Musik als Bezugspunkt der Sozialisation von Kindern. Über Möglichkeiten und Grenzen der musikbezogenen Projektarbeit in der Schule


Hausarbeit, 2005

24 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Rolle der Musik im Leben von Kindern
2.1. Musikalische Lebenswelten von Kindern
2.2. Einfluss der Medien auf das Musikwissen von Kindern
2.3. Musikalische Sozialisation von Kindern

3. Musikalische Erfahrungen in der Schule
3.1. Musikunterricht in der Schule
3.2. Möglichkeiten und Grenzen musikbezogener Projektarbeit in der Schule und ihre Wirkung

4. Fazit und Konkretion

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, mit der Musik vertraut zu werden wie mit sich selbst und seiner Sprache [...]. In den Elementarschulen müsste sie Hauptfach sein und von besonders geeigneten und besonders geschulten Lehrern vermittelt werden.“[1]

Warum ist Musik für uns und vor allem für unsere Kinder so wichtig?

Im Zeitalter der „neuen Medien“ und der Aufrüstung der Klassenzimmer mit Computern für jeden Schüler geraten der Musikunterricht, die Musikerziehung und die ästhetische Bildung überhaupt, im Schulalltag immer mehr ins Abseits und „in den Grund- und Hauptschulen fallen bis zu 80% der Musikstunden aus oder sie werden fachfremd erteilt“[2].

Diese Entwicklung stimmt nachdenklich. Aufgrund neuerer Forschungsergebnisse, wie zum Beispiel der Langzeitstudie Musik(erziehung) und ihre Wirkung an einer Berliner Ganztagsschule unter Leitung von Professor Hans Günther Bastian wird deutlich, dass Musik eine sehr wichtige Rolle für den Aufbau der Identität bei Kindern spielt und sie als Ausdrucksform mit einem hohen Maß an Emotionalität der Persönlichkeitsentwicklung einen geeigneten Raum geben kann.[3]

Unsere Gesellschaft hat sich im Laufe der Zeit stark verändert und eine Entwicklung hin zu einer Wissensgesellschaft[4] ist kaum mehr zu verkennen.

Aber gerade in einer solchen Wissensgesellschaft ist eine richtige und effektive Bildungspolitik unabdingbar geworden. Menschen müssen in der Zukunft hohe Qualifikationen aufweisen, um an kommenden Entwicklungen teilnehmen zu können, dabei ist eine ständige Erneuerung des individuellen Wissens erforderlich.

Um dieser immer schneller wachsenden Wissensflut gerüstet zu begegnen, benötigt man jedoch neben dem Fachwissen auch individuelle Lernstrategien und Phantasie Aus dieser Kombination lassen sich dann gewisse, allgemein gültige „Schlüsselqualifikationen“[5] ableiten, die man benötigt, wie z.B. Kommunikationsfähigkeit, Denken in Zusammenhängen, Selbstständigkeit, Kooperationsfähigkeit, Kreativität, Problemlösefähigkeit, Durchsetzungsvermögen.

Diese können auf unterschiedlichste Art und Weise vermittelt werden, primär jedoch in den Sozialisationsinstanzen Schule und Familie.

An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob hier nicht Musik als gute Chance zur effektiven Förderung gewisser Schlüsselqualifikationen gesehen werden kann und somit der Musik in der Sozialisation der Kinder eine besondere Bedeutung zugesprochen werden muss.

Von dieser Annahme ausgehend müsste eine erweiterte Musikerziehung, wenn schon nicht in Klassenunterrichtform, so doch in Arbeitsgemeinschaften, Chören, Ensembles oder in Kooperation mit außerschulischen Musikinstitutionen vermehrt stattfinden,[6] damit durch eine ausreichende musikalische Förderung eine bessere Vermittlung der Schlüsselqualifikationen erreicht werden kann, denn „Musik ist [...] mehr als Luxus und Dekor. Und Musik ist bestimmt mehr als das kulturelle „Sahnehäubchen“ im Alltag, sie ist unverzichtbares Lebenselexier“[7]. So auch:

„Der von Politikern verbreitete Slogan: „ Mut zur Bildung“ liest sich gut. Aber kling nicht noch besser: „Mut zur Musik“? Es wird höchste Zeit, dass dieser Slogan unter die Leute kommt statt sang- und klanglos zu verhallen.“[8]

In meiner Arbeit werde ich die Bedeutung von Musik für die Sozialisation der Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren untersuchen und Möglichkeiten einer projektbezogenen Arbeit an Schulen für eine erweiterte Musikerziehung aufzeigen.

2. Die Rolle der Musik im Leben von Kindern

2.1. Musikalische Lebenswelten von Kindern

Musik spielt in der Lebenswelt von Kindern eine bedeutende Rolle, denn

Musik umgibt Kinder, wie auch Erwachsene in fast allen Lebensbereichen, sei es beim Einkauf im Supermarkt, beim Autofahren, im Fernsehen oder aus trällernden und lärmenden Handys.

