Wie werden Liebe und Sexualität in der Bibel thematisiert?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Liebe und Sexualität - Was ist das?

3. Liebe in der Bibel
3.1 Wie wird Liebe im Alten Testament definiert?
3.2 Wie definiert das Neue Testament Liebe?

4. Als Mann und Frau erschuf er sie

5. Sexualität in der Bibel
5.1 Sexualität mit dem Ziel der Nachkommen zu zeugen
5.2 Dreiecksverhältnisse und Fruchtbarkeit
5.3 Ehebruch
5.4 Gescheiterter Verführungsversuch
5.5 Inzest
5.6 Vergewaltigung
5.7 Prostitution
5.8 Innige Begegnung zwischen zwei Männern
5.9 Freuden der Sexualität - Das Hohelied
5.10 Rechtstexte im Alten Testament
5.11 Sexualität im Neuen Testament
5.12 Vielfalt der genannten Stellen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1.Einleitung

Während meiner gesamten religiösen Sozialisation begegneten mir viele verschiedene biblische Themen und Geschichten. Vor allem waren es die religiösen Feste, die nicht nur das Kirchenjahr, sondern auch das Kalenderjahr prägen. Doch nie wurde die Themen der fleischlichen Liebe oder der Sexualität thematisiert. Weder hörte man zu diesen Themen etwas einem Gottesdienst, noch wurde es in unseren Jugendstunden thematisiert. Irgendwann stellte ich mir die Frage, ob Liebe und Sexualität vielleicht gar nicht in der Bibel behandelt werden?.

Nach meiner Konfirmation besuchte ich mit einigen gleichaltrigen Freunden die Junge Gemeinde unseres Ortes. In diesem Alter spielte auch das Thema Sexualität eine neue und wichtige Rolle in unserem Leben. Wir sprachen untereinander offen darüber. Allerdings fiel es uns sehr schwer, die Fragen, die wir hatten, laut zu stellen. Oft fehlten uns die Ansprechpartner für diese Themen - auch bzw. besonders in der Kirche. Ich blieb der jungen Gemeinde treu und wurde schließlich Mitarbeiterin. Vor ca. drei Jahren kamen einige Konfirmanden während unserer Rüstzeit auf mich zu. Ihnen lag etwas auf dem Herzen, jedoch ging es ihnen wie mir in ihrem Alter. Sie wollten über Liebe und Sexualität sprechen, denn sie hatten Fragen. Es interessierte sie, ob und was die Bibel zu diesem Thema zu sagen hat. Nun waren wir alle in eine vollkommen neue Situation geraten. Ich selbst konnte damals als ehrenamtliche Helferin auch nicht genau sagen, was dazu in der Bibel steht. Aber dass sie etwas dazu sagt, wusste ich. Wir kamen ins Gespräch. Es war sehr vertraulich, offen und intim. Seit dem Beginn meines Studiums in Weingarten werden mir noch öfter solche Fragen gestellt.

Um zukünftig ein kompetenterer Gesprächspartner sein zu können, der mir vor meinem Studium der Religionspädagogik fehlte, möchte ich in dieser Hausarbeit der Frage nachgehen, ob Liebe, insbesondere die fleischliche Liebe, und Sexualität tatsächlich nicht in der Bibel thematisiert werden. Und, wenn dies doch der Fall sein sollte, herausfinden, welche Problematiken thematisiert werden.

2. Liebe und Sexualität - Was ist das?

Liebe und Sexualität - zwei Dinge, die den Menschen in seinem Denken und Handeln stark beeinflussen und miteinander korrelieren. Doch was ist Liebe, was ist Sexualität per Definition?

Das Wort Liebe trägt drei verschiedene Bedeutungen. Zum einen ist es „ein starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem [nahestehenden] Menschen.“1 Sie kann auch eine auf „starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen sein, die mit dem Wunsch nach Zusammensein und Hingabe verbunden ist.“2 Des Weiteren umfasst der Begriff Liebe auch den sexuellen Kontakt, Verkehr“3 mit einer Person. Synonyme zu Liebe im oben genannten Sinne sind Zuneigung, Leidenschaft, besonderes Interesse, Akt, Geschlechtsverkehr und andere.

