Anglizismen. Bedrohung oder Bereicherung der deutschen Sprachkultur?


Bachelorarbeit, 2011

41 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zentrale Begriffe
2.1 Der Anglizismus
2.1.1 Typen von Anglizismen
2.1.2 Ursachen für Anglizismen
2.1.3 Funktion und Wirkung von Anglizismen
2.2 Entlehnungen
2.2.1 Äußere Entlehnungen
2.2.2 Innere Entlehnungen

3 Zur geschichtlichen Entwicklung der Sprachpflege in Deutschland
3.1 Erste Entlehnungen durch Latein und Französisch
3.2 Anfänge der Sprachpflege – 17. Jahrhundert
3.3 Sprachpflege im 18. und 19. Jahrhundert
3.4 Sprachpflege im 20. Jahrhundert

4 Zur neueren Entwicklung der Anglizismenkritik
4.1 Laienlinguistische Positionen
4.2 Linguistische Positionen

5 Anglizismen – Bedrohung oder Bereicherung?

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Humoristisch ausgedrückt herrschen in einem vermeintlich friedlichen Europa noch immer kriegsähnliche Zustände, obwohl der Zerfall des Dritten Reichs bereits über 65 Jahre zurückliegt. Das Englische belagert das Deutsche, infiltriert die Franzosen und verwüstet das Spanische. Doch selbstverständlich handelt es sich hierbei um keine feindselige Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Nationen, wenngleich die vorliegende Kontroverse trotz dessen eine gewisse Brisanz aufweist. Die Rede ist von der englischen Sprache, genauer gesagt von Anglizismen.

Anglizismen sind Fremdwörter oder sogenannte Entlehnungen, sie bestehen meist aus englischem Sprachmaterial und werden aus unterschiedlichen Gründen von anderen Sprachen aufgenommen, respektive gehen in diese über. Bezogen auf deutschsprachige Länder dominieren in der öffentlichen Sprachdiskussion unter anderem Fragen über den Sinn und Unsinn des Gebrauchs von Anglizismen. In beinah jedem Lebensbereich und jeder Gesellschaftsschicht, ob im Privaten oder für jedermann zugänglich – Anglizismen sind allgegenwärtig und sie polarisieren.

Heutzutage scheint es nahezu ausgeschlossen, sich englischer Fremdwörter zu verwehren. Befürworter dieses Konglomerats aus Deutsch und Englisch sehen darin den Ausdruck eines dynamischen Sprachsystems, während Kritiker dessen eindeutige Symptome des Sprachverfalls auszumachen glauben. Nun ist der Diskussionsgegenstand kein Novum, auch wenn dies zum Teil den Anschein haben mag. Die Geschichte des Anglizismus ist eine lange, die Geschichte der Entlehnung eine noch längere und reicht historisch betrachtet viele Jahrhunderte zurück. Denn dort, wo Kultur, Leben und Sprache existieren, ist zugleich eine Mischung dieser vorprogrammiert und somit beeinflussen verschiedene Kulturen und Sprachen einander, gehen ineinander über.

Dennoch variiert die gegenseitige Beeinflussung und ist von diversen Faktoren abhängig. Außerdem führt die Furcht vor dem Verfall der Sprache und der Kultur zu entsprechenden Schutzreaktionen. Umgekehrt gibt es ebenso Maßnahmen, die ausgehend von einer distanzierten Perspektive die differierenden Phänomene von Schrift und Sprache beobachten, beschreiben und dokumentieren.

Es stellt sich daher die Frage, welche Auffassung der eigenen Sprache am ehesten dienlich ist. Sind Anglizismen letztlich eine Bedrohung oder eine Bereicherung für die deutsche Sprache?