Nur welche Auswirkungen hat Musik auf ihr Leben und wie stellt sich ihre musikalische Lebenswelt dar?

Kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren orientieren sich mehr und mehr mit ihrer Musik an der Welt der Erwachsenen, denn die Phase, in der „Kindermusik“ von den Kindern geduldet wird, endet laut Rudolf Weber, Claudia Bullerjahn und Hans-Joachim Erwe etwa in der Zeit des Schuleintritts. Danach orientierten sie sich neu und würden zumeist auf die medial vermittelte Angebotspalette zurückgreifen, die auch von den Erwachsenen genutzt wird.[9]

Auf den Einfluss der Medien hinsichtlich der musikalischen Bedürfnisse der Kinder werde ich im Kapitel 2.3. noch näher eingehen.

Ein Hinweis darauf, welche besondere Bedeutung Musik für Kinder hat, lässt sich meines Erachtens nach gut an einem Beispiel von Rudolf Weber, Claudia Bullerjahn und Hans-Joachim Erwe in ihrem Artikel Musikbezogene Bedürfnisse und die Bedeutung von Musik für Kinder – Überlegungen zu einem Forschungsprojekt verdeutlichen, in dem eine Grundschulleiterin berichtet, wie die Welt eines Kindes zusammenbrach, als die von ihm mitgebrachte und von seinem Taschengeld gekaufte CD, auf der die Titelmusik seiner Lieblingsserie Sailor Moon (RTL 2) zu hören war, von den Schülern belächelt und als „Mädchenmusik“ abgetan wurde.[10]

Dieser Einbruch der Gefühlswelt des Jungen zeigt deutlich, dass er „einen sehr persönlichen Bezug zu einer bestimmten Musik entwickelt. Sie ist Teil seiner Identität als Junge und ihm so bedeutsam, dass er andere daran teilhaben lassen will“[11].

An diesem Beispiel wird auch offensichtlich, dass die musikalischen Lebenswelten der Kinder durchaus sehr unterschiedliche Ausprägungen haben können.

Günther Kleinen hat in seinem Artikel Qualitative Verfahren bei der Erforschung musikalischer Lebenswelten von Kindern versucht, anhand einer vergleichenden Bilderstudie, „bei der Grundschulkinder im Abstand von zwölf Jahren Bilder zum Thema: „Ich und die Musik“ gemalt haben“[12], deutlich zu machen, dass die musikalische Lebenswelt der Kinder sich in den Jahren deutlich verändert hat.

Es zeigt sich, dass eine Akzeleration, d.h. eine Beschleunigung von Entwicklungsverläufen bezogen auf musikalische Präferenzen und bevorzugte musikalische Aktivitäten, stattgefunden hat.[13]

Kleinen sieht die Ursachen der Akzeleration einerseits in einem vermehrten und intensiveren Mediengebrauch der Kinder und andererseits in Veränderungen der familiären Lebenswelten, in denen sich die Einstellungen der Eltern gegenüber dem Mediengebrauch der Kinder und ihrer musikalischer Präferenzen gewandelt haben, darüber hinaus nehmen auch Geschwister zusätzlich Einfluss.[14]

Außerdem ist, so Kleinen, die „Bedeutung der Peergroup gewachsen, speziell hinsichtlich der Mediennutzung“, und in der Schule hat wiederum eine „Öffnung gegenüber den Medieninhalten stattgefunden.“[15]

Auch wenn die Akzelerationshypothese durch die Bilderstudien nur partiell bestätigt werden konnte, so ist es doch wichtig, diese Veränderungen zu berücksichtigen und in die Planung von musikbezogenen Projekten in Schulen, auf welche ich im zweiten Teil meiner Arbeit zu sprechen komme, mit einzubeziehen.

Zudem findet bei Kindern schon im Grundschulalter eine intensive Hinwendung zu Pop- und Rockmusik statt und nicht wie man in der Vergangenheit vermutete, erst ab dem Beginn der Pubertät. Demzufolge ist der Musikbegriff der Kinder „in ganz überwiegenden Maße von aktueller Popmusik geprägt“[16].

Als nächstes muss man sich die Frage stellen, inwiefern Musik bei Kindern ihren Ausdruck findet. Identifizieren sie sich mit ihrer Musik oder wollen sie sich gar damit abgrenzen?

Hans-Joachim Erwe gelingt es meiner Ansicht nach sehr treffend die musikalische Lebenswelt von Kindern in wenigen Sätzen zu charakterisieren, indem er folgende Arbeitshypothese formuliert:

Die Rezeption von Rock- und Popmusik sei in eine Phase vor der Pubertät vorgerückt, diene jedoch dort aber noch nicht der Abgrenzung gegenüber der Elterngeneration. Einer frühen Kindheit mit „Kindheitsmusik“ folge offenbar eine späte Kindheit, in der zunehmend Pop- und Rockmusik präferiert werden würde[17].

