Beim erstmaligen Lesen von Mk 1, 29-34 wird sofort klar, dass die Geschichte der ‚Heilung der Schwiegermutter des Petrus’, relativ zu Beginn des zweiten Evangeliums nach Markus im Neuen Testament, nicht in der heutigen Zeit abgefasst ist. Mit einer solchen Wundergeschichte können heute viele Menschen nichts mehr anfangen, sie würde eher Skepsis als Bewunderung erzeugen.
Vollkommen undetailliert und unkommentiert berichtet der Autor in der ersten Hälfte von einer für heutige Verhältnisse sensationellen Wunderheilung. Die mit Fieber im Bett liegende Schwiegermutter des Simons wird von Jesus durch bloße Berührung mit der Hand wiederaufgerichtet und ist somit geheilt. Eine Erklärung, wie etwas so Außergewöhnliches vor sich gegangen ist, bleibt aus. Stattdessen scheint die Tatsache für den Verfasser eine Selbstverständlichkeit darzustellen, denn schon im Anschluss relativiert er die sonderbare Heilung der Schwiegermutter durch eine fast überzogen wirkende, noch verwunderlichere Massenheilung. Plötzlich strömen alle Kranken und sogar Besessenen der Stadt Kafarnaum zu dem Hause Simons, in dem sich Jesus aufhält, um geheilt zu werden. Und genau dies geschieht, Jesus heilt viele Kranke und treibt die bösen Geister aus, denen er zu sprechen verbietet.
Vor allem in diesem Teil bleiben für den Leser viele Fragen offen. Woher wissen die Einwohner der Stadt von Jesu Ankunft? Warum werden keine Zweifler erwähnt? Wie genau vollzieht sich die massenhafte Heilung? Was hat man sich unter Besessenen und Dämonen vorzustellen? Auf welche Weise läuft die Kommunikation zwischen Jesus und den Dämonen ab und wie verhindert er, dass sie sprechen? Im Unklaren lässt uns der Autor im letzten Vers auch darüber, wovon die Dämonen eigentlich wissen und warum Jesus verhindern will, dass sie es an die anwesenden Menschen weitergeben. Hieraus wird deutlich, dass ein Verstehen des Textes einer ausführlichen Auseinandersetzung bedarf, welche die durch den Text aufkommenden Unklarheiten klärt.
Inhaltsverzeichnis
1. Erlebnisanalyse
2. Textsicherung
2.1. Übersetzung des Textes
2.2. Gliederung des Textes nach Segmenten, Sätzen und Propositionen
2.3. Kontext- und Abgrenzungsanalyse
2.4. Textkritik
3. Synchrone Analyse
3.1. Sprachlich-syntaktische Analyse
3.2. Semantische Analyse
3.2.1. Textsemantik
3.2.2. Wortsemantik
3.3. Narrative Analyse und Argumentationsanalyse
3.4. Pragmatische Analyse
3.5. Textsortenanalyse
4. Diachrone Analyse
4.1. Literarkritik
4.2. Form- und Überlieferungsgeschichte
4.3. Traditionsgeschichte als Begriffs- und Motivgeschichte
4.4. Religionsgeschichtlicher Vergleich
4.5. Redaktionskritik
5. Ergebnissicherung
5.1. Versexegese
5.2. Gesamtexegese
5.3. Hermeneutisch-theologische Reflexion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, eine exegetische Analyse der Perikope Mk 1, 29-34 durchzuführen, um das darin vermittelte Bild Jesu sowie die Absichten des Evangelisten Markus zu entschlüsseln. Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie der Text durch narratologische, semantische und diachrone Methoden als Wundergeschichte verstanden werden kann und welche Rolle die Vollmacht Jesu dabei einnimmt.
- Methodische Analyse der Erzählstruktur (Synchrone und Diachrone Analyse)
- Untersuchung der Vollmacht Jesu (‚™xous…a’) durch semantische Oppositionen
- Religionsgeschichtliche Einordnung und Vergleich mit antiken Wunderberichten
- Reflexion der textpragmatischen Wirkabsicht des Evangelisten
Auszug aus dem Buch
3.2. Semantische Analyse
Das semantische Inventar des Textes lässt sich auf die vier folgenden, wichtigsten Sinnlinien zusammenfassen, die den Abschnitt prägen.
Die Anordnung zu denen sich daraus ergebenden semantischen Oppositionen verdeutlicht den thematischen Schwerpunkt der Textstelle, der klar einen positiven und einen negativen Pol voneinander trennt. Im positiven Pol zentriert finden wir Jesus und seine Taten, auf der Gegenseite formieren sich die unheilvollen Kräfte, Krankheiten und böse Geister. Alle Personen mit Ausnahme Jesu selbst lassen sich keiner der beiden Seiten direkt zuordnen und nehmen eine Zwischenstellung ein.
