Einleitung
Oftmals sei das Urteil über gegenwärtige Kunst von verzweifelter Unsicherheit geprägt2, so Hans-Georg Gadamer in »Wahrheit und Methode«. Der Abstand der Zeit, so führt er aus, sei hingegen als eine produktive und hilfreiche Bedingung anzusehen, wenn es gelte, ein angemessenes Verständnis von literarischen Texten oder, ganz allgemein gesprochen, überhaupt von Kunstwerken zu entwickeln. Denn nur dem geschichtlich entrückten Kunstgegenstand vermögen wir bei der Beurteilung seiner Bedeutung mit einem höheren Maß an Sicherheit zu begegnen, und zwar deshalb, weil wir durch den Abstand der Zeit freier würden von unkontrollierbaren Vorurteilen3, die uns in der Auseinandersetzung mit gegenwärtiger Kunst im Moment „[...] viel zu sehr einnehmen, als daß wir sie wissen [...]“4 und erkennen könnten. Daher seien wir bei der Beurteilung von gegenwärtiger Kunst auch nicht in der Lage, die mögliche Berechtigung und eventuelle Gültigkeit unserer zeitlich und damit jeweils geschichtlich bedingten Vorurteile, die unser Bemühen um ein adäquates Verständnis von Kunst und ihrer Bedeutung immer unbewußt mitbestimmen, durch kritisches Hinterfragen auf die Probe zu stellen. Statt dessen würden wir sie im Verstehensprozeß von gegenwärtiger Kunst vielmehr unbewußt applizieren und könnten sie folglich in ihrer Wirkung, wo eigentlich notwendig, auch nicht suspendieren. Dies habe jedoch zur Folge, so Gadamer, daß wir die Bedeutung des aktuellen Kunstwerkes nur sehr schwer, wenn überhaupt, angemessen erfassen könnten, weil sie eben oftmals erst gar nicht die Möglichkeit erhielte, sich von unseren Vorurteilen abzuheben.
Nun zählt das Romanwerk Lion Feuchtwangers (*München 1884, † Kalifornien, USA 1958) ganz gewiß nicht zur gegenwärtigen Literatur. Statt dessen gehört es überwiegend zu jenem speziellen Abschnitt der deutschsprachigen Literaturgeschichte, dem man das Schrifttum derer zuordnet, die nach der Machtübernahme Hitlers, dem Reichstagsbrand und der Bücherverbrennung vor politischer oder rassistischer Verfolgung aus Deutschland flohen und deren Werke deshalb zwischen 1933 und 1945 – aber auch noch danach – im Ausland, im Exil entstanden. Doch obwohl die Werke der deutschen Exilliteratur damit einer literaturgeschichtlichen Epoche angehören, die schon geraume Zeit zurückliegt, ist der Umgang mit ihnen nicht ganz unproblematisch. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bedingungen für die Rezeption Feuchtwangers nach 1945
2.1. Innere und äußere Emigration – diese Kontroverse triff auch Feuchtwanger
2.2. Die Kulturpolitik der Besatzungsmächte – ein weiterer Grund für Feuchtwangers positive Aufnahme im Osten und seine Ablehnung im Westen Deutschlands
2.3. »Moskau 1937« – auch kleine Bücher machen Schicksale
2.4. Der Autor von »Waffen für Amerika« und Verehrer Franklins vor dem McCarthy-Ausschuß in den USA
2.5. »Die Jüdin von Toledo« im Umfeld der Wiederbewaffnung und als Absage an die Gewalt
2.6. Tendenzen der Feuchtwanger-Rezeption in Ost- und in Westdeutschland
3. Herleitung der Fragestellung
3.1. Goya, ein Künstler unter vielen in Feuchtwangers Werk
3.2. Jacques Tüverlins und Sepp Trautweins Entwicklung
3.3. »Goya oder Kunst und Politik«
3.4. In »Erfolg« wird Goyas Entwicklung vom „Nur-Künstler“ zum Künstler (andeutungsweise) vorweggenommen
3.5. Lion Feuchtwanger und der Ästhetizismus der Décadents
3.6. »Goya« – Feuchtwangers Antwort auf die Frage: Wie muß Kunst beschaffen sein,um verändernd auf die Gesellschaft wirken zu können?
4. Goya macht sich auf den Weg der Erkenntnis
4.1. »Goya« im Kontext der Revolutionstrilogie
4.2. Erzählperspektive
4.3. Das historische Umfeld des »Goya«-Romans
4.4. Goyas Weg vom Hofmaler zum Kritiker gesellschaftlicher Verhältnisse
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Lion Feuchtwangers Roman »Goya« als Schlüsselwerk für das Kunst- und Literaturverständnis des Autors. Ziel ist es, die interne und künstlerische Entwicklung der Hauptfigur Goya zu analysieren und zu zeigen, wie Feuchtwanger darin seine eigenen kunsttheoretischen Konzepte – insbesondere die Verbindung von künstlerischer Begabung und politischem Engagement – reflektiert und rechtfertigt.
- Analyse des Einflusses politischer Erfahrungen auf Feuchtwangers Kunstverständnis.
- Untersuchung der Entwicklung vom „Nur-Künstler“ zum politisch engagierten Künstler.
- Vergleichende Betrachtung von Goya mit anderen Künstlerfiguren in Feuchtwangers Werk.