Aus dieser These wird deutlich, dass Kinder schon im frühen Grundschulalter damit beginnen, Rock- und Popmusik zu konsumieren, einmal, weil sie die „Popstars“ und vermeintlichen „Superstars“ und die damit verbundene Musik aus den Medien kennen gelernt haben, aber auch, weil die Eltern oftmals die selbe Art von Musik hören. Somit könne Popmusik in der Kindheit sogar Generationen überspannende Gemeinsamkeiten stiften[18], denn eine Vielzahl von Kindern geht, mittlerweile auch schon mit 11, 12 Jahren gemeinsam auf Konzerte, schaut gemeinsam Musiksendungen an und fühlt sich durch die gleiche Art von Musik verbunden.

Aber auch wenn nach der frühen Kindheit mit „Kindheitsmusik“ eine späte Kindheit mit Rock- und Popmusik folgt, so bleibt es jedoch bei den 6-12 Jährigen auf einer Rezeptionsebene, auf der durchaus bei bestimmten musikalischen Vorlieben starke Polarisierungen stattfinden können (z.B. bei der Popgruppe Kelly Family, die entweder fanatisch geliebt oder massiv abgelehnt wird), aber „Musik erfüllt hier [...] noch nicht die Funktion, als spezifischer Ausdruck einer Jugendkultur zur Identitätsfindung gegenüber der Erwachsenenwelt beizutragen. Eine solche „Identitätsmusik“ gewinnt erst in der Pubertät an Bedeutung“[19].

[...]


[1] Henze, Hans Werner:, in: Bastian, Hans Günther (Hrsg.): Brauchen wir Musik? Ja, wir brauchen sie dringend Kinder optimal fördern- mit Musik - Intelligenz, Sozialverhalten und gute Schulleistungen durch Musikerziehung, Schott 2001, 15-43, 34.

[2] Bastian, Hans Günther: Kinder brauchen Musik! Kinder optimal fördern- mit Musik - Intelligenz, Sozialverhalten und gute Schulleistungen durch Musikerziehung, Schott 2001, 7-10, 9.

[3] Vgl. a.a.O., 7.

[4] Vgl. Gorz, André: Welches Wissen? Welche Gesellschaft?
Textbeitrag zum Kongress "Gut zu Wissen", in: ders. (Hrsg.), Heinrich-Böll-Stiftung, 5/2001, 2-22, 3

[5] Vgl. Klafki, Wolfgang: Schlüsselqualifikationen/Allgemeinbildung - Konsequenzen für Schulstrukturen, in: Braun, Karl-Heinz; Krüger, Heinz-Hermann (Hrsg.): Schule mit Zukunft. Bildungspolitische Empfehlungen und Expertisen der Enquete-Kommission des Landtages von Sachsen-Anhalt, Opladen 1998, S. 145-208.

[6] Bastian 2001, 7.

[7] A.a.O., 29.

[8] Bastian 2001, 13.

[9] Vgl. Weber, Rudolf, Bullerjahn, Claudia, Erwe, Hans-Joachim: Musikbezogene Bedürfnisse und die Bedeutung von Musik für Kinder – Überlegungen zu einem Forschungsprojekt, in: ders. (Hrsg.): Kinder – Kultur: Ästhetische Erfahrungen. Ästhetische Bedürfnisse, Opladen 1999, 107-129, 111.

[10] Vgl. a.a.O., 108.

[11] Ebd.

[12] Kleinen, Günther: Qualitative Verfahren bei der Erforschung musikalischer Lebenswelten von Kindern, in: ders. (Hrsg.): Kinder – Kultur: Ästhetische Erfahrungen. Ästhetische Bedürfnisse, Opladen, 1999, 67-82, 67.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. a.a.O., 73.

[15] Ebd.

[16] Weber, Bullerjahn, Erwe 1999, 124.

[17] Vgl. a.a.O., 126.

[18] Vgl. ebd.

[19] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Musik als Bezugspunkt der Sozialisation von Kindern. Über Möglichkeiten und Grenzen der musikbezogenen Projektarbeit in der Schule
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,6
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V41288
ISBN (eBook)
9783638395809
ISBN (Buch)
9783638724111
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit ist eine studienbegleitende Hausarbeit in Erziehungswissenschaften vom SS 2005 im Vorgriff auf das Diplom
Schlagworte
Musik, Bezugspunkt, Sozialisation, Kindern, Möglichkeiten, Grenzen, Projektarbeit, Schule
Arbeit zitieren
Timo Uhlenbrock (Autor), 2005, Musik als Bezugspunkt der Sozialisation von Kindern. Über Möglichkeiten und Grenzen der musikbezogenen Projektarbeit in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41288

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