Dieser Frage nachzugehen, verlangt zunächst, einen Rundblick über die themenspezifische Terminologie vorzunehmen. Eine Gegenüberstellung der vorhandenen Begriffsdifferenzierungen, soll einen adäquaten Querschnitt des aktuellen Forschungsstands wiedergeben. Daraufhin ist eine rekapitulierende Auseinandersetzung mit den relevantesten Stationen der geschichtlichen Entwicklung der allgemeinen Fremdwortkritik sowie der sprachpflegerischen Bestrebungen unabdingbar. Um den Forschungsgegenstand des Anglizismus im Sinne der Fragestellung möglichst umgreifend einschätzen zu können, werden anschließend die Wesenspunkte der aktuelleren Anglizismenkritik näher unter die Lupe genommen. Insbesondere erscheint es lohnenswert, die Positionen der Laienlinguistik seit der Gründung des Vereins Deutsche Sprache eingehender zu beleuchten. Das anschließende Kapitel speist sich aus der abwägenden Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile englischen Sprachguts im Deutschen, um schließlich eine Diagnose über die Gefahr oder den Wert von Anglizismen treffen zu können.

2 Zentrale Begriffe

Die Auseinandersetzung mit der Thematik, inwiefern Anglizismen Bedrohung oder Bereicherung für die deutsche Sprachkultur seien, erfordert zunächst eine Ausdifferenzierung der zentralen Begriffe. Das untersuchte Forschungsfeld ist sowohl in der Sprachwissenschaft als auch in der Öffentlichkeit ein vielfach diskutiertes und so gibt es zahllose Definitionen für die entsprechenden Termini. Im Folgenden werden verschiedene Begriffsbestimmungen gegenübergestellt, mit dem Ziel, die inhaltliche Spannweite und schließlich das Grundgerüst der wesentlichen Begriffe aufzuzeigen.

Wenn von Anglizismen die Rede ist, dann wird häufig im gleichen Atemzug von Fremdwörtern, Lehnwörtern, Entlehnungen, Denglisch, Amerikanismen oder Internationalismen gesprochen. Doch liegt einer Diskussion über Anglizismen ein seriöser Anspruch zu Grunde, sollten diese scheinbar synonymen Bezeichnungen in ihrer tatsächlichen Bedeutung bewusst gewählt werden.

2.1 Der Anglizismus

Wie bereits angedeutet, gibt es über Anglizismen eine Vielzahl von Definitionen, die untereinander zum Teil sehr differenzieren. Demnach zeigen manche Versuche, eine Begriffsbestimmung vorzunehmen, detailliertere, andere Versuche allgemeiner gefasste Eingrenzungen auf.

Ein Großteil sprachwissenschaftlicher Untersuchungen stützt sich auf Zindlers Definition aus dem Jahre 1959:

„Ein Anglizismus ist ein Wort im Deutschen, das aus dem britischen oder amerikanischen Englisch stammt, bzw. eine nicht übliche Wortkomposition, jede Art der Veränderung einer deutschen Wortbedeutung oder Wortverwendung (Lehnbedeutung, Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Lehnschöpfung, Frequenzsteigerung, Wiederbelebung) nach britischem oder amerikanischem Vorbild.“[1]

Auch wenn Zindlers Begriffsbestimmung wissenschaftlich anerkannt ist, schlägt der Versuch letztlich fehl, Anglizismen stets ihrer Herkunft nach zu klassifizieren. Yang verallgemeinert entsprechend und sammelt unter einem Oberbegriff sämtliche Entlehnungen aus dem US-Amerikanischen, Britischen sowie aller weiteren englischsprachigen Nationen. Ist eine Zuordnung der Herkunft dennoch möglich, so gelten amerikanische Entlehnungen als Amerikanismen und jene aus England, respektive Großbritannien als Britizismen.[2]

Häufig ist der Ursprung englischer Lexeme oder Lexemverbindungen nicht zweifelsfrei feststellbar, so spielt er in der Folge bei Pfitzner und insbesondere bei Schütte keine Rolle mehr.

„Ein Anglizismus ist ein sprachliches Zeichen, das ganz oder teilweise aus englischen Morphemen besteht, unabhängig davon, ob es mit einer im englischen Sprachgebrauch üblichen Bedeutung verbunden ist oder nicht.“[3]

Die Begriffseingrenzung Glahns gilt für die anschließenden Ausführungen als ausschlaggebend. Verhältnismäßig umfangreich bringt Glahn auf den Punkt, dass „jegliche lexikalische, phonetische, semantische, morphologische und syntaktische Beeinflussung des Deutschen durch die englische Sprache“[4] unter dem Begriff des Anglizismus zu verankern ist. Selbstverständlich beeinflusst das Englische ebenso andere Sprachen neben dem Deutschen, so wie Sprachen generell wechselseitig aufeinander einwirken, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Mag es möglich sein, einzelne Wörter der Herkunft nach zu bestimmen, ist dieser Aspekt unter der Fragestellung, inwiefern die englische auf die deutsche Sprache Einfluss nimmt, hier nicht von Belang.

