Diskriminierung psychisch erkrankter Menschen. Wie können die Medien zu einer besseren Integration von Betroffenen beitragen?


Bachelorarbeit, 2017

62 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen
2.1 Die Begriffe „Stigma“, „Stigmatisierung“ und „Diskriminierung“
2.2 Der Prozess der Stigmatisierung und Diskriminierung
2.3 Ursachen und Funktionen von Stigmata
2.4 Das Stigma „psychisch krank“ und seine stereotypischen Vorstellungen
2.5 Arten und Folgen von Stigmatisierung und Diskriminierung für die Betroffenen
2.6 Resümee

3 Die Kontextualisierung von psychisch erkrankten Menschen in modernen Medien
3.1 Darstellungen psychisch erkrankter Menschen in Printmedien
3.2 Darstellungen psychisch erkrankter Menschen in Filmen und Fernsehprogrammen
3.3 Das Internet als Möglichkeit der Entstigmatisierung psychisch kranker Menschen
3.4 Resümee

4 Bekämpfung von Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Stigmatisierungsprozess

Abbildung 2: Die vier Dimensionen des Stigmas aus Sicht psychisch erkrankter Menschen

Abbildung 3: Die Vier Dimensionen des Stigmas aus Sicht der Angehörigen

Abbildung 4: Stress

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Negative Auffassungen über Personen mit verschiedenen psychischen Erkrankungen

Tabelle 2: Anzahl der Texte entsprechend den diskutierten Absturzursachen und der Einordnung des Absturzes als „Suizid“ insgesamt und im zeitlichen Verlauf.

1 Einleitung

Die Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch kranker Menschen ist eine Thematik, derer ein Großteil der Bevölkerung sich kaum bewusst ist und deshalb in der öffentlichen Meinung kaum Beachtung findet. Gegenüber psychisch erkrankten Menschen bestehen seitens der Bevölkerung viele Vorurteile und stereotypische Vorstellungen über das Verhalten, Aussehen und die Behandlung von psychisch Erkrankten, sowie über psychiatrische Einrichtungen und Behandlungsmethoden psychischer Krankheiten.

Viele dieser Stereotypen entstehen durch falsche oder verzerrte Darstellungen in Zeitungsartikeln, Spielfilmen oder Fernsehsendungen. Zusätzlich dazu werden psychische Krankheiten aufgrund ihrer zahlreichen Variationen oft dazu genutzt, mysteriöse oder unverständliche Gewalt- bzw. Kriminalverbrechen zu erklären.

Die Vorurteile bedeuten sowohl für die betroffenen Erkrankten, als auch für ihre Angehörigen oft massive Benachteiligungen im alltäglichen Leben. Neben der Belastung durch die psychische Erkrankung, kommt es häufig zu Diskriminierung durch die Bevölkerung, psychiatrisches Hilfspersonal oder staatliche und private Institutionen.

Diese Arbeit soll im Einzelnen darlegen, inwiefern die vorhandene Stigmatisierung und Diskriminierung, insbesondere durch Mediendarstellungen, psychisch erkrankter Menschen daran hindert, sich in die allgemeine Bevölkerung zu integrieren.

