Die Badeni Unruhen

Analyse des Sprachbildes in den zeitgenössischen Zeitungen über das Eingreifen des zweiten bosnisch-herzegowinischen Infanterie-Regimentes in Graz während den Badeni Unruhen 1897


Seminararbeit, 2017
19 Seiten, Note: 2,00

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Historische Diskursanalyse
1.2 Forschungsstand

2 Historischer Kontext
2.1 Der Auslöser der Unruhen in der steirischen Landeshauptstadt
2.2 Schulterschluss zwischen Deutschnationalen und Sozialdemokraten

3 Analyse der Zeitungsartikel
3.1 Überblick über die verwendeten zeitgenössischen Zeitungen
3.2 Vorgangsweise bei der Datensammlung
3.3 Datenanalyse der Zeitungsartikel

4 Conclusio

5 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Im April 1897 erließ Ministerpräsident Felix Graf Badeni (* 14. Oktober 1846 in Surochów bei Jaroslau, Galizien † 10. März 1909 in Krasne (Busk), Galizien) eine Sprachenverordnung für Böhmen und Mähren. Diese hätte eine Einführung einer doppelsprachigen Amtsführung im inneren und äußeren Amtsverkehr auch in den deutschen Gebieten Böhmens und Mährens bedeutet. Die Regelung sah vor, dass der/die Beamte innerhalb von drei bis vier Jahren die zweite Landessprache aktiv und passiv beherrschen hätte müssen. Die Verordnung löste in weiterer Folge Entrüstung bei den Deutschen aus, da nur wenige Deutschböhmen der tschechischen Sprache mächtig waren. Die deutschen Staatsangehörigen lernten in der Schule meist Latein oder Französisch, während die tschechischen Staatsangehörigen Tschechisch und Deutsch Unterricht erhalten hatten. Die tschechischen Beamten wären hier nach Inkrafttreten der Verordnung im Vorteil gewesen, da sie bereits beide Sprachen beherrschten. Sie würden nach der neuen Regelung viele nur deutschsprachige Beamte in den deutschen Gebieten des Königreichs Böhmen ersetzen. Vor diesem gesellschaftlichen Wandlungsprozess hatten die Zeitgenossen jener Epoche große Angst, war es doch bereits durch die Industrialisierung der mehrheitlich von Deutschen besiedelten Grenzgebiete Böhmens bereits zu einem Verdrängungsprozess durch billigere tschechische Arbeiter gekommen.[1] [2] [3]

Hinführend zum eigentlichen Thema sei gesagt, dass die Unruhen und Demonstrationen bezüglich der Sprachenverordnung Badenis sich im allen zisleithanischen Ländern der Monarchie ausbreiteten. Ausgehend von Massenversammlungen in den großen deutschböhmischen Städten Reichenberg, Teplitz und Eger schwappte die Welle der Entrüstung auch auf die deutschsprachige Bevölkerung Österreichs über.[4] Obwohl die im April 1897 erlassene Sprachenverordnung per se Böhmen und seine deutsch- wie tschechischsprachigen Bevölkerung betraf. Die protschechische Sprachenverordnung selbst war nicht das eigentliche Problem bei diesen Unruhen. Wie bereits im vorherigen Absatz angedeutet, ging es um den mit der Sprachenverordnung eingehenden Macht- und Bedeutungsverlust der Deutschen im Königreich Böhmen. Soweit allgemein zu der Sprachenverordnung.

In dieser Proseminararbeit wurde das Augenmerk auf den Ausbruch des „furor teutonicus“ in Graz gelegt und damit de facto das Thema eingegrenzt. Es wurde der Forschungsfrage nachgegangen, wie sich das Sprachbild in den jeweiligen zeitgenössischen Grazer Zeitungen während den Badeni Unruhen veränderte. Hierbei wurde ein Augenmerk auf das vermittelte Sprachbild über die Bosniaken während den Protesten im November und Dezember 1897 gelegt. Daher wurden in dieser Arbeit nicht die Tumulte im Reichsrate, die Obstruktion oder die Unruhen in Prag reflektiert.