Sexualität bezeichnet die „Gesamtheit der im Geschlechtsbetrieb begründeten Lebensäußerungen, Empfindungen und Verhaltensweisen, zum Beispiel die weibliche Sexualität und die Sexualität des Mannes.“4 Erotik, Geschlechtlichkeit, Geschlechtsleben, Sexualleben und Fleischeslust können synonym verwendet werden. Bei den hier aufgeführten Erklärungen handelt es sich um bildungssprachliche Begriffsbestimmungen.

Laut Rüdiger Bartelmus kennt das Alte Testament (im folgenden zur Vereinfachung mit AT abgekürzt) den Begriff ,Sexualität’ an sich nicht.5 Auch in Neuen Testament (im Folgendem zur Vereinfachung mit NT abgekürzt) wird der Begriff ,Sexualität’ nicht gebraucht, wie uns William Loader verrät.6 Es gibt folglich in beiden Testamenten keine hebräische bzw. griechische Übersetzung für diesen Begriff. Bedeutet dies, dass Sexualität und eventuell auch fleischliche Liebe nicht Themen in der Heiligen Schrift sind? Allem Anschein nach sind sie nicht mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren. Werden fleischliche Liebe und Sexualität in der heiligen Schrift - der Basis des Christlichen Glaubens - nicht thematisiert?

Dem entgegen stehen folgende Passagen: „Er küsste mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein“ (Hld 1,2) und „Du hast mir das Herz genommen, ..., liebe Braut, du hast mir das Herz genommen mit einem einzigen Blick deiner Augen“ (Hld 4,9). Diese beiden Zitate gewähren uns einen kleinen Einblick, was die Bibel an Liebe, Sexualität und sogar an Erotik für uns bereit hält. Sie stammen aus dem Hohelied Salomos - einem Buch der Bibel, welches im AT steht. Es wird häufig als das Lied der Lieder bezeichnet. Doch wer denkt beim Lesen dieser Zeilen als erstes an die Bibel und nicht an weltliche Liebeslyrik? Herbert Haag ist der Meinung, dass dies dem geschuldet sei, dass die Kirche von der (fleischlichen) Liebe und der Sexualität schweigt, wenn sie uns die Botschaft der Bibel verkündet oder verkünden sollte.7 Viele Menschen beschäftigt die Frage von der fleischlichen Liebe und Sexualität. Jedoch werden die beiden Inhalte in kirchlichen Kontexten weniger thematisiert.

Der beste Weg eine Antwort auf die oben formulierten Fragen zu finden, ist einen Blick in die Bibel zu wagen. Es ist einen Versuch wert und vielleicht kann man so aus ihr mehr erfahren als die so oft zitierte Leibfeindlichkeit des Apostels Paulus.8 „Entgegen aller Vorurteile, die den christlichen Religionen Leib- und Lustfeindlichkeit attestieren, bildet ihr Basisdokument - die Bibel - ein breites Spektrum zum Thema Liebe und Sexualität ab.“9 Auf der Suche nach Antworten sollen ausgewählte Textstellen und Geschichten näher beleuchtet werden.

3. Liebe in der Bibel

3.1 Wie wird Liebe im Alten Testament definiert?

Das alte, in hebräischer Sprache verfasste Testament gebraucht für die Worte ,lieben’ und ,Liebe’ den Ausdruck ah á b. Es wird, ähnlich wie im Deutschen, für ein spontanes Gefühl verwendet, das zur Selbsthingabe drängt. Liebe zeigt sich dabei in verschiedenen Formen: im Trieb der Geschlechter (Hld), zwischen Mann und Frau (Gen 24,67), in der Eltern- (Gen 25,28) und Verwandtenliebe (Rut 4, 15) in der Freundesliebe (1 Sam 18, 1.3f) und Nächstenliebe (Lev 19,18.34) sowie in der Liebe zu den Dingen und Tätigkeiten (Koh 5,9; Ps 11,5).10