Um einen Einstieg in die Thematik der Stigmatisierung zu gewährleisten, sollen zu Beginn die Begrifflichkeiten „Stigma“, „Stigmatisierung“ und „Diskriminierung“ definiert werden (2.1). Anschließend wird der Prozess der Stigmatisierung und Diskriminierung (2.2) erläutert, sowie mögliche Ursachen und Funktionen von Stigmata (2.3) betrachtet. Diese drei Kapitel bilden die Grundlage für das Kapitel über das Stigma „psychisch krank“ und seine stereotypischen Vorstellungen (2.4), in dem erläutert werden soll, mit welchen Vorurteilen psychisch Erkrankte in der Öffentlichkeit zu kämpfen haben und was die Ursachen dafür sind. Um Gründe für das Vorherrschen von stereotypischen Vorstellungen zu suchen, wird zunächst das Laienbild über psychische Erkrankungen (2.4.1) untersucht. Aufschluss über das Laienbild soll der Bekanntheitsgrad von psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung (2.4.1.1) liefern, sowie regelmäßig auftretende Einstellungsmuster gegenüber psychisch erkrankten Menschen (2.4.1.2). Zusätzlich sollen Erfahrungsberichte von Betroffenen des Stigmas „psychisch krank“ (2.4.2) dargestellt werden, um das Ausmaß des Stigmas auf das Leben der Stigmatisierten klarzustellen. Hierzu wird eine differenzierte Darstellung der Erfahrungsberichte zum einen aus der Sicht der psychisch Erkrankten (2.4.2.1) und den Angehörigen von psychisch Erkrankten (2.4.2.2) vorgenommen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurden Erfahrungsberichte vom psychiatrischen Hilfspersonal in dieser Arbeit ausgeschlossen. Die Erfahrungsberichte der Betroffenen sollen dabei helfen, die verschiedenen Arten und resultierende Folgen von Stigmatisierung (2.5) nachvollziehen zu können. Die Ergebnisse aus dem zweiten Hauptkapitel dieser Arbeit, werden anschließend noch in einem Resümee (2.6) zusammenfassend dargestellt.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich vor allem mit der Kontextualisierung von psychisch Kranken in modernen Medien (3.). Es soll dargestellt werden, wie moderne Medien zur Stigmatisierung psychisch Erkrankter beitragen können. Stigmatisierung, die von Printmedien (3.1) ausgeht, soll anhand des aktuellen Beispiels des „Germanwings“-Flugzeugabsturzes aus dem Jahre 2015 dargestellt werden. Weiterhin werden Stigmatisierungseffekte untersucht, die von Film- und Fernsehprogrammen ausgehen (3.2.). Abschließen soll die Sonderrolle des Internets (3.3) als letzte Form der modernen Medien erläutert werden und wie es möglicherweise zu einer Entstigmatisierung beitragen kann. Die wichtigsten Erkenntnisse werden wie zuvor am Ende des Hauptkapitels in einem Resümee (3.4) dargestellt.

Um die Arbeit inhaltlich abzurunden, werden im Kapitel zur Bekämpfung von Stigmatisierung und Diskriminierung (4.) zwei mögliche Ansätze zur Reduktion von Stigmatisierungseffekten dargestellt und auf ihre Effektivität hin beurteilt.

2 Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen

2.1 Die Begriffe „Stigma“, „Stigmatisierung“ und „Diskriminierung“

Die Thematik dieser Arbeit beschäftigt sich überwiegend mit der Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch erkrankter Menschen und wie diese Prozesse die Integration dieser Personengruppe erschweren. Deshalb ist es zunächst sinnvoll die Begriffe „Stigma“, „Stigmatisierung“ und „Diskriminierung“ zu beleuchten, um den Kern der Arbeit besser erfassen zu können.

Zu Beginn soll eine Definition des Begriffes „Stigma“ erfolgen, dessen Bedeutung sehr gut von Erving Goffman im Jahre 1967 dargestellt wurde.

Um sich dem Begriff des Stigmas zu nähern, soll zunächst seine Herkunft geklärt werden. Der Begriff „Stigma“ geht zurück auf die Zeit des antiken Griechenlands. Verwendet wurde er als Zeichen oder Verweis auf körperliche Zeichen, die Ungewöhnliches oder Schlechtes über den Zeichenträger offenbaren sollten. Der wesentliche Zweck bestand darin, ansonsten verborgene Eigenschaften hervorzuheben. Oft wurden diese Zeichen in den menschlichen Körper eingebrannt oder geschnitten und wiesen darauf hin, dass der Träger ein Sklave, ein Verbrecher oder ein Verräter war, die von der öffentlichen Gesellschaft gemieden werden sollten (vgl. Goffman, 1967: 9).

Heutzutage wird der Begriff jedoch eher in seinem ursprünglich wörtlichen Sinne verwendet, womit „[...] eher auf die Unehre selbst als auf deren körperliche Erscheinungsweise [...]“ (Goffman, 1967: 9) hingewiesen werden soll (vgl. Grausgruber, 2005).

