Schizophrene oder Multiple Persönlichkeit? Zur Darstellung psychischer Erkrankungen im Film "Who am I"


Hausarbeit, 2018

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Psychologische Grundlagen
2.1 Dissoziative Identitätsstörung
2.1.1 Symptome
2.1.2 Ursachen
2.2 Schizophrenie
2.2.1 Symptome
2.2.2 Ursachen
2.3 Zur Unterscheidung von Schizophrenie und Dissoziativer Identitätsstörung

3 Bedeutung der Erkrankung für die Erzählstruktur des Films
3.1 Unterscheidung DIS und Schizophrenie im Film
3.2 Interpretationsmöglichkeiten

4 Fazit

5 Anhang
5.1 Quellenverzeichnis
5.2 Sequenzprotokoll ͣWho am I?“

1 Einleitung

Im Rahmen des Seminars ͣ nsichtssache? Methoden und Theorien der Filminterpretation“ soll sich diese Hausarbeit mit der Darstellung psychischer Erkrankungen im deutschen Spiel- film ͣWho am I? Kein System ist sicher“ beschäftigen. Es soll nicht nur eine klassische psy- choanalytische Interpretation, sondern vielmehr der Vergleich zweier Krankheitsbilder auf Grundlage der Filmhandlung gezeigt werden. Nach einer kurzen Einführung in die Filmhand- lung ergänzend zum Sequenzprotokoll (s. Anhang) werde ich mich zunächst mit den Krank- heitsbildern der Schizophrenie sowie der Dissoziativen Identitätsstörung (im Folgenden als DIS bezeichnet) beschäftigen. Dabei soll auf deren Ursachen und Auswirkungen eingegan- gen werden. Insbesondere werde ich dabei deren Unterscheidungen hervorheben. Im An- schluss daran möchte ich auf Grundlage des psychologischen Wissens den Film ͣWho am I?“ untersuchen und feststellen, ob der Protagonist nach meiner persönlichen Interpreta- tion des Filmes psychisch krank ist, und wenn ja, ob er eher schizophren oder multipel ist. Ich werde dazu auf einzelne Filmsequenzen Bezug nehmen, die meine Interpretation stüt- zen und im Sequenzprotokoll im Anhang wiederzufinden sind. Als Quellen dienen mir der Spielfilm, sowie psychologische Fachliteratur zu Persönlichkeitsstörungen.

Um die Relevanz der Fragestellung dieser Hausarbeit deutlich zu machen, möchte ich zunächst eine knappe Zusammenfassung des Filmes ͣWho am I?“ des Regisseurs Baran bo Odar aus dem Jahr 2014 geben. Als ausführlichere Inhaltsangabe möge das inhaltlich detaillierte Sequenzprotokoll im Anhang zur Hand genommen werden.

Der Film handelt von dem Hacker Benjamin, der sein bisheriges Leben als vollkommen unauffällig beschreibt und sich selbst einen Niemand nennt. Benjamins einziges näheres Familienmitglied ist seine demente Oma, um die er sich zunächst noch kümmert. Nachdem Benjamin durch einen Hackerangriff Klausurergebnisse gestohlen hat, wird er zu Sozialstunden verurteilt und lernt dabei den Hacker Max kennen. Dieser stellt ihn bald seinen Hackerfreunden Stefan und Paul vor. Zusammen gründen sie die Hackerbande namens CLAY und begehen gemeinsam mehrere Coups.

Insgesamt ist der Großteil des Filmes dargestellt als Nacherzählung von Benjamin selbst. Schon in den ersten drei Minuten des Filmes erfährt der Zuschauer, dass Benjamin mit einer Frau in einem Verhörraum sitzt und die folgende Handlung eine Visualisierung seiner Zeu- genaussage ist. Während des ganzen Filmes wechseln die Szenen zwischen dem Verhörraum und der Rückblende in Benjamins Erzählungen.

Aber was hat das alles nun mit psychischen Erkrankungen zu tun? Es gibt während des Fil- mes einige Anspielungen auf psychische Erkrankungen, teilweise explizit auf spezielle Krankheitsbilder. Letztendlich spielt der Film genau damit: Es gibt ein unvorhersehbares Ende, das den Zuschauer im Ungewissen darüber lässt, was tatsächlich geschehen ist, was Einbildung war oder was absichtlich falsch erzählt wurde. So bleibt schließlich die Frage offen, ob Benjamin all diese Coups tatsächlich so mit Max, Stefan und Paul begangen hat, oder ob es seine drei Freunde gar nie gegeben hat und er unter einer psychischen Erkran- kung leidet, oder aber ob er genau diese Erkrankung nur vorspielt, um einer Strafverfolgung zu entgehen.