Außerhalb wissenschaftlicher Diskurse gebrauchen Kritiker von Anglizismen eher den Ausdruck des Denglisch, der damit meist von wertender Natur ist. So steht er für die sprachkritische Übernahme englischen Sprachmaterials und ist vorwiegend pejorativ – abwertend – konnotiert.[5]

2.1.1 Typen von Anglizismen

Bevor gesondert auf den Begriff der Entlehnung eingegangen wird, sei hiermit auf die Differenzierung von Anglizismen hingewiesen. Bohmann[6] benennt – vielfach zitiert – vier verschiedene Grundtypen. Zwar bezieht sie sich auf solche Typen, die speziell in der Werbebranche relevant sind, nichtsdestotrotz ermöglicht diese Unterteilung, einen ersten gegliederten Überblick zu erhalten.

Konventionaler Typ

Zu dieser Gruppe zählen allgemein bekannte und anerkannte Anglizismen, die bereits fester Bestandteil des Sprachgebrauchs sind. Teilweise weichen dabei Orthografie und Phonetik, ergo Rechtschreibung und Lautung, vom Original ab.

Beispiele hierfür sind Laptop, Event, Ticket, Interview, Keks, oder cool.

Dem deutschen Phonem-Graphem-System angepasste Anglizismen

Unter dieser komplexen Typenbezeichnung versteht sich nichts weiter als eine dem Deutschen gemäße Anpassung der Anglizismen durch entsprechende Affixe, also Vor- und Nachsilben. Insbesondere Verben in sämtlichen Flexionsformen fallen in diese Kategorie. Beispiele hierfür sind stoppen, stylen, gestylt, joggen oder gemixt.

Kombinationstypen

Als Kombinationstypen gelten jene Anglizismen, bei denen englische und deutsche Begriffe durch Bindestriche verknüpft sind. Die Orthografie der zusammengefügten Wörter entspricht meist der des jeweiligen Wortursprungs. Von Bohmann zwar nicht mit inbegriffen, sind manche Kombinationstypen durchaus auch ohne Bindestrich schreibbar.

Beispiele hierfür sind Wellness-Wochenende, Rückflug-Ticket, Download-Rubrik, Werbespot oder Müll(-)Container.

Neue Anglizismentypen

Mit Hilfe dieses letzten Typus lanciert zumeist die Werbebranche. Speziell für Werbekampagnen geschaffen, setzen sich nicht alle Wörter dieser Sorte dauerhaft durch. Im allgemeinen Sprachgebrauch sind derartige Anglizismen eher selten wieder zu finden.

Beispiele hierfür sind geswatchte Uhren oder Five-pocket-Jeans.

2.1.2 Ursachen für Anglizismen

Laut Duden – Deutsches Universalwörterbuch von 2007 – besteht der zentrale Wortschatz des Deutschen aus etwa 70.000 und der Wortschatz der deutschen Alltagssprache mit sämtlichen Lexemen aus circa 500.000 Wörtern. Nach Schätzungen beinhaltet Deutsch somit etwa 100.000 Wörter weniger als das Englische. Das Französische wiederum umfasst geschätzte 300.000 Einträge.[7]

Nun geben derartige Werte weder die qualitative Reichhaltigkeit noch die letztliche Quantität aller Wörter der genannten Sprachen wieder. Unter anderem können diese Unterschiede auf die jeweilige Art und Weise der Wortbildung zurückgeführt werden. Entsprechend bietet die deutsche Sprache die Möglichkeit, durch Bildung von Komposita unzählige weitere zusammengesetzte Wörter hervorzubringen.

Wenn der produktive Wortschatz eines Sprachbenutzers nur einen Bruchteil seines gesamten Sprachguts ausmacht, vermag nicht dann der zusätzliche Gebrauch ursprünglich englischen Vokabulars im Deutschen als überflüssig erscheinen? Was sind die Gründe für das Zurückgreifen auf die englische Sprache?

