Einleitung
Daniela ist 18 Jahre alt und wohnt in einem Sozial-Therapeutischen Jugendwohnhaus. Sie konnte bei ihrer medikamenten-abhängigen Mutter und ihrem Stiefvater nicht mehr wohnen. Die Mutter hat sie Medikamente besorgen geschickt und den Besuch der Schule verboten. Daniela erreichte nach langem ringen beim Jugendamt, dass sie von ihrer Mutter weg konnte. Daniela und ihrer kleinen Schwester wurde vom Jugendamt eine Wohnung vermittelt. Da Daniela schon siebzehn Jahre alt war glaubte das Jugendamt sie könne sich um ihre Schwester kümmern. Daniela wollte sich jetzt auf den Hauptschulabschluss konzentrieren, da ihr die Wichtigkeit eines Schulabschlusses bewusst war. Sie besuchte die Schule sehr unregelmäßig und musste sie wegen zu viel Fehlzeiten verlassen. Das Jugendamt erkannte die Notwendigkeit einer Betreuung. Auf dem Hintergrund der Vorgeschichte und durch Gespräche mit Daniela erwog das Jugendamt die Finanzierung eines Platzes im Sozial-Therapeutischen-Jugendwohnhaus(JWH). Sie zog ins JWH ein. Mit der Selbstständigkeit im eigenen Zuhause war sie überfordert. Die Finanzierung des Wohnhausplatzes war an den Besuch der Schule gekoppelt. Daniela ist 18Jahre alt und hat die Schulpflicht erfüllt. Bei Schwänzen der Schule droht ihr der Rausschmiß aus Schule, dem JWH und der Abrutsch in die Sozialhilfe. Nach zwei Monaten im JWH begann sie die Schule zu schwänzen und die Maßnahme wurde nach Verwarnungen durch das Jugendamt beendet.
Die Frage der Betreuer und mir als Praktikanten war: ,,Warum hast du das getan?"
Während meiner Studienpraktika und danach folgenden Urlaubsvertretungen konnte ich die Arbeit in dem Sozial-Therapeutischen-Jugendwohnhaus kennen lernen. Hierbei konnte ich verschiedene Schicksale von Jugendlichen erleben, die alle schlechte Erlebnisse in der Familie gemeinsam hatten. In den meisten der Fälle musste auch mit deviantem Verhalten gerechnet werden. Durch den Kontakt zum Jugendwohnhaus der nun drei Jahre besteht, konnte ich die Entwicklungen in der Betreuung der Jugendlichen mit verfolgen. Ich musste hierbei feststellen, dass drei-viertel der Fälle in die Sozialhilfe abrutschen und die Hilfe in bezug auf die Entwicklung einer neuen Rollenperspektive als Auszubildender nicht erfolgreich war. Deviantes Verhalten war hierbei der Grund für das Scheitern.
[...]
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Begriffsklärungen
1.1 Heimkinder
1.2 Jugend
1.3 Moral
1.3.1 Normen
1.3.2 Werte
1.3.3 Konventionen
1.4 Devianz
2 Heimkinder
2.1 Institution Heim
2.2 Zielgruppe: Heimkind
2.3 Gefährdungslagen
2.3.1 Der Leidensweg
2.3.2 Fallbezug
3 Die Entwicklung zur individuellen Persönlichkeit
3.1 Entwicklungsphasen
3.1.1 Jugendalter/Heranwachsen
3.1.2 Adoleszenz
3.2 Entwicklungsaufgaben
3.2.1 Der Überbegriff: Jugend
3.2.2 Der Weg zur Selbstständigkeit
3.2.3 Das biologische Reifen
3.2.3.1 Pubertätswachstumsschub
3.2.3.2 Geschlechtsreifung
3.2.4 Die Entwicklung von Beziehungen
3.2.4.1 Endogen-organismische Modell
3.2.4.2 Exogen-kontextuelles Modell
3.2.4.3 Handlungstheoretisch-konstruktivistische Modell
3.2.4.4 Peergroups-Elternbeziehungsmodell
3.2.5 Die Entwicklung von Identität
3.2.5.1 Identitätstheorie nach Erikson
3.2.5.2 Berufliche Identität/ ein Problem für Heimkinder
3.3 Entwicklungsaufgaben und Krisen des Adoleszenten