Ziel dieser Hausarbeit soll daher sein, diese Verwirrungen ein wenig aufzulösen, die Plottwists des Filmes zu klären und mithilfe entsprechender Fachliteratur zu einer Meinung darüber zu kommen, welche Intention Benjamin die ganze Zeit über verfolgt.

2 Psychologische Grundlagen

Doch warum genau sollte man an dieser Stelle die beiden Krankheitsbilder Schizophrenie und Dissoziative Identitätsstörung überhaupt unterscheiden? Interessant wird dieser Unterschied, wenn man sich die Szene, in der Lindberg im Arztzimmer sitzt und vom Arzt etwas über Benjamins Anamnese erfährt, anschaut. Zunächst behauptet der Arzt, Benjamins Mutter habe an einer Dissoziativen Identitätsstörung gelitten. Lindberg fragt nach, ob er Schizophrenie meine, und er korrigiert, er meine eine Multiple Persönlichkeit (vgl. Baran bo Odar 2014, TC: 1:25:35 - 01:26:50). Im Folgenden beantwortet er Lindberg einige Nachfragen zur entsprechenden Erkrankung, auf die hier näher eingegangen wird, sobald die Krankheitsbilder erläutert wurden, um ein Grundverständnis zu schaffen.

2.1 Dissoziative Identitätsstörung

Die Dissoziative Identitätsstörung, die der Arzt mit Multiple Persönlichkeit umschreibt, wird 2 von Michaela Huber nach dem internationalen Diagnostikhandbuch für psychische Störungen DSM-III-R von 1987 definiert wie folgt:

ͣa) Existenz von zwei oder mehr unterschiedlichen Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszuständen innerhalb einer Person (jede mit einem eigenen, relativ überdauernden Muster, die Umgebung und sich selbst wahrzunehmen, sich auf sie zu beziehen und sich gedanklich mit ihnen auseinanderzusetzen).

b) Mindestens zwei dieser Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die Kontrolle über das Verhalten des Individuums.“ (Huber 2010, S. 31)

Es handelt sich bei der Dissoziativen Identitätsstörung also um das, was der Begriff Multiple Persönlichkeit aussagt: Um mehrere Persönlichkeitszustände oder Personen in einem Körper, die zu unterschiedlichen Zeiten die Kontrolle übernehmen und jeweils andere Lebenserfahrungen machen. Gerrig und Zimbardo beschreiben Dissoziation als ͣdas Vergessen wichtiger persönlicher Erfahrungen, ausgelöst durch psychische Faktoren und ohne das Vorhandensein einer organischen Fehlfunktion“ sowie als eine ͣUnterbrechung der Integration von Identität, Gedächtnis und Bewusstsein“ (Gerrig/Zimbardo 2008, S. 577).

2.1.1 Symptome

Die wichtigsten Symptome der Erkrankung sind das Auftreten mehrerer Persönlichkeitsanteile, die sich voneinander unterscheiden. So kann es sowohl männliche als auch weibliche Anteile unabhängig vom Körpergeschlecht geben, die jeden Alters sein können. Sie haben eine unterschiedliche Biographie und verschiedene Namen, können sich in Fähigkeiten und Eigenschaften wie der gesprochenen Sprache oder ihrem kognitiven Niveau unterscheiden (vgl. Brunner 2012, S. 11). Michaela Huber spricht gar von unterschiedlichen handwerklichen Fähigkeiten, anderen Handschriften, unterschiedlichen Kleidungsstilen und zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zu anderer sexueller Orientierung (vgl. Huber 2010, S. 106-112). Die wichtigste Unterscheidung zwischen Multiplen und Nichtmultiplen sei jedoch der Zeitverlust, den Multiple erleben, während ein anderer Teil die Kontrolle über den Körper habe (vgl. ebd. S. 38). Brunner und Huber betonen, dass es häufig vorkomme, dass die Persönlichkeitsanteile nichts voneinander oder dem, was der andere getan hat, wüssten (vgl. ebd. S. 38) (vgl. Brunner 2012, S. 11).

2.1.2 Ursachen

Michaela Huber schreibt weiter von vier Voraussetzungen für das Entstehen einer multiplen Persönlichkeit, die an dieser Stelle erläutert werden sollen.

Eine Voraussetzung sei das Durchleben schwerster Kindheitstraumata. Ein schweres kindliches Trauma sei eine ͣschreckliche, überwältigende Erfahrung, der das Kind nicht ausweichen kann, gegen die es nicht ankämpfen kann, die seine bis dahin in seiner psychischen Entwicklung gewonnenen Abwehrmöglichkeiten eindeutig übersteigt und als eine Todesnähe-Erfahrung erlebt wird“ (Huber 2010, S. 49). Das Entstehen einer dissoziativen Persönlichkeit ist somit ein Überlebensmechanismus in einer lebensbedrohlichen Situation, in der Flucht oder Kampf ausgeschlossen sind, weil das Opfer beispielsweise betäubt oder dem Täter/den Tätern hoffnungslos unterlegen ist. Da eines der schwersten Traumata das Erleben sexueller Gewalt ist, ist diese Erfahrung etwas, was die meisten multiplen Persönlichkeiten gemeinsam haben. Gewichtig sei, dass dieses Erlebnis stattgefunden haben muss, als das Kind noch dabei war, seine Identität zu entwickeln, also in der Regel innerhalb der ersten fünf Lebensjahr, so Huber (vgl. ebd., S. 50). Das Traumaerlebnis wird also in mehrere Teile aufgespalten, quasi von der Seele abgespalten, um es erträglich zu machen, und bei anhaltender Traumatisierung spaltet sich sogar die Identität. So sei es möglich, dass das Trauma von einer Persönlichkeit erlebt wird, während eine andere nichts mehr davon weiß. Geschieht die Spaltung nicht nach dem Erleben des Traumas, sondern währenddessen, kann dessen Erinnerung auch auf mehrere Persönlichkeitsanteile verteilt werden (vgl. ebd., S. 50-51).

Man kann also festhalten, dass Betroffene einer DIS meistens in frühen Kindheitsjahren mehrfach Opfer sexueller Gewalt geworden sind, die so überwältigend war, dass sich die Identität gespalten hat, um das Trauma zu bewältigen.

Eine weitere Voraussetzung für das Entstehen einer DIS ist nach Huber die Tatsache, dass niemand dem Kind geholfen hat. Hat es sich nach der Traumatisierung vielleicht noch mitzuteilen versucht, traut es sich das nach einiger Zeit nicht mehr, weil ihm niemand glaubt. Das Entstehen neuer Persönlichkeiten sei so auch möglich, um sich unbewusst anzupassen an das unvorhersehbare Verhalten und die Anforderung der Erwachsenen, die den Äußerungen des Kindes oft nicht glauben, weil sie es nicht können oder weil solche Dinge einfach nicht passieren dürfen. Huber beschreibt weiterhin die Arten an Persönlichkeiten, die sich bilden können. So können Anteile anpassungsfähig und brav sein, andere stark, mutig und kampfbereit, wieder andere können bestimmte nützliche Fähigkeiten haben, einige übernehmen die Kontrolle über den Körper, andere koordinieren im Innern (vgl. ebd., S. 52-54).

Als dritte Voraussetzung nennt Huber die Fähigkeit, gut dissoziieren zu können, was im Prinzip ein alltägliches Phänomen sei, das viele Menschen an sich beobachten können. So handle es sich schon beim ͣFilmriss“ nach übermäßigem lkoholkonsum oder bei der so oft gefahrenen Autofahrt nach Hause, an die man sich nicht mehr richtig erinnern kann, um Dissoziationen (vgl. ebd., S. 37). Während Assoziieren das Zusammenfügen von Erfahrungen sei, sei Dissoziieren das Trennen, das ganz automatisch geschehe, um Eindrücke später wieder neu zu assoziieren. Eine Dissoziation bezogen auf traumatische Erlebnisse könne als eine Schutzfunktion des Unbewussten beschrieben werden, indem es schreckliche Erfahrungen in ͣhintere Hirnregionen“ verbanne, um das Bewusstsein nicht zu überfordern. Eine Dissoziationsstörung beschreibe dann die Tatsache, dass bestimmte Informationen in Gänze auf keinen Fall erneut assoziiert werden dürften. Drängen doch einmal einzelne Erinnerungen (z.B. ein Geruch oder ein Bild) in das Bewusstsein zurück, empfänden Betroffene dies als sogenannte Flashbacks (vgl. ebd., S. 42-47).

Betroffene entsetzlicher Gewalterfahrungen nutzen also das Dissoziieren von Informationen, das Menschen ohnehin unbewusst beherrschen, um zu belastende Erlebnisse auf mehrere Persönlichkeitsanteile aufzuteilen. Kommt es durch einen inneren oder äußeren Auslöser zu einem Flashback, bei dem bestimmte Erinnerungen wiedererlebt werden, könne jedoch eine Assoziationskette losgelöst werden, durch die es zu Wechseln in den Persönlichkeitsanteilen komme. Wenn es so auch zur Spaltung des Alltagsbewusstseins komme, sei es auch möglich, dass große Teile der Vergangenheit komplett vergessen würden (vgl. ebd., S. 48-49).

Als letzte Voraussetzung nennt Huber, dass Betroffene einer DIS zumeist weiblichen Geschlechts seien, wobei es Ausnahmen gäbe (vgl. ebd., S. 39). Dies lässt sich leicht mit dem Vorliegen sexueller Gewalt erklären, da die meisten Opfer sexueller Gewalt weiblich sind. So sagt Huber, schätzungsweise jedes dritte Mädchen sei vor seiner Volljährigkeit sexueller Gewalt ausgesetzt gewesen, wobei die Täter in 90% der Fälle männlich seien,

vorwiegend die Väter (vgl. ebd., S. 39-40). Es gebe jedoch einige Kontroversen bezüglich der Häufigkeit männlicher Betroffener, da die Dunkelziffer hier hoch sei (vgl. ebd., S. 41).

Man kann also Folgendes zusammenfassen: Die DIS kann verstanden werden als ein Schutzmechanismus des Unbewussten, sodass schwere Traumatisierungen vom Bewusstsein ferngehalten werden können. Die ͣtypische“ Betroffene nach Huber wäre ein Mädchen (wobei vage bleibt, wie häufig Jungen betroffen sind), das schon seit frühester Kindheit sexuelle Gewalt erfahren und all diese Erfahrungen dissoziiert hat, weil es von außen keine Hilfe erwarten konnte. So entstehen mehrere Persönlichkeiten, die unterschiedliche Erinnerungen ͣhüten“, verschiedene Eigenschaften haben und deren Erscheinen von Auslösern beeinflusst wird.

2.2 Schizophrenie

Genau wie die DIS ist auch die Schizophrenie eine Persönlichkeitsstörung, bei der Denken und Wahrnehmen gestört sind. Die Abgrenzung zwischen den einzelnen Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises ist schwierig und soll nicht Bestandteil dieser Hausarbeit sein. Wohl aber sollen auch zu dieser Erkrankung die Symptome und Ursachen beleuchtet werden, um sie in folgenden Abschnitten auf den Film anzuwenden.

2.2.1 Symptome

Betroffene einer Schizophrenie leiden unter Halluzinationen oder Täuschungen, die sich meistens in Geräuschen äußern, sodass sie z.B. Stimmen hören, die sie für real halten. Es sei so auch möglich, dass sich mehrere dieser für real gehaltenen Stimmen unterhalten. (vgl. Gerrig/Zimbardo 2008, S. 579-580). Die Stimmen können außer dialogisierend auch imperativ sein, und dem Betroffenen befehlen, Dinge zu tun, die zum Teil selbstdestruktiv sein können (vgl. Remschmidt/Theisen 2011, S. 18).

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Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Schizophrene oder Multiple Persönlichkeit? Zur Darstellung psychischer Erkrankungen im Film "Who am I"
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
27
Katalognummer
V413695
ISBN (eBook)
9783668647145
ISBN (Buch)
9783668647152
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filminterpretation, Germanistik, Medien, Film
Arbeit zitieren
Wiebke Theis (Autor), 2018, Schizophrene oder Multiple Persönlichkeit? Zur Darstellung psychischer Erkrankungen im Film "Who am I", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413695

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