Ursachen und mögliche Grenzen gesellschaftlicher Kommerzialisierungsprozesse


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Entwicklung und strukturelle Ursachen des Kommerzialisierungsdrangs

3. Kommerzialisierung in der Praxis
3.1 Der Gesundheitssektor als Beispiel
3.2 Diskussion möglicher Grenzen

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann“ erhebt Michael J. Sandel den Anspruch, die moralischen Grenzen des Marktes zu erkunden (Sandel 2012). Anhand empirischer Beispiele zeigt der Autor, dass der Charakter einer Dienstleistung bzw. eines Gutes in dem Moment eine Veränderung erfährt, in dem diese zu einer, auf dem Markt gehandelten und mit Geld zu erwerbenden, Ware gemacht wird. Allgemein ist der Prozess der Ausdehnung des Marktes, im folgenden als „Kommerzialisierung“ bezeichnet, ein bekanntes Phänomen der heutigen Gesellschaft. Trotz der kritischen Einschätzung Sandels scheint bisher jedoch keine Trendwende im Sinne einer verlangsamten oder gar beendeten Kommerzialisierung erkennbar.

Die vorliegende Ausarbeitung stellt daher einen Versuch dar, die Thesen Sandels auf ihre Aktualität und empirische Relevanz zu prüfen und den thematisch begrenzten Fokus (zumindest bezogen auf das behandelte Kapitel 3 seines Buches) um zwei Themenkomplexe zu erweitern. Einerseits soll untersucht werden, worin die systemischen Ursachen zunehmender Kommerzialisierung zu finden sind und sich der Frage zu nähern, wieso eine Trendumkehr bisher nicht erfolgt ist. Darüber hinaus wird eine sektorale Betrachtung vorgenommen, die am Beispiel des Gesundheitssektors eruieren soll, wie sich die Auswirkungen von Kommerzialisierung darstellen und inwiefern hier die moralische Grenze zu finden sein könnte, die Sandel im Untertitel seines Buches impliziert. Auf dieses Weise wird neben der gesellschaftlichen ebenso die unternehmerisch-individuelle Ebene in die Analyse mit einbezogen.

2. Entwicklung und strukturelle Ursachen des Kommerzialisierungsdrangs

Eine Betrachtung der Häufigkeit des Ausdrucks „Kommerzialisierung“ in gedruckten Publikationen zeigt einen deutlichen Anstieg ab 1968 und, trotz zwischenzeitlichem Rückgang, bis heute eine vorher lange unerreichte Relevanz. Noch deutlicher wird dieser Trend im englischsprachigen Raum, wo ein exponentieller Anstieg seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zu konstatieren ist.[1] Es ist nicht anzunehmen, dass Kommerzialisierung als Phänomen auf die vergangenen 60 Jahre beschränkt wäre, eine zeitliche Überschneidung mit wirtschaftlichen Umbrüchen ist jedoch offenkundig. In langfristigerer historischer Perspektive stellt bereits Polanyi eine Korrelation zwischen industrieller Revolution und einer Tendenz des Marktes zur Ausdehnung her (Polanyi 1944/2015: 75ff.). Es scheint also ein systemischer Zusammenhang zwischen Ausdehnung und einem kapitalistisch verfassten Wirtschaftssystem zu bestehen.

Die ursprüngliche Erwartung objektiver Wachstumsgrenzen, die die klassische Nationalökonomie noch bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts geprägt hatte, erwies sich mit fortschreitender Dauer als nicht mehr haltbar (Ziegler 2014: 214ff.). Im Gegenteil, erkennbar war stattdessen eine Selbstpotenzierung des systemischen Wachstumsdranges. Die durch Wachstum erwirtschafteten finanziellen Mittel zu investieren erfordert wiederum neue Wachstumsfelder, sodass das Ergebnis von wirtschaftlichem Wachstum seinerseits neues Wachstum generiert (Ziegler 2014: 49f.). Neben dieser systemischen Begründung wird auf psychologischer Ebene als Ursache des wirtschaftlichen Wachstums angeführt, dass Akkumulation keine Bindung an Bedürfnisse und konkreten Gebrauch aufweise und somit als Selbstzweck fungiere (Ziegler 2014: 81). Wachstum bzw. Marktausdehnung wird also zu einem konstitutiven Element des Kapitalismus erhoben (Deutschmann 2015: 68). Komplementär in diesem Begründungskontext ist die These einer permanenten wirtschaftlichen Überproduktion. Diese fasst, unter der Annahme einer Produktion, die schneller wächst als die Ausdehnung der Märkte vonstatten gehen kann, den inneren Drang des Kapitalismus zur stetigen Ausdehnung zusammen (Engels 1877/1978: 257). Auf diese Weise wurden zu Beginn der Industrialisierung konkurrierende Handwerks- und Kleinbetriebe aus dem Markt gedrängt, ehe die Erschließung neuer geographischer Absatzmärkte in den Fokus rückte (Altvater 2015: 80ff.). Unter dem Begriff „Externalisierungsgesellschaft“ fasst Lessenich die, auch heute noch gültige, Grundlage der kapitalistischen Gesellschaftsformation, ihr eigenes Wohlstands- und Wachstumsmodell zu Lasten primär des Globalen Südens aufgebaut zu haben, der sowohl als Absatzmarkt als auch als Ressourcenquelle fungiert (Lessenich 2016: 26).

