Das Schaffen Frank Wedekinds als Tabubruch


Diplomarbeit, 2005

36 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Warum Tabu und warum eigentlich Sexualität?

2. Die (Anti-)Phänomene des menschlichen Wesens

3. Frank Wedekind als ein Mensch mit einer ausgeprägten individuellen Eigenart

4. „Sexualität als der einzige verbliebene weiße Fleck auf der Landkarte der Wissenschaften“. Erklärung des Begriffes und wissenschaftliche Hinsicht darauf

5. Tabu als eine Erziehungsmethode oder das Problem der Sexualität in Wedekinds Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie

6. Mine – Haha als Beispiel für das mit dem Tabu bedeckt Erziehungsmodell – „Die Welt könnte in der Tat weniger brutal eingerichtet sein, als sie es in Wirklichkeit ist“

7. Wo beginnt und wohin führt der Weg der Tabuisierung

8. Was ist mit Tabu belegt?

9. Tabu – ein Mittel zur Erhaltung der Unschuldigkeit

10. Freudsches Totem und Tabu - der wissenschaftliche Blick auf Tabu, das Schamgefühl verbirgt

11. Schlusswort

12. Bibliographie

13. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung - Warum Tabu und warum eigentlich Sexualität?

Ich habe mich dazu entschlossen, eine Diplomarbeit über Tabus und den ständigen Verstoß gegen sie in den Werken von Frank Wedekind zu schreiben, weil ich der Meinung bin, dass sich seit seiner Zeit nicht viel verändert hat. Obwohl man über viele Themen schon offen spricht, gibt es noch viele „Phänomene“, die weiterhin einem Tabu unterliegen. Eines von ihnen, das einerseits eine der natürlichsten Eigenschaften des Menschen betrifft, andererseits weiter für unmoralisch und obszön gehalten wird, ist die Sexualität. Sie bringt noch immer das Blut in Wallung, weil sie ständig für etwas Böses gehalten und durch Tabus geschützt wird.

