Als ich mit der Bearbeitung der Thematik Macht und Ohnmacht in der Sozialen Arbeit begann, stellten sich mir nicht viele Fragen. Es schien selbstverständlich, dass ein Sozialarbeiter sich seiner beruflichen Macht bewusst ist und sie im Sinne einer zielgerichteten Arbeit mit dem Klienten sinnvoll einzusetzen weiß. In der genaueren Auseinandersetzung mit der Literatur stellte sich Macht im Rahmen Sozialer Arbeit jedoch als kontroverse, ja problematische Thematik dar: Über Macht im allgemeinen wird viel gesprochen – über Macht in der Sozialen Arbeit lieber geschwiegen. Hier galt es also nachzuhaken.
Zu der Auseinandersetzung mit Macht gehört, auch den Gegenpart, die Ohnmacht, zu betrachten. Ohnmacht bedeutet dabei immer die Abwesenheit von eigener Macht. Dass sich Angehörige helfender Berufe, in erster Linie aber Klienten ohnmächtig, hilflos fühlen können, ist ein anerkanntes und akzeptiertes Gefühl.
Aufgabe hier muss sein, Wege aus der eigenen Ohnmacht zu finden, um ihr nicht ausgeliefert zu sein, sie auch als eigene Grenzen akzeptieren lernen und dem Klienten Möglichkeiten aufzuzeigen, seine Ohnmacht zu überwinden.
Macht wird wenig thematisiert, wird weggeschoben. Macht im sozialen Arbeitsfeld gilt häufig als etwas Negatives. „So wird „Macht“ sofort mit „Machtmissbrauch“ gleichgesetzt, mit einem Zustand, den es möglichst rasch zu überwinden gilt“ (Stiels – Glenn 1996, S. 16). Macht wird verleugnet.
Die Existenz von Macht in der Sozialen Arbeit, ja deren Berechtigung voraussetzend, wird sich diese Arbeit vordergründig damit beschäftigen, nach dem Warum zu fragen. Nach Definition und Begriffserläuterung setzt sich das 2. Kapitel mit möglichen Ursachen, Gründen, deren Konsequenzen und dem Problem des Machtmissbrauchs auseinander.
Ohnmacht als Gegenpart von Macht und als ein Gefühl, dem von Sozialarbeitern professionell begegnet werden kann, sei es die eigene Ohnmacht oder die des Klienten, wird in Kapitel 3 thematisiert.
Schlussthesen zu Möglichkeiten und Grenzen für einen verantwortungsvollen Umgang mit der beruflichen Macht beschließen im letzten Kapitel meine Ausführungen.
Um den Kreis dieser einleitenden Bemerkungen zu schließen und in die Diskussion einzusteigen, provoziere ich, frage ich nun: Kann es im Interesse der Profession Sozialarbeit liegen, sich der Machtfrage zu entziehen – oder anders – wie professionell ist Soziale Arbeit, wenn sich der Umgang mit Macht so schwierig gestaltet?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2. Macht und Soziale Arbeit – (k)ein Widerspruch
2.1. Definition von Macht und begriffliche Erläuterungen
2.2. Macht in der Sozialen Arbeit
2.3. Umgang mit beruflicher Macht
2.3.1. Macht im Selbstverständnis des Sozialarbeiters
2.3.2. Macht und Verantwortung
2.3.3. Machtmissbrauch in der Sozialarbeit
3. Ohnmacht in der Sozialen Arbeit
3.1. Die Ohnmacht beim Helfen
3.2. Der Ohnmacht begegnen
4. Schlussthesen für einem verantwortungsvollem Umgang mit Macht in der Sozialen Arbeit
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis von Macht und Ohnmacht in der Sozialen Arbeit mit dem Ziel, ein professionelles Verständnis für den bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit beruflicher Macht zu entwickeln.
- Theoretische Fundierung des Machtbegriffs im Kontext helfender Berufe.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Machtausübung und professioneller Verantwortung.
- Untersuchung von Ohnmachtserfahrungen bei Sozialarbeitern und Klienten.
- Diskussion über Machtmissbrauch und Möglichkeiten der professionellen Kontrolle.
- Formulierung von Leitlinien für einen ethisch reflektierten Umgang mit beruflicher Macht.
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Macht im Selbstverständnis des Sozialarbeiters
Reflektiert ein Sozialarbeiter seine persönliche Motivation, warum er diese Berufsrichtung gewählt hat, werden Machtambitionen wohl keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben. Die meisten werden sehr wahrscheinlich getragen von dem Wunsch, persönlich und unmittelbar zu helfen, zu unterstützen, jemanden (wieder) zu befähigen.
Sozialarbeit heißt Hilfe zur Selbsthilfe – dieser Satz prägte auch mich in meiner Ausbildung und drückt so das Credo und Ideal von Sozialarbeit aus. Ich helfe.
Das kann das Gefühl verleihen wichtig zu sein, vielleicht, geliebt zu werden. Will ich da riskieren, dass durch Demonstration von Macht, durch Ausüben von Macht sich im Gegenteil nun vielleicht Zorn und Ärger von Klienten gegen mich richten?
