Die Mohajir in Pakistan

Entwicklung einer ethnischen Identität und Ursachen des ethnischen Konflikts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
33 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie entstehen ethnische Konflikte? Eine Auswahl von theoretischen Erklärungsansätzen
2.1 Ethnische Gruppen
2.2 Die Ursachen von ethnischen Konflikten
In2.2.1 Der Zentrum-Peripherie-Antagonismus
In2.2.2 Theorie des „relativ group worth“

3. Die Mohajir in Pakistan
3.1 Ausgangssituation nach der Teilung Britisch Indiens
In3.1.1 Herkunft und Flucht der Mohajir
In3.1.2 Hegemonialstellung im jungen Staat Pakistan
3.2 Die Entwicklung einer ethnischen Identität

4. Katalysatoren des ethnischen Bewusstseins und Konflikts
4.1 Die „One Unit“ Periode
In4.1.1 Soziale Diskreditierung der Mohajir
In4.1.2 Die Ära M.A. Khans (1958-69)
4.2 Die Sezession von Ostpakistan und Quotenregelungen
4.3 Aufstieg der MQM

5. Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Tabelle 1: Herkunft der Mohajir nach der Teilung Britisch Indiens

Tabelle 2: Ethnizität hochrangiger Bürokraten 1959

1. Einleitung

Im August 1947 teilt sich Britische Indien als Resultat eines von unterschiedlichen Akteuren und Ideen getragenen Unabhängigkeitsprozesses. Einer dieser Teilstaaten wird Pakistan, das „Land der Muslime“, bestehend aus dem östlichen (heute Bangladesh) und dem westlichen Gebiet. Es entsteht der, gemessen an seiner Bevölkerung, sechstgrößte Staat der Erde.[1] Dabei umfassen die Grenzen des Landes ein multiethnisches, multilinguales Territorium, in dem die dort beheimateten Völker bereits seit Generationen leben.[2] Zudem hat die Trennung Indiens und Pakistans eine der größten Flüchtlingsbewegungen auf beiden Seiten ausgelöst, die eine unerfassbare Zahl von Opfern fordert. „Britische Piloten berichten, sie seien länger als eine Stunde über den Punjab geflogen und hätten nicht das Ende dieser Flüchtlingszüge erreicht“.[3] Doch nachdem die flüchtenden Hindus, Muslime, Sikhs, Bengalen und andere Gruppen alles aufgegeben haben um ihre „neue Heimat“ zu erreichen, werden sie mit weiteren Problemen und Konflikten konfrontiert. Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf eine bestimmte Gruppe dieser Migranten – die Mohajir.

Die Bezeichnung Mohajir ist der Geschichte des Islams entliehen. Die Gefährten des Propheten Mohammed auf seiner Flucht von Mekka nach Medina im Jahr 622 (der „Hijra“) nennt man „Mohajireen“.[4] Es trifft daher eher die Übersetzung „Pilger“, als „Flüchtling“. Zu Zeiten der indisch-pakistanischen Division wird jener Titel für die hauptsächlich Urdu-sprechenden Muslime aus Indien verwendet. Die „sons of the soil“, die aus den unterschiedlichsten Teilen des ehemaligen Britisch Indiens in Pakistan einströmen, siedeln sich in diversen Ballungsräumen der südpakistanischen Provinz Sindh an, allen voran Karachi.[5] Als Fischerdorf von der britischen Kolonialmacht zum strategischen Knotenpunkt am persischen Golf auserkoren, leben 1947 etwa 500.000 Menschen in ihr.[6] Diverse Zuwanderung auch nach der Staatsgründung ließ ihre Einwohnerzahl bis heute auf schätzungsweise 22 Millionen anwachsen, womit sie mit Abstand die größte Metropole Pakistans und eine der größten der Welt darstellt.[7]

Karachi avanciert schnell zur „Stadt der Mohajir“, die sich nun auf irgendeine Weise als eigenständige, von anderen abgrenzbare Gruppe definieren. Es stellt sich jedoch die Frage, wie eine so heterogene Flüchtlingsgruppe in den darauffolgenden Jahrzehnten ein ethnisches Bewusstsein erlangen kann.