Einleitend zum Bosniaken-Regiment in Graz, sei gesagt, dass diese zum zweiten Grazer Hausregiment gehörten und als besonders tapfere Soldaten galten. Besonders durch ihre großen militärischen Erfolge im Ersten Weltkrieg an der Ostfront und im Gebirgskrieg an der italienischen Front sollten sie sich ihren herausragenden Ruf als Elitetruppe des Kaisers erwerben. Die Soldaten stammten mehrheitlich aus Banja Luka und waren durch ihre ungewöhnliche Adjustierung nach türkischen Muster bekannt. Zur Ausrüstung zählte unteranderem ihre berühmte Kopfbedeckung, der rote Fez. Außerdem trugen sie die typischen orientalischen bzw. osmanischen Pluderhosen.[5] Seit 1895 waren in Graz das I. und das II. bosnisch-herzegowinische Infanterieregiment Nr. 2 und ab 1897 auch das III. Bosniaken-Regiment stationiert.[6] Die Zweier-Bosniaken, wie sie auch genannt wurden, wurden vor allem in schwierigen Situationen als Ordnungseinheit bei Demonstrationen gegen die protestierende Menge eingesetzt. Während den antislawischen Kundgebungen in Graz im November und Dezember 1897 stellte das bosnisch-herzegowinisches Regiment durch ihren mit übertriebener Härte durchgeführten Assistenzeinsatz bei den Unruhen eine besonders schwerwiegende Provokation für die hiesige Bevölkerung dar, da diese mehrheitlich aus orthodoxen und muslimischen Südslawen bestand. Gerade weil sie eine fremdsprachige Militäreinheit darstellten und keinerlei Solidarität (Stichwort Fraternisierung fällt hier) für die Belange der Bevölkerung zeigten, waren sie zeitweilig unbeliebt bei der Grazer Bevölkerung. Dies könnte unter Umständen auch zu ihrem Ruf als besonders kaisertreue Untertanen beigetragen haben.

1.1 Historische Diskursanalyse

Diese Arbeit wurde aus dem Blickwinkel der historischen Diskursanalyse geschrieben. Um zu erklären, was eine historische Diskursanalyse genau ist, benötigt es einer genauen Untersuchung des Wortes selbst. Allein schon der Begriff des „Diskurses“ ist ein sehr vielseitig verwendbarer, der in den seltensten Fällen näher erläutert wird. Dass dieser Begriff oft einfach so in den Raum geworfen wird, ohne genauer spezifiziert zu werden, wird wohl ebenfalls zu seiner ungenauen Definition geführt haben. Die Deutungsmöglichkeiten dessen reichen von einem Gespräch, zu einer Rede, einer Abhandlung, von Satzkonstruktionen, bis hin zu einer Kommunikationsgemeinschaft. Ein simples „runterbrechen“ des vielfältigen Wortes Diskurses auf die Bezeichnungen Diskussion oder gar Debatte wäre daher mehr als unangebracht.[7]

Die historische Diskursanalyse selbst kann mit dem folgenden Zitat am besten wiedergegeben werden: „Die historische Diskursanalyse geht […] davon aus, dass es keine Möglichkeit gibt, um hinter die Diskurse zu gelangen. Wirklichkeit ist nie an sich erfahrbar, sondern immer nur für uns“.[8] Umgemünzt auf den Umgang mit den genutzten Quellen in dieser Arbeit, aber nicht nur für diese, würde es bedeuten, dass sich der/die HistorikerIn immer im Klaren sein muss, dass diese Zeitdokumente auch nur eine konstruierte „Wirklichkeit“ jener Epoche darstellen. Daher nicht die unbestreitbare Wirklichkeit abgebildet werden konnte. Per se gibt es auch keine objektive Wirklichkeit, wir HistorikerInnen können nicht hinter diese schauen ohne nicht die Sicht aus unserer Zeit mit einfließen zu lassen.

Die behandelten Zeitungsartikel dürfen daher nicht für „bare Münze“ genommen werden, sie spiegeln nur die Meinung eines Autorenteams sowie die Leitlinie der Redaktion bzw. die Meinung der Blattlinie wieder. Auch sie könnten daher verfälscht oder bewusst manipulativ verfasst worden sein und geben daher nicht die Wirklichkeit jener Zeit wieder. Es stellt sich daher hierbei die Frage: „ Bilden Zeitungen Wirklichkeit ab oder schaffen sie Wirklichkeit?“

1.2 Forschungsstand

Zum Forschungsstand sei eingangs gesagt, dass bereits bedeutende Sekundärliteratur mit den Werken des ehemaligen Grazer Univ.-Prof. Hofrat Berthold Sutters (* 7. Juli 1923 ✝ 20. September 2004) über Die Badenischen Sprachenverordnungen von 1897 vorliegt. Das zweibändige Werk Sutters schildert unteranderem sehr detailreich die verschiedenen Straßendemonstrationen in Graz und Prag und eignete sich daher sehr gut für die in dieser Arbeit gestellte Forschungsfrage. Band I. seines Werkes behandelt die verschiedenen Aspekte vor 1897, also die Vorläufer der Problematik rund um die nationalen Differenzen im Habsburger Reich. Die Unruhen rund um die Badenische Sprachenverordnung wurde in Band II. näher erläutert, daher wurde dieser Band zu einem wichtigen Nachschlagewerk für diese Arbeit. Univ.-Prof. Hofrat Sutter bezog sich in seinen Werken auf verschiedene Archivmaterialen und umfassender Sekundärliteratur, welche in ungarischer, slowenischer, serbischer, kroatischer und tschechischer Sprache erschienen ist. Seine Arbeiten boten ein recht umfassendes Gesamtbild von den politischen Ereignissen des Jahres 1897, auch das Vorgehen der Bosniaken während den Grazer Unruhen wurden in Sutters zweiten Band einige Male näher erläutert und waren sehr wichtig für die ersten Recherchetätigkeiten zu diesem spezifischen Thema.

Einige wenige Informationen wurden aus Artikeln von Markus Krzoskas Die Peripherie bedrängt das Zentrum. Wien, Prag und Deutschböhmen in den Badeni-Unruhen 1897 in Hans-Christian Maners Grenzregionen der Habsburgermonarchie im 18. und 19. Jahrhundert sowie aus der wissenschaftlichen Literatur des ehemaligen tschechischen Historikers Jiří Kořalka (* 7. Februar 1931 in Šternberk, Tschechoslowakei † 30. Januar 2015) über die Sprachenverordnungen von 1897 und 1898 entnommen. Dieser Artikel seinem Werk Tschechen im Habsburgerreich und in Europa 1815-1914 entstammend stellte ein knappes aber empfehlenswertes Überblickswerk über die Verordnung dar. Für die zu beantwortende Forschungsfrage war diese Arbeit aber nicht sonderlich relevant und wurden daher nur für die anfänglichen Recherchetätigkeiten zu Rate gezogen.

Die wissenschaftliche Literatur von Helmut Gebhardt und Martin Parth im Historischen Jahrbuch der Stadt Graz gaben den notwendigen Einblick über die sicherheitspolitische Situation in Graz jener Epoche. Besonders der Artikel von Martin Parth Garnison Graz um 1900 gab einige zusätzliche Informationen zu den wahrscheinlichen Umständen jener unruhigen Ära zu Protokoll. Wobei sich Parth mehrheitlich auf die bereits erwähnte Arbeit des ehemaligen Grazer Uni.-Prof. Berthold Sutter bezieht.

Um eine kritische Geschichtsforschung in dieser Proseminararbeit zu gewährleisten, wurde Achim Landwehrs Buch über die Grundlage der Historische Diskursanalyse herangezogen.

2 Historischer Kontext

2.1 Der Auslöser der Unruhen in der steirischen Landeshauptstadt

Die Unruhen in Graz bezüglich der Badenischen Sprachenverordnung fanden zirka vom 20. November – 6. Dezember 1897 statt. Diesen gingen die Grazer Gemeinderatswahlen voraus, bei der allgemein ein Sieg der Christlichsozialen Partei erwartet wurde. Die Tage vor der Wahl waren gekennzeichnet von verschiedensten Schmähkampagnen der politischen Gruppierungen. In den deutschnationalen und sozialdemokratischen Zeitungsorganen wurde auf die sogenannte „Pfaffenpartei“, deren klerikale Anhänger und dessen antideutschen Bestrebungen (Badeni Verordnung) geschimpft. Bei dieser Hetzkampagne waren die Grazer Zeitungen der Arbeiterwille und das Tagblatt federführend.

Der Auslöser der Grazer Unruhen war die Störung einer Versammlung des katholisch-konservativen Luegerbundes. Am 20. November störten Anhänger der Sozialdemokratischen Partei diese Versammlung, welche beim „Sandwirt“ in der Griesgasse stattfand. Als Anhänger beider Gruppierungen aufeinandertrafen, kam es zu einer Saalschlacht mit Demolierungen und Verletzten. Selbst 60 Mann der Stadtwache und 118 Soldaten des 2. Bosnisch-herzegowinischen Infanterieregiments konnten die aufrührerische Menge nicht zerstreuen. Die Saalschlacht endete erst, als das Zweier Regiment den Befehl erhielt mittels Gebrauch der Bajonette für Ordnung zu sorgen.

Bei eben diesen Vorhaben wurde allerdings der Taglöhner Karl Mlinaritsch durch einen Bajonettstich in den Oberschenken so schwer verwundet, dass er ins städtische Krankenhaus gebracht werden musste und dort kurz nach seiner Einlieferung verstarb. Vier weitere Arbeiter wurden ebenfalls durch Bajonettstiche verwundet, konnten sich aber vor dem Zugriff der Polizei aus dem Staub machen.[9] [10]

[...]


[1] Vgl. Isabella Ackerl / Walter Kleindel, Die Chronik Österreichs, Gütersloh 1994, 427.

[2] Vgl. Markus Krzoska, Die Peripherie bedrängt das Zentrum. Wien, Prag und Deutschböhmen in den Badeni-Unruhen 1897, in: Hans-Christian Maner, Hg., Grenzregionen der Habsburgermonarchie im 18. Und 19. Jahrhundert. Ihre Bedeutung und Funktion aus der Perspektive Wiens, Münster 2005, 147-149.

[3] Vgl. Lothar Höbelt, Franz Joseph I. Der Kaiser und sein Reich. Eine politische Geschichte, Wien/Köln/Weimar, 105.

[4] Vgl. Jörg Konrad Hoensch, Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart, München 1997, 393.

[5] Vgl. Martin Parth, Die Garnison Graz um 1900, in: Friedrich Bouvier / Helfried Valentinitsch, Graz um 1900. Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Graz 1998, 169.

[6] Vgl. Christoph Neumayer u.a., Des Kaisers Bosniaken. Die bosnisch-herzegowinischen Truppen in der k.u.k. Armee, Geschichte der Uniformierung von 1878 bis 1918, Wien 2008, 55.

[7] Vgl. Achim Landwehr, Historische Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2009, 15.

[8] Vgl. ebd., 99.

[9] Vgl. Berthold Sutter, Die Badenischen Sprachenverordnungen von 1897, Bd. 2, Graz 1965, 185-186.

[10] N.N. Grazer Tagesbericht, Die blutigen Vorgänge vom Samstag, Graz 1897 http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=gtb&datum=18971122&seite=3&zoom=33&query=%22Mlinaritsch%22&ref=anno-search (30.3.2017).

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Details

Titel
Die Badeni Unruhen
Untertitel
Analyse des Sprachbildes in den zeitgenössischen Zeitungen über das Eingreifen des zweiten bosnisch-herzegowinischen Infanterie-Regimentes in Graz während den Badeni Unruhen 1897
Hochschule
Universität Salzburg
Veranstaltung
k.u.k. Armee im Spiegel der zeitgenössischen Presse (1867-1914)
Note
2,00
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V413334
ISBN (eBook)
9783668650220
ISBN (Buch)
9783668650237
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Badeni, Badeni Krise, Sprachenproblematik, Badeni Unruhen, Graz, Regiment, Bosnier
Arbeit zitieren
Sebastian Engel (Autor), 2017, Die Badeni Unruhen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413334

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