Die Rehabilitation der Marxschen sozialen Evolution


Hausarbeit, 2005
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ein Abriss zur Geschichtsphilosophie
1.2 Interpretationsansätze zum Verlauf der Geschichte

2 Marx’ Historischer Materialismus
2.1 Das Wesen des Historischen Materialismus – Ein kurzer Überblick
2.2 Der Historische Materialismus beim späten Marx
2.3 Die Unzulänglichkeit des Historischen Materialismus bei Marx

3 Habermas’ Rekonstruktion des Historischen Materialismus
3.1 Der Begriff der Gattungsgeschichte
3.2 Die Teleologie bei Habermas
3.3 Die Entwicklungsstadien beim Menschen
3.4 Das Konzept des sozialen Lernens und der Ablauf sozialer Umwälzungen

4 Schluss

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang
6.1 Interpretationsvarianten zur Geschichte
6.2 Die Produktionskräfte und Produktionsverhältnisse bei Marx
6.3 Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Realität
6.4 Kognitive Entwicklungsstufen beim Kind
6.5 Interaktive Entwicklungsstufen beim Kind

1 Einleitung

Was ist Geschichte? Wie verläuft sie? Wer gestaltet sie? Wird sie überhaupt gestaltet? Welche Regeln liegen ihr zu Grunde? Diese Frage stellt sich der Mensch bereits seit Jahrhunderten. Spätestens nach dem Einsetzen der Aufklärung in Europa, die das Göttliche in Frage stellte und somit auch den Plan Gottes als Interpretationsansatz für die Geschichte für ungültig erklärte, suchen Menschen auf verschiedenste Arten nach einer Erklärung für den Verlauf der Geschichte. Eine mögliche Antwort auf die obigen Fragen lieferte der Historische Materialismus, den Karl Marx mit Friedrich Engels in seinen Werken erläuterte.

Lange Zeit wurde dieser Theorie in den Ländern des ehemaligen Ostblocks das Primat unter den Geschichtsphilosophien zugeschrieben, wurde doch hier die Produktion, die nach marxistischem Verständnis die Grundlage aller Gesellschaftsbereiche bildet, auch zum bestimmenden Element der Geschichte. Doch nicht nur das: Die Geschichte erhielt durch den Historischen Materialismus einen tieferen Sinn. Die Gesellschaftsform wurde zum Ausdruck des menschlichen Fortschritts erhoben, wobei die Weiterentwicklung bis zur perfekten Gesellschaft, nämlich dem weltumspannende Sozialismus, das Telos vorgab.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass diese Art der Geschichtsphilosophie in den nicht-kommunistischen Ländern lange Zeit weit weniger Zuspruch fand. Das Verständnis (oder vielleicht eher Missverständnis?) des Historischen Materialismus als deterministische Geschichtsphilosophie war in den meisten demokratischen Ländern schlichtweg nicht vereinbar mit dem Freiheitsgedanken und damit verbundenen Menschenbild. Doch auch Befürworter gab es – vor allem innerhalb der sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Unter ihnen ist Habermas sicherlich einer der bekanntesten. In seinen Schriften der 80er Jahre plädierte er mehrmals für eine Erneuerung des Historischen Materialismus, wobei ihm die Probleme dieser marxistischen Geschichtsbetrachtung durchaus bewusst waren. In seinen Werken versuchte er diese Probleme zu beheben und die Philosophie Marx’ zu rehabilitieren.

Die Modifikationen, die Habermas an der Marxschen Philosophie vornahm, sind Thema dieser Arbeit, wobei das Konzept des sozialen Lernens im Vordergrund stehen wird. Zunächst soll jedoch ein kurzer Überblick zur Geschichtsphilosophie folgen, um den Begriff des Determinismus verständlich zu machen. Denn dieser ist unverzichtbar in dem darauffolgenden Kapitel zum Historischen Materialismus bei Marx. Anschließend sollen die Anknüpfungspunkte Habermas’ untersucht werden, um dann die Entwicklungsstadien im Denken des Menschen zu erarbeiten, die wiederum im letzten Kapitel in Habermas’ Theorie des sozialen Lernens gebündelt und kontextualisiert werden.

1.1 Ein Abriss zur Geschichtsphilosophie

Spätestens seit der Evolutionstheorie von Charles Darwin war es Bestandteil vieler philosophischer Schriften, die Idee der Evolution auf die Entwicklung der Gesellschaft zu übertragen und diese so erklärbar zu machen. Dabei war man in den frühen Versuchen sehr stark der klassischen Wissenschaftsphilosophie verfallen, die nach dem Vorbild der Naturwissenschaften nach Regeln und Gesetze suchte, die eindeutige Verhaltensweisen beschrieben. Doch nicht nur das: Oftmals war dabei nicht nur die Erklärung der historischen Phänomene das Ziel, sondern die fachübergreifende Erkenntnis stand im Vordergrund, ganz der Zeit entsprechend. Die Wissenschaftler suchten Weltformeln, die nicht singuläre Ereignisse im Blick hatten, sondern Sachverhalte in verschiedenen Fachbereichen zu erklären konnten.

