Deutschland: Eine postrassistische Gesellschaft?

Untersuchung vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit


Facharbeit (Schule), 2017
22 Seiten, Note: 12 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Warum Postrassismus in Deutschland?
1.2 Hinfuhrung zum Thema.

2. Definitionen und Erlauterungen
2.1 Rassismus undVorurteile.
2.2 Was ist Rassismus?
2.3 Was ist Postrassismus?

3. Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nach

4. Deutschland und die NS-Vergangenheit heute
4.1 Rassismus = Antisemitismus?.
4.2 Auseinandersetzung und Umgang mit NS-Vergangenheit und
Rassismus heute.

5. Fazit und Diskussion
5.1 Deutschland eine postrassistische Gesellschaft? - 1st
Postrassismus in einer Gesellschaft moglich?
5.2 Die Frage nach dem richtigen Umgang mit der NS-
Vergangenheit.
5.3 Wie gelingt eine gute Auseinandersetzung mit Rassismus?

6. Quellenverzeichnis
6.1 Literaturverzeichnis.
6.2 Internetquellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Warum Postrassismus in Deutschland?

In meiner wissenschaftlichen Arbeit Rassismus in den USA heute. Sind die USA noch immer eine „White-Privilege“-Gesellschaft, in der institutionelle Diskriminierung von Schwarzen durch die Polizei stattfindet? habe ich mich schon eingehend mit dem Thema Rassismus beschaftigt. Dabei bin ich im Zuge meiner Recherche auf einen neuen Bereich der Rassismusforschung gestoGen. Dieser setzt sich mit dem sogenannten Postrassismus auseinander. Dabei wird unter anderem die Idee einer postrassistischen Gesellschaft untersucht. Die Forschungen und Artikel, die ich fand bezogen sich jedoch nur auf die USA, im Kontext der Wahl des letzten US- Prasidenten Barack Obama[1] und der in den letzten Jahren diskutierten Falle von Totungen Schwarzer durch die US-Polizei.[2]

In dieser Arbeit mochte ich mich nun der Frage widmen, ob Deutschland eine postrassistische Gesellschaft ist und dies vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit untersuchen.

1.2 Hinfuhrung zum Thema

Heute ist die Erinnerung vieler Menschen an den Nationalsozialismus verblasst. Einige beschweren sich sogar, noch immer eine Schuld tragen zu mussen, an einem Teil der Geschichte, auf den sie selbst keinerlei Einfluss hatten.[3] Ebenso sind es mittlerweile groGe Teile der Jugendlichen leid, immer auf Kommando betroffen sein zu mussen.[4]

Kann die immer noch fortlaufende Konfrontation der Deutschen mit der Schuld am Holocaust, sowie die stetige Bearbeitung des Themas Nationalsozialismus das Gefuhl vermitteln, mit der NS-Vergangenheit und dem Thema Rassismus abgeschlossen zu haben? Resultiert hieraus vielleicht auch ein mangelndes Bewusstsein fur Rassismus, das Rassismus ungehindert und unbemerkt entstehen lasst?

Sollte nicht eher eine kritische Auseinandersetzung damit stattfinden, dass man sich Rassismus besser bewusst machen muss, urn jeglicher Form des Rassismus entgegenzuwirken?

Diese Fragen mochte ich in meiner Arbeit wissenschaftlich behandeln und dabei klaren, ob Postrassismus in der Gesellschaft eines ganzen Landes uberhaupt moglich ist.

2. Definitionen und Erlauterungen

2.1 Rassismus und Vorurteile

Der Begriff Rassismus ist in Deutschland eng mit dem Nationalsozialismus verknupft und auch deshalb ein schwer zu definierender Begriff. Die in Bayern geborene kontroverse Anti- Rassismus Aktivistin und Publizistin Noah Sow schreibt in ihrem Buch Deutschland Schwarz Weiss: „Rassismus ist nicht erst die negative Reaktion auf einen angeblichen Unterschied, sondern bereits die Behauptung des Unterschieds"[5]. Wurde man Sows Definition fur Rassismus anwenden so ware jeder, der auch nur Vorurteile gegenuber anderen Menschen hatte rassistisch. Jedoch ist, urn „rassistische Diskriminierung nicht zu banalisieren"[6] und eine „Auseinandersetzung mit gegenwartigem Rassismus im gesellschaftlichen Alltag"[7] zu ermoglichen, „der Rassismusbegriff von Beschreibungen des Vorurteils abzugrenzen"[8], so die Professorin fur Erziehungswissenschaften Astrid Messerschmidt in Postkoloniale Erinnerungsprozesse in einer postnationalsozialistischen Gesellschaft und Rassismusanalyse in einer postnationalsozialistischen Gesellschaft. Die Professorin fur Soziologie Anja WeiG, macht in ihrem Buchbeitrag Antirassistisches Engagement und strukturelle Dominanz ebenfalls deutlich, warum Rassismus von einfachen Vorurteilen abzugrenzen ist:

Rassismus ist nicht einfach ein Vorurteil, ein Gefuhl, eine bose Absicht. Besser lasst sich Rassismus als ein ungleichgewichtiger Konflikt zwischen gesellschaftlichen Gruppen bezeichnen.[9]

