Der stets rationale, emotionsfreie und vollständig informierte Homo Oeconomicus der Neoklassik erinnert nicht nur stark an Mr. Spock aus der TV-Serie „Raumschiff Enterprise“, er ist vermutlich auch so realistisch wie dieser. In der realen Welt handelt nämlich nicht der Homo Oeconomicus sondern der Homo Sapiens und dieser ist kein Nutzenmaximierer sondern ein Satisfizierer: Er sucht nicht das Optimum, sondern ein für ihn befriedigendes, leicht erreichbares Ergebnis. Im Unterschied zum Homo Oeconomicus sind Menschen eben nur begrenzt rational. Um die Erklärungen und Prognosen der Wirtschaftswissenschaften der Realität ein Stück näher zu bringen, erweitert die Verhaltensökonomik diese durch Einbeziehung der menschlichen Psychologie.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Geschichte
2. Kritik am Homo Oeconomicus
3. Verhaltensökonomik
4. Abweichende Überzeugungen
5. Abweichende Präferenzen
6. Abweichende Entscheidungen
7. Anwendungsfelder
8. Kritik an der Verhaltensökonomik
9. Zwei Systeme
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit gibt eine Einführung in die Verhaltensökonomik, indem sie die historische Entwicklung der Disziplin nachzeichnet und aufzeigt, warum psychologische Erkenntnisse notwendig sind, um menschliches Entscheidungsverhalten in ökonomischen Modellen präziser abzubilden. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, inwiefern die Abkehr vom Modell des rein rationalen Homo Oeconomicus zu einem besseren Verständnis wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse beitragen kann.
- Historische Entwicklung der Verbindung von Wirtschaftstheorie und Psychologie
- Kritische Analyse der Limitationen des Homo Oeconomicus-Modells
- Systematisierung psychologischer Verzerrungen (Biases) in Überzeugungen, Präferenzen und Entscheidungen
- Anwendungsfelder der Verhaltensökonomik in Finanzmärkten, Sozialpolitik und Nudging
Auszug aus dem Buch
3. Verhaltensökonomik
Kaum eine andere Wissenschaft ist so stark von einem einzigen Paradigma beherrscht wie die Wirtschaftswissenschaft von der Neoklassik. Ihre Vormachtstellung zeigt sich unter anderem darin, dass alle anderen Ansätze als „heterodox“ bezeichnet werden. Die Verhaltensökonomik (engl. Behavioral economics) ist der Versuch einer (Wieder-)Vereinigung der Ökonomik mit der Psychologie und untersucht Abweichungen menschlichen Verhaltens vom Homo Oeconomicus. Diese Abweichungen werden als „non-standard“ (Standard = Neoklassik) oder „biased“ (bias engl. = Verzerrung) bezeichnet. Die Ursachen für abweichendes Verhalten liegen entweder im Individuum selbst (z.B. Limitierungen menschlichen Denkens) oder im Entscheidungskontext (z.B. soziale Normen).
Durch Experimente werden Theorien und Hypothesen getestet und menschliches Verhalten beschrieben (deskriptive Orientierung). Der Homo Oeconomicus dient dabei als Benchmark bzw. als normatives Ideal, an dem beobachtbares Verhalten gemessen wird. Die Verhaltensökonomik stellt keine eigenen theoretischen oder normativen Annahmen auf und ist somit (zumindest derzeit noch) kein in sich geschlossenes Theoriegebäude wie beispielsweise der Keynesianismus oder die Österreichische Schule.
Innerhalb der Ökonomik nimmt die Verhaltensökonomik eine Art Zwischenposition ein: Sie ist weder neoklassischer Mainstream noch eine eigenständige heterodoxe Schule. Dementsprechend ist sie sowohl Objekt als auch Theorie-getrieben: Sie untersucht menschliches (= Objekt) Verhalten in ökonomischen Entscheidungs-Situationen und versucht, diese Ergebnisse dann in das neoklassische Theoriengebäude einzuordnen. Mittlerweile ist die Verhaltensökonomik ein anerkanntes Feld der Volkswirtschaftslehre.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik durch die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises an Richard H. Thaler und die grundsätzliche Notwendigkeit, psychologische Aspekte in ökonomische Modelle zu integrieren.
1. Geschichte: Darstellung des Wandels von der frühen Verbindung zwischen Ökonomik und Psychologie zur Fokussierung der Neoklassik auf den rationalen Homo Oeconomicus im 20. Jahrhundert.
2. Kritik am Homo Oeconomicus: Gegenüberstellung des Modells des Homo Oeconomicus mit der Realität menschlichen Verhaltens, das durch begrenzte Rationalität und den Einsatz von Heuristiken geprägt ist.
3. Verhaltensökonomik: Definition des Feldes als Brückenschlag zwischen Psychologie und Ökonomie, das menschliche Abweichungen vom Standardmodell untersucht.
4. Abweichende Überzeugungen: Erläuterung systematischer Verzerrungen, die zu falschen Vorstellungen von der Wirklichkeit führen, wie beispielsweise der Overconfidence- oder Confirmation-bias.
5. Abweichende Präferenzen: Untersuchung von Verhaltensphänomenen, die über die reine Eigennutzenmaximierung hinausgehen, darunter soziale Normen, Reziprozität und Zeitinkonsistenzen.
6. Abweichende Entscheidungen: Vorstellung der Prospect-Theory sowie weiterer Phänomene wie mentaler Buchführung und Framing, die Entscheidungsfindungen in der Praxis beeinflussen.
7. Anwendungsfelder: Aufzeigen praktischer Implementierungsmöglichkeiten der Verhaltensökonomik in Bereichen wie Behavioral Finance, Sozialpolitik und dem liberalen Paternalismus (Nudging).
8. Kritik an der Verhaltensökonomik: Diskussion der Einwände gegen die Disziplin, insbesondere hinsichtlich des Anspruchs der Realitätsnähe und der methodischen Validität der Laborexperimente.
9. Zwei Systeme: Zusammenfassende Betrachtung der menschlichen Entscheidungsfindung durch das Zusammenspiel von intuitivem System 1 und reflexiv-rationalem System 2.
Schlüsselwörter
Verhaltensökonomik, Homo Oeconomicus, Heuristiken, Prospect Theory, Behavioral Finance, Nudging, Rationalität, Entscheidungstheorie, Psychologie, Mentale Buchführung, Framing, Liberaler Paternalismus, System 1, System 2, Bias.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine Einführung in die Verhaltensökonomik, beleuchtet deren Ursprung, Abgrenzung zur neoklassischen Ökonomik und ihre Bedeutung für das Verständnis menschlicher Entscheidungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Kritik am Homo Oeconomicus, die Klassifizierung kognitiver Verzerrungen bei Überzeugungen, Präferenzen und Entscheidungen sowie deren praktische Anwendung in Politik und Wirtschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie psychologische Erkenntnisse die Wirtschaftswissenschaften bereichern und warum die Einbeziehung irrationaler Verhaltenskomponenten für realitätsnahe Modelle unerlässlich ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine deskriptive Literaturanalyse sowie die Darstellung empirischer Erkenntnisse aus Labor- und Feldexperimenten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Kritik am Homo Oeconomicus), die Systematisierung verschiedener Biases und die Anwendung dieser Erkenntnisse (z.B. Nudging, Behavioral Finance).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Verhaltensökonomik, Heuristiken, Prospect Theory, Bias, Homo Oeconomicus und Nudging charakterisiert.
Wie unterscheidet sich System 1 von System 2 in der Entscheidungsfindung?
System 1 ist intuitiv, schnell und emotional, während System 2 reflexiv, langsam und rational arbeitet. Die Arbeit betont, dass für die jeweilige Aufgabe das passende System gewählt werden muss.
Welche Rolle spielt der liberale Paternalismus bei der Gestaltung von Entscheidungen?
Der liberale Paternalismus nutzt „Nudging“, um Menschen bei Entscheidungen (z.B. Altersvorsorge) zu unterstützen, ohne dabei die Freiheit der Wahl einzuschränken.
- Citation du texte
- Mag. Dr. MA Rainer Krottenthaler (Auteur), 2018, Verhaltensökonomik – Eine Einführung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412451