Abstract
RELIGIONSUNTERRICHT IN DER PLURALEN GESELLSCHAFT
Unsere Gesellschaft ist faktisch nicht nur multikulturell sondern auch multireligiös, was einerseits durch Arbeitsmigration, andererseits durch die fortschreitende Säkularisierung verursacht wurde. Dies kann zu zahlreichen Konfliktpunkten führen, zu denen der hier behandelte schulische Religionsunterricht gehört. Zunächst wird auf rechtliche Grundlagen Bezug genommen und die Problematik am so genannten Kruzifix- und Kopftuchstreit dargestellt. Es stellt sich die Frage, ob der Religionsunterricht zum einen formal, zum anderen inhaltlich ausgrenzend wirken kann. Wichtige Aspekte sind hierbei das „Ersatzfach“ Ethik und die Abmeldepraxis, das derzeit vorherrschende Bild des „normalen“ Schülers, die „Wir-Identitäten“ in der Schule und die Ziele des Religionsunterrichts.
Als Lösungsvorschläge werden die drei Optionen Interreligiöses Lernen, Islamischer Religionsunterricht und ein gemeinsames Pflichtfach mit ihren Vor- und Nachteilen diskutiert.
Gliederung
1 Einleitung
1.1 Definitionen
1.2 Allgemeines
2 Rechtliche Grundlagen
2.1 Bestimmungen im Grundgesetz
2.2 Beispiel Kruzifix- und Kopftuchstreit
3 Religionsunterricht in der pluralen Gesellschaft
3.1 Wirkt Religionsunterricht formal ausgrenzend?
3.1.1 Ersatzfach Ethik und Abmeldepraxis
3.1.2 Der „normale“ Schüler
3.2 Wirkt Religionsunterricht inhaltlich ausgrenzend?
3.2.1 Wir-Identitäten
3.2.2 Ziele des Religionsunterrichts
4 Lösungsvorschläge
4.1 Interreligiöses Lernen
4.2 Islamischer Religionsunterricht
4.3 Ein gemeinsames Pflichtfach für alle
5 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Auswirkungen des schulischen Religionsunterrichts (RU) in der faktisch pluralistischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Dabei wird analysiert, inwieweit der konfessionell geprägte Religionsunterricht durch seine privilegierte rechtliche Stellung sowie seine inhaltliche Ausrichtung zur formalen und inhaltlichen Ausgrenzung von nichtchristlichen oder nicht-religiösen Schülergruppen beiträgt und welche alternativen Lösungsmodelle für ein integrativeres Bildungssystem bestehen.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen religiöser Pluralität und staatlichem Religionsunterricht.
- Untersuchung rechtlicher Rahmenbedingungen und deren Auswirkung auf die Schulpraxis.
- Diskussion von Mechanismen der formalen und inhaltlichen Ausgrenzung durch ein christlich geprägtes "Normbild".
- Evaluation verschiedener Lösungsansätze wie interreligiöses Lernen, islamischer Religionsunterricht oder ein allgemeines Pflichtfach.
- Kritische Würdigung der Problematik der Wertevermittlung in einer säkularisierten Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 DER „NORMALE“ SCHÜLER
RU ist für die „Normalen“, Ethik für die „Unnormalen“, ließe sich als Fazit der rechtlichen Position des Ethikunterrichts ziehen. Dies stimmt mit dem Bild des „normalen“ Schülers überein, das Wenning, Hauff und Hansen (1993, S. 55) skizzieren: U.a. entstammt er einer Mittelschichtsfamilie, spricht hochdeutsch, ist männlich, heterosexuell, gesund und christlich. Normal wird hier als „einer Norm entsprechend“ verwendet, nicht, weil diese Merkmale auf eine Mehrheit zutreffen würden. Tatsächlich gibt es kaum Jugendliche, die alle diese Kriterien erfüllen können und doch ist das Schulsystem weitgehend auf dieses „Idealbild“ ausgerichtet. Dem „Normschüler“ hinzuzufügen wäre vielleicht noch, dass er nicht deutsch, sondern westdeutsch ist: Wie anfangs berichtet, gehören in den neuen Ländern 80% der SchülerInnen keiner Konfession an.