Im Zuge dieser Arbeit sollen grundlegende Thesen zur Ethnizität und Identitätsbildung der Mohajir untersucht werden. Zum einen gilt es der Frage nachzugehen, ob und falls ja auf welche Gemeinsamkeiten eine so vielfältige Gruppe bauen kann, um ihre ethnische Identität entweder als gegeben zu betrachten, oder selbständig zu konstruieren. Zum anderen eröffnen ethnische Divergenzen in einem multiethnischen Staat erhebliches Konfliktpotenzial, welches aufgrund von sozialen, ökonomischen oder politischen Disparitäten protegiert oder ausgelöst wird.

Kapitel 2 behandelt deshalb eine theoretische Auseinandersetzung mit der Entstehung und Charakteristika ethnischer Gruppen. Außerdem werden unterschiedlicher Modelle der ethnischen Konfliktforschung aufgezeigt. Im dritten Abschnitt dieser Untersuchung kann auf Basis der theoretischen Vorüberlegungen und nach Erörterung der sozioökonomischen Ausgangslage der Mohajir in ihrem neuen „Obdach“ die ethnische Identitätsbildung analysiert werden. Von entscheidender Bedeutung ist hierzu ebenfalls ein kurzer Rückblick auf die untypischen Spezifika dieser Migranten. Das vierte Kapitel erläutert fortführend die Ursachen und Katalysatoren für die Verhärtung der ethnischen Fronten und, unter Berücksichtigung der jungen pakistanischen Geschichte, welche staatlichen Interventionen und Veränderungen diesen Werdegang vorantreiben.

Einen hervorragenden Überblick zu den sozialwissenschaftlichen Strömungen der Ethnizitäts- und Konfliktforschung bietet Stephan Ganters „Ethnizität und ethnische Konflikte. Konzepte und theoretische Ansätze für eine vergleichende Analyse “ (1995; Freiburg). Seine Schlussfolgerungen sind für diese Arbeit zum einen von substantieller Relevanz, zum anderen erlauben seine Darstellungen einen einführenden Blick in bereits etablierte theoretische Überlegungen. In diesem Zusammenhang bauen die Ausführungen des zweiten Kapitels auf den Werken Michael Hechters „ Internal Colonialism: The Celtic Fringe in British National Development.“ (1999 [Original 1975]; New Jersey) und “Group Formation and the Cultural Division of Labor” (1978; Chicago), sowie den Veröffentlichungen Susan Olzaks “The dynamics of Ethnic Competition and Conflict” (1992; Stanford) und “Ethnic Mobilization in New and Old States: An Extension of the Competition Model” (1982; Kalifornien, mit Joane Nagel). Zudem ergänzt Donald L. Horowitzs „ Ethnic groups in conflict“ (1985; Kalifornien) die (sozio-) ökonomische Dimension der gerade genannten Autoren um den für diese Arbeit äußerst ergiebigen Ansatz des „relativ group worth“.

Basal für das theoretische Fundament sind ebenso die “Klassiker” von Max Weber, „ Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie“ (1980 [Original 1922]) und die vielzitierte Einführung von Fredrik Barth in seinem Herausgeberwerk „ Ethnic groups and boundaries. Social organization of culture difference“ (1982; Oslo).

Aus praktischer Sicht muss auf die Untersuchung Ann Frotschers „ Banden- und Bürgerkrieg in Karachi. Ethnisierung von Politik am Beispiel der Mohajir“ (2005; Baden-Baden) verwiesen werden. Ihr Werk ermöglicht nicht nur einen deskriptiven Überblick über die historischen Gegebenheiten nach der Staatsgründung Pakistans, sondern gewährt zusätzlich eine analytische Verbindung zwischen politischen Faktoren und ethnischer Identitätsbildung der Mohajir, vor allem auf Grund der Vielzahl von enthaltenen Interviews mit betroffenen Personen. Der Aufsatz von Jakob Rösel „ Die Mohajir in Karachi, Pakistan: Flucht und Politik“ (2006; Köln) dient in ähnlicher Systematik der eigenen Arbeit, wenngleich der Fokus des Autor mit der Stadtentwicklung Karachis den Rahmen für die vorliegenden Untersuchung übersteigt.