2. Die (Anti-)Phänomene des menschlichen Wesens

Die Natur des Menschen war und ist immer ein aktuelles Thema. Die Horizonte der menschlichen Gedanken erweitern sich mit dem Verlauf der Zeit und dem Zivilisationsfortschritt, aber das menschliche Wesen bleibt seit undenklichen Zeiten auf demselben Niveau. Es steckt in uns jedoch, aus unklaren Gründen, eine Diskrepanz, deswegen ist es immer so, dass das , was für einen Sterblichen scheinbar zu den einfachsten Lebenseigenschaften gehört, ihm sehr schwer fällt. Das, was für den Menschen und dessen Natur geeignet ist, ist aus unbekannten Gründen ein Tabu. Man erfand schon so vieles, entdeckte so manche Geheimnisse der Welt, aber trotzdem spricht der Mensch weiterhin nicht alles, was ihn betrifft offen aus. Warum ist es so? Die Antwort ist klar - es existieren eigenartige konzipierte Regeln, die als richtig gelten und die zu beachten sind um sich ein Mitglied der zivilisierten Welt nennen zu können. Obwohl niemand im Stande ist, diese Regeln vollends in seinem Leben anzuwenden, identifiziert sich fast jeder mit ihnen. Man hält sich an eine Regel, weil es besser ist, in Übereinstimmung mit Anderen zu leben als mit dem eigenen Gewissen. Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen in grauer Vorzeit. Einerseits stammt die Vortäuschung nicht vorhandener Gefühle aus den falschinterpretierten Dogmen des christlichen Glaubens - alles Böse, was ich getan habe, wird mir, wenn ich nur Reue empfinde, erlassen, also rechne ich mit meinen Sünden heimlich ab und werde nicht an den Pranger gestellt , andererseits will ich daraus Vorteile ziehen, wenn ich einen Sündiger auf frischer Tat ertappe oder ihn einfach erniedrige, um mich selbst aufzuwerten. Solche Verhaltensweisen haben auch ihre Gründe. Der Mensch fühlt sich unsicher, wenn er etwas ,was in der Meinung der Anderen als ungewöhnlich gilt, getan hat.. Er wartet auf die Reaktion von denen, die ihn umgeben. Wenn er Akzeptanz und Beifall bekommt, wirkt das auf ihn motivierend und gibt ihm Mut. Wenn ihn jedoch Missfallen trifft, verliert er den Boden unter den Füßen. Das erweckt in ihm ein Schamgefühl, deswegen sucht er nach Mitteln und Wegen um seine Handlungen zu verbergen, wenn er befürchtet, dass seine Taten keine Akzeptanz finden. Manchmal verwandelt sich Scham in Schande, was eine Entehrung zur Folge hat. Es gibt Menschen, die mit Verachtung von Anderen nicht zurechtkommen. Sie besitzen keine Kraft um die auf sie gerichtete Herabwürdigung zu bewältigen. Sie haben auch keinen Mut um sich den Regeln der Allgemeinheit zu widersetzen, weil sie sich in diesem Fall am Rand der Gesellschaft wiederfinden würden wo man mit dem Finger auf sie zeigen würde. All diese Gründe verursachen in den Menschen eine Neigung zur Lüge und infolge dessen zur Heuchelei. Einem einfachen Menschen lebt es sich leichter, wenn er die Akzeptanz der Anderen findet, obwohl er oft die eigene Identität leugnet. Wenn man sich daran gewöhnt, ist es schwer dies wieder abzulegen. Das Verleugnen wird zur zweiten Natur. Die Denkensweise des Menschen ist primitiv, weil er durch Genetik so beschaffen ist, dass er seine natürlichsten Bedürfnisse befriedigen muss. Oft wird er dadurch zu Dingen gezwungen, die er für moralisch verwerflich hält. Wenn er aber erst einmal etwas Unmoralisches“ begeht, dann fällt ihm das beim nächsten mal schon leichter und bleibt mit der Zeit von schlimmen Folgen seines Verhaltens ungerührt. Das lässt ihn kalt. Niemand mag jedoch, wenn ihm Fehler vorgehalten werden . Es gilt ein gesellschaftlich angenommenes allgemeines Schweigen – vor Verlegenheit und vor Angst wagt niemand etwas zu sagen. Nur Einzelne versuchen gegen die Verlogenheit zu kämpfen. Sie liefern durch ihr Leben ein Vorbild zur Nachahmung. Andere, die über größere schöpferische Auswirkungskraft verfügen, wie Schriftsteller, zeigen dem einfachen Menschen seine Begrenztheit und zeigen seine Fehler auf. Sie sprechen offen darüber, was in der allgemeinen Überzeugung als Unanständigkeit gilt. Sie bringen das zur Sprache , was bisher tabuisiert war, sprengen die Grenzen der Konventionen um eine höhere Entwicklungsstufe der menschlichen Sittlichkeit zu ermöglichen. Ihr Schaffen handelt von der Natur des Menschen, von seinen natürlichsten Bedürfnissen und davon, wie er sich für seine menschliche Reflexe schämt. Der Mensch ist ein kompliziertes und abhängiges Wesen – er tut etwas und dann erwartet er die Reaktion der Anderen. Die Furcht vor der Schande ist für ihn größer als vor der allgemeinenverstandenen Justiz oder den Gewissensbissen. Das Bewusstsein, dass er ein schlechtes Gewissen hat, verliert an Bedeutung. Man sieht noch einen Unterschied zwischen Gut und Böse, aber diese Begriffe wurden für ihn abstrakt, deswegen bemerkt man die schwarze Seele der Mitmenschen, aber die eigene sieht man einfach nicht . Um diesem Schicksaal zu entfliehen, sollen wir uns redlich bemühen, wir sollten jedoch nicht das äußere oberflächliche Verhalten verändern, sondern uns selbst innerlich. Der, der sich brav einreiht, sein Schicksal mit Demut trägt und immer nach den Regeln, die ihm von den Anderen auferlegt werden, spielt, passt sich seiner Umgebung an. Das Leben ist kein Wettlauf, bei dem man siegen soll, aber eine Prüfung, in der man sich bewähren soll. Viele vergessen darüber , zum Glück nicht alle.