Die Existenz des „Unnormalen“ wird nicht wahrgenommen oder als Ausnahmeerscheinung abgetan. Die fiktive Homogenität verursacht Abgrenzung gegenüber „den anderen“, Pluralität wird als Störung begriffen (Wenning, Hauff & Hansen, 1993, S. 56). Zudem ist für die Bildung einer „Wir-Gruppe“ die Ausgrenzung einer Fremdgruppe nötig (Hauff, 1992, S. 56, S. 33). Im Zusammenhang mit dem RU lässt sich also sagen, dass er eine hervorgehobene Stellung besitzt, weil er vom Normbild eines Schülers abgeleitet ist. Nichtchristen gelten als „unnormal“ und werden in der Schule entsprechend behandelt, obwohl sie bei weitem keine seltene Ausnahme mehr sind. Unsere Gesellschaft hält anscheinend an ihrem unrealistischen Selbstbild als „christliche Wir-Gruppe“ fest und grenzt damit automatisch Anders- und Nichtgläubige aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Definiert den schulischen Religionsunterricht als staatliches Pflichtfach und beschreibt die wachsende religiöse und gesellschaftliche Pluralität in Deutschland als Ausgangslage für die Untersuchung.
2 Rechtliche Grundlagen: Erläutert die verfassungsrechtliche Stellung des Religionsunterrichts im Spannungsfeld zwischen staatlicher Neutralität und den durch das Grundgesetz garantierten Rechten der Religionsgemeinschaften.
3 Religionsunterricht in der pluralen Gesellschaft: Analysiert die formale Diskriminierung durch das Ersatzfach Ethik sowie die inhaltliche Ausgrenzung, die durch ein christlich normiertes Schülerbild und einseitige Lehrinhalte entsteht.
4 Lösungsvorschläge: Diskutiert alternative Modelle wie interreligiöses Lernen, die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts oder die Etablierung eines konfessionsunabhängigen Ethik-Pflichtfaches für alle Schüler.
5 Zusammenfassung: Fasst die Problematik zusammen, dass der derzeitige Religionsunterricht den heutigen gesellschaftlichen Realitäten nicht mehr gerecht wird, und plädiert für eine Gleichstellung oder Transformation zu einem gemeinsamen ethischen Unterricht.
Schlüsselwörter
Religionsunterricht, plurale Gesellschaft, staatliche Neutralität, Grundgesetz, Ausgrenzung, Diskriminierung, Ethikunterricht, interreligiöses Lernen, islamischer Religionsunterricht, Wir-Identitäten, Wertevermittlung, Bildungsauftrag, Säkularisierung, Religionsfreiheit, Konfessionslosigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie der schulische Religionsunterricht in Deutschland in einer zunehmend multireligiösen Gesellschaft zu einer Ausgrenzung von Schülern führt, die nicht der christlichen Konfession angehören oder konfessionslos sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Kirche und Staat, die rechtliche Position des Religionsunterrichts im Grundgesetz, die Rolle von "Wir-Identitäten" in der Schule sowie pädagogische Konzepte zur Integration und religiösen Bildung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem rechtlich privilegierten Religionsunterricht und der gelebten religiösen Vielfalt aufzuzeigen und zu prüfen, ob dieser Unterricht zur Diskriminierung beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung bestehender Studien (z.B. Shell-Jugendstudien) und rechtlicher Urteile, um die soziale und institutionelle Situation des Religionsunterrichts kritisch zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der rechtlichen Grundlagen, die Untersuchung formaler und inhaltlicher Ausgrenzungsmechanismen im Unterricht sowie die kritische Diskussion verschiedener Reformvorschläge und Lösungsmodelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Religionsunterricht, plurale Gesellschaft, Diskriminierung, interreligiöses Lernen und staatliche Neutralität charakterisiert.
Warum wird das Ersatzfach Ethik als problematisch angesehen?
Das Ersatzfach Ethik wird als "untergeordnet" eingestuft, da es rechtlich nicht gleichberechtigt neben dem Religionsunterricht steht und den Schülern somit den Stempel "unnormal" aufdrückt.
Inwieweit trägt ein islamischer Religionsunterricht zur Lösung bei?
Obwohl er eine formale Gleichstellung suggeriert, birgt er laut Arbeit organisatorische Schwierigkeiten, die Gefahr der weiteren "Aufsplitterung" der Schülerschaft und die Herausforderung, verschiedene islamische Strömungen angemessen zu repräsentieren.
Was spricht laut Autorin für ein gemeinsames Pflichtfach für alle?
Die Autorin argumentiert, dass ein solches Fach die trennenden "Wir-Identitäten" aufheben, ein gemeinsames Wertefundament schaffen und allen Schülern – unabhängig von ihrer Herkunft – die gleichen Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe bieten könnte.
- Arbeit zitieren
- Sabine Pfisterer (Autor:in), 2000, Religionsunterricht in der pluralen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40800