Jesus als Verkörperung des Guten und Göttlichen steht konträr zu den Vertretern des Negativen, den bösen Geistern und den Krankheiten, den geistigen und körperlichen Übeln. Ebenfalls in direkter Opposition zu letzteren stehen die Mittel, die Jesus zu ihrer Bekämpfung und Vernichtung einsetzt, die Verben des Heilens.
Die Existenz eines geistigen Übels setzt die Existenz eines körperlichen voraus, und umgekehrt. Ebenso setzt die Tatsache, dass Jesus Wunder vollbringt, indem er Krankheiten heilt und böse Geister austreibt, voraus, das er eine von Gott gegebene Vollmacht (™xous…a) besitzt. Diese wiederum hängt vom Gelingen der vollbrachten Wunder ab, dem Heilen von Krankheiten und Austreiben von bösen Geistern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Erlebnisanalyse: Der Einstieg in den Text reflektiert die anfängliche Skepsis moderner Leser gegenüber Wunderheilungen und die durch die Erzählung aufgeworfenen Fragen zur Hauptperson Jesus.
2. Textsicherung: In diesem Kapitel erfolgt die philologische Basisarbeit durch eine präzise Übersetzung, Gliederung und Kontextermittlung, ergänzt um textkritische Erwägungen.
3. Synchrone Analyse: Hier wird der Text auf sprachliche, semantische und narrative Merkmale untersucht, wobei insbesondere die Vollmacht Jesu als zentrales Motiv hervortritt.
4. Diachrone Analyse: Dieses Kapitel widmet sich der literarischen Entstehungsgeschichte, der Formgeschichte sowie dem religionsgeschichtlichen Vergleich mit antiken Quellen, um den Sitz im Leben der Perikope zu ergründen.
5. Ergebnissicherung: Zum Abschluss werden die exegetischen Teilergebnisse zusammengeführt und in einer hermeneutisch-theologischen Reflexion auf ihre heutige Bedeutung hin geprüft.
Schlüsselwörter
Exegese, Markusevangelium, Wunderheilung, Vollmacht, Jesus, Dämonenaustreibung, Semantische Analyse, Formgeschichte, Messiasgeheimnis, Synchrone Analyse, Diachrone Analyse, Erzählstruktur, Exorzismus, Hermeneutik, Textpragmatik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Proseminararbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der exegetischen Analyse der neutestamentlichen Perikope Mk 1, 29-34, die die Heilung der Schwiegermutter des Petrus und eine anschließende Massenheilung thematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören das Wunderwirken Jesu, die Darstellung seiner göttlichen Vollmacht, die Auseinandersetzung mit dem Bösen (Dämonen) und die literarische Gestaltungsweise des Markusevangeliums.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Ziel ist es, durch eine methodisch fundierte Exegese das Verständnis von Jesu Wirksamkeit in der Textstelle zu vertiefen und die Intention des Evangelisten Markus hinter dieser Wundergeschichte aufzudecken.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt ein breites Spektrum bibelwissenschaftlicher Methoden, darunter die synchrone (sprachlich-syntaktische, semantische, narrative) sowie die diachrone Analyse (literarkritisch, formgeschichtlich, traditionsgeschichtlich).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte textliche Sicherung, eine eingehende synchrone Untersuchung der Textbausteine sowie eine diachrone Aufarbeitung der literarischen Vorgeschichte und Gattungseinordnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Messiasgeheimnis, Vollmacht, Exegese, Wundergeschichte, Exorzismus, semantische Opposition und Hermeneutik maßgeblich geprägt.
Welche Bedeutung kommt dem Messiasgeheimnis in diesem Text zu?
Das Messiasgeheimnis spielt eine zentrale Rolle in Vers 34, wo Jesus den Dämonen das Reden verbietet, um seine wahre Identität vor der Öffentlichkeit zu verschleiern und die Verbreitung seines Wirkens zu steuern.
Wie unterscheidet sich die Darstellung Jesu in dieser Arbeit von antiken Parallelen?
Im Vergleich zum römischen Kaiser Vespasian bei Tacitus zeigt sich, dass Jesus als Wundertäter aus innerer Autorität und göttlicher Vollmacht agiert, während bei antiken Herrschern oft egoistische Motive oder eine ideologische Machtlegitimation im Vordergrund stehen.
Warum spielt die Unterscheidung von Tradition und Redaktion eine so große Rolle?
Diese Unterscheidung ist entscheidend, um zu isolieren, welche Anteile am Text auf eine ältere Tradition zurückgehen und wo der Evangelist Markus durch seine redaktionelle Tätigkeit gezielt Akzente gesetzt hat, um den Text in den Kontext seines Evangeliums einzubinden.
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- Tina Ponater (Author), Matthias Bernhard (Author), 2004, Exegese Mk 1, 29 - 34, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40750