- Reflektion über das Spannungsfeld zwischen Fiktionalität und historischer Authentizität.
- Diskussion der Rezeptionsgeschichte von Lion Feuchtwanger in Ost- und Westdeutschland.
Auszug aus dem Buch
1.1 Innere und äußere Emigration – diese Kontroverse triff auch Feuchtwanger
Die Kontroverse, die alsbald nach dem 8. Mai 1945 zwischen Thomas Mann auf der einen, Walter von Molo und Frank Thieß auf der andere Seite aufkam, war sehr folgenreich für die Rezeption der Exilliteratur im Westen Deutschlands. In dieser Auseinandersetzung reklamierten die Letztgenannten als Autoren und Vertreter der ‚inneren Emigration’ eine größere moralische Integrität für die geistige Führung Deutschlands und für den erhofften kulturellen Neuanfang.
Sie begründeten ihren moralischen Führungsanspruch im wesentlichen damit, daß sie die „deutsche Tragödie“ nicht aus dem Ausland verfolgt hätten und daß dieses Schicksal im Gegensatz zum „Herzasthma des Exils“ eines Thomas Manns viel leidvoller gewesen sei. Auch hätten diejenigen, so behauptet Frank Thieß, die in Deutschland ausgeharrt hätten und ihr Leben aus der „schauerlichen Epoche“ hätten retten können, derart viel für ihre geistige und menschliche Entwicklung gewonnen, daß sie reicher an Wissen und Erleben daraus hervorgegangen seien als jene, die während dieser Zeit „von den Logen- und Parterreplätzen“ des Auslandes lediglich nur zugeschaut hätten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Kunstverständnisses im Kontext der Zeitgeschichte ein und begründet die Relevanz der Untersuchung des Romanwerks von Lion Feuchtwanger.
2. Bedingungen für die Rezeption Feuchtwangers nach 1945: Dieses Kapitel erläutert die ideologischen und politischen Faktoren, die nach 1945 im geteilten Deutschland die Wahrnehmung und Aufnahme von Feuchtwangers Werken prägten.
3. Herleitung der Fragestellung: Hier wird der theoretische Rahmen für die Analyse der Künstlerfiguren in Feuchtwangers Werk abgesteckt und das Forschungsinteresse am »Goya«-Roman präzisiert.
4. Goya macht sich auf den Weg der Erkenntnis: In diesem Kapitel wird die künstlerische und persönliche Entwicklung Goyas innerhalb des Romans in den Kontext historischer Ereignisse und politischer Rahmenbedingungen gestellt.
5. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel rekapituliert die zentralen Erkenntnisse über die Entwicklung Goyas und ordnet den Roman in das künstlerische Gesamtkonzept Lion Feuchtwangers ein.
Schlüsselwörter
Lion Feuchtwanger, Goya, Exilliteratur, Kunstverständnis, Politische Literatur, Historischer Roman, Rezeptionsgeschichte, Ästhetik, Sozialismus, Innerlichkeit, Engagement, Autorenschaft, Kulturpolitik, DDR, Bundesrepublik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Lion Feuchtwangers Roman »Goya« und dessen Bedeutung als Schlüsselwerk für das Kunst- und Literaturverständnis des Autors, insbesondere im Hinblick auf das Verhältnis von Kunst und Politik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Rolle des Künstlers in Krisenzeiten, die historische Entwicklung Spaniens, die Kontroverse um innere und äußere Emigration nach 1945 sowie die Ästhetik des historischen Romans.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die künstlerische und persönliche Entwicklung der Romanfigur Goya darzustellen und zu zeigen, wie Feuchtwanger darin eigene Konzepte zur notwendigen Verbindung von künstlerischer Begabung und politischer Leidenschaft reflektiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt ein hermeneutisches Verfahren, um das literarische Werk im Kontext der historischen Wirkungsgeschichte und der Selbstzeugnisse des Autors zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Rezeptionsbedingungen von Feuchtwangers Werk, die Analyse der Künstlerfiguren (Goya, Jacques Tüverlin, Sepp Trautwein) sowie den Einfluss des historischen Kontextes (Französische Revolution) auf die Entwicklung des Protagonisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Lion Feuchtwanger, Goya, Exilliteratur, politische Literatur, ästhetische Debatten, historische Authentizität und das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft.
Wie unterscheidet sich die Rezeption des Romans in Ost- und Westdeutschland?
In der DDR wurde Feuchtwanger früh als bedeutender antifaschistischer Schriftsteller in den Kanon integriert, während er in der Bundesrepublik aufgrund seiner politischen Haltung und der dortigen Exil-Kontroverse lange Zeit gemieden wurde.
Welche Bedeutung hat das Buch »Moskau 1937« für die Untersuchung?
Es dient als Beispiel für Feuchtwangers problematische politische Haltung jener Zeit, die in starkem Kontrast zu den im »Goya«-Roman formulierten Idealen von Toleranz und Frieden steht.
Warum wird Goya als ein politisch agierender Künstler interpretiert?
Da er seine Malerei im Verlauf des Romans – ausgelöst durch schmerzhafte Erfahrungen – von repräsentativer Auftragsmalerei zu einer kritischen Kunst weiterentwickelt, die gesellschaftliche Missstände thematisiert.
- Quote paper
- Malte Oetjen (Author), 2005, "Goya" - der Schlüsselroman zum Kunst- und Literaturverständnis Lion Feuchtwangers?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40793