In dieser Arbeit werden zunächst die Begriffe Erziehung, Protopädie und Pädeutik näher bestimmt, um diese, nach einer Fallbeschreibung von Victor von Aveyron, darauf anzuwenden. Ziel ist es, aus der Perspektive Wolfgang Sünkels zu überprüfen, ob wirklich Erziehung beziehungsweise Vermittlungs-Aneignungs-Vorgänge während seiner Isolation auf protopädischer Ebene stattgefunden haben. In einer abschließenden Betrachtung werden dann gewonnene Erkenntnisse der Vermittlungs-Aneignungs-Vorgänge zwischen Mensch und Tier herangezogen, welche weiterführend auf protopädische Erziehungsvorgänge bei Tieren untereinander bezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung
2. Begriffsbestimmungen
2.1. Erziehung
2.2. Protopädie und Pädeutik
3. Der Fall Victor von Aveyron
4. Betrachtung der Fallbeispiele aus Sicht von Wolfgang Sünkel
4.1. Verhalten
4.2. Sprache
5. Quellenkritisches Resümee und Forschungsausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit untersucht aus der erziehungstheoretischen Perspektive von Wolfgang Sünkel, ob bei dem Fall „Victor von Aveyron“ von Erziehung im Sinne der Protopädie gesprochen werden kann. Dabei wird analysiert, ob während seiner Isolation Vermittlungs-Aneignungs-Vorgänge stattgefunden haben könnten, die auf protopädischer Ebene einzuordnen sind.
- Erziehungstheoretische Differenzierung nach Wolfgang Sünkel (Protopädie vs. Pädeutik)
- Analyse des Falls Victor von Aveyron als „wildes Kind“
- Untersuchung von mimetischer Aneignung als protopädische Struktur
- Bewertung von Spracherwerb und Verhaltensmustern in Isolation
- Kritische Quellenreflexion zur Darstellung „wilder Kinder“
Auszug aus dem Buch
4.1. Verhalten
Hinsichtlich des Verhaltens von Victor von Aveyron ist vor allem das Verhalten relevant, was er direkt nach seinem Fund aufweist. Es finden sich einige tierische Verhaltensmuster bei Victor, die zunächst darauf schließen lassen, dass er diese von Tieren, die eine Kultur haben, übernommen hat. Sünkel bezeichnet diese Übernahme als „mimetische Aneignung“ (2008, S. 8). Der Mechanismus „besteht darin, dass eine TD6 angeeignet wird durch Nachahmung der durch diese TD disponierten Tätigkeit eines anderen“ (ebd., S. 26).
Beispielsweise zeugt seine Antipathie gegenüber Kleidung und einem Bett (vgl. Blumenthal, 2003, S. 129; vgl. Itard, 1965, S. 26-27) davon, dass Victor durch sein langes Dasein in Isolation nicht an kulturbedingte Elemente menschlicher Natur gewöhnt war. Es konnte keine Erziehung stattfinden, bei der Victor mithilfe protopädischer Erziehungsstrukturen menschliche Verhaltensweisen oder kulturelle Gegebenheiten internalisiert hat.
Ein anderes Bild zeigt sich, dadurch, dass er „rein animalistische Funktionen“ (Pethes, 2007, S. 81) aufweist, er also weder über ein Erinnerungsvermögen, kein Wissen, kein Wunschdenken, keine Imagination und kein Gerechtigkeitsempfinden hat (vgl. ebd.). Sowohl das fehlende Gerechtigkeitsempfinden, als auch sein animalischer Charakter, erinnern stark an tierische Verhaltensweisen (vgl. Blumenthal, 2003, S. 133). So gilt im Tierreich das Recht des Stärkeren und das Gesetz, dass derjenige der zuerst kommt zuerst mahlt. Aber auch die Bedürfnisbefriedigung durch beispielsweise Nahrung, Schlaf oder der Wunsch in der Natur zu sein (vgl. ebd.), verweisen auf tierische Züge.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung: Die Einleitung definiert den Begriff der wilden Kinder und stellt die Forschungsfrage, ob bei extremer Isolation von Erziehungsprozessen gesprochen werden kann.
2. Begriffsbestimmungen: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Erziehung nach Wolfgang Sünkel, insbesondere die Unterscheidung zwischen Protopädie und Pädeutik.
3. Der Fall Victor von Aveyron: Hier erfolgt eine detaillierte Fallbeschreibung von Victor, eingebettet in den wissenschaftlichen Diskurs über „wilde Kinder“ und die zeitgenössische Wahrnehmung.
4. Betrachtung der Fallbeispiele aus Sicht von Wolfgang Sünkel: Die Anwendung der Sünkelschen Theorie auf Victors Verhalten und seinen Spracherwerb steht im Zentrum dieser Analyse.
5. Quellenkritisches Resümee und Forschungsausblick: Das Fazit reflektiert die Grenzen der Quellenlage und diskutiert, ob künftige Forschungen zum Verhalten bei Tieren neue Erkenntnisse über protopädische Erziehung liefern könnten.
Schlüsselwörter
Erziehung, Protopädie, Pädeutik, Victor von Aveyron, Wolfgang Sünkel, wilde Kinder, mimetische Aneignung, Spracherwerb, Isolation, Verhaltensmuster, Sozialität, Kulturalität, Mortalität, Tätigkeitsdisposition, Erziehungstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die erziehungstheoretische Einordnung des Falls Victor von Aveyron unter Anwendung des von Wolfgang Sünkel geprägten Begriffs der Protopädie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Theorie der Erziehung, die Anthropologie der Entwicklung, die Analyse wilder Kinder und die Differenzierung erzieherischer Einflüsse in Abwesenheit bewusster Pädagogik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu überprüfen, ob sich Victors Verhalten während seiner Isolation als protopädischer Erziehungsprozess interpretieren lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse durch die Perspektive von Wolfgang Sünkel sowie eine quellenkritische Auseinandersetzung mit historischen Berichten über den „Wolfsknaben“.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Begriffe Erziehung, Protopädie und Pädeutik geklärt, der historische Fall Victor von Aveyron geschildert und anschließend sein Verhalten sowie sein Spracherwerb anhand der Sünkelschen Kategorien analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Protopädie, Vermittlungs-Aneignungs-Vorgänge, mimetische Aneignung und anthropologische Voraussetzungen wie Sozialität und Kulturalität geprägt.
Warum konnte Victor von Aveyron nach Auffassung des Autors nicht zur Sprache gelangen?
Der Autor argumentiert, dass Spracherwerb nicht allein durch Nachahmung (mimetische Aneignung), sondern durch die Einbindung in soziale Regelsysteme erfolgt, was in der Isolation fehlte.
Inwiefern beeinflussen historische Quellen das Bild von Victor von Aveyron?
Die Arbeit weist darauf hin, dass Zeitgenossen und Autoren durch gesellschaftliche Erwartungen und Stereotype über „wilde Kinder“ dazu neigten, das Bild von Victor einseitig zu konstruieren.
- Citation du texte
- Frederik Thomas Dötzer (Auteur), 2017, Kann bei Victor von Aveyron von Erziehung im Sinne der Protopädie gesprochen werden?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/411966