Selbstständigkeit ist der erste Schritt zum Erwachsenwerden, deshalb sollte neben dem Vermitteln von Fachwissen die Schule auch dazu beitragen, die Selbstständigkeit des Schülers zu fördern. Im folgenden Text sollen nun die Möglichkeiten und Grenzen, die Vorteile und auftretenden Probleme der Erziehung zur Selbstständigkeit im Sportunterricht erörtert werden.
Ich möchte zu Beginn an Hand zweier Praxisszenen zu erklären versuchen, was Selbstständigkeit von Schülern und Schülerrinnen im Sportunterricht bedeutet und wie sie sich als pädagogische Leitidee in der Praxis realisieren lässt.
Szenarium1
In einer 8. Klass wird die Technik des oberen Zuspiels beim Volleyball wiederholt besprochen. Über zahlreiche methodische Übungsreihen und Bewegungsanweisungen versucht der Lehrer seinen Schülern die Sache zu vermitteln.
Die Schüler weigern sich nach einiger Zeit sich ausdauernd mit den Übungen auseinander zu setzen. Auf die Frage eines Schülers „Wann spielen wir denn endlich richtig?“ begegnet der Lehrer genervt mit dem Argument, sie sollen doch erst einmal die Technik beherrschen um erfolgreich spielen zu können.
Doch anstatt sich den Anweisungen des Lehrers unterzuordnen, bewerfen sich die Schüler mit den vorhandenen Volleybällen und stoßen sie mit dem Kopf.
Szenarium2
Schüler einer 6. Klasse versammeln sich freudig mit der Sportlehrerin in der Halle und sprechen darüber, welche sportlichen Aktivitäten sie betreiben wollen und welche Geräte dazu benötigt werden. Es wird versucht, möglichst alle Wünsche zu realisieren. Es bilden sich 3 Gruppen. Eine Turn-, eine Federball- und eine Fußballgruppe. Nach dem Öffnen der Geräteräume bauen die Schüler selbstständig auf und beginnen selbstorganisiert zu spielen. Die Turngruppe schwingt mit Seilen über Kästen und Hindernisse. Die Federballgruppe spielt Rundlauf, da diese Variante mehr Spaß macht. Jungs und Mädchen werden gleichermaßen in das Spiel mit einbezogen. Gruppenwechsel werden von den Schülern selbst organisiert und abgesprochen. Auch Konflikte werden selbst gelöst. Die Lehrerin ist Beobachterin und Beraterin. Nach dem Abbau wird in einer gemeinsamen Versammlung kurz über die Stunde gesprochen. Fast alle Schüler fanden die Stunde „Super“.
Inhaltsverzeichnis
1. Szenarium 1
2. Szenarium 2
3. Die Störung- Grenzen und Chancen selbstständigen Handelns
4. Die Superstunde- Möglichkeiten und Gefahren im offenen Unterricht
5. Selbstständigkeit als allgemeines Erziehungsziel in der Schule
6. Was verstehen wir unter Selbstständigkeit im Sportunterricht?
7. Merkmale und Ziele von Selbstständigkeit in drei Grundsituationen des Sportunterrichts
8. Orientierungshilfen für die Praxis
9. Selbstständigkeitserziehung und Inhalte
10. Selbstständigkeitserziehung und Lehrerverhalten
11. Mädchen und Selbstbestimmung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die pädagogische Bedeutung der Selbstständigkeit im Sportunterricht. Ziel ist es, durch die Analyse von Praxisszenarien Möglichkeiten, Grenzen und Risiken einer Erziehung zur Selbstständigkeit aufzuzeigen, um Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu mehr Mündigkeit und eigenverantwortlichem Handeln zu unterstützen.
- Die Analyse der Rolle des Lehrers als Berater und Begleiter.
- Die Bedeutung von Transparenz, Partizipation und Kommunikation im Sportunterricht.
- Herausforderungen der Selbstständigkeitserziehung in verschiedenen Sportarten.
- Die geschlechtsspezifische Problematik und die Förderung von Selbstbestimmung bei Mädchen.
Auszug aus dem Buch
Die Superstunde - Möglichkeiten und Gefahren im offenen Unterricht
Unser zweites Szenarium scheint eine Unterrichtsstunde zu sein, in der die Selbstständigkeit der Schüler einen hohen Ausprägungsgrad erreicht hat. Die Schüler können den Sport betreiben, den sie wollen. Es wird ihnen Raum zur freien Entfaltung ihrer Initiativen und Vorstellungen gelassen. Konflikte werden allein oder mit Hilfe der Lehrerin gelöst. Aber spiegelt dieser Unterricht tatsächlich den Grad an Selbstständigkeit wider, den wir zu erreichen versuchen oder verbergen sich auch Gefahren im offenen Unterricht?