Wichtige Literatur sind ebenso die Monographien von Feroz Ahmed „ Ethnicity and Politics in Pakistan “ (1999; Karachi) und Sonam Dixit „ Mohajirs in Pakistan “ (2012; Neu Dehli). In außerordentlich ausführlicher Art beschreiben die Autoren multiperspektivisch die Ursachen für die Entstehung einer Mohajiridentität, sowie des daraus gewachsenen Konfliktpotenzials. Besonders im Fokus stehen an dieser Stelle die Zeitepochen unter den verschiedenen Regimes und ihre spezifischen Folgen für die „Pilger“- Gruppe. Ergänzend fungieren dazu die Werke Iftikhar H. Maliks „ State and Civil Society in Pakistan “ (1997; London/Houndsmill) und Nicola Khans „ Mohajir Militancy in Pakistan “ (2010; London/New York).

Ziel der nachfolgenden Ausführungen ist die Analyse der These: a) Die Heterogenität der Flüchtlingsgruppe macht eine ethnische Identitätsbildung von subjektivistischer Konstruktion abhängig und der Frage: b) Welche staatlichen Interventionen oder demographischen Veränderungen lancieren diesen Trend und schaffen damit Konfliktpotenzial in Bezug zu anderen Ethnien?

2. Wie entstehen ethnische Konflikte? Eine Auswahl von theoretischen Erklärungsansätzen

In diesem Abschnitt werden ethnische Gruppen und Konflikte näher beleuchtet. Dabei muss auf eine allumfassende Illustration jeglicher sozialwissenschaftlicher Strömungen verzichtet werden, da es den Rahmen dieser Arbeit übersteigt. Keinesfalls hegt dieser Teil daher den Anspruch, den gesamten Diskurs der Ethnizitätsforschung zu erörtern. Die Definition der genannten Termini ist jedoch basales Element zum einen um den Identitäts- bildenden Prozess nach der Flucht aus Indien, sowie zum anderen das daraus entstandene Konfliktpotenzial zu verstehen. Deshalb widmet sich dieses Kapitel einigen Erklärungsansätzen, die für das Untersuchungsobjekt als besonders relevant erachtet werden. Besonders der Gegensatz zwischen „objektiv“ gegebenen und „subjektiv“ konstruierten Eigenarten wird fokussiert. In Bezug auf die Ursachen von ethnischen Konflikten stellt dieser Abschnitt die Mehrdimensionalität jenes Politikfeldes anhand von zwei Theorien dar.

2.1 Ethnische Gruppen

Zweifellos handelt es sich bei Ethnien um einen mehrdimensionalen, komplexen Begriff, der Eigenschaften wie Staatszugehörigkeit, Sprache, Hautfarbe und ähnliches übersteigt, wenngleich sie durchaus wichtige Faktoren für die Charakteristika einer ethnischen Gruppe darstellen. Ethnien sind nach Georg Elwert „familienübergreifende und familienerfassende Gruppen, die sich selbst eine unter Umständen auch exklusive kollektive, Identität zusprechen“.[8] Elwert fügt allerdings hinzu, dass die Außengrenzen der Selbstzuschreibung flexibel sind. Grundsätzlich stellt sich bei der Entstehung von Ethnien die Frage, ob sie auf natürlich gegebene Gemeinsamkeiten beruhen, oder sich durch subjektive Konstruktion von Gleichheit erbauen. In jedem Fall muss untersucht werden, ob bei den vielfältigen Unterschieden der einzelnen Individuen innerhalb der Gruppe ein Kern gemeinsamer Vorstellungen und Überzeugungen vorhanden ist.[9]