Diese Fragen waren und sind Hauptgegenstand einer Fülle sprachwissenschaftlicher Untersuchungen. Augenscheinlich ist dabei für nahezu alle Autoren, dass inzwischen in jedem Lebensbereich des deutschen Sprachraums Anglizismen Einzug erhalten haben. Als eine entscheidende Ursache gilt vielen die schlichte Notwendigkeit, bereits vorhandene englische Bezeichnungen dem deutschen Sprachraum einzuverleiben. Neue Produkte, Sachverhalte, Erfindungen und zahlreiche Begriffe entspringen der anglo-amerikanischen Vorherrschaft, unter anderem in den Bereichen Medien, Technik, Politik sowie Sport und Wirtschaft. Die deutsche Sprache sieht sich somit einer Fülle an Neuerungen konfrontiert, für die sich notwendigerweise entsprechende Bezeichnungen finden müssen.[8] Ebenso in kultureller Hinsicht nehmen die USA weltweit immensen Einfluss. Der American way of life färbt in Folge dessen – und zwar nicht allein in sprachlicher Hinsicht – auf die deutsche Kultur ab.

Weitere außersprachliche Ursachen liegen in der westlichen Bündnispolitik, in Übersetzungen von englischen Fachtexten oder Mitteilungen englischer Nachrichtenagenturen, im schulischen Englischunterricht und nicht zuletzt im Konsum britisch-amerikanischer Popkultur. Der englisch geprägten Trias aus Massenmedien, Werbung und Fachsprachen wird jedoch die größte Bedeutung beigemessen.[9]

Weiterhin besteht seit dem Ende des zweiten Weltkrieges eine Art der Identitätskrise in Deutschland und Österreich, was sich letztlich auch auf den Sprachgebrauch niederschlägt.

„Als eine Ursache mag ein sprachlich-kulturelles Minderwertigkeitsgefühl zum Tragen kommen, welches gepaart ist mit der Bewunderung für das in jeder Lebenslage für besser und moderner erachtete Englisch.

Die zweite Ursache ist das gekonnte Marketing und die Ideologisierung des Englischen als Sprache des modernen Menschen schlechthin, ebenfalls gepaart mit einer machtpolitischen, aber in der Regel verdeckten Strategie zur Verankerung dieser Sprache in bisher noch nicht ausreichend anglisierten Räumen.“[10]

2.1.3 Funktion und Wirkung von Anglizismen

Fremdwörtern werden häufig besondere Funktionen zugeschrieben. Dies kann sich darin äußern, dass eine vorhandene semantische Sprachlücke im Deutschen, für die es keinen adäquaten Begriff gibt, mit einem Anglizismus ausgefüllt wird. Darüber hinaus dienen Fremdwörter häufig stilistischen Zwecken.

Innersprachliche Gründe für die Übernahme englischen Sprachguts sind bei weitem schwieriger auszumachen und eher subjektiver Natur. Einige Anglizismen werden aufgrund ihrer Kürze den jeweiligen deutschen Äquivalenten bevorzugt. Beispielsweise besteht der Anglizismus Deal aus nur einer Silbe, ist also kürzer als entsprechendes deutsches Vokabular wie Handel, Geschäft oder Abkommen. Allerdings trifft dieser Aspekt nicht bei allen Entlehnungen zu, denn die Bevorzugung des Wortes Location gegenüber dem deutschen Ort kann keineswegs auf das Merkmal der Kürze zurückgeführt werden.

Weiterhin unterscheiden sich bisweilen ähnlich wirkende Wörter in ihren konnotativen und denotativen Merkmalen. Die Entlehnung Hotel zeigt demnach auf, dass neben der Verpflegung und Beherbergung von Gästen zusätzlich auch ein gewisser Standard und Mindestkomfort garantiert wird. Demgegenüber beinhalten die Wörter Gasthof, Gasthaus und Pension diesen Zusatz nicht.[11]

Die auffälligsten Wirkungen werden durch die Funktion des Kolorits erzeugt. Der Definition nach beschreibt Kolorit in Kunst, Musik und Literatur die jeweilige Stimmung, Klangeigenart und Atmosphäre.[12] Es lässt sich zwischen Lokal-, Sozial-, und Fachkolorit unterscheiden. Zusammengefasst beziehen sich die genannten Kategorien stets auf – teilweise emotionale – Zugehörigkeit zu einem Ort, einem Fachgebiet oder einer Gesellschaft. Anglizismen der Jugendsprache ließen sich zum Sozialkolorit zuordnen, wie zum Beispiel easy, fit, cool, Look oder rock on.

