Rationales Handeln im Umweltbereich


Hausarbeit, 2005

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Rational Choice Theorie
2.1 Das Grundmodell der soziologischen Erklärung
2.2 Die Wert-Erwartungstheorie
2.2.1 Kritik

3 Umweltbewusstsein und Umweltverhalten
3.1 Das Problem der Messung von Umweltbewusstsein
3.1.1 Die Malony/Ward-Skala
3.1.2 Ein Vorschlag zur Erfassung von Umweltbewusstsein
3.2 Die Einflussfaktoren auf das Umweltverhalten
3.2.1 Der Bereich Recycling
3.2.2 Modell von Fietkau/Kessel
3.3 Die Low-Cost-Hypothese

4 Eine Studie über Recycling

5 Zusammenfassung

Literatur

1 Einleitung

„Die Umweltsoziologie befasst sich mit den sozialen Ursachen und den gesellschaftlichen Reaktionen auf ökologische Probleme.“ (Diekmann/Preisendörfer 2001: 9). Dieser Bereich der Soziologie bezieht sich demnach nicht auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft auf die gesamte Umwelt, sondern auf die Naturumwelt im Speziellen.[1]

Der Begriff Umwelt wird im Folgenden wie im Sprachgebrauch der Umweltwissenschaft verwendet. Demnach bezieht sich Umwelt hier auf die Geo- und Biosphäre und innerhalb dieser auf den Lebensraum der Menschen und der natürlichen Ressourcen (Endruweit/Trommsdorff 2002: 641). Den Stoffwechsel der modernen Industriegesellschaft in ihrer Umwelt bezeichnet man als industriellen Metabolismus. Ist dieser gestört, liegen Umweltprobleme vor. Es gibt drei wesentliche Typen von Umweltproblemen: die Veränderung der geo- und biosphärischen Lebensbedingungen, die Abnutzung und Verknappung der Ressourcen und die Gefahren des Industriesektors (Endruweit/Trommsdorff 2002: 641).

Im Rahmen des Themas „Theorien sozialen Handelns“, werde ich in dieser Arbeit das rationale Handeln im Umweltbereich untersuchen und insbesondere auf das Problem von Umweltbewusstsein und Umweltverhalten eingehen. Die zentrale Frage lautet: Wie verhalten sich die Menschen bezüglich ihrer Einstellungen zur Umwelt in unterschiedlichen Situationen und wie ist dieses Verhalten messbar und beeinflussbar?

Im zweiten Abschnitt wird die Umweltsoziologie aus der Sicht des rational handelnden Individuums dargestellt. Hier wird die Rational Choice Theorie als Handlungstheorie eingeführt. Der dritte Abschnitt zeigt die Diskrepanz zwischen Umweltbewusstsein und Umweltverhalten. In diesem werden zunächst die möglichen Einflussfaktoren auf das Umweltverhalten herausgearbeitet, anschließend wird auf das Problem der Messung von Umweltbewusstsein eingegangen um letztendlich die Low-Cost-Hypothese als wichtigstes Verhaltensmuster vorzustellen. Zur Veranschaulichung der Problematik folgt im vierten Abschnitt eine Studie über das Abfallverhalten (Recycling). Der Schlussteil besteht aus einer kurzen Zusammenfassung meiner Arbeit und einem Fazit.

2 Die Rational Choice Theorie

Die Rational Choice Theorie ist Bestandteil des strukturell-individualistischen Ansatzes, welcher von dem Postulat des methodologischen Individualismus ausgeht (Endruweit/Trommsdorff 2002: 424). Charakteristika des methodologischen Individualismus sind folgende:

- Soziale Ereignisse sind das Ergebnis von Einstellungen, Entscheidungen und Handlungen von individuellen Akteuren.
- Soziale Phänomene sind unter Verwendung theoretischer Aussagen über individuelles Handeln zu erklären.
- Der soziale Kontext wirkt sich auf die Bedingungen des individuellen Verhaltens aus.