3. Frank Wedekind als ein Mensch mit einer ausgeprägten individuellen Eigenart.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Mensch mit einer ausgeprägten individuellen Eigenart, der gegen alle Klischees kämpfte, war Benjamin Franklin Wedekind. Sein Leben lang widerstand er dem , was als Norm der bürgerlichen Gesellschaft, aus denen er stammte, galt. Er wollte sich nicht verbürgerlichen und lehnte alle unantastbaren Normen ab. Das ist auch charakteristisch für sein gesamtes Schaffen. Seine Werke spiegeln die scheinheilige Moral und die bürgerliche Denk- und Lebensweise wider. Sie demaskieren scheinbare Barmherzigkeit, Frömmigkeit und in sich gekehrte Lebensart. Dieser Dramaturg setzte sich mit der alten konservativen Weltordnung auseinander und zeigte die verhängnisvollen Folgen, die falschinterpretierte Sittlichkeit und Vorurteile haben. Wedekind betonte , dass fast niemand darüber spricht, was für uns wirklich wichtig ist. Jeder sucht auf eigene Faust nach eigenen Antworten, die nicht immer richtig sind und oft zur Tragödie führen. Die Protagonisten in seinen Werken sind auf den ersten Blick einfache Menschen. Dem äußeren Eindruck nach sind sie von den anderen nicht zu unterscheiden, aber im Inneren leiden sie unter der quälenden Unwissenheit. Für unseren Doppelmoralgesellschaft ist das typisch. Jemand, der nach eine Antwort auf eine Frage sucht , die gegen die „Moral“ verstößt, wird im Dunkeln gelassen oder bleibt ohne Antwort. Es bleibt ihm nichts anders übrig als allein auf die Suche nach der Lösung zu gehen. Die Suche endet meist tragisch, weil der Mensch nicht erwartet, was ihm passieren kann.

4. „Sexualität als der einzige verbliebene weiße Fleck auf der Landkarte der Wissenschaften“. Erklärung des Begriffes und wissenschaftliche Hinsicht darauf.

[1]

„Erforschung und Verständnis der menschlichen Sexualität befinden sich auch heute noch in einem vorwissenschaftlichen Zustand, der wirklich verlässliche Fakten oder gar Paradigmen zur menschlichen Sexualität eher vermissen als erwarten lässt“.1P(S.685) Die Pioniere der modernen Sexualwissenschaft William H. Masters und Virginia E. Johnson bezeichnen diesen Bereich als „den einzigen noch verbliebenen weißen Fleck auf der Landkarte der Wissenschaften überhaupt“.2P(S.685) Der Grund für diesen bedauerlichen Zustand liegt „in der systematischen und kollektiven Repression und Tabuisierung der menschlichen Sexualität, wie sie seit Jahrhunderten typisch (...) für die westliche, jüdisch-christliche Zivilisation und Kultur sind “3P(S.685) Der Einfluss dieser Gesellschaft wirkt sich nicht nur auf die menschliche Sexualität in der Privatsphäre , sondern auch, was das Kernproblem darstellt, auf die akademische Wissenschaft, Forschung und auf die Erkenntnislehre überhaupt aus. Die Gründe für diese Repressionen und Tabuisierungen bleiben - genauso wie es eben für die Tabubereiche typisch ist - den Betroffenen selber unklar. Dem Schicksal kollegialer Ächtung, politischer Verfolgung, Bücherverbrennung und Verbannung ins Exil wegen seiner wissenschaftlichen Arbeiten über die Bedeutung der Sexualität entgingen nicht Frank Wedekind oder Sigmund Freud, der dieselbe revolutionäre Strömung wie Wedekind vertrat. Sie beide waren Opfer der Moralhüter und der öffentlichen Machtinstanzen der gesellschaftlichen Ordnung. Ihre Forschungsansätze, mit dem Hinweis vor allem auf Existenz und Bedeutung der infantilen Sexualität in der Öffentlichkeit, entfachten einen wahren Sturm der Entrüstung. Sie strebten nach der Erforschung des menschlichen Wesens. Freuds Beispiel kommt hier nicht grundlos zum Vorschein, weil der Einfluss Freuds Hypothesen bei Wedekind deutlich zu erkennen ist. [1]

Der Begriff der Sexualität im wissenschaftlichen Sinn ist völlig anders als die Bezeichnung, die in der Öffentlichkeit existiert. Einen einfachen Menschen erinnert dieser Begriff meistens an pornographische Inhalte. Die Schuld daran tragen die Pseudohüter der Sexualmoral. Sexualität ist nicht anders als

