Sarah Bernardt - Projektion der Femme Fatale?


Seminararbeit, 2002
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Zeithistorischer Hintergrund
1.1 Die Rolle der Frau in der Gesellschaft des 19. Jhr
1.2 Die Frau als Schauspielerin

2. Die femme fatale - Bewegung im 19. Jahrhundert
2.1 Das dekadente Frauenbild in Kunst und Literatur
2.2 Drei Erklärungsansätze

3. Sarah Bernhardt
3.1 Kurzbiographie
3.2 Der Star Sarah Bernhardt
3.3 Sarah Bernhardt - die femme fatale
3.3.1 Das Bühnenspiel
3.3.2 Der Lebensstil der Bernhardt
3.3.3 Körperlichkeit
3.3.4 Inszenierung des Privatlebens

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

„Im Mythos und in der Literatur hat es den Typus der femme fatale immer gegeben, denn Mythos und Literatur sind nur die dichterische Widerspiegelung des wirklichen Lebens, im wirklichen Leben aber hat es an mehr oder minder vollkommenen Exemplaren herrschsüchtiger und grausamer Frauen nie gefehlt.“[1]

Mit diesem Zitat beschreibt Mario Praz, der in seinem Werk „Schwarze Romantik“ als erster das Phänomen „ femme fatale“ erkannte, einordnete und psychologisch deutete, das dekadente Frauenbild, das in seiner Darstellung im 19. Jahrhundert einen Höhepunkt in Kunst, Literatur und in der Gesellschaft fand.

Dass die femme fatale im wirklichen Leben real existierte und nicht nur ein Produkt der Männerfantasie war, war nicht nur Praz’ Auffassung.

Vielen Frauengestalten der Geschichte wurde diese Rolle zugeordnet.

Sarah Bernhardt, eine der erfolgreichsten und bekanntesten Schauspielerinnen des 19. Jahrhunderts, galt zu ihrer Zeit als eine femme fatale par excellence.

Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, ob Sarah Bernhardt wirklich eindeutig dem Typus der femme fatale zuzuordnen ist und warum. Als erstes soll die Berücksichtigung des zeithistorischen Aspektes erläutern, wie die Frau in ihrer Rolle im 19. Jahrhundert, orientiert am viktorianischen England und Frankreich, wahrgenommen wurde. Ausgehend von diesen Ausführungen kann nachvollzogen werden, in welcher gesellschaftlichen Lebenssituation sich die Bernhardt befand. Außerdem sollen im Ansatz die Gründe aufgezeigt werden, warum sich gerade zu dem Zeitpunkt des fin de siècle das dekadente Frauenbild durchsetzen konnte. Dazu erscheint es sinnvoll zu erläutern, in welcher Art und Weise sich das Bild der femme fatale in Kunst und Literatur etablierte. Eine Kurzbiographie der Bernhardt stellt die Einleitung des Schwerpunkts dieser Arbeit dar. Zuerst werde ich der Frage nachgehen, warum gerade Sarah Bernhardt es schaffte, zum Weltstar aufzusteigen. Im Hinblick auf die typischen Merkmale der femme fatale möchte ich herausfinden, welchen Lebensstil Sarah Bernhardt verfolgte, wie sie ihre Kunst und sich selbst als Person wahrnahm. Zum Schluß soll ein Resümee gezogen werden, das die Ergebnisse dieser Arbeit aufgreift und in einen sinnvollen Zusammenhang bringt, um auf die thematisierte Frage eine Antwort zu finden.

1. Zeithistorischer Hintergrund

Die Karriere der Sarah Bernhardt vollzog sich in einem Jahrhundert, das in vielerlei Hinsicht von entscheidenden Umwälzungen und Veränderungen auf verschiedensten Gebieten geprägt war.

Die einsetzende Industrialisierung ermöglichte dem Bürgertum erstmals zu Macht und Ansehen zu gelangen. Kultur und Theater wurden bürgerlich und nicht mehr ausschließlich dem Adel vorbehalten. Das 19. Jahrhundert brachte entscheidende technische Innovationen hervor, wie die Dampfkraft, die ganz neue Möglichkeiten schaffte, sich schneller und einfacher fortzubewegen.

„Das vorindustrielle Reisen in der Kutsche ließ die schnelle Überwindung weiter Strecken nicht zu, und erst die Dampfkraft, die Eisenbahnen und Ozeandampfer antreibt und so den Raum zwischen den großen Städten und den Kontinenten aufhebt, ermöglichte [...] internationale Präsenz.“[2] Nicht nur die Masse erhielt die Möglichkeit fremde Kontinente zu bereisen, sondern auch Künstler und Schauspieler konnten erstmals internationalen Ruhm erlangen. Das mediale Zeitalter wurde eingeläutet: mit der Erfindung der Fotografie und der Zeitung konnten Neuigkeiten schnell verbreitet werden. Ein Effekt war das Aufkommen des Starkultes - einzelne Personen konnten erstmals aus der anonymen Masse heraustreten.

1.1. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts etablierte sich eine deutlich frauenfeindliche Strömung in der Gesellschaft. „Weitverbreitet war der Glaube, die Frau habe die Fähigkeit, die Kreativität des Mannes zu untergraben und sei ferner außerstande zu lieben oder künstlerisch tätig zu sein.“[3] Ihr wurde die Rolle des „passiven Hausengels“[4] auferlegt, die lediglich die Erziehung der Kinder und die Ordnung im Haushalt symbolisierte, aber nicht die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben vorsah. Frauen definierten sich in der Gesellschaft immer über ihre Ehegatten, weshalb es wichtig war, so schnell wie möglich verheiratet zu werden. In der Ehe musste die Frau eine unterwürfige Rolle spielen, in der jegliche Auflehnung verboten war. Der Mann brauchte die Frau mit ihren reinen, unschuldigen Eigenschaften als Kollektiv zu seinen derben und manchmal auch schlechten Charakterzügen. Scheidung oder der Ehebruch, den die Frau beging, war ein Verbrechen und vernichtete ihr Ansehen in der Gesellschaft.

Schon am Rande jedweder gesellschaftlichen Normen bewegten sich dagegen Schauspielerinnen, Kurtisanen und Prostituierte - sie symbolisierten die komplette Gegenbewegung der Frauen am Anfang des 19. Jahrhunderts, die niemals aus ihren bürgerlichen Normen auszubrechen wagten.

Die wenig geachtete und unterdrückte Position der Frau hatte auch eine ambivalente Einstellung zur Sexualität zur Folge. „Die Verbindung von Erotik, Schmerz und Tod sowie der Glaube, daß sexuelle Beziehungen notwendigerweise eine gefährliche Unterwerfung nach sich ziehen mussten, konnte durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch verfolgt werden.“[5] Sexuelle Themen wurden generell tabuisiert und Konflikte jeder Art nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen. Generell galt die Jungfräulichkeit als höchstes Gut der Frau. Sie wurde als gesellschaftsfähig angesehen, wenn sie keusch und unterwürfig war, ganz aufgehend in der liebevollen Rolle der Mutter, die Zuhause ein isoliertes Leben führte.

Durch die einsetzende Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts erweiterte sich erstmals der Wirkungskreis der Frau. War sie bisher nur für Haushalt und Kinder zuständig, drang sie jetzt auch in das berufliche Leben ein, das bisher nur den Männern vorbehalten war. „Dies war die Zeit der „neuen Frau“, die ihr mehr erzieherische und berufliche Möglichkeiten eröffnete als je zuvor“[6], was eine Welle von Emanzipationsbewegungen nach sich zog. Die einsetzende Frauenbewegung, die von der Forderung des Bürgertums nach mehr Freiheit und Gleichberechtigung im Zuge der Industrialisierung begünstigt wurde, zog sich durch das ganze 19. Jahrhundert. Ihren Höhepunkt erreichte sie mit der Organisation von Frauenclubs und Frauenvereinigungen und der Erfindung der ersten Frauenzeitschriften. „Der Emanzipationsausbruch, den die Frauen erstmals im 19. Jahrhundert nachhaltig anmelden, spielt als Folie für die Herausbildung der Femme fatale eine wichtige Rolle, denn dieser Anspruch wurde als eine unerhörte Bedrohung empfunden.“[7]

1.2 Die Frau als Schauspielerin

Die frauenfeindliche Strömung am Anfang des 19. Jahrhunderts hatte erheblichen Einfluss auf die Bedeutung der Frau als Schauspielerin, die in der Gesellschaft einen sehr niedrigen sozialen Status einnahm. Wurde sie noch im ausgehenden 19. Jahrhundert mit Kurtisanen und Prostituierten auf eine soziale Schiene gestellt, änderte sich diese Einstellung in der frauenfeindlichen Gesellschaft.

„Paradoxerweise war die wachsende Bedeutung der weiblichen Schauspielerin Hand in Hand gegangen mit der allgemein verstärkten Unterdrückung der Frau.“[8]

Je mehr die Frau im gesellschaftlichen Leben als „passiver Hausengel“ und als nutzlos degradiert wurde, gewann hingegen das Bild der Frau, wie es auf der Bühne dargestellt wurde, an enormer Bedeutung. „Weibliche Hauptdarstellerinnen machten die Stücke, in denen sie spielten, zu Kassenschlagern, während die männlichen Darsteller [...] zurückstehen mußten.“[9]

Ein entscheidender Grund für diese eintretende Änderung der Betrachtung war, dass die Frau auf der Bühne ein Blickobjekt darstellte, von dem jeder Mann Besitz ergreifen konnte. Der Betrachter konnte sich jederzeit an ihr erfreuen. Durch den medialen Fortschritt konnte sie sogar auch per Foto in ein Album geklebt werden. Für die Frauen im viktorianischen Zeitalter besaß „der Beruf der Schauspielerin [...] eine symbolische Bedeutung. Er bot die einmalige Chance, Unabhängigkeit, Ruhm und Glück zu erlangen.“[10] Die Schauspielerin selbst war von den starren rollenspezifischen Strukturen der Gesellschaft unabhängig - ein Vorteil, den sich die meisten Frauen nur erträumen konnten. Sie konnte berühmt, reich und mächtig werden, allerdings hatte dieser Ruhm auch eine zweifelhafte Seite - sie musste sich von ihrem Publikum kaufen lassen, um all diesen Erfolg zu erringen. Des Weiteren verbarg die Schauspielerin hinter ihrer Person eine Stärke, die Frauen und auch Männer gleichermaßen bewunderten und anzogen. Einerseits verkörperte sie durch ihre Rollen die damalige Vorstellung des Weiblichen, andererseits hatte sie die Möglichkeit durch ihre Darstellung diese Vorstellungen in Frage zu stellen. Durch die Imitierung von Männerrollen konnte die Vorstellung von der Schauspielerin als starke Persönlichkeit noch weiter gesteigert werden.

Für viele Menschen war die Schauspielerin dennoch das Projektionsobjekt „für unordentliche Wünsche und ungehörige Sehnsüchte. Durch sie träumte sich das bürgerliche Publikum in die weite, exotische Welt hinaus und über die engen moralischen Grenzen hinweg, die es sich zu Beginn seines Aufstiegs - in Abgrenzung zum Adel - bewußt gesetzt hatte.“[11]

[...]


[1] Praz, Mario: Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. (München: Carl Hanser Verlag 1963), S. 132.

[2] Möhrmann, Renate (Hg.): Die Schauspielerin. (Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag 2000), S. 259.

[3] Schickedanz, Hans Joachim: Femme fatale - Ein Mythos wird entblättert. (Dortmund: Harenberg 1983), S. 36.

[4] Stokes, John/ Booth, Michael R./ Bassnett, Susan: Sarah Bernhardt, Ellen Thierry, Eleonora Duse. Ein Leben für das Theater. (Weinheim: Quadriga Verlag 1991), S. 2.

[5] Schickedanz (1983), S. 36.

[6] Ebd., S. 39.

[7] Stein, Gerhard (Hg.) Femme fatale. Vamp. Blaustrumpf. Sexualität und Herrschaft. (Frankfurt am Main 1985), S. 11-20, zit. nach: Hilmes, Carola: Die Femme fatale. Ein Weiblichkeitstypus in der nachromanischen Literatur. (Stuttgart: Metzler 1997), S. 1.

[8] Stokes, John/ Booth, Michael R./ Bassnett, Susan (1991), S. 2.

[9] Ebd.

[10] Ebd., S. 3.

[11] Möhrmann, Renate (2000), S. 347-348

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Sarah Bernardt - Projektion der Femme Fatale?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Department of English Literature)
Veranstaltung
Oscar Wilde, Salomé
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V41381
ISBN (eBook)
9783638396530
ISBN (Buch)
9783638656023
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Seminararbeit, die die Frauenrolle im 19. Jhr genauso beleuchtet wie das Phänomen Femme Fatale, das Mitte des 19.Jahrhunderts in Kunst und Literatur des viktorianischen Englands und in Frankreich auftauchte. Es werden Erklärungsansätze hierfür gegeben. Schließlich steht die frz. Schauspielerin Sarah Bernard im Mittelpunkt der Analyse, und es wird ersichtlich, dass sie genau dem Typus der Femme Fatale der damaligen Zeit entsprach.
Schlagworte
Sarah, Bernardt, Projektion, Femme, Fatale, Oscar, Wilde, Salomé
Arbeit zitieren
Magister Kommunikationswissenschaft Linda Neuhaus (Autor), 2002, Sarah Bernardt - Projektion der Femme Fatale?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41381

Kommentare

  • Gast am 8.4.2008

    Sarah Bernardt- nichts neues...oder doch?.

    Ich arbeite selbst grade an einer Hausarbeit zu dem thema und empfinde 7,99 € für die kaum 25 Seiten umfassende Veröffentlichung als haarsträubend teuer. Zumal die Recherche an manchen stellen sehr oberflächlich stattgefunden zu haben scheint. Zum Beispiel
    ist die Aussage "mit erfindung der Fotografie und der Zeitung konnten Neuigkeiten schnell verbreitet werden" (1.Zeithistorischer Hintergrund) -milde formuliert- nachlässig. die Zeitung wurde nicht im 19. Jahrhundert "erfunden" sondern ist nachweißlich schon mitte des 17. Jahrhunderts vielfach in einer täglich publizierten form dokumentiert. Solcherlei Details mögen Spitzfindig anmuten, angesichts des Anspruchs an Wissenschaftliche Arbeiten insbesondere an solche von geringem Umfang ist es aber ein Ärgernis, dass das Vertrauen in die weiteren historischen Angaben untergräbt und eine umfangreiche Nachsorge bei deren Verwendung in eigenen Arbeiten notwendig macht. Ein Preis deutlich unter fünf € halte ich für angemessener selbst wenn man eine "geringe Auflage" mit einbezieht.

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