Dabei ist der externe räumliche Prozess einer Ausdehnung des Marktes von den kapitalistischen Zentren in die Peripherie nur eine Seite der Medaille, während die innergesellschaftliche Ausdehnung des Marktes deren Gegenpart bildet (Mason 2016: 89; Altvater 2009). Dieser nach innen gerichtete Wachstumsprozess gewinnt vor dem Hintergrund des Wegfalls traditioneller Wachstumsfelder an Relevanz, beispielsweise dadurch, dass unkomplizierte Profite durch bloße Produktionsverlagerung angesichts fortgeschrittener Globalisierung nicht mehr zu erwarten sind. Gleichzeitig weist das Grenzprodukt des Mittelschichtswachstums im Globalen Süden einen abnehmenden Trend auf. Die Stagnation räumlicher Ausdehnungspotenziale wird somit dergestalt kompensiert, dass die Wachstumsdynamik sich zunehmend zugunsten interner Wachstumspotenziale verschiebt (Mason 2016: 149). Neue Märkte durch neue Produkte (Beispiel: Smartphones) zu schaffen, oder Bereiche zu erschließen, in denen vorher kein Geld zu verdienen war (Beispiel: Fußball als Markt) kann daher unter dem Begriff Kommerzialisierung subsumiert und als systemischer, nach innen gerichteter, Ausdehnungsprozess verstanden werden, der die evolutionäre Tendenz des Kapitalismus unterstreicht. Die Kritik am Kommerzialisierungsprozess setzt dabei an unterschiedlichen Bereichen an, die beispielsweise die Wachstumsabhängigkeit des westlichen Wohlfahrtsmodells in den Blick nehmen. So identifiziert Paech einerseits kulturelle Wachstumstreiber wie abnehmenden Grenznutzen, der einen immer höheren Konsum zur Verhinderung von Sättigungserscheinungen nötig macht und andererseits strukturelle Wachstumszwänge. Hierunter wird auch Entgrenzung gefasst, sodass Kommerzialisierung nicht nur ein beobachtbares Phänomen sondern selbst einen strukturellen Wachstumszwang darstellt (Paech 2014: 103ff; Altvater 2009).

Darüber hinaus werden ethische Argumente gegen die Wachstumsdynamik angeführt. Während Sandel in seiner Argumentation Kommerzialisierung unter bestimmten Vorzeichen anhand konkreter Maßstäbe kritisiert (Fairness und Korrumpierung als Bewertungsgrundlage), ist die Kritik anderer Autoren von fundamentalerer Natur. Angeführt wird hier beispielsweise die Tendenz der Herauslösung des Marktes aus gesellschaftlichen Bindungen oder der, von Fred Hirsch 1976 beschriebene, Kommerzialisierungseffekt (Altvater/Mahnkopf 1996: 109). Dieser legt den Schluss nahe, dass eine kommerzielle Grundlage von Austauschbeziehungen, also eine fortschreitende Ökonomisierung der Gesellschaft, kritisch zu betrachten wäre (Sandel 2012: 150f.). Diese, von Skeptizismus geprägte, Betrachtungsweise wird insbesondere dann virulent, wenn es um sensible Bereiche der Gesellschaft geht, die fundamentale Fragestellungen von Gerechtigkeit und Moral tangieren (Sandel 2012: 139f.). Unter eher normativen Gesichtspunkten beschreibt Ziegler die Ausbreitung des Marktes als Prozess der Entindividualisierung und als Unterordnung des Menschen unter funktionelle Aspekte, was zugespitzt wird in der Aussage, die „Privatisierung des Staates zerstört die Freiheit des Menschen“ (Ziegler 2014: 157).

3. Kommerzialisierung in der Praxis

Die öffentliche Diskussion um gesellschaftliche Kommerzialisierung ordnet sich ein zwischen den Extremen fatalistischer Akzeptanz der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche (Harari 2016: 244) und der Auffassung einer definitiven Grenze des Kommerzialisierungsdynamik bei Fragen des menschlichen Körpers als „bewusste Enthumanisierung“ (Ziegler 2014: 107). Im folgenden soll die Betrachtung eines konkreten Beispiels den Prozess der Kommerzialisierung illustrieren und als Maßstab für die Anwendung moralischer Bedenken sowie zur Einordnung der öffentlichen Diskussion dienen.