Eine sehr treffende und moderne Definition, auch im Hinblick auf den Titel dieser Arbeit, liefert das Wörterbuch für Soziologie für den Begriff „Stigma“:

„Stigma (lat.=Brand-, Schandmal), physisches oder soziales Merkmal, durch das eine Person sich von allen übrigen Mitgliedern einer Gruppe (oder Gesellschaft) negativ unterscheidet und aufgrund dessen ihr soziale Deklassierung, Isolation oder sogar allgemeine Verachtung droht (Stigmatisierung). Zumindest eingeschränkte soziale Kommunikation und Akzeptierung erleiden z. B. Blinde, Vorbestrafte, psychisch Kranke, Angehörige radikaler oder als radikal eingestufter Glaubensgemeinschaften, Parteien oder Subkulturen, mitunter auch (je nach vorherrschender weltanschaulich-politischer Strömung) Vertreter abweichender Auffassungen, Wertorientierungen, Meinungen und Zielvorstellungen.“ (Hillmann 2007: 864)

Der Begriff „Stigma“ beschreibt somit ein Merkmal, welches eine Person vom Rest der Gesellschaft im negativen Sinne unterscheidet und zur Isolation oder sogar sozialer Verachtung führt. Dieser Vorgang der sozialen Isolation und Verachtung aus einem Stigma heraus, wird auch als „Stigmatisierung“ bezeichnet. Wie bereits oben erwähnt, ist die Definition des Wörterbuchs der Arbeit sehr zuträglich, da bereits vom Hauptpersonenkreis dieser Arbeit - psychisch erkrankten Menschen - gesprochen wird.

Der Begriff „Diskriminierung“ wird häufig im Zusammenhang mit Stigmatisierung gesehen und in der Soziologie im engeren Sinne meist als reine Benachteiligung einer Person (Personenkreis) aufgrund einer (meist negativen) Bewertung gesehen (Galliker & Wagner, 1995). Die negative Bewertung und damit einhergehenden Diskriminierung einer Person beruht oft auf einem vorher zugewiesenem Stigma. Häufige Gründe für Diskriminierung sind z. B. die Hautfarbe einer Person, die ethnische Herkunft oder das Geschlecht (vgl. Bundesgesetzblatt, 1968: 385 f.).

Diskriminierung ist somit als eine Ungleichbehandlung oder Herabsetzung von Personen zu verstehen und entsteht aus einer Maßgabe von Normen- und Wertvorstellungen und wird durch unreflektierte oder auch unbewusste Einstellungen und Vorurteile gegenüber der diskriminierten Person oder Personengruppe hervorgerufen (vgl. Hillman, 2007: 155).

2.2 Der Prozess der Stigmatisierung und Diskriminierung

Die wichtigsten Begrifflichkeiten wurden im letzten Abschnitt bereits definiert. Nun stellt sich die Frage, wie ein Stigma zustande kommt. Weiterführend soll auch erläutert werden, wie sich aus dem Stigma eine Stigmatisierung und Diskriminierung entwickelt.

Um die Entstehung von Stigmata in der Gesellschaft zu erläutern empfiehlt sich der Ansatz von Goffman (1967), den er im Rahmen seiner Etikettierungstheorie verwendet. Es wird davon ausgegangen, dass die Gesellschaft Mittel schafft, Personen zu kategorisieren. Komplette Sätze von Attributen werden hierbei Personen derart zugeschrieben, als dass sie für die jeweilige Kategorie als gewöhnlich und natürlich empfunden werden. Diese Kategorisierung soll den sozialen Ablauf der Gesellschaft vereinfachen und die Möglichkeit schaffen, jeweiliges Verhalten einer kategorisierten Person mühelos zu antizipieren (vgl. Grausgruber, 2005: 20).

