Das Foto als identitätsstiftendes Medium in Christopher Nolans Film "Memento"


Seminararbeit, 2005

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung
1. Das Gedächtnis als Identitätssicherung
1.1 Auf der Suche nach Erinnerung
2. Das Foto als ambiguentes Speichermedium der Realität
2.2 Wer sieht welche oder wessen Realität?
3. Das Bild der eigenen Identität: Gedächtnis und Selbstbewusstsein
3.1 Konstruktion eines Selbstbildes

II. Fazit: Fotos fungieren in Memento als identitätsstiftendes Medium

III. Literatur

I. Einleitung

Im Film Memento[1] leidet die Hauptfigur „Leonard Shelby“ an einer Sonderform der Schädigung seines Kurzzeitgedächtnisses. Das persönliche Zeitempfinden, sowie die damit verbundenen Erlebnissen und Schlussfolgerungen werden regelmäßig unterbrochen. Das hat zur Folge, dass sich der Protagonist ständig neu orientieren muss und nur durch ein konsequentes System diverser Angewohnheiten das Gefühl einer kontinuierlichen Realität schaffen kann.

Bei der Analyse des Films selbst soll anhand des inhaltlichen Aufbaus und speziell anhand der Fotografien die Problematik des Identitätsverlustes durch die Krankheit des Protagonisten erörtert werden. Da für diesen Film beinahe keine Sekundärliteratur existiert, stammen die folgenden Thesen und Ergebnisse aus meinem persönlichen Eindruck des Films. Die wesentliche Frage der Analyse und dieser Arbeit sind daher: Wie behandelt Memento das Bild bzw. Foto in Bezug auf das Thema Realität und Identität bzw. Realitätsverlust und künstliche Identität? Wie dienen die Fotos zur Erinnerung Leoanards Selbst ?

Der Regisseur Christopher Nolan wollte, dass sich der Zuschauer gemeinsam mit der Hauptfigur um die existenzielle Vorbedingung der Identitätsfindung Gedanken macht.[2] Damit versuchte er den allgegenwärtigen Vorgang der Persönlichkeitsbildung durch das Gedächtnis und der persönlichen Erinnerung der Vergangenheit zu veranschaulichen. Nahezu jede Szene dient der Identitäts- und Realitätsfindung des Protagonisten und treibt die Handlung in immer neue Richtungen weiter, ohne vorschnell zu verraten, wohin dies letztendlich führen soll. Diese gewaltsame Persönlichkeitsberaubung steht ganz im Zeichen von Rache, welches sich in Anlehnung an die Bibelstelle auch im Film wieder findet: „Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Schaden, den er einem Menschen zugefügt hat, soll ihm zugefügt werden.“ (Lev. 24,20)[3]

Die Kurzgeschichte Memento Mori[4] von Nolan`s Bruder Jonathan diente dem jungen, britischen Regisseur als Vorlage zu Memento.[5] Diese Geschichte brachte Nolan auf die Idee, die Bildung einer zukünftigen Identität aus den „Erinnerungen der Vergangenheit“ als ein reines Experiment des Gedächtnisvermögens zu konstruieren. Dabei zeigt sich immer wieder das Problem der Manipulation von Bildern. Sei es aus der imaginären Erinnerung oder deren fotographischer Aufzeichnung. Denn: Zeigen die Polaroids wirklich Lennys reale Identität oder nur das, was er dafür hält?

1. Das Gedächtnis als Identitätssicherung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 1 – Lenny erwacht in einem anonymen Hotelzimmer

Das Gedächtnis wird auch in der neueren Forschung in Anlehnung an das Modell von G.E. Müller (1911-17 und F.C. Bartlett (1932) als Modell von „storage und retrieval“, als Engramm und Repräsentation konzipiert. Gedächtnis wird hierbei bis heute als im gesamten Gehirn verteilte neuronale Funktionen verstanden, da es bis dato nicht gelungen ist, das Gedächtnis an einem bestimmten Ort im Gehirn zu lokalisieren. Das Gedächtnis repräsentiert nach dieser Auffassung den jeweiligen Stand der Wahrnehmungs- und Erlebnisgeschichte eines kognitiven Systems und steuert somit die Bedeutungszuweisung der aktuellen Wahrnehmung durch Schemata bzw. Attraktoren, bei denen Sprache, Affekte und Normen eine bedeutende Rolle spielen.[6] Gedächtnis und Erinnerung müssen dabei getrennt voneinander

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 – Leonard „wacht“ in einem anonymen Zimmer auf

betrachtet werden, da Gedächtnis eine neuronale Funktion ist, Erinnerung hingegen aber eine kognitivpsychische Konstruktion, die erst bewusst werden muss, damit sie sprachlich formuliert werden kann. Da die zeitliche Präsenz der Gegenwart an das Konzept des „Bewusstseins“ gekoppelt ist, die Vergangenheit aber an das Modell der „Bekanntheit“ anknüpft, kann für Erinnerung ein von der Vergangenheit unabhängiges Kriterium bereitgestellt werden. Das heißt, dass die Vergangenheit nicht von der Erinnerung abhängt, sondern die Vergangenheit bildet erst durch die Modalität des „Sich-Erinnerns“ eine Identität.[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Leonard Shelby wacht in einem anonymen Hotelzimmer auf. Er weiß nicht, wo er ist, oder was er vorhatte. Er kann sich nicht einmal daran erinnern, mit wem er zuletzt gesprochen hat. Er kann niemandem vertrauen und sein ganzes Leben erscheint ihm wie ein Mosaik, dessen einzelne Bestandteile immer wieder zusammengesetzt werden müssen. Das Einzige, was Leonard Shelby sicher weiß ist, dass er den entkommenen Mörder seiner Frau finden und töten will. Rache und Vergeltung sind sein Ziel, auf das er sich immer wieder besinnen muss. Da die Polizei die Suche nach dem Mörder anscheinend aufgegeben hat, ermittelt er in eigener Sache. Durch seinen eisernen Willen und seine Disziplin gelingt es ihm, sich selbst zu konditionieren und ein eigenes System für den Umgang mit seinem Zustand zu entwickeln. Er selbst sagt von sich: „Ich bin diszipliniert und organisiert. Nur mit Routine kann ich mein Leben über die Bühne bringen.“[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb 2 – Lenny tätowiert sich „Fakten“ auf seinen Körper

Die wichtigsten Informationen, die ihn an sein eigentliches Ziel erinnern sollen, tätowiert sich Leonard deshalb als facts direkt auf seinen Körper.[9] So sammelt er Fakten, die ihn auf die Spur des Täters bringen sollen. Damit er sich erinnert, mit wem er Kontakt hat, schießt er von jenen Personen ein Foto, an die er sich erinnern muss. Auf der Rückseite der Bilder macht er sich Notizen, wie er die Person nach seinem situativen Empfinden einzuschätzen hat. Nur so ergeben seine auf Foto gespeicherten Erinnerungen einen Sinn für Lenny.

Erinnern ist also Sinnproduktion. Erinnerung und Gedächtnis stellen somit einen Zusammenhang zwischen einem Ereignis her, das durch scheinbares „Wiedererkennen“ des Gedächtnisses und seiner „Repräsentation“ in der überlieferten Erinnerung aktualisiert wird. Wobei die Überlieferung stark von der Kohärenz- und Konsistenzerwartung der Gesellschaft und den verwendeten Medien abhängt. So sind Lennys Fotos als Erinnerung an eine komplexe Vergangenheit eine äußerst zweifelhafte Quelle. Keinesfalls wird damit eine intrinsische „Wahrheit des Ereignisses“ dokumentiert. Teddy warnt Lenny vor überschnellen Schlüssen aus solchen Aufzeichnungen:

Teddy: „Lenny, ein Menschenleben darf nicht von deinen Fotos und Notizen abhängen.“

Lenny: „Wieso nicht?“

Teddy: „Weil Notizen unzuverlässig sein könnten. Deshalb.“

Lenny: „Das Erinnerungsvermögen ist unzuverlässig.“

Teddy: „Bitte…“

Lenny: „Nein, nein, nein. Das Erinnerungsvermögen ist nicht perfekt. Es ist nicht mal gut. Frag die Polizei: Die Aussagen von Augenzeugen sind nicht zuverlässig. Die fangen keine Killer weil sie rumhocken und sich an Dinge erinnern.“

Teddy: „Richtig. Ich weiß, aber davon rede ich nicht.“

Lenny: „Sie sammeln Fakten. Sie machen sich Notizen und ziehen daraus Schlüsse. Fakten. Nicht Erinnerungen. So wird ermittelt. Ich weiß es, das war mein Beruf. Also hör mal: In der Erinnerung kann sich die Form eines Zimmers verändern, die Farbe eines Autos. Die Wahrnehmung ist möglicherweise verzerrt. Sie ist nur eine Interpretation – keine Aufzeichnung. Sie ist irrelevant, wenn man Fakten hat.“[10]

Erinnerung und Gedächtnis spielen also eine entscheidende Rolle beim Aufbau und Erhalt individueller, aber auch gesellschaftlicher Identität. Für Lenny stellen seine Bilder und die dazugehörigen Notizen eine existenzielle Quelle seiner Persönlichkeit dar. Sie erinnern ihn an seine „persönliche Identität“ und an sein Vorhaben. Nur so ist er in der Lage, sich auch ein Bild von „sich selbst“ zu machen. Wirklich erinnern kann er sich nämlich nur an eine Vergangenheit vor dem Unfall. Er glaubt fest daran, sich durch sein System vor möglichen Gefahrenquellen zu schützen und vertraut deshalb auch nur auf seine eigene Handschrift. Ein System also, dem er gerade am wenigsten vertrauen dürfte, da er sich nicht selbst daran erinnern kann, in welchem Kontext er seine Notizen erstellte. Wie auch Lennys persönliche Identität verlieren seine Aufzeichnungen und Erinnerungen an Bedeutung und Wert, wenn sie nicht durch Aktualisierung innerhalb des Entstehungskontextes reaktiviert werden können.

Persönliche Identität lässt sich also weder als dinghafte, statische Größe, noch als einfach gegeben verstehen.[11] Vielmehr ist es ein vom Individuum an der Schnittstelle von gesellschaftlicher Interaktion und individueller Biographie immer wieder zu bewerkstellender Prozess der Konstruktion und Revision von Selbstbildern. Ausgerechnet dies wird aber durch die Krankheit Lennys massiv gestört. Denn ohne individuelle und soziale Selbstkonzepte und Geschichtsentwürfe seiner persönlichen Vergangenheit können die ständig ablaufenden Prozesse der Selbstvergewisserung keinerlei Stabilität gewinnen. Lennys Erinnerung und sein komplementäres Vergessen sind von der Objektivität der Ereignisse abgekoppelt. Seine Wahrnehmung hat sich vollkommen auf eine imaginäre Realitätsversion fixiert. Was erinnert und was vergessen wird, hängt stark von seinem subjektiven Identitätsmanagement ab, welches wiederum von wechselnden Bedürfnissen, Affekten, Normen und Zielen gesteuert ist. In Lennys Fall ist dies überwiegend die Rache für den Mord an seiner Frau. Es stellt für ihn ein emotionales Schockerlebnis dar, das er nicht vergessen kann: „Ich kann mir nicht merken, dich zu vergessen.“[12] Durch seine Tätowierungen und die Polaroids mit Untertiteln, entscheidet Lenny immer wieder selbst, welche Gedächtnispolitik für ihn sinnvoll erscheint.

[...]


[1] Memento. Regie: Christopher Nolan. Verleihfirma: Helkon. USA 2000

[2] Vgl. Memento. Helkon: USA 2000. DVD. Hier: Special Features/ Produktionsnotizen

[3] Lenny schlägt diese Bibelstelle im Hotelzimmer auf. Sein Handeln im Film ist durch Rache motiviert. Diese Motivation treibt die Handlung existenziell voran.

[4] Memento mori = Gedenke des Todes

[5] Vgl. Memento. Helkon: USA 2000. DVD. Hier: Special Features/ Produktionsnotizen

[6] Vgl. Metzler Lexikon: Literatur- und Kulturtheorie. Ansgar Nünning (Hrsg.). 2. Auflage. Stuttgart, u.a. 2001. S.212

[7] Vgl. Metzler Lexikon: Literatur- und Kulturtheorie. Ansgar Nünning (Hrsg.). 2. Auflage. Stuttgart, Weimar 2001. S.212

[8] Memento. Timecode: 00:16:00

[9] Die tätowierten Facts sind: “John G. raped and murdered my wife“, “Find him and kill him” , “The facts”, “Fact 1: mail”, “Fact 2: white” , “Fact 3: Name John or James”, “Fact 4: Surname G_____”; “Fact 5: Drugdealer”, “Fact 6: Plate Number: SG 13 71U”, “Remember Sammy Jenkis”, “photograph house, car, friend, foe”, “Don’t trust your weakness”, “Consider the source”, memory is treachery”, “Never answer the phone”

[10] Memento. Timecode: 00:22:55

[11] Vgl. Metzler Lexikon: Literatur- und Kulturtheorie. Ansgar Nünning (Hrsg.). 2. Auflage. Stuttgart, Weimar 2001. S.267

[12] Memento Timecode: 00:54:10

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Foto als identitätsstiftendes Medium in Christopher Nolans Film "Memento"
Hochschule
Universität Mannheim  (Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur und qualitative Medienanalyse)
Veranstaltung
Rätselhafte Filme
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V41371
ISBN (eBook)
9783638396448
ISBN (Buch)
9783638879712
Dateigröße
991 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Foto, Medium, Christopher, Nolans, Film, Memento, Rätselhafte, Filme
Arbeit zitieren
Master of Arts Alexander Monagas (Autor), 2005, Das Foto als identitätsstiftendes Medium in Christopher Nolans Film "Memento", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41371

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