Ziel des individualistischen Ansatzes ist die Erklärung von sozialen Phänomenen durch Anwendung von Theorien über individuelles Verhalten im sozialen Kontext. Ad-hoc-Erklärungen sind zu vermeiden, damit die Theorie darüber informiert, welche Faktoren Determinanten individuellen Handelns sind (Endruweit/Trommsdorff 2002: 424). Die Rational Choice Theorie hat die Aufgabe, empirisch überprüfbare Hypothesen zu bilden. Theorien und Modelle werden entwickelt, um aus diesen möglichst deduktive Hypothesen abzuleiten. Ob eine Theorie die Beobachtungen zutreffend erklären kann, ist abhängig von der empirischen Prüfung (Diekmann/Preisendörfer 2001: 68).

Die Rational Choice Theorie ist keine homogene Theorie. Vielmehr existieren verschiedene Varianten nebeneinander (Diekmann/Preisendörfer 2001: 65). Dennoch lassen sich drei Kriterien anführen, die für alle Versionen des Rational Choice Gültigkeit besitzen (Diekmann 1996; Diekmann/Preisendörfer 2001: 63f.):

1. Dem methodologischen Individualismus zufolge bilden Akteure den Ausgangspunkt.
2. Die Akteure befinden sich in einer Entscheidungssituation in der sie zwischen mindestens zwei Alternativen wählen können.
3. Durch eine Entscheidungsregel wird angegeben, welche Handlung ein Akteur ausführen wird.

Des weiteren lassen sich zwei Richtungen ausmachen: die Rational Choice Theorie im engeren Sinne und die Rational Choice Theorie im weiteren Sinne (Diekmann 1996; Endruweit/Trommsdorff 2002: 425). Der Unterschied liegt in dem Ausmaß der Beschränkung der oben genannten Annahmen (insbesondere der dritten Annahme). Die enge Version ist ein spezieller Fall der weiten Version, da die weite Version „ [...] alle Arten von Präferenzen und Restriktionen prinzipiell als erklärende Faktoren [...]“ (Endruweit/Trommsdorff 2002: 425) zulässt. Dadurch sind viele verschiedene Entscheidungsregeln möglich, wobei die engere Version auf die Entscheidungstheorie der Nutzenerwartungsmaximierung beschränkt ist (Diekmann 1996).

Es sind viele Modifikationen und Einschränkungen der Rational Choice Theorie möglich, um sie besser an reale Entscheidungssituationen anzupassen. In einigen Situationen kann zum Beispiel überhaupt keine Maximierung stattfinden, da der Akteur nicht alle Alternativen kennt. In diesem Fall wird die Suche nach weiteren Alternativen aus Kostengründen abgebrochen und eine Alternative gewählt, die als ausreichend empfunden wird („satisficing behavior“). Das Hinzufügen immer weiterer Nutzenkomponenten ist zwar möglich, wirkt sich aber gegenüber empirischer Kritik immunisierend auf die Theorie aus (Diekmann/Preisendörfer 2001: 67 f.).

2.1 Das Grundmodell der soziologischen Erklärung

Dem Grundmodell der soziologischen Erklärung zufolge, besteht diese Grundstruktur aus drei aneinander anschließenden „Logiken“ (Esser 1993). Um das kollektive Explanandum erklären zu können, muss man zunächst die sozialen Situation als Ausgangspunkt nehmen. Diese hat einen indirekten Effekt auf den zu erklärenden sozialen Tatbestand auf der Makroebene. Deshalb wird ausgehend von den Randbedingungen auf der Makroebene durch die Logik der Situation mittels beschreibenden Brückenhypothesen die Verbindung zwischen sozialer Situation und Akteur auf der Mikroebene geschaffen (Konstruktion erster Ordnung der Akteure). Durch die Logik der Situation wird festgelegt, welche Bedingungen in der Situation gegeben sind und welche Alternativen die Akteure haben (Esser 1993).

Auf der Mikroebene wird nun im zweiten Schritt das individuelle Handeln erklärt (Esser 1993). Die Logik der Situation fragt nach einer erklärenden Handlungstheorie. Hier befindet sich der analytisch-nomologische Kern des Modells, da eine Kausalbeziehung zwischen situativer Erwartung und Bewertung des Akteurs und der Handlung hergestellt wird. Eine mögliche Handlungstheorie ist die Wert-Erwartungstheorie, eine Variante des Rational Choice. Ich werde in Kapitel 2.2 genauer auf diese Theorie eingehen.

Den dritte Schritt bezeichnet Esser als die Logik der Aggregation (Esser 1993). Es handelt sich hierbei um eine Mikro-Makro-Verbindung, da durch die aggregierte Transformation die Wirkung der individuellen Handlungen der Akteure auf das kollektive Explanandum hergestellt wird. Die angewendeten Transformationsregeln sind abhängig von den jeweiligen inhaltlichen Problemen (Esser 1993). Damit ist die Erklärung von Makrophänomenen über die Mikroebene abgeschlossen.

„Die Gesamtheit der drei Schritte bildet immer eine kausal-analytische Konstruktion zweiter Ordnung des Soziologen über das Geschehen, die die Akteure, um die es in der Erklärung geht, selbst meist nicht übersehen können.“ (Esser 1993: 97f.).

2.2 Die Wert-Erwartungstheorie

Wie ich im letzten Abschnitt bereits erwähnt habe, ist eine mögliche anwendbare Handlungstheorie die Wert-Erwartungstheorie. Für alle menschlichen Akteure in allen Situationen gilt folgendes Gesetz: „Wenn zwei Alternativen i und j zur Wahl anstehen, dann wählt der Akteur die Alternative mit der jeweils höheren Nutzenerwartung.“ (Esser 1993). Hier steht eindeutig die Maximierung des individuellen Nutzens im Vordergrund. Der Begriff Nutzenerwartung besteht aus dem Wert U multipliziert mit der Erwartung p. D.h. jede Handlung ist mit bestimmten Folgen für den Akteur besetzt und hat demnach einen Wert U. Die Eintrittswahrscheinlichkeit, dass diese Konsequenz mit der Handlung eintritt ist die Erwartung p. Wenn pi x U größer als pj x U ist, dann fällt die Wahl des Akteurs auf die Alternative i (Esser 1993).

Die Wert-Erwartungstheorie wird auch SEU-Theorie (englisch: subjective expected utility) genannt. Da es nicht, wie oben dargestellt, immer nur zwei Alternativen gibt, möchte ich an dieser Stelle zur Veranschaulichung die Handlung eines Akteurs in einer gegebenen Situation in sechs Schritten darstellen. Zu Beginn wird eine begrenzte Anzahl von Handlungsalternativen in Betracht gezogen. Daraufhin werden mögliche Handlungskonsequenzen gesucht, welche mit Nutzenwerten (U) belegt werden. Für diese wird anschließend die Eintrittswahrscheinlichkeit (p) ermittelt. Durch die Aufsummierung der gewichteten Nutzenwerte über eine Handlungsalternative erhält man schließlich den subjektiv erwarteten Nutzen. Zuletzt wird das individuelle Handeln mittels der Maximierungsannahme erklärt, sodass schließlich die Handlung ausgeführt wird, welche den höchsten Nutzenwert aufweist.