Der objektivistische Ansatz beruft sich bei der Untersuchung der Entwicklung von Ethnien auf primordiale Bedingungen. Sie gelten als im Wesentlichen reale, von Geburt an existente Gemeinschaftsmerkmale, welche essentiell unabhängig von sozialen Interaktionsprozessen sind.[10] Bernhard Giesen definiert dabei primordiale Grenzen in seiner Arbeit zu Codes kollektiver Identitätsbildung als „ursprüngliche, scheinbar unveränderliche Unterscheidung zwischen uns und den anderen, die an jene Strukturen der Welt gebunden sind, die wir als gegeben betrachten und von der Veränderung durch Diskurs, Tausch und Wahl ausnehmen“.[11] Er bezieht sich unter anderem auf die Untersuchung von Clifford Geertz, welche für die Darstellung objektivistischer Faktoren hier am ergiebigsten ist.[12]

Geertz differenziert sechs „primordial sentiments“: erweiterte, imaginierte Blutsverwandtschaft, Rasse im Sinne von phänotypischen Körpermerkmalen, Sprache, regionale Verbundenheit, Religion und Brauchtum.[13] Diese Kriterien seien bei seinem Untersuchungsfeld zumeist gegeben. Allerdings macht Geertz an unterschiedlichen Beispielen den Grad der Relevanz eines Teils dieser Eigenschaften deutlich.[14] Eine ebenfalls bedeutende Erkenntnis liegt in dem Zusammenspiel von primordialen Bindungen und Staatsbürgertum. Erstere seien nach Ansicht des Autors selbst durch einen politisch neutralen Willensbildungs- und Entscheidungsfindungsprozess in ihrer Prägnanz nicht zu überbrücken. Ausgangsbedingung hierbei ist die Existenz mehrerer primordial definierter Ethnien innerhalb eines Staates. Repräsentative und uneingeschränkte Beteiligungen an gesamtstaatlichen Institutionen führen nicht automatisch zu einem Nation-Building. Primordiale Selbstzuschreibung steigert sich bei politischer, staatlicher Interaktion hingegen über die eigene Region hinaus und führt zu einem „nationsweiten Aufkeimen ethnischer Blöcke“, die an ihrer Einzigartigkeit bzw. Verschiedenartigkeit auf staatlicher Ebene festhalten.[15] Dieser Aspekt wird im Laufe der Entwicklung intermediärer Strukturen der Mohajir Geltung finden. Stephan Ganter resümiert Geertz Argumentation wie folgt: primordiale Bindungen (quasi- ethnische Gruppen) seien durch objektive Gegebenheiten fundiert, denen wegen ihrer langwährigen Entwicklung ein ursprünglicher Charakter zukommt.[16] Da Geertz selbst die subjektive Vorstellung dieser objektiven Gegebenheiten einräumt, lässt sich bereits bei ihm ein konstruktivistischer Einwand feststellen.[17]

Der konstruktivistische Ansatz bezieht sich bei der Konstitution von Ethnien auf die subjektive Vorstellung einer Gemeinsamkeit. Max Weber leistete bereits 1922 für das heutige konstruktivistische Ethnizitätsverständnis einen wichtigen Beitrag. Selbst falls dem „äußeren Habitus“ entsprechend eine Ähnlichkeit und Unterschied zu anderen besteht, existiert nicht automatisch eine Gemeinschaft. Diese konstruiert sich erst dann, wenn die äußerlichen oder sittlichen Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede subjektiv als solche empfunden werden.[18] Weber sieht demnach in einer physischen oder traditionellen Gemeinsamkeit nicht automatisch eine Klassifikation einer ethnischen Gruppe, „sondern nur ein die [u.a. politische] Vergemeinschaftung erleichterndes Moment.“[19] Umgekehrt fügt er hinzu, dass speziell eine politische Gemeinschaft, so imaginiert sie sei, dazu neigt einen „ethnischen Gemeinsamkeitsglauben zu wecken und auch nach ihrem Zerfall zu hinterlassen, es sei denn, daß dem drastische Unterschiede der Sitte und des Habitus oder, und namentlich, der Sprache im Wege stehen“.[20] Ohne den gesamten Diskurs Webers hier aufzeigen zu können, bleibt eines seiner Argumente essentiell. Der subjektive Gemeinschaftsglaube ist im Gegensatz zur primordialen Betrachtung von fiktiver Blutsverwandtschaft, phänotypischen Merkmalen etc. losgelöst. Da er künstlich erzeugt wird, mitunter aus politischen oder sozioökonomischen Interessen, spielt es bei der konstruierten Gemeinschaft keine Rolle, ob tatsächlich eine gemeinsame Anlage oder Erbgut existiert.[21]