„die freiwillige und instinkt-geleitete Körperfunktion der inneren Geschlechtsorgane. Ihr begleitet körperlich-seelische gegenseitige Anziehung und Vereinigung von zwei geschlechtsreifen und sowohl von den körperlich-sexuellen Merkmalen, als auch vom psychosexuellen Identitätsgefühl und von der sexuellen Grundausrichtung verschiedenen, meist heterosexuellen Menschen mit bevorzugter Berührung und Stimulierung an den äußeren primären und sekundären Geschlechtsorganen und an den sogenannten erogenen Zonen, mit der Folge einer sich zum Orgasmus steigernden und danach entladenden psycho-physischen Lusterregung bei ekstatischer und dann cerebraler Bewusstseinsveränderung und dem de facto oder potentiellen Ziel der Fortpflanzung“4P(S.687) .

Eine solche wissenschaftliche Beschreibung sollte für uns nicht schockierend sein, aber die Gesellschaft hat uns gelehrt dies als unmoralisch zu sehen. Auch schon im 20. Jahrhundert wurde in diese Richtung geforscht :

„Die menschliche Sexualität und die Energie, die damit verbunden ist, über die exklusive Nutzung zu Fortpflanzungszwecken hinaus freigibt, auch für andere Zwecke dient : zur Erholung und seelisch-körperlichen Gesunderhaltung, zu sozialen Kontakten, zu Geselligkeit, und zur Verbesserung der intellektuellen und mentalen Fähigkeiten“ 5P(S.691).

Jemandem muss viel daran liegen, diese alte Ordnung beizubehalten und die neuen Forschungsergebnisse nicht zu zeigen.

5. Tabu als eine Erziehungsmethode oder das Problem der Sexualität in Wedekinds Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie

Das Problem der Sexualität wurde von Wedekind in Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie offen berührt. Der erste Teil des Titels weist auf einen idyllischen Charakter des Dramas hin . Erst der Untertitel stellt die erste Annahme in Frage. Der Titel enthält in sich einen Widerspruch, den Wedekind gerne benutzt um etwas zu veranschaulichen, was auf den ersten Blick scheinbar tadellos scheint, in Wirklichkeit selten der Wahrheit entspricht. Mit Hilfe der Form, die in der Literaturwissenschaft die Bezeichnung offenes Drama trägt, stellt Wedekind einen längeren Handlungszeitraum dar, der drei Lebensläufe und eine Reihe von Nebenszenen, welche, auf provozierende Weise dargestellte, pubertäre Bedürfnisse zeigen. Es bleibt offen, welchen Gang das Leben der Protagonisten nehmen wird. Dies hängt allein vom Leser ab, wie sich dieser das Ende der Geschichte vorstellt. Eine solche Lösung zwingt zum Nachdenken, wirft Frage auf und lässt das Stück nicht als etwas künstliches sondern realistisch wirken. Der Dramaturg zeigt Wirklichkeit, aber beurteilt sie nicht. Er lässt den Leser selbst Schlussfolgerungen ziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In den ersten Jahren nach der Veröffentlichung galt Frühlings Erwachen als Skandalstück. Die Aufmerksamkeit erregte vermeintliche Obszönität und Sittenlosigkeit. Der Öffentlichkeit entging die Absicht des Autors : eine Tragödie über Kinder, die ihre Sexualität entdecken. Der einzige Aspekt des so facettenreichen Dramas, auf den die Kritik reagierte, war der Tabubruch. Schon die ersten Worte der Tragödie zeigen, wie Erwachsene unter Berufung auf Anstand und Pflicht die Seelen der Jugendlichen deformieren. Frau Bergmann, Mutter einer Protagonistin , antwortet auf die Frage ihres heranwachsenden Kindes : „Warum hast du mir das Kleid so lang gemacht, Mutter?“ erstens mit einer Erziehungsunwissenheit : „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“, dann verweigert sie weiter die erwartete Antwort zu geben und sagt : „Das Kleidchen war dir ja seinerzeit reichlich lang; aber...“ 1F(S.2) Als Wendla, ihre Tochter, fragt : „Ist es sündhaft, Mutter, über derlei zu sinnen?“, was ihren Traum betraf, bekommt sie nicht nur keine Antwort, sondern wird durch den autoritären Erziehungsausruf belehrt : „Zieh in Gottes Namen dein Prinzeßkleidchen wieder an!“ 2F(S.3) Wedekind stellte in dem Stück drei verschiedene Erziehungsmodelle – gottesfürchtige Frau Bergman, die in Wahrheit Gottes Gebote mit Füßen tritt, als Alleinerziehende ihrer Tochter Wendla, das gut situierte Ehepaar Gabor und von der Familie Stiefel nur der anspruchsvolle Vater. Die verschiedenen Elternfiguren stehen vor dem Grundproblem, dass ihre Kinder den gesellschaftlichen Vorstellungen und Erwartungen nicht entsprechen. In erster Linie wollen sie Kontrolle und Macht über sie behalten, aber sie sind auch enttäuscht, dass sich die mit ihren Kinder verbundene Pläne zerschlagen. Das führt zur Entstehung eines unkontrollierten, primitiven Verteidigungsmechanismus von Scham, entlarvt die mangelhaften Kompetenzen der Erzieher und zeigt ihren Egoismus. Ihre Liebe zu sich selbst ist größer als die zu ihren Kinder. Zwei weitere Protagonisten, Moritz Stiefel und Melchior Gabor, die obwohl etwas genauer als Wendla über Geschlechtsverkehr informiert sind, müssen auf eigene Faust die Antwort suchen. Moritz fragt seinen Freund Melchior : „Glaubst du nicht auch, Melchior, daß das Schamgefühl im Menschen nur ein Produkt seiner Erziehung ist?“ 3F(S.5) Melchior erwidert: „Es scheint mir immerhin tief eingewurzelt in der menschlichen Natur.“ 4F(S.6) Sie sind zwar schon vom negativen Beispiel ihrer Eltern betroffen, aber im Innersten noch nicht verdorben. Sie wissen selbst besser als ihre Eltern, wie sie erzogen sein sollten : „Selbstverständlich müßten meine Kinder nämlich tagsüber arbeiten, in Hof und Garten, oder sich durch Spiele zerstreuen, die mit körperlicher Anstrengung verbunden sind. Sie müßten reiten, turnen, klettern und vor allen Dingen nachts nicht so weich schlafen wie wir. Wir sind schrecklich verweichlicht“ 5F(S.7) - so erzählt Moritz von einem Erziehungsmodell, dem er unterworfen war. Die Eltern wollen mit Lüge und Verheimlichung das Bild der Reinheit für sich selbst konservieren, aber die Kinder empfinden schon „männliche Regungen“ , haben wie Moritz Todesangst – „Ich hielt mich für unheilbar. Ich glaubte, ich litte an einem inneren Schaden. – Schließlich wurde ich nur dadurch wieder ruhiger, daß ich meine Lebenserinnerungen aufzuzeichnen begann. Ja ja, lieber Melchior, die letzten drei Wochen waren ein Gethsemane für mich.