3.4 Belastungsfaktoren
3.4.1 DSM-III R
3.4.2 MAS
4 Moralische Entwicklung
4.1 Entwicklung eines moralischen Urteils
4.1.1 Klugheit
4.1.2 Moral
4.1.3 Abwehrstrategie oder um Lösung bemühen
4.1.4 Das Kind ist kein schlechter Erwachsener
4.2 Entwicklungstheorie
4.2.1 Stufen der Entwicklung
4.2.3 Zwischenstufen
4.2.4 Entwicklungsfaktoren
4.3 Vergleich zwischen Moral, Kognition und Perspektivenübernahme
5 Devianz
5.1 Erklärungsmodelle von Devianz
5.1.1 Die Anomietheorie
5.1.2 Theorie der Ziel-Mittel Diskrepanz
5.1.3 Die Subkulturtheorie
5.1.4 Die Theorie des differentiellen Lernens
5.1.5 Die Zuschreibungsansätze
5.1.6 Das Teufelskreismodell
6 Prävention- oder Handlungsansätze
6.1 Gefährdungslagen
6.2 Deviantes Verhalten moralisch begründen
6.2.1 Fallbeispiel Daniela
6.2.2 Fallbeispiel Marijan
6.3 Pädagogische Grundmodelle der moralischen Erziehung
6.3.1 Die romantische Erziehungsphilosophie
6.3.2 Der werteübermittlungs oder technologische Ansatz
6.3.3 Der progressive Ansatz
6.3.4 Der Disskursansatz
6.4 Prävention durch Sozialarbeiter oder Betreuer
6.4.1 Stimulierung der moralischen Entwicklung/ Nachholtheorie
6.4.2 Messen der moralischen Urteilsfähigkeit
6.4.3 Entwicklungsförderung betreiben
6.5 Prävention von Seiten des Staates
6.5.1 Die Polizei
6.5.2 Das Gesetz
6.5.3 Die Schule
7 Schlußbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die moralische Begründung von deviantem Verhalten bei Heimkindern, um Sozialarbeitern ein tieferes Verständnis für die Hintergründe solch abweichenden Handelns zu vermitteln. Das primäre Ziel ist es, den Lesern zu verdeutlichen, dass deviantes Verhalten oft auf unbewältigten früheren Belastungen basiert und als (fehlgeleiteter) Versuch verstanden werden kann, die eigene moralische Entwicklung zu organisieren oder Identität zu finden, anstatt es rein als Delinquenz abzustempeln.
- Psychosoziale Entwicklungsaufgaben und Krisen in der Adoleszenz
- Einfluss von Belastungsfaktoren und Traumata auf die Identitätsbildung
- Moralische Entwicklung des Kindes und Theorien des moralischen Urteils
- Erklärungsmodelle für abweichendes (deviances) Verhalten
- Präventionsansätze und Möglichkeiten der moralischen Erziehung in der Heimpraxis
Auszug aus dem Buch
Die Entwicklung zur individuellen Persönlichkeit
Die Kinder werden als die Zukunft unserer Gesellschaft angesehen. Wie sie sich in ihrer Zukunft in die Gesellschaft eingliedern, hängt von der Erziehung und den gesellschaftlichen Einflüssen ab. Die Gesellschaft ist durch den Reichtum in verschiedene Schichten aufgeteilt. Die Unterschicht, die Mittelschicht und die Oberschicht. Die Schichten wohnen in verschiedenen Wohnvierteln unter ihres Gleichen. Die Reichen wollen es so und die Armen können sich keine andere Wohngegend leisten. In Großstädten treffen diese Kinder in Kindergärten und Schulen nicht aufeinander, da die Schulen den Stadtbereichen angegliedert sind. Aber in der Regel ist das nicht so. Die Kinder merken schon im Kindergarten und erst recht in der Grundschule, dass es Unterschiede gibt. „Der Papa fährt ein tolles Auto und meiner ein ganz altes und kaputtes“. Die Kinder wachsen heute in einer Konsumgesellschaft auf, und die Eltern versuchen, sich und ihre Kinder von der Gesellschaft zu unterscheiden, indem sie materiell versuchen, ihren Wohlstand zu zeigen.