Fredrik Barth betont bei seiner Klassifikation von ethnischen Gruppen noch stärker die Aspekte Selbst-/Fremdzuschreibung als konstitutive Faktoren und die Grenzziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Ähnlich wie bei Weber haben „objektiv“ vorhandene Unterschiede keine direkte Gruppenzugehörigkeit als Konsequenz. Das Individuum entscheidet, welche Merkmale es für seine ethnische Identitätsbildung als tragend erachtet.[22] Der Handelnde nutzt (kulturelle) Eigenschaften, die ihm situationsabhängig sinnvoll erscheinen, um aktive Identitätsbildung zu betreiben und seine ethnische Zugehörigkeit zu vermitteln.[23] Daraus resultiert die von Barth als fundamental erachtete zeitliche ungebundene Grenzziehung zwischen dem Wir und den Anderen. Es sind demnach die ethnischen Trennlinien, die eine Gruppe definieren und nicht die kulturelle Gemeinsamkeit per se, welche sie einschließt.[24] Für die Untersuchung des Konflikts in Pakistan gewinnt dieses Argument deshalb an Brisanz, weil es mit der Grenzziehung die Interaktion zwischen mehreren ethnischen Gruppen in den Vordergrund stellt. „If a group maintains its identity when members interact with others, this entails criteria for determining membership and ways of signalling membership and exclusion.”[25]

Eine weitere Dimension ethnischer Gruppenbildung sind Interessen. Abner Cohen kritisiert diesbezüglich die beiden oberen Ansätze. Zwar wird elaboriert was ethnische Gruppen charakterisiert, ohne jedoch Rechnung zu tragen, unter welchen Umständen Interessengruppen ihre kulturellen Traditionen zu informellen Organisationsstrukturen transformieren.[26] Wichtiger Bezugspunkt für die Identitätsbildung sind gemeinsame „patterns of normative behaviour“, die in Cohens Verständnis vor allem symbolische Formationen und Handlungsweisen meinen.[27] Kultur, die als ein objektiv gegebener gemeinschaftlicher Konsens für die Interessengruppen gesehen wird, ist nicht „primordial“ gegeben. Vielmehr ist sie ein System aus Werten, Normen, Glauben, Symbolen und Handlungen, die in einer sozialen Interaktion mit der „eigenen“ Gruppe entsteht.[28] Ethnische Gruppenbildung vollzieht sich erst dann, wenn diese kulturelle Eigenheit in einen neuen sozialen Kontext gesehen wird.[29] Beispielhaft für diesen neuen sozialen Kontext ist die Flüchtlingssituation der indischen Muslime in Pakistan. Die Moahjiridentität, die keinesfalls ein homogenes, traditionelles, kulturelles Fundament besitzt, entwickelt sich zur eigenen Kultur im Rahmen der neuen Situation in Pakistan nach der Teilung. „Elemente dieser traditionellen Kultur fungieren als Symbol der Distinktion, werden ideologisch aufgewertet und als Kriterien der sozialen Schließung aktiviert.“[30] Wie schon Barth bezieht sich Cohen auf die Grenzziehung als Resultat der Interaktion, wobei strukturelle Benachteiligung diesen Werdegang lanciert.

Die beiden in diesem Unterpunkt aufgeführten Ansätze sich der Begriffsklärung von Ethnie zu nähern, stellen wie angesprochen keine ganzheitliche Definition dar. Trotzdem sollen die hier gewonnnen Erkenntnisse als Grundlage für die nachfolgende Untersuchung ausreichend sein.