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Tabuisierung von Macht in der Sozialen Arbeit und formuliert die Absicht, den bewussten Umgang mit Macht und deren Gegenpart, der Ohnmacht, zu untersuchen.
2. Macht und Soziale Arbeit – (k)ein Widerspruch: Dieses Kapitel definiert den Machtbegriff theoretisch und setzt ihn in den direkten Kontext der Sozialen Arbeit, wobei die Notwendigkeit der Machtannahme betont wird.
2.1. Definition von Macht und begriffliche Erläuterungen: Es erfolgt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Machtdefinitionen, unter anderem nach Max Weber und Niklas Luhmann, sowie eine Abgrenzung zu Begriffen wie Gewalt.
2.2. Macht in der Sozialen Arbeit: Das Kapitel erläutert, warum Soziale Arbeit notwendigerweise Machtverhältnisse beinhaltet, die sich aus institutionellen Strukturen sowie dem professionellen Status des Helfers ergeben.
2.3. Umgang mit beruflicher Macht: Hier wird die Ambivalenz thematisiert, die mit der Ausübung von Macht verbunden ist, und warum Helfer diese Rolle oft verleugnen.
2.3.1. Macht im Selbstverständnis des Sozialarbeiters: Es wird untersucht, wie persönliche Motive und das idealisierte Selbstbild von Sozialarbeitern den konstruktiven Umgang mit Macht beeinflussen oder verhindern.
2.3.2. Macht und Verantwortung: Dieses Kapitel verdeutlicht die enge Verknüpfung von Machtausübung und persönlicher sowie fachlicher Verantwortung gegenüber dem Klienten.
2.3.3. Machtmissbrauch in der Sozialarbeit: Die komplexe Thematik des Machtmissbrauchs wird angerissen, wobei besonders auf institutionelle Rahmenbedingungen und die Wichtigkeit fachlicher Standards hingewiesen wird.
3. Ohnmacht in der Sozialen Arbeit: Das Kapitel beleuchtet Ohnmacht als notwendigen Gegenpart zur Macht und als Ausdruck eigener Grenzen im professionellen Alltag.
3.1. Die Ohnmacht beim Helfen: Es wird analysiert, in welchen Situationen Sozialarbeiter Ohnmacht erleben, etwa durch das Verhalten von Klienten oder strukturelle Zwänge.
3.2. Der Ohnmacht begegnen: Das Kapitel zeigt Strategien auf, wie Sozialarbeiter durch Selbstreflexion und kollegiale Unterstützung sowie klare Arbeitsaufträge mit Ohnmachtsgefühlen umgehen können.
4. Schlussthesen für einem verantwortungsvollem Umgang mit Macht in der Sozialen Arbeit: Die Arbeit fasst ihre Ergebnisse in konkreten Thesen zusammen, die als Anregung für eine professionelle Auseinandersetzung dienen sollen.
5. Schlusswort: Das Schlusswort versteht sich als Plädoyer für eine notwendige Debatte über berufliche Macht im Sinne einer gesteigerten Professionalität.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Macht, Ohnmacht, Berufliche Macht, Verantwortung, Machtmissbrauch, Selbstverständnis, Professionalität, Helfende Beziehung, Supervision, Fachlichkeit, Handlungsmacht, Reflexion, Klient, Institution.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle von Macht und Ohnmacht im beruflichen Alltag von Sozialarbeitern und plädiert für einen bewussten und professionellen Umgang mit diesen Phänomenen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die theoretische Bestimmung von Macht, die Verknüpfung von Macht und Verantwortung, die Entstehung von Ohnmachtserfahrungen sowie die Gefahren und Präventionsmöglichkeiten von Machtmissbrauch.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, das Tabu des Machtbegriffs in der Sozialen Arbeit zu brechen und Sozialarbeiter dazu zu ermutigen, ihre berufliche Macht als legitimes und gestaltbares Werkzeug professionell anzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse und -sichtung, die im Kontext der Sozialen Arbeit theoretisch eingeordnet und durch eigene Reflexionen ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition, die Analyse der Macht in der Praxis, die Auseinandersetzung mit der Verantwortung sowie eine differenzierte Betrachtung der Ohnmacht und deren Bewältigung im Arbeitsalltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Macht, Ohnmacht, Professionelles Selbstverständnis, Verantwortung, Machtmissbrauch, Sozialarbeit und Reflexion.
Warum wird Macht in der Sozialen Arbeit oft verleugnet?
Laut der Arbeit wird Macht häufig mit Machtmissbrauch gleichgesetzt, weshalb Sozialarbeiter aus einer Abneigung gegen diese Rolle dazu neigen, ihre eigene Macht verleugnen zu wollen.
Inwiefern ist das Selbstbild eines Sozialarbeiters für den Umgang mit Macht entscheidend?
Das Selbstbild bestimmt, ob der Sozialarbeiter Macht als integralen Bestandteil seiner professionellen Rolle akzeptiert oder ob er durch ein rein helferorientiertes Ideal an seiner eigenen Machtausübung scheitert.
- Quote paper
- Franziska Auer (Author), 2005, Der Umgang mit Macht in der Sozialen Arbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41047