3.1 Der Gesundheitssektor als Beispiel

Der Gesundheitssektor wurde aus unterschiedlichen Gründen als exemplarisches Beispiel herangezogen. Einerseits ist in der Kommerzialisierungskritik von Sandel ein Übergewicht solcher Sektoren festzustellen, die einen direkten Bezug zum menschlichen Körper aufweisen. Hierunter fiele der Handel mit Organen oder Babys (der technisch möglich aber moralisch nicht einwandfrei wäre) ebenso wie Prostitution und bezahlte Blutspenden (Sandel 2012: 120; 139; 153ff.). Hinzu kommt, dass der Gesundheitssektor einen der größten Wirtschaftssektoren in Deutschland darstellt und hinsichtlich der demographischen Entwicklung eine weitere Zunahme an Relevanz zu erwarten ist (Sibbel 2010: 44). Eine Reihe von Einschätzungen geht sogar davon aus, dass nennenswerte Wachstums- und Beschäftigungseffekte in erster Linie im Gesundheitssektor zu erwarten seien (Evans 2017: 32). Entsprechend erfüllt dieser die Voraussetzungen um die von Sandel aufgestellten Thesen zu prüfen, während gleichzeitig auch eine empirische Relevanz gegeben ist. Der allgemein gefasste Bereich Gesundheit wird dabei in drei konkrete Beispiele unterteilt, die sich hinsichtlich des Fortschritts der Kommerzialisierung unterscheiden. Nach einer Darstellung der ethischen Argumentation wird im nächsten Schritt der Versuch unternommen, allgemeine Rückschlüsse auf mögliche Grenzen der Kommerzialisierung des Gutes Gesundheit zu ziehen. Einer der sichtbarsten Bereich der Kommerzialisierung der letzten Jahre im Gesundheitssektor ist die Privatisierung von Krankenhäusern. Hierbei erscheint Privatisierung als Oberbegriff eines Phänomens, das entweder durch Renditeorientierung (Kommerzialisierung) oder Effizienzsteigerung (Ökonomisierung) begründet werden kann (Kettner 2010: 117f.). Als konstitutives Merkmal von Privatisierungen wird Kommerzialisierung an dieser Stelle also indirekt untersucht. Zwar ist Gesundheit als Gut auch vorher nicht geldfrei gehandelt worden, jedoch kann angenommen werden, dass der Unterschied zwischen öffentlicher und privater Trägerschaft durch Einführung von Marktmerkmalen (Kunden- und Verkäuferrolle, Kaufpreis, wirtschaftliche Normativität) signifikant genug ist, um als Kommerzialisierungsprozess verstanden zu werden. Normativ widerspräche jegliche Form marktlichen Wettbewerbs und Profitorientierung prinzipiell der weit verbreiteten Intuition, Gesundheitsgüter und -leistungen sollten nicht von der Kaufkraft eines einzelnen abhängig sein (Heubel 2010: 165). Trotzdem wird der Druck auf Krankenhäuser, einen betriebswirtschaftlichen Ansatz zu verfolgen, nicht zuletzt durch angepasste gesetzliche Regelungen induziert, die eine erhöhte Wirtschaftlichkeit der chronisch defizitären öffentlichen Einrichtungen erreichen sollten. Durch die Einführung von Fallpauschalen als Berechnungsgrundlage für erstattete Kosten („diagnosis-related-groups“, DRGs) waren es vorwiegend öffentliche Krankenhäuser, deren Patientenstruktur keine profitable Betriebsführung erlaubte, sodass in vielen Fällen der Verkauf von Krankenhäusern an private Träger als einziger Ausweg zur Entlastung der Staatsfinanzen erschien (Sibbel 2010: 45; Heubel 2010: 171). Während die Gesamtzahl von Krankenhäusern seit 1991 deutlich rückläufig war, hat sich daher gleichzeitig der Anteil privater Träger verdoppelt (Sibbel 2010: 43). 36% der Krankenhäuser, 65% der ambulanten Pflegedienste und 42% der Pflegeheime sind in Deutschland aktuell in privater Trägerschaft (Evans 2017: 34). Während die Befürworter dieser Entwicklung die neuen Herausforderungen durch Demographie, Internationalisierung, gesetzliche Rahmenbedingungen und medizinisch-technischen Fortschritt als Argumente für ein Krankenhausmanagement nach betriebswirtschaftlichen Kriterien anführen, beklagen deren Gegner eine geringere Qualität in der Leistungserstellung durch Privatisierung. Hinzu komme eine gezielte Selektion von Patienten nach finanziellen Überlegungen sowie eine höhere Belastung der Beschäftigten (Sibbel 2010: 44f.). Zudem impliziere der Rationalisierungszwang, Bereiche die sich nicht zählen oder messen lassen systematisch zu unterschätzen und damit möglicherweise das Leistungsspektrum zu verengen (Heubel 2010: 183).

[...]


[1] Vgl. Google Ngram Viewer, Suchbegriffe „Kommerzialisierung“, „commercialisation“, „commercialization“

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ursachen und mögliche Grenzen gesellschaftlicher Kommerzialisierungsprozesse
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V413007
ISBN (eBook)
9783668641518
ISBN (Buch)
9783668641525
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommerzialisierung, Prozesse, Wandel, Ursachen, Grenzen
Arbeit zitieren
Mirko Kruse (Autor), 2017, Ursachen und mögliche Grenzen gesellschaftlicher Kommerzialisierungsprozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413007

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