Grundvoraussetzung für die Antizipation sind persönliche normative Erwartungen und Vorstellungen, die an die jeweilige Kategorie gestellt wird. Unbewusst werden diese Erwartungen zu Forderungen an die Kategorie, wobei die Personen sich häufig nicht bewusst sind, dass sie sie tatsächlich gestellt haben, bis die Frage auftaucht, ob sie erfüllt sind. Genau an dieser Stelle unterscheidet Goffman (1967) zwischen der „virtualen“ und „aktualen“ sozialen Identität. Die virtuale soziale Identität beschreibt hierbei die der Person zugeschriebenen Attribute aufgrund ihrer Kategorie, während die aktuale soziale Identität die tatsächlich vorhandenen Attribute der Person sind. So kann es passieren, dass beim Aufeinandertreffen mit einer Person, diese eine Eigenschaft besitzt, die von seiner Personenkategorie abweicht. Goffman beschreibt dies folgendermaßen:

„Ein solches Attribut ist ein Stigma, besonders dann, wenn seine diskreditierende Wirkung sehr extensiv ist; manchmal wird es auch ein Fehler genannt, eine Unzulänglichkeit, ein Handikap. [...] Der Terminus wird also in Bezug auf eine Eigenschaft gebraucht werden, die zutiefst diskriminierend ist, [...].“ (Goffman, 1967:11)

Zusammengefasst bedeutet dies also, dass ein Stigma aus der Diskrepanz zwischen der virtualen und aktualen sozialen Identität entsteht.

Allerdings ist an dieser Stelle von der Diskrepanz die Rede, die eine zutiefst diskreditierende Eigenschaft beschreibt, da noch weitere Diskrepanzen zwischen der virtualen und aktualen sozialen Identität existieren. Beispielsweise veranlasst eine andere Diskrepanz ein Individuum unter Umständen dazu, eine Person in eine andere soziale Kategorie einzustufen, als sie vorher war bzw. die Forderungen an eine Kategorie nach oben oder unten zu korrigieren (vgl.Goffman, 1967: 11).

Wie sich die in ein Stigma mündende Diskrepanz zwischen der virualen und aktualen sozialen Identität im Verhältnis zu anderen Individuen äußert, gibt Goffman wie folgt an:

„Ein Individuum, das leicht in gewöhnlichen sozialen Verkehr hätte aufgenommen werden können, besitzt ein Merkmal, das sich der Aufmerksamkeit aufdrängen und bewirken kann, daß wir uns bei der Begegnung mit diesem Individuum von ihm abwenden, wodurch der Anspruch, den seine anderen Eigenschaften an uns stellen, gebrochen wird. Es hat ein Stigma, das heißt, es ist in unerwünschter Weise anders, als wir es antizipiert hatten. Uns und diejenigen, die von der jeweils in Frage stehenden Erwartung nicht negativ abweichen, werde ich die Normalen nennen.“ (Goffman, 1967: 13)

Goffman beschreibt hier also den Unterschied zwischen den Individuen, die von den Erwartungen abweichen, und schafft einen Begriff für diejenigen, die eben gerade nicht stigmatisiert bzw. nicht von den Erwartungen abweichen, und bezeichnet diese als die „Normalen“.

Nach der Feststellung des Stigmas vollzieht sich weiterführend der Stigmatisierungs-Prozess, welcher der gesamten Personenkategorie einen Oberbegriff, aufgrund eines ursprünglichen Stigmas, zuordnet.

„Wir konstruieren eine Stigma-Theorie, eine Ideologie, die ihre Inferiorität erklären soll; manchmal rationalisieren wir derart eine Animosität, die auf anderen Differenzen - wie zum Beispiel sozialen Klassendifferenzen - beruht. In unserer täglichen Unterhaltung gebrauchen wir spezifische Stigmatermini wie Krüppel, Bastard, Schwachsinniger, Zigeuner als eine Quelle der Metapher und der Bildersprache, bezeichnenderweise ohne an die ursprüngliche Bedeutung zu denken. Wir tendieren dazu, eine lange Kette von Unvollkommenheiten auf der Basis der ursprünglichen einen zu unterstellen [...].“ (Goffman, 1967: 14)

In Bezug auf psychisch erkrankte Menschen (wie auch andere stigmatisierte Minderheiten) bedeutet dies, dass die Stigmatisierung einen relationalen Prozess darstellt (vgl. Grausgruber, 2005: 21).

Zusammengefasst lässt sich somit feststellen, dass die Beobachtung negativer Merkmale[1] bei Personen zur Stigmatisierung führt, wenn über diese Merkmale hinaus, noch weitere negative Attribute hinzugefügt werden. Während und nach Abschluss des Stigmatisierungsprozesses reagieren die Stigmatisierenden auf die Träger und Trägerinnen des Stigmas mit sozialer Ausgrenzung und schließlich mit Diskriminierung (vgl. Lösel, 1975: 25 f.).

Folgende Prozessstruktur entwickelte Lösel (1975) im Rahmen einer Untersuchung des Stigmatisierungsprozesses bei Schülern während der Schulzeit. Der Prozess ist jedoch sehr allgemein gefasst und lässt sich deshalb ohne weiteres auch auf psychisch erkrankte Menschen beziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Stigmatisierungsprozess

(In Anlehnung an Lösel, 1975: 25)

Ein wichtiger Aspekt der obigen Darstellung ist die Rollenübernahme der psychisch erkrankten Menschen. In der Regel wissen die Betroffenen über das vorurteilbehaftete Bild psychisch Kranker in der Öffentlichkeit und reagieren darauf mit sozialem Rückzug (vgl. Goffman, 1967: 22 f.). Aus diesem sozialen Rückzug kann letztlich das Phänomen der Selbststigmatisierung entstehen. Die Betroffenen beginnen in Folge einer Diagnose der psychischen Erkrankung, sich mit der Gruppe der psychisch Kranken zu identifizieren und werden anfangen, die internalisierten Bilder und Vorstellungen auf sich selbst zu beziehen. Diese Selbststigmatisierung führt bei den betroffenen Personen unter anderem zu niedrigem Selbstvertrauen, geringeres Selbstbewusstsein, Schamgefühl und Versagensängste (vgl. Miller, 2011: 10). Weiterführend wird dieses Thema jedoch im Kapitel 2.5 Arten und Folgen von Stigmatisierung und Diskriminierung behandelt.

2.3 Ursachen und Funktionen von Stigmata

Da nun der wesentliche Stigmatisierungsprozess beleuchtet wurde, ist es weiterhin von Wichtigkeit, dass das Phänomen der Stigmatisierung dahingehend untersucht wird, welche Entstehungsursachen auftreten könnten.

Grundlegende Arbeiten auf dem Gebiet von Ursachen und Funktionen von Stigmata stammen von Hohmeier (1975). Er stellt Hypothesen für die Herausbildung von Stigmata auf und definiert folgende Voraussetzungen für deren Entstehung an: Ein Stigma trägt zum Stigmatisierungsprozess bei, wenn mit einer Generalisierung die Übertragung eines einzelnen Merkmals bzw. zusätzlichen negativen Attributen auf die gesamte Person verbunden ist (Hohmeier, 1975). Eng mit dem Stigmatisierungsprozess einhergehend sieht Hohmeier den Wunsch nach Individualität, Unterscheidung und Abgrenzung, wobei die Orientierung an Vorurteilen eine Art Entlastungsfunktion[2] darstellt. Zusätzlich muss für die Stigmatisierung einer Person eine Abweichung von einer allgemeingültigen Norm vorliegen, wobei jedoch nicht jeder Normbruch mit einer Stigmatisierung einhergeht. Ausschlaggebend für das Auslösen einer Stigmatisierung sind die Verbindlichkeit und Verbreitung der Norm. Des Weiteren hält Hohmeier das Eingreifen von Sanktionsinstanzen oder das Verhalten gesellschaftlicher Gruppen, deren Interessen betroffen sind, für bedeutsam. In diesem Fall ist der Prozess der Stigmatisierung abhängig von den Machtverhältnissen der agierenden Gruppen. Ist ein Machtgefälle zwischen Stigmatisierten und Stigmatisierenden vorhanden, gelingen Ausgrenzung und Stigmatisierung leichter (vgl. Hohmeier, 1975). Gerade dieser Punkt wird bei der späteren Betrachtung der Stigmatisierung von Patienten einer psychiatrischen Klinik durch das Personal wichtig.

Um die sozialen Funktionen von Stigmata näher zu erläutern ist es sinnvoll, eine Unterscheidung zwischen der Individuumsebene (Mikroebene) und der gesellschaftlichen Ebene (Makroebene) vorzunehmen. Auf der Mikroebene stellen Stigmata und Vorstellungen von Normalität für den Einzelnen eine Orientierungsmöglichkeit innerhalb sozialer Interaktionsgefüge dar. Bestimmte Vorstellungen und Erwartungen auf Attribute und Handlungen des Interaktionspartners bezogen, lassen anhand nur weniger Merkmale Vermutungen über die andere Person zu. „Stigmata strukturieren damit Situationen im Voraus und erleichtern die Einstellung darauf; „[...] Zugleich beeinflussen Stigmata aber - und das ist die andere Seite der „Entlastung“ - die Wahrnehmung in Richtung einer Selektion und Verzerrung und machen so neue Erfahrungen unmöglich.“ (Hohmeier, 1975) Tiefenpsychologisch dienen Stigmata als Entlastung, mit der sich Aggressionen in eine bestimmte Richtung kanalisieren lassen können (vgl. Hohmeier, 1975).

Oft werden Stigmatisierungen auch zur Identitätssicherung genutzt, da eine Begegnung mit Stigmatisierten oder stigmatisierbaren Individuen häufig eine Bedrohung der eignen Identität darstellt, in dem man sich unter Umständen eigenen Abweichungstendenzen bewusst wird. Durch die Abgrenzung und Klarstellen der eigenen Normalität und der Ablehnung des anderen, kann ein Gleichgewicht wiederhergestellt werden. (vgl. Hohmeier, 1975). Ein sozialpsychologischer Ansatz der Stigmaforschung beschäftigt sich mit Stigmata unter dem Begriff „Terror-Management“. Die Annahme besteht hierbei, dass der Mensch in einer für ihn unkontrollierbaren Umwelt lebt und diese Erkenntnis zu Angst führt. Um dieser Angst entgegen zu wirken nutzt der Mensch Mittel zur Strukturierung und Ordnung der Welt. Stigmatisierungen erfolgen hier als Mittel, um abweichende Individuen und Gruppe zu kennzeichnen, die einer Übersichtlichkeit und Vorhersehbarkeit von Handlungen mit ihren Idealen entgegenstehen (vgl. Crocker, et al., 1998).

Zusätzlich zur Strukturierung der gesellschaftlichen Umwelt zieht der Mensch noch eine weitere Funktion aus Stigmata. Der Mensch versucht mit Hilfe von Stigmata seinen Selbstwert zu steigern, indem er seinen Status und seine Ziele mit denen anderer Personen oder Gruppen vergleicht[3] (vgl. Crocker, et al., 1998: 508). Wenn der Vergleich positiv für das Individuum ausfällt, also die andere Person oder Gruppe als „schlechter“ gesehen wird, kann sich das Individuum selbst als besser oder wertvoller als die Person oder Gruppe sehen und steigert somit sein Selbstwertgefühl. Der gleiche Mechanismus funktioniert bei Gruppen, die sich als wertvoller erachten, wenn sie andere Gruppen stigmatisieren und diskriminieren. Wettbewerbssituationen bei denen Gruppen unter Druck oder Angst stehen, begünstigen diesen Mechanismus (vgl. Hohmeier, 1975).

Auf der Individuumsebene wurde deutlich, dass Stigmata eine regulierende Funktion zugeschrieben wird. Ähnlich ist dies auf die Gesellschaftsebene zu übertragen. Stigmata können neben Normen, Werten und Einstellungen eine wichtige Strukturierungsgröße zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen darstellen (vgl. Grausgruber, 2005: 26). Des Weiteren kann eine sog. Systemstabilisierungsfunktion unterstellt werden, nach der Stigmata den Zugang zu knappen Gütern wie Belohnungen, Status, Berufs- und Lebenschancen regeln. Darüber hinaus dienen Stigmata ebenfalls zur gänzlichen Systemrechtfertigung, um über Stigmatisierungsprozesse eine Ungleichbehandlung und unterschiedliche Positionierung von Gruppen der Gesellschaft zu legitimieren. Das zuvor angesprochene Machtgefälle zwischen Gruppen kommt hier zum Tragen, da sich Diskriminierung oder Privilegien leichter legitimieren lassen, wenn eine Gruppe mit weniger Macht ausgestattet ist (vgl. Grausgruber, 2005: 26). Aus dieser Teilung der Gesellschaft in Stigmatisierte und Nicht-Stigmatisierte ergibt sich das Prinzip der Normkonformität. Für Nicht-Stigmatisierte ergeben sich aus ihrer Gruppenzugehörigkeit des „Normalseins“ diverse Vorteile, sodass es für die Angehörigen dieser Gruppe durchaus Sinn ergibt, normkonform zu leben, da ihnen andernfalls ein Verlust dieser Vorteile oder selbst Stigmatisierung droht.

Die genannten Aspekte machen deutlich, dass Stigmata im Zusammenleben der Menschen wesentliche Funktionen einnehmen können. Im Besonderen ist festzustellen, dass vor allem solche Unterschiede öffentliche Stigmatisierungen auslösen, die gerade als sozial relevant gelten. Im Wesentlichen sind damit psychische Erkrankungen gemeint. Hierbei ist jedoch die Trennlinie zwischen seelischer Gesundheit und Krankheit oft unklar, weshalb eine genaue Abgrenzung kaum möglich ist (vgl. Rüsch, et al., 2005: 222).

2.4 Das Stigma „psychisch krank“ und seine stereotypischen Vorstellungen

Im folgenden Abschnitt soll dargelegt werden, warum das Stigma „psychisch krank“ nach wie vor in der Bevölkerung mit negativen, stereotypischen Vorstellungen verknüpft ist. Häufig sind diese Vorstellungen und Vorurteile mit mangelnder Kenntnis über psychische Krankheiten oder, wie in Kapitel 3 dieser Arbeit weiter erläutert wird, durch Stigmatisierung seitens der Medien untermauert. Stereotype Krankheitsvorstellungen der Menschen und die damit verbundenen Vorurteile werden bereits seit den 70er Jahren als ein Hindernis für eine bedarfsgerechte Realisierung gemeindenaher Versorgungskonzepte angesehen (vgl. Möller-Leimkühler, 2005: 40).

2.4.1 Das Bild von psychischen Erkrankungen aus Sicht von Laien

Der Begriff der psychischen Krankheit ist auch heutzutage noch sehr ungenau definiert und für Laien ist die Trennlinie zwischen seelischer Gesundheit und psychischer Erkrankung (vgl. Rüsch, et al., 2005: 222) kaum zu unterscheiden. Dies rührt nicht zuletzt von mangelnder Kenntnis über die Symptome diverser psychischer Erkrankungen, als auch von der Kenntnis über die Krankheit als psychische Erkrankung selbst. Wie sich im Folgenden herausstellen wird, werden viele psychische Erkrankungen von Laien nicht als solche wahrgenommen. Um den Wissensstand der Bevölkerung darzustellen, sollte also zunächst der Bekanntheitsgrad unterschiedlicher psychischer Erkrankungen erfragt werden.

Bekanntheitsgrad psychischer Erkrankungen

Zur Feststellung des Bekanntheitsgrades psychischer Erkrankungen wird eine Befragung der Bevölkerung in England und Neuseeland aus dem Jahre 1996 herangezogen (vgl. Wolff, 1996; zit. n. Zäske, et al., 2005: 63). Das Ergebnis der Befragung war, dass ungefähr ein Fünftel der Befragten keine oder lediglich eine psychische Erkrankung namentlich benennen konnten. Die restlichen 60 % konnten mehr als eine Diagnose benennen wobei die häufigsten genannten Erkrankungen folgende waren:

- Schizophrenie (74 %)
- Depression (39 %)
- Manische Depression (19 %)
- Paranoia (13 %)

Schizophrenie scheint somit über den größten Bekanntheitsgrad zu verfügen, gefolgt von den affektiven Störungen Depression und Manische Depression (vgl. Zäske, et al., 2005: 63). Eine weitere Befragung (Ng, et al., 1995; zit. n. Zäske, et al., 2005: 63) soll Aufschluss darüber geben, in wieweit Laien aufgeführte Begriffe bei einer vorgelegten Liste einer psychischen Erkrankung zuordnen konnten:

- Schizophrenie (95 %)
- Demenz (71%)
- Anorexie (68 %)
- Depressionen, Zeitraum über einen Monat (57 %)
- Kindesmissbrauch (51 %)
- Alkoholismus (32 %)
- Spielsucht (29 %)
- Homosexualität (9 %)

Eine weitere Erkenntnis der Studie war eine Auswahl bestimmter Begriffe anhand des Ausbildungsstandes der Befragten. So führte eine bessere Ausbildung bei den Begriffen Spielsucht, Alkoholismus, Depression und Anorexie zu einer Einordnung als psychische Krankheit und gleichzeitig wurde Homosexualität deutlich weniger als psychische Erkrankung eingeordnet. Der Befragung kann also entnommen werden, dass der Bildungsstand ein Indikator für das Verständnis und Wissen der Befragten um psychische Krankheiten darstellt (Zäske, et al., 2005: 63).

Weiterführend wurde in der Befragung von Wolff (1996) erfragt, ob und woran man erkennen könnte, ob jemand unter einer psychischen Krankheit leidet. Von den Befragten glaubten 78 % dies anhand folgender Aspekte erkennen zu können:

- Seltsames Verhalten (73 %)
- Sonderbare Sprache (63 %)
- Kleidung (32 %)
- Gesichtsausdruck (25 %)
- Aggressivität (24 %)

Demnach verband über die Hälfte der Befragten seltsames Verhalten und sonderbare Sprache mit psychischer Krankheit. Beides sind Aspekte die eher mit einer schizophrenen Erkrankung als beispielsweise mit einer Depression verbunden werden. Hier findet sich abermals die anscheinend hohe Verknüpfung zwischen den Begriffen psychischer Krankheit und Schizophrenie bei den Laien. Auch wenn diese Untersuchungen in England und Neuseeland durchgeführt wurden, so gibt es doch Hinweise darauf, dass im deutschsprachigen Raum Depression im Vergleich zu Schizophrenie ebenfalls seltener als Krankheit angesehen wird (vgl. Lauber, et al., 2002: 99; vgl. Zäske, et al., 2005: 63).

[...]


[1] Bei psychisch erkrankten Menschen können diese Merkmale bereits aus Verhaltensauffälligkeiten und Kommunikationsschwierigkeiten bestehen, welche später zur Diagnose einer psychischen Erkrankung genutzt werden

[2] Stereotypen und Vorurteile sind äußerst resistent gegen Veränderungen, da diese die Persönlichkeitsstruktur betreffen. Die Entlastungsfunktion soll dazu dienen, die eigenen Vorurteile zu rechtfertigen und soziale Normierungen vorzunehmen, die dem Menschen in dieser Sichtweise zur Entlastung bei Entscheidungen dienen (vgl. Rehberg, 1999)

[3] downward comparison theroy - Theorie des sozialen Vergleichens. Menschen versuchen Informationen über das eigene Selbst durch den Vergleich mit anderen zu erlangen (Mussweiler, 2003)

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Diskriminierung psychisch erkrankter Menschen. Wie können die Medien zu einer besseren Integration von Betroffenen beitragen?
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
62
Katalognummer
V412986
ISBN (eBook)
9783956873836
ISBN (Buch)
9783956873850
Dateigröße
6706 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychisch, psychische Erkrankung, Stigmatisierung, Diskriminierung, psychisch erkrankter Menschen, Kontextualisierung, Stereotypen, Integrationshindernis, Medien, Stigma, Stigmata, Film, Printmedien, Goffman, Integration, Inklusion
Arbeit zitieren
Bastian Anders (Autor), 2017, Diskriminierung psychisch erkrankter Menschen. Wie können die Medien zu einer besseren Integration von Betroffenen beitragen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412986

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