Dabei war das sogenannte Hempel-Oppenheim-Schema, dass sich durch die Jahrhunderte bewusst oder unbewusst etabliert hatte, die Messlatte für Erfolg oder Scheitern einer Theorie: Es ging um logische Aussagen derart, dass wenn Bedingung A gegeben ist, B daraus folgt. Wenn in der Praxis trotz A nicht B folgt, ist die Theorie gescheitert. Die Reproduzierbarkeit, Eindeutigkeit und die Möglichkeit, die Randbedingungen eines Prozesses tatsächlich zu erfassen waren also Grundvoraussetzung für Wissenschaft. Ein prominentes Beispiel für die Suche nach einer Weltformel sind die Werke von Herbert Spencer:

„Spencer [beansprucht] mit seiner Theorie nichts Geringeres als gleichzeitig die Entwicklung des Sonnensystems, die Entwicklung von Organismen, die psychische Entwicklung von Menschen und nicht zuletzt die gesellschaftliche Entwicklung ursächlich erklären zu können.“[1]

Hintergrund war die Annahme, dass sich Strukturen immer von wenig differenzierten, homogenen Formen zu stark differenzierten, heterogenen Formen entwickeln. Diese Entwicklungsrichtung führte er wiederum auf die „Unbeständigkeit des Homogenen“ zurück, also auf eine Annahme die auch heute im Rahmen der Chaos-Theorie wieder aktuell ist.[2] Dieses Konzept übertrug Spencer, seinem Anspruch entsprechend, auch auf die Entwicklung von Gesellschaften: Sie entwickeln sich von homogenen, segmentären Urgemeinschaften hin zu einer stark ausdifferenzierten, arbeitsteiligen und heterogenen Gesellschaft.[3]

Eine Folge der hier beschriebenen Denkart war die Annahme, dass die Geschichte determiniert sei. Die Randbedingungen bestimmten den Verlauf der Geschichte bereits im voraus, d.h., das B resultiert ist unvermeidlich, weil A gegeben ist. Diese Art der Logik erscheint heute den meisten Sozialwissenschaftlern fremd:

„Wenn auch der theoretisch-begriffliche Zugang nach wie vor kontrovers diskutiert wird und die Reichweite der Modelle unterschiedlich ist, so lässt sich doch für die gegenwärtige Theoriediskussion in verallgemeinernder Absicht festhalten, dass die Historizität des eigenen Gegenstandes unbestritten und das Stadium deterministischer-teleologischer Geschichtsmodelle endgültig überwunden zu sein scheint.“[4]

Den Gedanken der Determiniertheit im Hinterkopf zu behalten ist aber unerlässlich, wenn man die Theorien zur sozialen Evolution verstehen will. Wie sich die Abgrenzung dieser Theorie zu den Geschichtswissenschaften darstellt, soll in dem folgenden Kapitel dazu beitragen, die besondere Stellung der sozialen Evolution zu verdeutlichen.

1.2 Interpretationsansätze zum Verlauf der Geschichte

Nach Leslie White gilt es, drei verschiedene Interpretationsansätze zum Verständnis der Geschichte zu unterscheiden (siehe hierzu 6.1).[5] Zentral bei dieser Unterscheidung ist die Frage nach dem Ziel der Untersuchung: Während die Geschichtswissenschaften die chronologische Abfolge von Ereignissen so genau wie möglich erfassen wollen, stehen bei der strukturellen Betrachtung von Geschichte die formalen Aspekte im Vordergrund. Der Evolutionismus ist laut White eine Kombination beider Disziplinen: Er versucht sowohl die Chronologie, also das „Prozesshafte“ der Geschichte zu erfassen, als auch die strukturellen und formalen Hintergründe zu erreichen.

Geschichte und Evolution unterscheidet nach White also die Betrachtungsweise: Die Geschichte versucht eine Entwicklung so konkret wie möglich zu erfassen, bettet sie jedoch kaum in ein Erklärungsmuster ein, während die Evolution die Ereignisse stark abstrahiert und in einen logischen Gesamtzusammenhang bringen will. Sárkány und Somlai betrachten den Evolutionismus als die tiefgehenste Methode, „weil sie das Phänomen in seiner Vollständigkeit erfasst.“[6] Dies kann natürlich bestritten werden, birgt die Abstraktion der Ereignisse ja immer die Gefahr der Verkürzung – richtig aber ist die Einschätzung dahingehend, dass der Evolutionismus nach weitreichenderen Erklärungsmuster sucht, als dies bei der Geschichte der Fall ist, wobei für die heutige Geschichtswissenschaft die Behauptung, man wolle nur Fakten sammeln, mit Sicherheit einer groben Beleidigung gleich käme. Tatsächlich sucht aber Marx in seinem Konzept, das nun betrachtet werden soll, grundlegend andere Erklärungsmuster als die Geschichtswissenschaften es in der Regel tun.

2 Marx’ Historischer Materialismus

2.1 Das Wesen des Historischen Materialismus – Ein kurzer Überblick

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen [...] Produktionsverhältnisse [ein], die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen.“[7]

Die Grundidee, die dem Historischen Materialismus zugrunde liegt, besagt, dass die Geschichte der Menschheit nicht rein zufällig verläuft, sondern sie eine gewisse Logik in sich trägt. Im Gegensatz zu einer Hegelianischen Geschichtsauffassung, die den menschlichen Geist als Motor der historischen Entwicklung auffasst, ist die treibende Instanz bei Marx’ Geschichtsphilosophie das Verhältnis zwischen Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen, also die rein ökonomische Sphäre:

„Die materielle Produktion wird hier zum alleinigen, wirklichen und wahren Modus menschlicher Existenz erklärt, zu der Lebensweise des Menschen und damit auch zur einzigen Grundlage aller Geschichte.“[8]

Der Begriff Produktionskräfte bezeichnet die Möglichkeiten die der Mensch hat, um die Natur zu produktiven Zwecken zu nutzen, beinhaltet also beispielsweise den technischen Fortschritt, der die zunehmende Beherrschung der Natur fördert. Der Begriff Produktionsverhältnisse bezeichnet den Modus der Kombination von Produktionskräften und Produktionsmitteln, also beispielsweise Werkzeuge und Ressourcen der Produktivität. (Hierzu: 6.2)

Hierbei ist ausschlaggebend, dass Marx die Geschichte in mehrere Phasen unterteilt, in denen jeweils ein Stand der Produktionsmittel und –Verhältnisse charakteristisch ist und durch eine bestimmte Form der Gesellschaft (und vor allem: Herrschaft) begleitet wird. Das Überbautheorem besagt nämlich, „dass der Entwicklungsstufe der Produktivkräfte deren Produktionsverhältnisse entspreche n, wobei diesen Produktionsverhältnissen ihrerseits der Überbau dieser Gesellschaft entspricht.”[9] Wie Habermas feststellt, besagt „das Theorem [...] dann, dass evolutionäre Neuerungen allein solche Probleme lösen, die jeweils im Basisbereich der Gesellschaft entstehen.“[10]

Ein sozialer Wandel (also eine historische Entwicklung) tritt nach Marx immer in dem Moment ein, in dem „die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder [...] mit den Eigentumsverhältnissen“ geraten, also in dem Moment, in dem das Verhältnis zwischen den beiden Bestandteilen der Basis nicht mehr angebracht ist.[11]

Soweit stellt sich die Interpretation des Historischen Materialismus als recht unproblematisch dar. Problematisch wird die Interpretation jedoch, sobald man das Wesen der Logik der historischen Entwicklung erfassen will:

„Denn der Historische Materialismus der Urväter präsentiert sich weit weniger noch als Habermas’ Rekonstruktionsversuch als ein in sich geschlossenes Theoriekonstrukt. Man muss vielmehr Teile einer solchen Theorie im Marx-Engelschen Gesamtwerk aufsammeln und kann sie dann erst zu einer Theorie zusammensetzen. Aber auch dies will nicht so ohne weiteres gelingen. [...] Diese Bruchstückhaftigkeit des originären Historischen Materialismus macht ihn interpretationsfähig und vor allem auch interpretationsbedürftig.“[12]

[...]


[1] Meleghy, Tamás/Niedenzu, Heinz-Jürgen, Einleitung: Die Evolutionstheorie und die Sozialwissenschaften, in: Meleghy, Tamás [Hrsg.], Soziale Evolution: Die Evolutionstheorie und die Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2003, Seite 9-32, Seite 14

[2] Ebd., Seite 14

[3] Ebd., Seite 14

[4] Meleghy/Niedenzu, 2003, Seite 9

[5] Sárkány, Mihály/Somlai, Péter, Von der Fortschrittsidee zur Postmoderne: Der soziokulturelle Evolutionismus und die Veränderung der historischen Anschauung’, in: Meleghy, Tamás [Hrsg.], Soziale Evolution: Die Evolutionstheorie und die Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2003, Seite 33-52, Seite 40

[6] Sárkány/Somlai, 2003, Seite 40

[7] Marx, Karl, Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Berlin, Band 13, 71971, Seite 13

[8] Hornung, 1978, Seite 93

[9] Iorio, Mario, Karl Marx - Geschichte, Gesellschaft, Politik: Eine Ein- und Weiterführung, Berlin, 2003, Seite 7

[10] Habermas, Jürgen, Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt am Main, 51999, Seite 158

[11] Marx, 1971, Seite 9

[12] Gräfe, Gerwin, Jürgen Habermas’ Geschichtskonzeption im Zusammenhang einer Theorie des Historischen Materialismus, Göttingen, 1983, Seite 10

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Rehabilitation der Marxschen sozialen Evolution
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Klassische Soziologische Theorie I
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V40858
ISBN (eBook)
9783638392716
ISBN (Buch)
9783656854302
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Habermas und die Erweiterung Marx' Historischen Materialismus um das Konzept des sozialen Lernen
Schlagworte
Rehabilitation, Marxschen, Evolution, Klassische, Soziologische, Theorie
Arbeit zitieren
Martin Meingast (Autor), 2005, Die Rehabilitation der Marxschen sozialen Evolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40858

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