Um delikate Themen anzusprechen, ermöglicht die Funktion der Verschleierung, beispielsweise tabuisierte Sachverhalte euphemistisch zu beschönigen – Callgirl statt Prostituierte – oder stilistische Umschreibungen unter anderem für Werbezwecke – Hotline statt heißer Draht – vorzunehmen.[13]

Schließlich bietet der Gebrauch von Anglizismen ein breites Spektrum an Variation im Ausdruck, vermag darüber hinaus durch Dynamik und Schwung eine gewisse Lebendigkeit in die Sprache zu integrieren.[14] Als prädestiniertes Beispiel gilt hier die Entlehnung Event, welche unter einem einzigen Begriff gleich mehrere Bedeutungen inne haben kann, was wiederum bei keinem deutschen Äquivalent der Fall wäre. Ob sich nun jedes Ereignis oder Konzert, jede Feier oder Veranstaltung, jeder außerordentliche Vorfall und sportliche Wettkampf als Event titulieren muss, ist eine andere Frage.

2.2 Entlehnungen

Eine Entlehnung bezeichnet die Übernahme eines sprachlichen Ausdrucks von einer Sprache in eine andere. Die wesentlichen Gründe für derartige Prozesse wurden bereits angeführt und so sollen im Folgenden die verschiedenen Entlehnungsformen differenziert betrachtet werden. Bußmann definiert den Begriff der Entlehnung folgendermaßen:

„Vorgang und Ergebnis der Übernahme eines sprachlichen Ausdrucks aus einer Fremdsprache in die Muttersprache, meist in solchen Fällen, in denen es in der eigenen Sprache keine Bezeichnung für neu entstandene Sachen bzw. Sachverhalte gibt.“[15]

In der Sprachwissenschaft existieren unterschiedliche Möglichkeiten, Entlehnungstypen gegliedert zu visualisieren. Die Kategorisierung der Entlehnungen nach Yang von 1990 (Abb. 1) zeigt den Facettenreichtum von Anglizismen auf. Lehngut gelangt entweder in fremder Form direkt in die deutsche Sprache oder wird mit eigensprachlichen Mitteln indirekt nachgebildet. Fremdwörter, die in ihrer äußeren Erscheinungsform von sprachwissenschaftlich nicht vorgebildeten Sprechern als Entlehnung wahrgenommen werden, zählen zu äußerem – also evidentem Lehngut. Orthografie und Phonetik des Originalwortes bleiben weitgehend erhalten. Evidente Entlehnungen bezeichnen zudem die direkte Übernahme englischer Begriffe in das Deutsche.

Hingegen bezeichnet die Wissenschaft jene Entlehnungen, die in ihrer äußeren Erscheinungsform nicht als solche zu erkennen sind und mit deutschem Sprachmaterial gebildet werden, als inneres – also latentes Lehngut.[16]

2.2.1 Äußere Entlehnungen

Äußeres, evidentes Lehngut kategorisiert sich in direkte Entlehnungen, Mischkomposita und Scheinentlehnungen. Ein deutscher Sprachbenutzer, der des Englischen nicht mächtig ist, vermag nicht zwangsläufig, äußere Entlehnungen als solche auch zu erkennen.

Direkte Entlehnung

Die erste hier genannte Unterkategorie der äußeren Entlehnungen ist zugleich die umfangreichste. Sie beinhaltet sowohl die Unterscheidung von Fremd - und Lehnwörtern als auch eine zusätzliche Erläuterung, was ein fremdes Wort ausmache. In einigen älteren wissenschaftlichen Ausführungen[17] wird auf die Trennung von Fremdwort und Lehnwort verzichtet, wohingegen in aktuelleren Modellen auf deren Unterscheidung bewusst Wert gelegt wird.