Es wird also eine logische Schlussfolgerung, dass die Trennung von Rassismus und Vorurteilen fur eine gutes Verstandnis von Rassismus wichtig ist. Jeder Mensch hat Vorurteile, wichtig ist jedoch, wie man mit ihnen umgeht und, dass man ein Bewusstsein fur den Unterschied des Ver- und Beurteilens von Menschen hat. Beurteilt man einen Menschen unter Miteinbeziehung von Vorurteilen, ist sich jedoch bewusst, dass es nicht richtig ist einen Menschen auf dieser Basis zu bewerten, dann ist das nicht verwerflich. 1st man sich dessen aber nicht bewusst und verurteilt einen Menschen beispielsweise nur wegen seiner Herkunft, dann ist das rassistisch.

2.2 Was ist Rassismus?

Der Begriff „Rasse“ steht in Deutschland meist im Zusammenhang mit der NS-Zeit. Wer Menschen heutzutage in verschiedene „Rassen“ einteilt macht sich damit sofort und eindeutig zum Rassisten. Der in Jamaika geborene britische Sozialwissenschaftler Stuart Hall vertritt einen Theorieansatz des „Rassismus ohne Rassen"[10], also eines Rassismus, der sich nicht zwingend nur gegen eine bestimmte „Rasse“ richten muss. Laut Hall ist Rassismus eine „soziale Praxis, bei der korperliche Merkmale zur Klassifizierung bestimmter Bevolkerungsgruppen benutzt werden"[11]. Hall betont auGerdem: „,Rasse‘ existiert nicht, aber Rassismus kann in sozialen Praxen produziert werden"[12]. Dieser „Rassismus ohne Rassen" wird kultureller Rassismus genannt. Die jeweilige Bedeutung von „Kultur fungiert dabei als ,flexibler MaGstab', der immer wieder (...) von denen festgesetzt wird, die eine Definitionsmacht uber die identifizierte Minderheit beanspruchen"[13], so Astrid Messerschmidt. Um nicht als rassistisch bezeichnet zu werden, wird heutzutage meist der Terminus Kultur verwendet, um angebliche Eigenschaften einer Gesellschaft zu beschreiben. Zudem wird es durch diesen Begriff moglich, Menschen zu kategorisieren und aufgrund ihrer Kultur zu stigmatisieren.

Ebenfalls als wichtig erachte ich die Rassismusdefinition des Historikers Kijan Espahangizi u. a., da sie deutlich macht, dass Rassismus vielseitig und veranderbar ist:

Rassismus ist ein gesellschaftliches Verhaltnis der Fremdmachung, das Menschen in hierarchische Beziehungen zueinander setzt. Dieses Verhaltnis wird immer wieder durch die Aktualisierung eines rassistischen Wissens neu begrundet(...).[14]

Aus der von Hall genannten „Produktion von Rassismus in sozialen Praxen"[15] kann man schlussfolgern, dass dieser verschieden produzierbar ist. Gleichzeitig ergibt sich aus der Definition von Espahangizi u. a., dass sich Rassismus auch durch eine von „Aktualisierung“[16] weiterentwickeln kann.

Dieser Aspekt der Veranderbarkeit von Rassismus ist wichtig, da er verdeutlicht, dass Rassismus in verschiedenen Formen, also verschiedenen „Rassismen“[17] auftreten kann.

Das macht deutlich, dass es eben nicht die eine passende Rassismusdefinition gibt. Denn jede Definition ist in einem bestimmten Kontext besser anwendbar, als in einem anderen.

Der Professor fur Soziologie Wulf D. Hund hat eine vor allem im heutigen Kontext gut anwendbare Definition fur Rassismus formuliert:

[Rassismus, L. G. ] postuliert unterschiedliche Grade des Menschseins, die sich an einer verabsolutierten kulturellen Skala ablesen lassen sollen und fur die naturliche Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen verantwortlich gemacht werden. Diese mussen deswegen (...) ihr minderes Menschsein verkorpern, was sich (...) ihren Korpern in der Regel nicht ohne Weiteres ansehen lasst. (...) [Rassismus, L. G. ] behauptet (...) den (...) sichtbaren Beweis fur die Verbindung klassifizierbarer erblicher biologischer Besonderheiten mit Unterschieden des kulturellen Vermogens gefunden zu haben,[18]

2.3 Was ist Postrassismus?

Sucht man im Internet nach einer Definition fur die Worter „Postrassismus“ Oder „postrassistisch“ wird man nicht fundig. Sucht man jedoch nach einer Definition fur „post-racial“ findet man unter anderem einen Eintrag im Oxford Dictionary, in dem folgende Definition steht: ..Denoting or relating to a period or society in which racial prejudice and discrimination no longer exist"[19]. Postrassistisch bezieht sich also auf eine Zeit/Dauer Oder Gesellschaft, in der rassistische Nachteile und Diskriminierung nicht langer existieren.[20]

3. Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und der Teilung Deutschlands in die verschiedenen Besatzungszonen hatten die Siegermachte das Ziel einer politischen Sauberung Deutschlands, um den Nationalsozialismus aus den Kopfen der Menschen zu tilgen. Der Historiker Michael Wildt thematisiert in dem Artikel Verdrangung und Erinnerung die Entnazifizierung in Deutschland. Laut Wildt lieGen die Amerikaner in ihrer Besatzungszone ca. 13 Millionen Fragebogen mit 131 Fragen austeilen, von denen jedoch nur wenige bearbeitet werden konnten.[21] Denn zunachst sollten die Minderverdachtigen vom Vorwurf der Mittaterschaft freigesprochen werden, weshalb die Falle der Hauptverdachtigen meist aufgeschoben wurden.[22] Das bewirkte jedoch, wie Wildt betont, nach einiger Zeit das Gegenteil, denn als die Falle der Hauptverdachtigen hatten bearbeitet werden mussen „erschien die Praxis der Entnazifizierung im sich verscharfenden Kalten Krieg (...) nicht mehr so wichtig"[23]. Da die Deutschen jeweils Bundnispartner werden sollten, sah man sie nicht mehr als Gegner an, weshalb selbst Hauptschuldige in den Prozessen milde Urteile erhielten.[24] Durch unter ehemaligen Nationalsozialisten gegenseitig ausgestellte Entlastungszeugnisse wurde die geplante politische Sauberung zu einer „WeiGwasche fur ehemalige Mittater und Mitlaufer"[25], so Wildt.

Gesellschaftlich ist die von der Historikerin Annegret Ehmann und dem Professor fur Sozialkunde Hanns-Fred Rathenow im Beitrag Nationalsozialismus und Holocaust in der historisch-politischen Bildung beschriebene Re-education wichtig. Durch die Re-education sollte dafur gesorgt werden, dass insbesondere aus den Kopfen der zuvor vom NS-Regime instrumentalisierten Jugend die nationalsozialistische Ideologie getilgt werden wurde.[26]

[...]


[1] Martin Klingst: Das post-rassistische Zeitalterist noch fern (Zeit Online).

URL: http://www.zeit.de/politik/ausland/2009-09/obama-rassismus-usa (12.03.17).

[2] Marc Pitzke: Obama und Ferguson-Unruhen (Spiegel Online).

URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/barack-obama-und-die-unruhen- in-ferguson-der-gehemmte-us-praesident-a-987043.html (12.03.17).

[3] Jan Jetter: NS-Zeit thematisieren?,,Nicht schon wieder...“ (Zeit Online).

URL: http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2007/11/22/ns-zeit-thematisieren- nicht-schon-wieder_118(12.03.17).

[4] Christian Staas: Was geht mich das noch an? (Zeit Online).

URL: http://www.zeit.de/2010/45/Erinnern-NS-Zeit- Jugendliche/komplettansicht (12.03.17).

[5] Sow, Deutschland Schwarz Weiss, S. 78.

[6] Messerschmidt, Postkoloniale Erinnerungsprozesse, S. 43.

[7] Messerschmidt, Rassismusanalyse, S. 63.

[8] Ebd.

[9] WeiB, Antirassistisches Engagement und strukturelle Dominanz, S. 278.

[10] Siehe auch Balibar/Wallerstein, Rasse Klasse Nation.

[11] Hall, RassismusalsideologischerDiskurs, S. 913.

[12] Ebd.

[13] Messerschmidt, Rassismusanalyse, S. 64.

[14] Espahangizi u. a., Rassismusin derpostmigrantischen Gesellschaft, S. 11.

[15] Vgl. Hall, Rassismus als ideologischerDiskurs, S. 913.

[16] Espahangizi u. a., Rassismusin der postmigrantischen Gesellschaft, S. 11.

[17] Vgl. Messerschmidt, Rassismusanalyse, S. 69.

[18] Hund, Rassismus, S. 12-15.

[19] o. V.: post-racial (o. D.), In: OxfordDictionaries.

URL: https://en.oxforddictionaries.com/definition/us/post-racial (12.03.17).

[20] Ubersetzung von Lasse Gohlke

[21] Vgl. Wildt, Verdrangung undErinnerung, S. 70.

[22] Vgl. Ebd.

[23] Ebd.

[24] Vgl. Ebd.

[25] Ebd.

[26] Vgl. Annegret Ehmann/Hanns-Fred Rathenow: Nationalsozialismus und Holocaust (Lernen aus der Geschichte). URL: http://lernen-aus-der- geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/8166 (12.03.17).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Deutschland: Eine postrassistische Gesellschaft?
Untertitel
Untersuchung vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit
Note
12 Punkte
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V412940
ISBN (eBook)
9783668641259
ISBN (Buch)
9783668641266
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutschland, eine, gesellschaft, untersuchung, hintergrund, auseinandersetzung, vergangenheit, vergangenheitsbewältigung, nationalsozialismus, NS, rassismus, postrassismus, postrassistisch
Arbeit zitieren
Lasse Gohlke (Autor), 2017, Deutschland: Eine postrassistische Gesellschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412940

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