2.2.1 Kritik

Es gibt zwei Möglichkeiten der empirischen Umsetzung der SEU-Theorie: die direkte und die indirekte Anwendung (Diekmann 1996). Bei der direkten Variante werden die subjektiv erwarteten Nutzenwerte der einzelnen Handlungsalternativen unmittelbar (direkt) über Ratingskalen erhoben. Hier werden sowohl ökonomischen Anreize („harten“ Präferenzen) als auch soziale Anerkennung und subjektive Normen („weiche“ Präferenzen) beachtet. Die indirekte Variante findet vor allem in der Ökonomie ihre Anwendung. Das Zentrum des Modells bildet die Nutzenerwartungshypothese. Je besser die Hypothese deduzierbar und empirisch nachweisbar ist, desto größer ist der Informations- und Wahrheitsgehalt des Modells. D.h. die Hypothesen werden indirekt aus den Annahmen hergeleitet und anhand statistisch-ökonometrischer Schätzverfahren an empirischen Daten überprüft (Diekmann 1996).

Trotz des häufigen Einsatzes von Ratingskalen in der Forschung, ist diese Methode nicht immer frei von Kritik. Probleme entstehen zum Beispiel bei der Erhebung von Nutzen und subjektiven Wahrscheinlichkeiten auf Ratingskalen bei der direkten Anwendung der SEU-Theorie. Untersuchungen, die auf der Basis der Ajzen-Fishbein-Theorie, einer Variante der SEU-Theorie, durchgeführt wurden, unterliegen mehrerer Kritikpunkte (Diekmann 1996). Zunächst gibt es bei dieser Methode ein Problem der Messung, da die zugrundeliegenden Annahmen nicht überprüft werden. Es sind keine Effekte von der Veränderung von Handlungsrestriktionen systematisch prognostizierbar. Des weiteren misslingt hier der Übergang von einer Theorie zu einem statistischen Schätzmodell wie der Regressionsanalyse, da dieser ad-hoc und nicht deduktiv erfolgt. Sobald beliebige Nutzenargumente zugelassen werden, entsteht eine Tautologie bei der ex-post-Erklärungen, was eine Prüfung der Theorie unmöglich macht. Als letztes ist zu bemängeln, dass entgegen der meisten Modelle des Rational Choice Ansatzes, die SEU-Theorie nur ein geringes Deduktionspotential aufweist. Da die Restriktionen nicht explizit integriert werden, lassen sich aus möglichen Effekten einer Änderung dieser Restriktionen auf das Verhalten keine Hypothesen ableiten (Diekmann 1996).

Die größte Schwachstelle in diesem Modell ist meiner Meinung nach das Messproblem von Nutzen und subjektiven Wahrscheinlichkeiten. Kommt man zum Beispiel bei der Wahl zwischen zwei Handlungen (H und H*) zu dem Ergebnis, dass der subjektiv erwartete Nutzenwert der Handlung H (SEU) größer ist als der der Handlung H* (SEU*), so muss diese Ungleichung (SEU>SEU*) bei der Skalentransformation erhalten bleiben (Minimalkriterium jeder Entscheidungstheorie) (Diekmann 1996). Unter der Annahme einer Nutzen-Intervallskala, müssen die Summen der subjektiven Wahrscheinlichkeiten für H und H* den gleichen Wert aufweisen. Es ist durchaus in Frage zu stellen, ob bei der einfachen Messung über eine Ratingskala dieses Kriterium erfüllt ist (Diekmann 1996). Denn wenn man mit zwei Ratioskalen arbeitet (hier: eine für die Wahrscheinlichkeiten und eine für die Nutzenwerte), und eine davon auf einen anderen Wertebereich transformiert, so führt das zu einer Änderung der Korrelationen und Prognosen (Diekmann 1996).

[...]


[1] Die Umweltsoziologie ist ein Teil der soziologischen Forschung. Sie befasst sich mit den sozial produzierten ökologischen Problemen und den gesellschaftlichen Reaktionen auf diese (Diekmann/Preisendörfer 2001: 19).

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Details

Titel
Rationales Handeln im Umweltbereich
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V41320
ISBN (eBook)
9783638396066
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rationales, Handeln, Umweltbereich, Soziologie, rational choice, low cost hypothese, Wert-Erwartungstherorie
Arbeit zitieren
Sabine Fischer (Autor), 2005, Rationales Handeln im Umweltbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41320

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