„Unter Fremdwort wird […] ein Wort verstanden, das unverändert in Schreibung und Lautung übernommen wird und auch von einem Laien als fremd erkannt wird, im Gegensatz zu einem Lehnwort, das phonetisch und graphematisch so in das deutsche Sprachsystem integriert ist, dass es nur noch von Linguisten als Entlehnung identifiziert werden kann.“[18]

Laut Definition war demzufolge jedes Lehnwort zuvor ein Fremdwort. Wie bereits erwähnt, kommen Fremdwörter in der deutschen Sprache sowohl in Rechtschreibung, inhaltlicher Bedeutung und Lautung als auch in ihrer morphologischen, äußerlichen Erscheinungsform unverändert daher. Die einzige Ausnahme besteht dabei häufig in der Substantivierung der jeweiligen Entlehnung, wie bei Computer, Hair oder Jeans. Im Gegensatz gleicht sich ein Lehnwort dem Deutschen in Orthografie, Semantik, Phonetik und Morphologie weitgehend an, wie zum Beispiel bei der smarte, clevere Typ; starten, Rekorder, Keks oder Schock.[19]

Sind Orthografie, Phonetik sowie Herkunft und Semantik von Lehnwörtern in mehreren Sprachen ähnlich oder identisch, werden derartige Wörter als Internationalismen betitelt.[20]

Fremde Wörter, auch als Exotismen bezeichnet, benennen ausschließlich Gegenstände und Einrichtungen, die lediglich im englischen Sprachraum zu finden sind, wie zum Beispiel die high school.[21]

Mischkomposita

Ein Mischkompositum ist eine Zusammensetzung aus englischen und deutschen Wörtern beziehungsweise Lexemen. Carstensen unterscheidet drei Typen. So gibt es Zusammensetzungen nach englischem Vorbild, wobei nur ein Teil der Kombination ins Deutsche transferiert wird, wie Haarspray oder Hobby-Gärtner. Verbindungen ohne englisches Vorbild, bei denen ein beliebiges deutsches Wort mit einem englischen verknüpft wird, wären zum Beispiel Teamgeist, Freizeit-Kick oder Achsel-Spray. Letztmögliche Variante sind Kopplungen zweier verschiedener Sprachen, wie Varieté-Boss oder Nightclub-Chef.[22]

Scheinentlehnung

Mit englischem Sprachmaterial gebildete Wörter, jedoch im Englischen unbekannt, werden unter dem Begriff der Scheinentlehnung oder auch Pseudoentlehnung zusammengefasst. Durch sogenannte Lehnveränderungen geschieht abgestuft in verschiedenen Lehngraden eine morphologische Abänderung eines Wortes, Kompositums oder einer Phrase.

Beispiel: Engl. pullover zu dt. Pullover und schließlich gekürzt zu dt. Pulli.

Mit englischem Morphemmaterial gebildete Anglizismen gehören zu den lexikalischen Scheinentlehnungen. Die dazugehörigen Beispiele Showmaster, Callboy oder Teens existieren derart nicht in der englischen Sprache, sondern lediglich ihre äquivalenten Vorbilder quizmaster, callgirl und teenager.[23]

Bei semantischen Scheinentlehnungen werden englische Wörter in Originalform mit einer oder mehreren Bedeutungen ins Deutsche transferiert. In der deutschen Sprache geht diese Entlehnung schließlich inhaltliche Eigenwege. So gilt das verdeutschte Wort Oldtimer als Bezeichnung für ein altes Fahrzeug, wohingegen der ursprünglich englische Begriff einen Veteran markiert.[24]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Entlehnungen; sinngemäß entnommen aus Yang (1990: 16).[25]

[...]


[1] Zindler, Horst: Anglizismen in der deutschen Presse nach 1945. Kiel 1959, S. 2.

[2] Vgl. Yang, Wenliang: Anglizismen im Deutschen. Am Beispiel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Tübingen 1990, S. 7.

[3] Schütte, Dagmar: Das schöne Fremde: anglo-amerikanische Einflüsse auf die

Sprache der deutschen Zeitschriftenwerbung. Studien zur Kommunikationswissenschaft,

Band 16. Opladen 1996, S. 38.

[4] Glahn, Richard: Der Einfluß des Englischen auf gesprochene deutsche Gegenwartssprache. Eine Analyse öffentlich gesprochener Sprache am Beispiel von „Fernsehdeutsch“. Frankfurt am Main 2000, S. 16.

