In seinem Minnelied Aller werdekeit ein füegerinne (46,32) zeigt Walther von der Vogelweide, dass nicht nur die eine Art der Minne oder des Werbens existiert. Ausgehend von diesem Lied will ich Merkmale von hoher und niederer Minne zusammenstellen. An exemplarischen Liedern sollen spezifische Faktoren herausgearbeitet werden, um eine genauere Abgrenzung zu erreichen. Kann man von zwei völlig unterschiedlichen Begriffen von Minne sprechen, oder gibt es eine gewisse Schnittmenge? Verständlicherweise kann dieser Aufsatz nur Ansätze der Minnekonzeption anhand von Beispielen aufzeigen, die auch im Gesamtwerk Walthers von der Vogelweide nicht als allgemeingültig angesehen werden können. Dennoch sollen sie eine grundlegende Orientierung bieten. Die Textgrundlage bildet die Ausgabe Walther von der Vogelweide – Leich, Lieder, Sangsprüche, herausgegeben von Christoph Cormeau.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Untersuchungen zur Minnekonzeption anhand der Minnelieder:
Aller werdekeit ein füegerinne
Herzeliebez vrowelîn
Maniger frâget, waz ich klage
Ich bin nû sô rehte vrô
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Differenzierung und Ausprägung der Konzepte von hoher und niederer Minne im lyrischen Werk von Walther von der Vogelweide. Anhand ausgewählter Minnelieder wird analysiert, ob diese Begriffe als strikte Gegensätze zu verstehen sind oder ob in der Minnekonzeption des Dichters Überschneidungen und Spannungsfelder existieren, die insbesondere das höfische Ideal der „Mâze“ (Ausgewogenheit) herausfordern.
- Abgrenzung von hoher und niederer Minne anhand lyrischer Textbeispiele
- Die Rolle der sozialen Stände und ethischen Werte im Minnedienst
- Die Bedeutung von Mâze als regulatives Prinzip im höfischen Werben
- Analyse des Spannungsverhältnisses zwischen persönlichem Begehren und gesellschaftlichen Konventionen
- Die Verschränkung von körperlicher Erfahrung und Idealanspruch
Auszug aus dem Buch
Untersuchungen zur Minnekonzeption bei Walther von der Vogelweide
Im Minnelied Aller werdekeit ein füegerinne (46,32) wird die frowe Mâze (46,33) um Rat gefragt. Das lyrische Ich möchte von ihr eine angemessene Art des Werbens, ebene werben (46,38), lernen. Dieses ebene werben soll jedoch nicht nur Glück in der Liebe schaffen, dann wäre wohl – wie z.B. bei Walther von der Vogelweide in 13,33ff. oder 40,19ff. – die fro[u]we Minne angesprochen worden. Die mâze bedeutet das gemäßigte, angemessene und richtige Verhalten in jeder Situation, womit die frowe Mâze der frowe Minne übergeordnet ist. Genau diese Ausgewogenheit im Handeln fehlt dem lyrischen Ich, was die letzten drei Verse der ersten Strophe thematisieren. Beide Extrema, das niedere und das hohe Werben, führen dazu, dass das lyrische Ich verletzt wird: wirb ich nider, wirb ich hôhe, ich bin versêret (47,1). Der asyndetische Parallelismus verdeutlicht, dass beides nicht das ebene werben ist, was das lyrische Ich sucht. Dieses Verletzt-Sein wird nun für jede Art des Werbens nochmals einzeln ausgeführt. Bei der niederen Art, ze nidere (47,2), sei das lyrische Ich beinahe tot gewesen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Hinführung zur Fragestellung bezüglich der Merkmale von hoher und niederer Minne und deren Abgrenzung im Werk Walthers von der Vogelweide.
II. Untersuchungen zur Minnekonzeption anhand der Minnelieder:: Detaillierte Analyse der Minnekonzepte anhand ausgewählter Texte wie „Aller werdekeit ein füegerinne“, „Herzeliebez vrowelîn“, „Maniger frâget, waz ich klage“ und „Ich bin nû sô rehte vrô“ zur Erarbeitung der strukturellen Unterschiede und des Spannungsfeldes zur „Mâze“.
Schlüsselwörter
Walther von der Vogelweide, Minnesang, hohe Minne, niedere Minne, Mâze, höfische Tugenden, Minnekonzeption, ebene werben, Lyrik, Mittelalter, herzeliebe, ständische Gesellschaft, Liebeslyrik, Triuwe, Minnedienst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der verschiedenen Minneformen im Werk von Walther von der Vogelweide und untersucht, wie der Dichter das Verhältnis von hoher und niederer Minne konzipiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte des „ebenen Werbens“, die Bedeutung der „Mâze“ als ethische Richtschnur sowie die Darstellung von sozialem Rang und emotionalem Leid in der höfischen Lyrik.
Welches Ziel verfolgt die Verfasserin mit dieser Arbeit?
Ziel ist es herauszuarbeiten, ob „hohe“ und „niedere“ Minne bei Walther als strikt getrennte Begriffe fungieren oder ob es eine Schnittmenge gibt, die das Ideal der ausgewogenen Liebe in Frage stellt.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur, um die in den Minneliedern explizit und implizit enthaltenen Konzepte freizulegen.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzt der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert exemplarische Minnelieder, um die spezifischen Faktoren von „niederer“ (oft mit körperlichem Verlangen assoziiert) und „hoher“ Minne (geprägt durch Tugend und Distanz) einander gegenüberzustellen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Schlüsselbegriffe sind neben „Minne“ vor allem „Mâze“, „Triuwe“, das „ebene werben“ sowie die höfische Tugendethik.
Wie unterscheidet sich die „niedere Minne“ in der Analyse von der „hohen Minne“?
Die niedere Minne wird als eine Form interpretiert, die auf Gegenseitigkeit zielt und sexuelle Aspekte einschließen kann, während die hohe Minne durch ein hierarchisches Gefälle und eine bewusste Distanz zum Adressaten geprägt bleibt.
Welche Rolle spielt die „Mâze“ bei Walther von der Vogelweide?
Die Mâze fungiert als übergeordnetes Prinzip der Mäßigung, dessen Fehlen im Werben – sowohl bei der hohen als auch bei der niederen Minne – zu Schmerz und Verwirrung beim lyrischen Ich führt.
- Citation du texte
- Master of Education Janine Weber (Auteur), 2014, Ist Minne gleich Minne? Untersuchungen zur Minnekonzeption bei Walther von der Vogelweide, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413311