“… all modern painting is self-expression”
Die Konstruktion von Individualität in Gruppierungen informel arbeitender Künstler
Die Überbegriffe Abstrakter Expressionismus/Tachismus/Informel bezeichnen weder einen einheitlichen Stil, noch kennzeichnen diese Begriffe deutlich voneinander unterscheidbare Stilrichtungen. Die Zuordnung von Kunstwerken zu diesen Stilbezeichnungen scheint bei näherer Betrachtung eher ein Behelf zur Handhabung verschiedenster künstlerischer Entwicklungslinien, die alle - mehr oder weniger - der nicht-geometrischen, abstrakten Malerei entsprungen sind.
Durch den Vergleich von einzelnen Künstlern aus Amerika, Frankreich und Deutschland kann deutlich werden, dass gerade der gestalterischen Herangehensweise, aber auch dem Ausdruckswillen der Künstler sehr individuelle Methoden und Ideen zu Grunde liegen. Die Werke von Künstlerzusammenschlüssen, wie der „New York School“ sind untereinander kaum vergleichbar.
Ein überwiegender Teil der Überblicksliteratur zu dieser Kunstrichtung beschäftigt sich mit den Ideen und Konstrukten, aus denen die Kunst des Abstrakten Expressionismus hervorgegangen ist. Solche Analysen sprechen vom „Individuum als Wert und Schlüssel“ zur Idee der informellen Kunst. In diesem Klima der Individualisierung schien das Potential zur Bildung von Künstlergruppen nicht angelegt.
Im nachfolgenden Text soll gezeigt werden, mit welchen gesellschaftlichen Konzepten von Individualität die Künstler des Abstrakten Expressionismus in den USA der 40er und 50er Jahre konfrontiert waren und welche kulturellen und ästhetischen Wechselbeziehungen sich daraus ergeben haben. Kunst ist immer Teil gesamtgesellschaftlicher Diskurse, dessen Thema in diesem Fall „die Freiheit des Individuums“ in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg umfasste.
Von dem Beispiel des amerikanischen Abstrakten Expressionismus ausgehend, werden Vergleiche zur informellen Kunst in Deutschland gezogen, um im Bezug auf die Kategorien „Individuum und Gruppe“ herauszufinden, ob es ein vergleichbares geistiges Klima gab, das Parallelen und damit auch Zusammenhänge aufweist.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Problem der Kategorien
2. „New York School“
2.1. Der kulturgeschichtliche Kontext des Abstrakten Expressionismus in Amerika
2.1.1. Kunst als Gegenstand politischer Förderprogramme
2.1.2. Kunst als Propagandawaffe ?
2.1.3. Die gesellschaftliche Konstruktion der heroischen Individualität des Künstlers
2.1.4. „The Artist Speaks“
2.2. Die Suche nach dem Selbst
3. Die Entwicklung des Informel in Deutschland nach 1945
3.1. Gruppen
3.2. Konzepte von Individualität und Universalismus in Deutschland
3.3. Die „Quadriga“ – Individuen und Gruppe
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Individualität und Gruppenzugehörigkeit im Kontext des Abstrakten Expressionismus in den USA sowie des deutschen Informel nach 1945. Ziel ist es, kritisch zu hinterfragen, inwiefern die Kategorie der „Künstlergruppe“ auf diese Strömungen anwendbar ist und welche Rolle die gesellschaftliche Konstruktion des Künstlers als autonomes, heroisches Subjekt dabei spielte.
- Konstruktion von Individualität und Künstler-Mythen nach 1945
- Wechselwirkung zwischen künstlerischem Ausdruck und politischer Instrumentalisierung
- Vergleich der Entstehungsbedingungen informeller Kunst in den USA und Deutschland
- Analyse der Rolle von Künstlergruppen (z.B. New York School, Quadriga, Zen '49)
- Untersuchung der Rezeptionsgeschichte und kunsthistorischer Kategorisierungsversuche
Auszug aus dem Buch
2.1. Der kulturgeschichtliche Kontext des Abstrakten Expressionismus in Amerika
Jeder Ausdruck künstlerischen Schaffens ist immer auch Teil und Produkt gesamtgesellschaftlicher Diskurse zu einer bestimmten Zeit, aber: „Manche Kunstströmungen erweisen sich als besonders geeignet, um Fragen und Bedürfnisse zu erfassen, die sich einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit aufdrängen. […] Die Kunst der New Yorker Schule verfügte in den vierziger und frühen fünfziger Jahren über genau diese Art von kultureller und ideologischer Präsenz.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Problem der Kategorien: Die Autorin hinterfragt die Sinnhaftigkeit gängiger Stilbegriffe und gruppenspezifischer Einordnungen, da diese bei näherer Betrachtung als Behelfsmittel erscheinen, die dem individuellen künstlerischen Ausdruck kaum gerecht werden.
2. „New York School“: Dieses Kapitel beleuchtet die Entstehung des Abstrakten Expressionismus vor dem Hintergrund politischer Programme, des Kalten Krieges und der Konstruktion des Künstlers als heroisches Individuum.
3. Die Entwicklung des Informel in Deutschland nach 1945: Es wird analysiert, wie deutsche Künstler nach der Isolation der NS-Zeit zu neuen Ausdrucksformen fanden und inwieweit informelle Gruppierungen als Interessengemeinschaften fungierten.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass die starke Aufwertung des Individuellen in der informellen Kunst Kategorisierungen erschwert und dass die Identität zwischen Stil und Persönlichkeit maßgeblich durch zeitgenössische Rezeptionsmodelle geprägt wurde.
Schlüsselwörter
Abstrakter Expressionismus, Informel, New York School, Quadriga, Individualität, Künstlergruppe, Kalter Krieg, Action Painting, Subjektivität, Künstleridentität, Rezeptionsgeschichte, Automatismus, Moderne Kunst, Existentialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Konstruktion von Individualität und die Dynamiken innerhalb von Künstlergruppierungen im Abstrakten Expressionismus und im deutschen Informel nach 1945.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Zentrum stehen die Konzepte des „modernen Menschen“, der Einfluss politischer Ideologien auf die Kunst sowie die Suche der Künstler nach authentischem Selbstausdruck.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es wird untersucht, ob die Bezeichnung „Künstlergruppe“ für informelle Strömungen adäquat ist oder ob sie als Konstrukt der Kunstkritik und Rezeption verstanden werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine kunsthistorische Diskursanalyse, bei der Texte, zeitgenössische Zeitschriftenberichte und kunsttheoretische Positionen mit den Werken und Selbstzeugnissen der Künstler in Beziehung gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des amerikanischen Kontextes, die Rolle der Medien und Kritiker sowie eine detaillierte Betrachtung der deutschen Situation und der „Quadriga“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Individuum, Gruppe, Freiheit, Instrumentalisierung, Identität und Subjektivität.
Welche Bedeutung hat das „Life Magazine“-Foto für die Untersuchung?
Das Foto „The Irascibles“ dient als Beispiel für die mediale Konstruktion einer „Künstlergruppe“, die in der Realität eher eine lose Interessengemeinschaft ohne geschlossenes Programm war.
Wie unterscheidet sich die Situation in Deutschland von der in den USA?
Während in den USA der politische Kontext der Freiheit und des Kalten Krieges die Rezeption prägte, war die deutsche Situation stärker durch die Notwendigkeit der Aufarbeitung des NS-Traumas und die Suche nach einem neuen, ethisch fundierten Ausdruck geprägt.
- Citation du texte
- Jennifer Kunstreich (Auteur), 2005, Abstrakter Expressionismus/Informel: Individuum und Gruppe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41027