[5] Vgl. Spitzmüller, Jürgen: Metasprachdiskurse. Einstellungen zu Anglizismen und ihre wissenschaftliche Rezeption. Berlin 2005, S. 159f.

[6] Bohmann, Stephanie: Englische Elemente im Gegenwartsdeutsch der Werbebranche. Marburg 1996, S. 19f.

[7] Vgl. Duden. Deutsches Universalwörterbuch. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2007, S. 13.

[8] Vgl. Schmitz, Heinz-Günther: Amideutsch oder deutsch? – Zur Geschichte und Aktualität der Fremdwortfrage. In: Das Wort. Germanistisches Jahrbuch der GUS. Hg. vom DAAD Moskau. Moskau 2002, S. 135-165, S. 143.

[9] Vgl. Stedje, Astrid: Deutsche Sprache gestern und heute. Einführung in Sprachgeschichte und Sprachkunde. 6. Auflage. Paderborn 2007, S. 215f.

[10] Stark, Franz: Anglizismenfieber als Symptom von Immunschwäche. In: Denglisch, nein danke! Zur inflationären Verwendung von Anglizismen und Amerikanismen in der deutschen Gegenwartssprache. Hg. von Hermann Zabel. Paderborn 2001, S. 81-110, S. 81.

[11] Vgl. Zabel, Sabrina: Anglizismen im Radio. Eine medienlinguistische Analyse. Norderstedt 2009, S. 81f.

[12] Vgl. Pfitzner, Jürgen: Der Anglizismus im Deutschen. Ein Beitrag zur Bestimmung seiner stilistischen Funktion in der heutigen Presse. Stuttgart 1978, S. 39.

[13] Vgl. Zimmer, Dieter E.: Deutsch und anders. Die Sprache im Modernisierungsfieber. Hamburg 1997, S. 29f.

[14] Vgl. Schütte: Das schöne Fremde, S. 41f.

[15] Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. 2., völlig neu

bearbeitete Auflage. Stuttgart 1990, S. 213.

[16] Vgl. Altleitner, Margret: Der Wellness-Effekt. Die Bedeutung von Anglizismen aus der Perspektive der kognitiven Linguistik. Frankfurt am Main 2007, S. 168.

[17] Vgl. Betz, Werner: Deutsch und Lateinisch. Die Lehnbildungen der althochdeutschen Benediktinerregel. Bonn 1949, S. 26.

[18] Altleitner: Der Wellness-Effekt, S. 30.

[19] Vgl. Bohmann: Englische Elemente im Gegenwartsdeutsch, S. 22f.

[20] Vgl. ebd., S. 80f.

[21] Vgl. Muhr, Rudolf: Eurospeak. Der Einfluss des Englischen auf europäische Sprachen zur Jahrtausendwende. Frankfurt am Main 2002, S. 33.

[22] Vgl. Cartensen, Broder: Evidente und latente Einflüsse des Englischen auf das Deutsche. In: Fremdwortdiskussion. Hg. von Peter Braun. München 1979, S. 90-94, S. 91.

[23] Vgl. Carstensen zit. nach Bohmann: Englische Elemente im Gegenwartsdeutsch, S. 26ff.

[24] Vgl. Carstensen, Broder: Semantische Scheinentlehnungen des Deutschen aus dem Englischen. In: Studien zum Einfluß der englischen Sprache auf das Deutsche. Hg. von W. Viereck. Tübingen 1980, S. 77-100, S. 77.

[25] Yang: Anglizismen im Deutschen, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Anglizismen. Bedrohung oder Bereicherung der deutschen Sprachkultur?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
41
Katalognummer
V411959
ISBN (eBook)
9783668630994
ISBN (Buch)
9783668631007
Dateigröße
742 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anglizismus, Entlehnungen, Lehnwörter, Sprachpflege, Sprachkritik, Sprachkultur, Anglizismen
Arbeit zitieren
Michael Forchner (Autor), 2011, Anglizismen. Bedrohung oder Bereicherung der deutschen Sprachkultur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/411959

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Anglizismen. Bedrohung oder Bereicherung der deutschen Sprachkultur?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden