Eine Epidemie des Zionismus. Die satirische Sichtweise Efraim Sevelas auf die Emigration der 70er Jahre


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1. Inhalt

2. Einleitung

3. Zionismus und die dritte Emigrationswelle

4. Haltet das Flugzeug an - ich steige aus! – Das Werk
4.1. Autobiographischer Hintergrund
4.2. Kulturhistorischer Hintergrund

5. Schlussfolgerung

6. Bibliographie

2. Einleitung.

Es war das Jahr 66 v. Chr. als das jüdische Volk im Kampf gegen die römische Belagerung eine endgültige Niederlage erlitt und ein Verbot erleiden musste, welches das Schicksal der ganzen Nation für immer veränderte.[1] Das Verbot Jerusalem, die Heilige Stadt, die Ruhestätte der großen Könige, die einst den wichtigsten Tempel des jüdischen Volkes beherbergte, zu betreten, veranlasste die Juden das Land zu verlassen und über den Vorderen Orient und Babylonien nach Europa zu wandern. Somit war der Grundstein für die jüdische Diaspora gelegt. Juden wanderten vor allen Dingen nach Mittel- und Osteuropa, bildeten Siedlungsgebiete, erduldeten Repressionen und Schicksalsschläge, wurden geduldet, vertrieben und mussten nach neuen Siedlungsorten suchen. Die jüdische Geschichte ist überfüllt vom Leiden und vom Tod. Es schien lange Zeit das Schicksal der Juden zu sein, auf ewig verfolgt zu sein und sich auf, nicht enden wollenden Wanderungen zu befinden, jedoch immer den Wunschtraum im Gedächtnis beibehaltend einmal in das Gelobte Land zurückkehren zu können. Währenddessen versuchten die Juden mehr und mehr sich in den jeweiligen Siedlungsgebieten an die Umgebung anzupassen, von anderen akzeptiert zu werden und nicht negativ aufzufallen.

Mit der Oktoberrevolution in Russland zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schien dies für die Juden im Osten tatsächlich möglich zu sein, denn die Ideologie des Kommunismus brachte die Vision von Gleichheit und damit auch die Hoffnung auf Akzeptanz für die Ostjuden. Erneut wurde diese Hoffnung allerdings enttäuscht, und vielen Ostjuden blieb wiedermal nur die Emigration. Die jüdische Diaspora war Mitte des letzten Jahrhunderts über die ganze Welt verteilt, hatte sich sogar bis nach Amerika ausgebreitet. 1948 wurde dann endlich, nach zwei tausend Jahren der Rastlosigkeit und Bitterkeit, der Katastrophe des Holocaust, und langem politischen Hin und Her, der große jüdische Wunschtraum Wirklichkeit, denn der Staat Israel wurde mit der Hauptstadt Jerusalem an dem Ort gegründet, an dem einst der Heilige Tempel gestanden haben soll.

Selbstverständlich zog es viele Juden nach Israel, jedoch war es für diejenigen, die inzwischen zu Bürgern der UdSSR[2] geworden waren nicht einfach. Viele kämpften für das Recht, nach Israel auswandern zu dürfen. Unter ihnen auch der Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Efraim Sevela. Er war einer der Vorreiter der Emigration aus der Sowjetunion in den 1970er Jahren und verarbeitete seine persönlichen Erfahrungen in seinen Werken. Unter seinen Leidensgenossen sind diese sehr populär, denn Sevela schafft es mit dem Hilfsmittel der Satire, Probleme, die vielen Emigranten bekannt sind anzusprechen. Sein Werk Ostanovite samolët – ja slezu![3] behandelt auf humoristische Art und Weise die Emigration eines einfachen sowjetischen Mannes nach Israel und in die USA. Dieses Werk soll Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Inwiefern ist dieses Buch autobiographisch und wie spiegelt es die Geschehnisse zu der besagten Zeit wieder? Diese Fragen sollen im Folgenden beantwortet werden.

3. Zionismus und die dritte Emigrationswelle.

Die Grundlage für die Errichtung des Staates Israel im Jahre 1948 war der Zionismus, welcher im Neuen Lexikon des Judentum, herausgegeben von Prof. Dr. Julius H. Schoeps, definiert wird als die jüdische Nationalbewegung.[4] Der Begriff „Zionismus“ wurde um die Jahrhundertwende von Nathan Birnbaum (*1864; †1937) geprägt, welcher eine neue Einheit aus politischen und kulturellen Aspekten der bisherigen Diskussionen schaffte. In den Jahrhunderten der Diaspora gewöhnte sich Europa an die dort ansässigen Juden, tolerierte sie mal mehr, mal weniger; die Juden wiederrum gewöhnten sich an ihre Ausschlussstellung in Europa und erkannten ihre minderwertige Rolle in der Gesellschaft an.[5] Vor allem die Ostjuden hatten sich mit ihrer Position abgefunden, und hatten viel daran gesetzt, sich an ihre russische Mitbevölkerung anzupassen. Mit dem, sich zu Zeiten des Fin de Siècle vor allen Dingen in Russland entwickelten Zionismus, entstand nun der Wiederstand gegen die Assimilation und den Glaubensverfall, der seit der Haskala bei den Ostjuden Einzug gehalten hatte. Zionisten sahen die Juden nicht als eine religiöse Gemeinschaft, sondern als ein Volk, eine Nation, deren einzige Erlösung die Rückkehr in das Heilige Land sei, und die deshalb der Gründung eines eigenen Staates bedarf.[6] „Die Emigration [im Allgemeinen] drückt deshalb auch die allgemeine Krise des jüdischen Selbstverständnisses aus.“[7]

In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war das Ziel der meisten jüdischen Emigranten die USA, da dies ein Land von Einwanderern war und auch immer noch ist und der „Zusammenhalt der ostjüdischen Gemeinschaft [dort] erstaunlich [ist]. Trotz aller Hoffnungen blieb ihr [der ostjüdischen Emigrantengemeinschaft] die Neue Welt lange Zeit fremd.“[8]

Dieses Gefühl der Fremde wird auch in dem hier behandelten Werk von Efraim Sevela ausgedrückt, dazu jedoch später mehr.

Dass der Zionismus besonders bei den Ostjuden seine Anhänger fand, lag daran, dass Juden, trotz versuchter Assimilation, welche bis zu völliger Aufgabe der jüdischen Identität reichte, von der Gesellschaft zurückgewiesen wurden. Seit dem Mittelalter bestehende Vorurteile, Kritiken und „antitalmudische Stereotype [stellten] einen Faktor innerhalb des russischen Antisemitismus und der Bildungspolitik der russischen Regierung [dar].“[9] Als dann die Errichtung der Sowjetunion die utopische Idee des Kommunismus und Internationalismus brachte waren es vor allem die Juden in Russland, die sich an dem Aufbau durch Einbringung und Unterstützung sowjetischer Organisationen beteiligten, denn sie hofften endlich Gleichheit in der Gesellschaft erreichen zu können. Die Ideologie des Internationalismus versprach nämlich „nicht nur eine Aufhebung der Klassengegensätze, sondern auch eine Beendigung der nationalen Konflikte.“[10]

Die sowjetische Ideologie der Kollektividentität und Gleichsetzung wurde jedoch durch Abgrenzung und auf Kosten der Individualität des Einzelnen erbaut. Christina Parnell untersucht in ihrem Buch Ich und der/ die Andere in der russischen Literatur das Phänomen der Abgrenzung des Selbst vom Anderen und sagt: „Das Ich erkennt sich nicht […] über die Ähnlichkeit mit dem Anderen, sondern über sein Anderssein gegenüber dem Anderen.“[11] So war es auch in Russland während der Sowjetzeit. Um von der Gesellschaft akzeptiert zu werden, verleumdeten die Juden mitunter ihr eigenes Judentum und projizierten das Bild der Gesellschaft vom Anderen auf sich Selbst.[12]

Obwohl die Devise lautete, alle wären in der Sowjetunion gleich, und es gäbe keine nationalen Unterschiede, war dem vor, allen Dingen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts unter Josef Stalins Regierung, für die Juden nicht so. Wie bereits oben erwähnt, wurde seit der Revolution die jüdische Kultur zugunsten der russischen Mehrheitskultur immer weiter zurückgedrängt. Jedoch ist bekannt, dass Stalin selbst ein großer Antisemit war, und Juden unter ihm an Repressionen leiden mussten, man rufe sich die Ärzteprozesse von 1953 ins Gedächtnis.[13] Die Juden befanden sich in einer äußerst paradoxen Situation. Einerseits standen sie als Sowjetbürger unter dem Zwang zur Integration, andererseits wurden sie vom Staat ethnisch-national zugeordnet, und somit als Juden, als minderwertig, gebrandmarkt. Im sowjetischen Inlandspass gab es nämlich einen „fünften Punkt“ in welchem die Nationalität angegeben wurde. Wie die Zionisten sah auch die sowjetische Regierung das Judentum nicht als Religion, sondern als Volkszugehörigkeit an. Deshalb ist es also nicht verwunderlich, dass die Sowjetjuden nach der Gründung Israels und Stalins Tod, darauf erpicht waren den ewigen jüdischen Traum zu verwirklichen und nach Israel zurückzukehren. Nach außen hin, jedoch war es der sowjetischen Regierung wichtig, als Land ohne Probleme auszusehen, dessen Bürger glücklich sind, und keinen Bedarf verspüren dieses zu verlassen. Emigration galt als wirtschaftliches Problem von kapitalistischen Staaten, das es im Sozialismus nicht geben konnte. Diese Illoyalität gegenüber „Vater Staat“ wurde nicht geduldet.

Da jedoch jüdische Ausreisewillige sich mit Demonstrationen und Hungerstreiks für ihr Recht nah Israel zu ziehen einsetzten,[14] tarnte die Sowjetregierung den Antisemitismus unter dem Mantel des Antizionismus. Dies dauerte bis zu den 80er Jahren an. Das Phänomen der „otkazniki“ verbreitete sich.[15] Das Leben eines Juden, der den Wunsch äußerte zu emigrieren wurde äußerst erschwert. In den 1960er Jahren entwickelte sich eine Dissidentenkultur, welche im Zusammenhang mit dem Zionismus eine Rückbesinnung auf jüdische Traditionen mit sich führte. 1971 gipfelte diese Dissidentenbewegung in der Besetzung des Büros des Regierungsvorsitzenden von 24 Juden, welche zwar verurteilt und zwangsausgewiesen wurden, jedoch erreichten, dass die Auswanderung der Juden legalisiert wurde und die sogenannte dritte Emigrationswelle beginnen konnte.[16]

Unter diesen 24 Juden war auch der Schriftsteller Efraim Sevela. In seinem Werk Haltet Ostanovite samolët – ja slezu!, welches im Folgenden genauer betrachtet wird, verarbeitet Sevela nicht nur seine Erfahrungen in der Emigration, sondern auch das Leben eines Dissidenten in der Sowjetunion zur Zeit der „otkazniki“, und die Hürden, die ein Jude auf sich nehmen musste, um auswandern zu können, was jedoch vielen Emigranten nicht das erhoffte Glück verschaffen konnte.

4. Haltet das Flugzeug an - ich steige aus! – Das Werk.

Ostanovite samolët – ja slezu! wurde im Jahre 1975 in Jerusalem von Efraim Sevela, (*8.3.1928; richtiger Name: Efim Evel’evič Drabkin) geschrieben und 1977 veröffentlicht. Selbstverständlich war es in Russland selbst bis zu den 1990er Jahren nicht erhältlich, denn es herrschte eine starke Zensur und Literatur von Dissidenten, wie Sevela es einer war, konnte nur im „Samisdat“ oder „Tamisdat“ veröffentlicht werden. Diese povest‘[17], eine Gattung, die nur in der russischen Literatur existiert, eine Mischung aus Roman und Erzählung darstellt und in der Länge variieren kann, handelt vom Leben und Leiden eines einfachen jüdischen Mannes in der Sowjetunion und in der Emigration der sechziger und siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Остановите самолёт – я слезу, […] это по большому счёту о дрязгах с начальством и поисках колбасы. О маленьком человеке, который пытается просто жить, а ему не дают.“[18]

[...]


[1] Vgl. Haumann, (1990).

[2] Im weiteren Verlauf: Sowjetunion.

[3] Haltet das Flugzeug an – ich steige aus!

[4] Vgl. Schoeps, (1992).

[5] Vgl. Schoeps, (1992).

[6] Vgl. Haumann, (1990).

[7] Haumann, (1990); S.162.

[8] Haumann, (1990); S.164.

[9] Hamutal in Parnell, (2002), S.105.

[10] Haumann, (1990), S.152.

[11] Parnell, (2002), S.208.

[12] Vgl. Hetényi in Parnell, (2002).

[13] „Die Ärzteverschwörung war eine angebliche Verschwörung von in der Mehrzahl jüdisch stämmigen Medizinern, um die Führung der Sowjetunion um Josef Stalin auszuschalten. Sie führte zu zahlreichen Verhaftungen und Hinrichtungen. Nach dem Tod Stalins im März 1953 gaben die neuen Sowjetführer zu, dass es sich um eine vorgeschobene, von Stalin und einigen Gefolgsleuten fabrizierte Verdächtigung gehandelt hatte.“ Zitiert nach: http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84rzteverschw%C3%B6rung; (7.2.2010).

[14] Vgl. Armborst in Schoeps, (u.a.), (2004).

[15] Juden, die einen Antrag auf Ausreise gestellt hatten, welcher verweigert wurde. Diese wurden oft als Landesverräter von ihrer Umgebung gemieden, verloren ihre Arbeits- und Studienplätze, wurden allgemein wie Aussätzige behandelt.

[16] Vgl. Lustiger, (1998).

[17] Повесть.

[18] Vgl. (o.A.); www.efraimsevela.ru/md-sa-aut-79/ (8.2.2010).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Eine Epidemie des Zionismus. Die satirische Sichtweise Efraim Sevelas auf die Emigration der 70er Jahre
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
2,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V412617
ISBN (eBook)
9783668641754
ISBN (Buch)
9783668641761
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Slawistik, Russistik, Russische Literatur, Sevela, jüdische Literatut, Gegenwartsliteratur
Arbeit zitieren
Natalia Gubergritz (Autor), 2010, Eine Epidemie des Zionismus. Die satirische Sichtweise Efraim Sevelas auf die Emigration der 70er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412617

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