“ 6F(S.8) - davor, was mit ihrem Körper geschieht. Einige der Jugendlichen empfinden unheilbare Regungen und träumen wie „Georg Zirschnitz von seiner Mutter“ 6F(S.8 ) Die Tabuisierung der Sexualität führt dazu, dass Moritz sich „nicht getraut hätte, jemanden zu fragen .“ 7F(S.9) . Das lässt ihn „heute kaum mehr mit irgendeinem Mädchen sprechen, ohne etwas Verabscheuungswürdiges dabei zu denken, und (...)er weiß nicht was“ 8F(S.9) Melchior hingegen ist ein ganz anderer Typ. Ihm gelingt eine praktische Selbstaufklärung: „Ich habe es teils aus Büchern, teils aus Illustrationen, teils aus Beobachtungen in der Natur“ 9F(S.10) Moritz sucht Belehrung über geschlechtliche Vorgänge in einem Lexikon, aber erhält nur ihm nichts sagende Worte: „Ich habe den Kleinen Meyer von A bis Z durchgenommen. Worte - nichts als Worte und Worte! Nicht eine einzige schlichte Erklärung. O dieses Schamgefühl! - Was soll mir ein Konversationslexikon, das auf die nächstliegende Lebensfrage nicht antwortet.“ 10F(S.10) Diese Unkenntnis in Frage Fortpflanzung beschämt ihn, aber er „kann nicht gemütlich über die Fortpflanzung plaudern!“ , was Melchior mit den Worten – „Du bist wie ein Mädchen“ 11F(S.10) - quittiert. Keine Ahnung in dieser Thematik hat Wendla Bergmann, deswegen schämt sie sich nicht ihre Mutter zu fragen. Die Ausflüchte ersetzen jedoch in der Rede ihrer Mutter die ersehnte Aufklärung : „Denk dir, Wendla, diese Nacht war der Storch bei ihr (Ina - Schwester von Wendla) und hat ihr einen kleinen Jungen gebracht.“ 12F(S.32) Um davon nichts zu erfahren, durfte Wendla ihre Schwester nicht besuchen: „Einen Jungen? - Einen Jungen! - O das ist herrlich - Deshalb die langwierige Influenza!“ 13F(S.32) - mit Hilfe einer Krankheit verhüllt Frau Bergmann die Schwangerschaft von Ina. Als Wendla weiter die Frage dringt : „Warst du dabei, als er ihn brachte?“, erwidert die Mutter ausweichend : „Er war eben wieder fortgeflogen.“ und wechselt schnell das Thema : „Willst du dir nicht eine Rose vorstecken?“ und versucht sie zu bestechen : „er hat dir auch etwas mitgebracht - eine Brosche oder was .“ 14F(S.33) Als Wendla erwartend antwortet: „Ich habe Broschen genug...“, erwidert ihr Mutter empört : „Dann sei auch zufrieden, Kind. Was willst du denn noch?“ 15F(S.33) Dann überträgt sie die Verantwortung für die Aufklärung, was ihr erleichterte, auf Ina : „Da mußt du Ina fragen. Ha, das mußt du Ina fragen, liebes Herz! Ina sagt dir das ganz genau. Ina hat ja eine ganze halbe Stunde mit ihm gesprochen.“ 16F(S.33) Als den Plan misslang : „Oder soll ich nicht lieber den Schornsteinfeger fragen? - Der Schornsteinfeger muß es doch am besten wissen, ob er durch den Schornstein fliegt oder nicht .“, macht sie alles, damit ihres Kind mit niemandem Fremden davon sprechen würde : „Nicht den Schornsteinfeger, Kind; nicht den Schornsteinfeger. Was weiß der Schornsteinfeger vom Storch! - Der schwatzt dir allerhand dummes Zeug vor, an das er selbst nicht glaubt“ 17F(S.33) Sie macht ihrer Tochter wegen dieser Frage bittere Vorwürfe und beschuldigt sie : „Deine alte einfältige Mutter so in Schrecken jagen! (...) Nimmt mich wunder, wann bei dir einmal der Verstand kommt. - Ich habe die Hoffnung aufgegeben .“ 18F(S.34) Wendla bittet um Verständnis und Erklärung über geschlechtliche Vorgänge, weil sie sich gleichfalls wie Moritz unheilbar fühlt :

[...]


[1] Nach Erkenntnissen von Hermann Wendt in Sexualität; Digitale Bibliothek Band 23: Handwörterbuch Psychologie, Psychologie Verlags Union

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Das Schaffen Frank Wedekinds als Tabubruch
Hochschule
Państwowa Wyższa Szkoła Zawodowa w Nysie  (Neofilologie)
Veranstaltung
14.062005
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
36
Katalognummer
V41284
ISBN (eBook)
9783638395762
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Tabus existieren immer wieder. Auch wenn heute in westlichen Ländern viel von einer 'Gesellschaft ohne Tabus' gesprochen wird, sind das nur Ausflüchte. Jede Gesellschaft hat eigene wunde Punkte, die man nicht berühren sollte. Obwohl man schon in den 70-er Jahren über sexuelle Revolution sprach, bleiben Tabus für mehrere Gesellschaften untastbar und werden weiter konserviert.
Schlagworte
Schaffen, Frank, Wedekinds, Tabubruch
Arbeit zitieren
Remigiusz Paszkowski (Autor), 2005, Das Schaffen Frank Wedekinds als Tabubruch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41284

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