2.2 Die Ursachen von ethnischen Konflikten

Die Frage, wie ethnische Konflikte entstehen, unterliegt wie die Definition von Ethnien wissenschaftlichen Herangehensweisen. Während Primordialisten allein mit der Existenz mehrerer ethnischen Gruppen einen Konflikt für unausweichlich halten, sehen Vertreter des konstruktivistischen Ansatzes in sozioökonomischen Ungleichgewichten und ethnischer Identifikation die Kernursachen solcher Auseinandersetzungen.[31] Schlussendlich basieren ethnische Konflikte auf einem „multifaktoriellen Ursachenkomplex“, dessen Elemente in „spezifischer Wirksamkeit“ Beachtung finden.[32] Die Fülle an theoretischen Modellen zur ethnischen Konfliktforschung kann hier nicht dargestellt werden. Nachfolgende Ansätze werden als analytische Werkzeuge kurz aufgezeigt, um in Kapitel 3 und 4 deren empirischen Gehalt anhand der Mohajir in Pakistan zu überprüfen.

2.2.1 Der Zentrum-Peripherie-Antagonismus

Basis dieses Ansatzes ist die Existenz von Zentrum und Peripherie, deren Disparität in unterschiedlich ausgeprägten Modernisierungsprozessen zu finden ist. Michael Hechter erörtert diesen Erklärungsansatz des „internal colonianism“[33] am Fallbeispiel England sowie Wales, Irland und Schottland. Seine Untersuchungen als theoretisches Konstrukt sind hier ungeachtet seines regionalen Bezugs relevant.

Innerhalb eines Staates bestehen kulturell, ethnisch oder sprachlich divergente Gebiete. Bereits sehr früh im Modernisierungsprozess kristallisieren sich eine prosperierende und rückständige Gruppe in unterschiedlichen Regionen heraus. Aus dieser diskontinuierlichen Entwicklung resultiert ein asymmetrisches Ressourcen- und Machtverhältnis zwischen der sozioökonomisch fortschrittlicheren (Zentrum) und der rückständigen Gruppe (Peripherie).[34] Die Gruppe im Zentrum wird ferner ihre sozioökonomische Vormachtstellung dazu nutzen, ihren politischen Einfluss und Vorteil zu institutionalisieren, bzw. Zugangsbarrieren für administrative Ämter zu schaffen[35] Im weiteren Verlauf dieses Prozesses, bei dem die Peripherie in ein Assimilations-, Spezialisierungs- und Abhängigkeitsverhältnis kommt, bilden sich in Zentrum und Peripherie unterschiedliche Sozialisationsmechanismen heraus. Die jeweilige Gruppe bezieht sich dabei auf ihre eigene Sprache, Werktätigkeit, Kultur, Religion oder Lebensstil.[36] Hechter betitelt diese Arbeits- und Rollenprojektion als „cultural division of labor“, welche per se unberührt von zukünftiger Industrialisierung verbleiben kann.[37] Sofern das Missverhältnis zwischen den beiden Polen konsistent ist, erhöht sich der Wille zur Identifikation und Klassifikation mit der eigenen ethnischen Gruppe. „Für Angehörige der ‚peripheren’ Gruppe erhält die [selbst] zugeschriebene ethnische Identität somit leicht den Charakter eines Stigmas“.[38] Aufeinander aufbauend muss ein ökonomisches Ungleichgewicht wahrgenommen und, noch wichtiger, als ungerechte Behandlung erkannt werden.[39]

[...]


[1] Vgl. Rösel, Jakob (2011), Vorwort.

[2] Vgl. Ahmed, Feroz (1999), Introduction S.xii.

[3] Rösel, Jakob (2006), S.128.

[4] Vgl. Frotscher, Ann (2005), S.90.

[5] Vgl. Dixit, Sonam (2012), Preface. S.x.

[6] Vgl. Rösel, Jakob (2006), S.129.

[7] Vg. ) Gazdar, Haris (2011), S.7.

[8] Elwert, Georg (1989), S.447.

[9] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.17.

[10] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.32.

[11] Giesen, Bernhard (1999), S.32.

[12] Geertz behandelt in seinem Beitrag primär die Entwicklung von Gesellschaften/Gemeinschaften in den mitunter neu entstandenen Staaten Südasiens und Afrikas. Seine Klassifikation von „primordial sentiments“ bildet trotzdem ein gutes Fundament für das objektivistische Ethnizitätsverständnis unabhängig des geographischen Bezugs.

[13] Geertz, Clifford (1963), S.108/109. Im Original: Assumed Blood Ties, Race, Language, Region, Religion, Custom.

[14] Vgl. ebd. S.108-115.

[15] Vgl. ebd. S.154.

[16] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.24.

[17] Vgl. ebd. Eine notwendige Kritik dieses Ansatzes erfolgt bei Ganter von S.32-38. Da für diese Arbeit vorrangig Elemente einer ethnischen Gruppe aufgezeigt werden sollen, wird an dieser Stelle bewusst auf eine reflexive Analyse des objektivistischen Ansatzes und seiner methodischen Grenzen verzichtet.

[18] Vgl. Weber, Max (1980 [Original 1922]), S.234. Von außerordentlicher Relevanz ist seine, wenn nur beiläufig erwähnte Berücksichtigung von Inklusion und Exklusion ethnischer Gruppen, d.h. Konstruktion eines Gemeinschaftsglaubens wegen tatsächlicher Gemeinsamkeit oder dem Unterschied zu anderen.

[19] Ebd. S.237.

[20] Ebd.

[21] Vgl. ebd. S.235.

[22] Vgl. Barth, Fredrik (1982), S.14. In seinem Beitrag beschäftigt sich Barth vor allem mit der Verbindung von kulturellen Unterschieden und der Konstruktion von ethnischen Gruppen. Ferner greift er ökologische Umstände als differenzierenden Faktor innerhalb einer ethnischen/kulturellen Gruppe mit auf. Hauptaugenmerk liegt auf der ethnischen Grenzziehung und dem Erhalt jener Abgrenzungen („ethnic boundaries“). Siehe dazu weiter: Barth, Fredrik (1982), Introduction. Hier speziell: S.9-17.

[23] Vgl. ebd. S.14.

[24] Vgl. ebd. S.15.

[25] Ebd.

[26] Vgl. Cohen, Abner (1974), S.91. In seiner Untersuchung zum Thema Ethnien als ‚Invisible Organization’ bezieht sich der Autor hauptsächlich auf Erkenntnisse aus einer eigenen Fallstudie des „tribalism“ in Afrika, speziell in Nigeria.

[27] Vgl. ebd. S.92 und Ganter, Stephan (1995), S.49.

[28] Vgl. Cohen, Abner (1974), S.96.

[29] Vgl. ebd.

[30] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.51.

[31] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.69.

[32] Ebd. S.71.

[33] Siehe dazu allgemein: Hechter, Michael (1999[Original 1975]).

[34] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.78.

[35] Vgl. Hechter, Michael (1999 [Original 1975]), S.5. Wenngleich Hechter in seinem Werk die betroffenen Gruppen als Kulturen charakterisiert, ist die Übertragung auf ethnische Konflikte anhand der in dieser Arbeit vollzogenen Klassifikationen gültig.

[36] Vgl. ebd. S.7.

[37] Vgl. ebd. Introduction to the transaction edition. S. XV.

[38] Vgl. Ganter, Stephan (1995), S.79. Eigene Ergänzung in eckigen Klammern.

[39] Vgl. ebd. S.78.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Mohajir in Pakistan
Untertitel
Entwicklung einer ethnischen Identität und Ursachen des ethnischen Konflikts
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
33
Katalognummer
V412175
ISBN (eBook)
9783668634671
ISBN (Buch)
9783668634688
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mohajir, Pakistan
Arbeit zitieren
Stefan Rausch (Autor), 2013, Die Mohajir in Pakistan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412175

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