Dieser Wohlstand, der sich in der Schule durch die neusten Klamotten und die neusten Handys auszeichnet, ist für Kinder der unteren Schichten nicht erreichbar. Sie können sich derartige Statussymbole nicht leisten. An diesem Punkt tritt ein moralisches Urteil ein, „Was soll ich tun?“. „Meine Eltern haben mir das Stehlen verboten, sie geben mir aber auch kein Geld. Finde ich mich damit ab das ich nicht so sein kann. Suche ich mir einen Nebenjob, z.B. Zeitung austragen, oder noch einen zweiten Nebenjob, vernachlässige ich dadurch die Schule“. Es droht die Gefahr, dass die Schule nicht mehr Ort des Lernens sondern Ort zur Selbstdarstellung ist. Nach der Orientierungsstufe trennen sich die Wege wieder, die Reichen gehen auf das Gymnasium, aber das Konsumverhalten bleibt. Natürlich haben auch Kinder ärmerer Eltern die Möglichkeit ein Gymnasium zu besuchen, dass soll hiermit nicht bestritten werden.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Vorstellung der Fallbeispiele Daniela und Marian und Herleitung der zentralen Fragestellung, wie abweichendes Verhalten moralisch verstanden werden kann.
1 Begriffsklärungen: Definition der für die Arbeit zentralen Begriffe Heimkinder, Jugend, Moral (mit den Unterpunkten Normen, Werte, Konventionen) sowie Devianz.
2 Heimkinder: Analyse der Lebensumstände in Heimen, der Zielgruppe sowie der verschiedenen Gefährdungslagen, die zur Heimeinweisung führen.
3 Die Entwicklung zur individuellen Persönlichkeit: Detaillierte Untersuchung von Entwicklungsphasen, -aufgaben und Krisen, Identitätsentwicklung sowie Belastungsfaktoren während der Adoleszenz.
4 Moralische Entwicklung: Darstellung von Theorien zur moralischen Urteilsbildung, Entwicklung von Stufenmodellen und ein Vergleich zwischen Moral, Kognition und Perspektivenübernahme.
5 Devianz: Theoretische Auseinandersetzung mit Erklärungsmodellen für abweichendes Verhalten, darunter Anomietheorie, Subkulturtheorie und Labeling-Ansätze.
6 Prävention- oder Handlungsansätze: Diskussion pädagogischer Modelle der moralischen Erziehung sowie spezifischer Präventionsmöglichkeiten durch Sozialarbeiter und staatliche Institutionen.
7 Schlußbetrachtung: Reflektion der Arbeit, Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse und Übertragung auf die Rolle des Betreuers als moralisches Vorbild.
Schlüsselwörter
Heimkinder, Adoleszenz, moralische Entwicklung, Devianz, Identitätsbildung, Sozialarbeit, Prävention, Erziehung, Persönlichkeitsentwicklung, Normen, Werte, Labeling-Theorie, Gefährdungslagen, Belastungsfaktoren, Delinquenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der moralischen Begründung von deviantem Verhalten bei Heimkindern und zeigt Möglichkeiten für Sozialarbeiter auf, dieses Verhalten besser zu verstehen und präventiv zu begleiten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Adoleszenz, der moralischen Entwicklung, Identitätsbildungsprozessen, der Entstehung abweichenden Verhaltens sowie pädagogischen Präventionsansätzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Betrachter zu befähigen, deviantes Verhalten nicht nur als Delinquenz, sondern als moralisches (wenn auch fehlerhaftes) Handeln zu begreifen, um so bessere Interventionsmöglichkeiten zu erschließen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse entwicklungspsychologischer und soziologischer Theorien, die durch Fallbeispiele (Daniela und Marian) sowie durch ein Interview mit einem Polizeivertreter praktisch ergänzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter, die moralische Entwicklung des Kindes, die Erklärungsmodelle für Devianz sowie pädagogische Handlungsansätze zur Prävention.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Heimkinder, Adoleszenz, moralische Entwicklung, Devianz, Identitätsbildung, Sozialarbeit, Prävention und Erziehung.
Wie lässt sich der Fall von Daniela im Kontext der Labeling-Theorie erklären?
Daniela wurde aufgrund ihrer schwierigen Vergangenheit und ihres Verhaltens als "Schulschwänzerin" etikettiert. Die Internalisierung dieses Labels führte dazu, dass sie ihre Rolle als Abweichlerin annahm, was schließlich zum Schulausschluss führte.
Warum spielt die Unterscheidung von Entwicklungsstufen für die Sozialarbeit eine Rolle?
Die Einordnung der Jugendlichen in Stufen der moralischen Entwicklung hilft Sozialarbeitern dabei, die Motive hinter dem Handeln zu verstehen und zielgerichtet (z.B. durch Diskursansätze) eine moralische Weiterentwicklung zu stimulieren.
- Quote paper
- Andreas Fechner (Author), 2002, Warum hast Du das getan? Zur moralischen Begründung von deviantem Verhalten bei Heimkindern, oder wie Sozialarbeiter sie besser verstehen können., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4121