Eine Gefahr kann z.B. sein, dass häufig die Mädchen ihre Interessen in der Versammlung nicht einbringen können und in den Entscheidungsprozessen der Gruppe nicht einbezogen werden. Greift der Lehrer an dieser Stelle nicht ein, so kann dieser Unterricht auch dazu führen, dass selbstständiges Handeln und Entscheiden für einen Teil der Schüler eher verhindert als gefördert wird. Eine weitere Gefahr könnte auftreten, indem immer wieder einige Schüler ihre Interessen durchsetzen. Es könnte eine subtile nicht offene Form von Unterdrückung und Bevormundung unter den Schülern produziert werden. Außerdem könnten viele Schüler mit der offenen Unterrichtssituation überfordert sein.
Sie wiederholen deshalb lediglich Bekanntes, lernen also nichts Neues.
Zusammenfassung der Kapitel
Szenarium 1: Ein Fallbeispiel aus einer 8. Klasse verdeutlicht, wie durch einen zu starren, lehrerzentrierten Unterricht Widerstand bei den Schülern entstehen kann.
Szenarium 2: Hier wird eine offene Unterrichtssituation in einer 6. Klasse beschrieben, in der Schüler eigenverantwortlich Sport treiben und organisieren.
Die Störung- Grenzen und Chancen selbstständigen Handelns: Dieses Kapitel analysiert, wie Störungen im Unterricht als Anlass für Lehrer genutzt werden können, die eigene Planung zu reflektieren und mehr Freiraum zuzulassen.
Die Superstunde- Möglichkeiten und Gefahren im offenen Unterricht: Kritische Auseinandersetzung mit den Risiken offener Unterrichtsformen, wie beispielsweise Überforderung oder einseitige Interessenvertretung.
Selbstständigkeit als allgemeines Erziehungsziel in der Schule: Einbettung der Selbstständigkeit in den übergeordneten Erziehungsauftrag der Schule zur Mündigkeit des Individuums.
Was verstehen wir unter Selbstständigkeit im Sportunterricht?: Definition des Begriffs als handlungsfähiges, von der Lehrkraft weitgehend unabhängiges Agieren der Schüler.
Merkmale und Ziele von Selbstständigkeit in drei Grundsituationen des Sportunterrichts: Darstellung spezifischer Kriterien für selbstständiges Handeln in Bewegungs-, Alltags- und Konfliktsituationen.
Orientierungshilfen für die Praxis: Konkrete Bedingungen für die Förderung selbstständigen Handelns, wie Partizipation an Inhalten und Aufgabenstellungen.
Selbstständigkeitserziehung und Inhalte: Untersuchung, ob Individual- oder Mannschaftssportarten unterschiedliche Voraussetzungen für die Erziehung zur Selbstständigkeit bieten.
Selbstständigkeitserziehung und Lehrerverhalten: Aufzählung didaktischer Prinzipien wie Information, Begründung und Metakommunikation für die Rolle der Lehrkraft.
Mädchen und Selbstbestimmung: Diskussion der Benachteiligung von Mädchen im koedukativen Sportunterricht und Ansätze zu ihrer Förderung.
Schlüsselwörter
Selbstständigkeit, Sportunterricht, Erziehungsziel, Handlungskompetenz, Mündigkeit, Lehrerverhalten, Partizipation, offener Unterricht, Koedukation, Metakommunikation, Selbstbestimmung, Unterrichtsplanung, Bewegungsfähigkeit, Sozialkompetenz, Schülerselbständigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Möglichkeiten, Grenzen und die praktische Umsetzung der Erziehung zur Selbstständigkeit im Sportunterricht an Schulen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernpunkten gehören das Lehrerverhalten, die Einbeziehung der Schüler in Planungsprozesse, die Rolle von koedukativem Sport und die Unterscheidung zwischen gelenkten und offenen Unterrichtsformen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, pädagogische Leitideen aufzuzeigen, wie Schülerinnen und Schüler zu mehr Selbstständigkeit und verantwortungsvollem Handeln angeleitet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die Analyse von Praxisszenarien, um theoretische Konzepte der Sportdidaktik an realen Unterrichtssituationen zu veranschaulichen und zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Es werden Kriterien für Selbstständigkeit definiert, notwendige Rahmenbedingungen für den Sportunterricht beschrieben und kritische Aspekte wie die Machtdynamik zwischen Jungen und Mädchen analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Selbstständigkeit, Mündigkeit, Partizipation, Lehrerverhalten und die Förderung der Schülerselbständigkeit sind zentrale Begriffe.
Warum wird im Dokument so viel Wert auf das Lehrerverhalten gelegt?
Der Autor argumentiert, dass der Lehrer durch didaktische Grundentscheidungen und eine bewusste Rolle als Berater den entscheidenden Rahmen für die Entwicklung der Schülermündigkeit schafft.
Welche Rolle spielt die Geschlechterthematik in der Arbeit?
Es wird aufgezeigt, dass Mädchen im koedukativen Unterricht oft benachteiligt sind, weshalb eine bewusste "Parteilichkeit" seitens der Lehrkraft notwendig ist, um ihre Selbstbestimmung zu fördern.
- Quote paper
- Christian Bellinger (Author), 2004, Selbstständigkeit im Sportunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41133