vaticanus die zweite Lesart führen. Doch überwiegt die Zahl der Textzeugen für die erste Lesart, während sich Abfassungszeit und Kategorien in etwa die Waage halten. Die dritte Lesart dagegen ist qualitativ und quantitativ sehr gering bezeugt. Inhaltlich erscheint es zunächst sinnvoller, die Textstelle im Singular wiederzugeben, da von weiteren Begleitern außer Jakobus und Johannes vorher und nacher nicht die Rede ist. Wahrscheinlich ist daher, dass die ein späterer Redaktor die Passage in den Singular gesetzt hat.

[...]


[1] Griechische Vorlage vgl.: Aland, K/B.(Hrsg): Das Neue Testament. Griechisch und Deutsch, Stuttgart 198627, S.90 f.

[2] vgl. Brinker, K.: Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden, Berlin 20015, S.26 ff.

[3] ebd.

[4] vgl. Roloff, J.: Einführung in das Neue Testament, Stuttgart 1995, S.157

[5] Roloff, S.157

[6] vgl. Schnelle, U.: Einführung in die neutestamentliche Exegese, Göttingen 20005, S.32 ff.

[7] vgl. Aland 1986, S.90 ff.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Exegese Mk 1, 29 - 34
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Einführung in das neue Testament - Proseminar
Note
1,7
Autoren
Jahr
2004
Seiten
38
Katalognummer
V40750
ISBN (eBook)
9783638391924
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Exegese, Einführung, Testament, Proseminar
Arbeit zitieren
Tina Ponater (Autor)Matthias Bernhard (Autor), 2004, Exegese Mk 1, 29 - 34, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40750

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