Diese Vielfalt an Erfahrungen von Liebe bildet die Basis für die religiöse Vorstellung der Liebe: „die Aussage, Gott habe das von ihm erwählte Volk lieb, ist in der Welt der Religionen keinesfalls selbstverständlich. Seit Hosea hat Israel solche Aussagen gewagt. Als Antwort solcher personaler Liebe Jahwes zu Israel ist von den Menschen ebenfalls Liebe gefordert (Dtn 6,5).“11

3.2 Wie definiert das Neue Testament Liebe?

Das NT ist ursprünglich in der griechischen Sprache verfasst worden. Für Liebe finden sich drei Übersetzungen, die jeweils eine Form der Liebe ausdrücken. Eros meint die persönlichkeitssteigernde, besitzergreifende Liebe, philia drückt die freundschaftliche, gefühlsbetonte Seite der Liebe aus und agape deckt den weitgehend neutralen Teil des Begriffes Liebe im Griechischen ab. Der übliche griechische Begriff für Liebe, eros, wird von den Schreiben des NTs vermieden und auch philia wird nur selten als Ausdruck gewählt. Stattdessen findet agape für den Begriff Liebe die häufigste Verwendung.12 „Inhaltlich bestimmend dafür werden die beiden alttestamentlichen Momente der Liebe Gottes zum Menschen und der Liebe des Menschen zu Gott.“13 Als die Ursache und Norm für die christliche Liebe wird Jesus gesehen. Er selbst liebte die Menschen und wurde ebenso von ihnen geliebt. Für das Reich Gottes hat er bedingungslose Liebe gefordert und hat selbst durch sein Leiden uns Sterben die Liebe Gottes zur Geltung gebracht. Immer wieder betont speziell das Johannesevangelium die gegenseitige Beziehung von Liebe, Erkenntnis und Einheit: „Indem Christus den Vater liebt ist er eins mit ihm und kennt ihn. Ebenso sind die, welche Christus lieben, die, welche ihn kennen und mit ihm verbunden sind.“14

In der Heiligen Schrift gibt es drei große Formen von Liebe. Zunächst die Liebe Gottes, ihr folgt die Nächstenliebe, die besonders im NT thematisiert wird und neben diesen beiden findet sich auch eine Form der erotischen Liebe. Letztere wird jedoch ausschließlich im AT behandelt. Es findet keine Thematisierung einer solchen, selbstbezogenen Liebe im NT statt. In den folgenden Ausführungen soll die dritte der oben genannten Formen, die fleischliche Liebe in Verbindung mit Sexualität, genauer betrachtet werden.

4. Als Mann und Frau erschuf er sie

Im ersten Schöpfungsbericht in Gen 1,27 heißt es: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.“ „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ steht es nur vier Verse weiter in Gen 1 geschrieben. Auf diesem Vers basierend kann die geschlechtliche Verschiedenheit von Mann und Frau als von Gott beabsichtigt betrachtet werden.

Im eben genannten ersten Schöpfungsbericht werden Mann und Frau zeitlich parallel geschaffen. Im zweiten und älteren Schöpfungsbericht wird zuerst der Mann (Gen 2,7) und dann die Frau erschaffen (Gen 2,18,21-22). Von Beginn des biblischen Menschen an besteht eine von Gott selbst geschaffene „geschlechtliche Differenzierung“.15 „Denn Während der Mann bei den Tieren keine Partnerschaft finden kann, findet er sie bei der Frau.“16

Eine Interpretation in Bezug auf eine Unter-, Über- oder Gleichordnung zwischen Mann und Frau soll an dieser Stelle nur insoweit vorgenommen werden, dass dem Bericht in Gen 2 eine Unterordnung der Frau unter dem Mann zugeordnet wird, während der Bericht aus Gen 1 wohl eher eine Gleichordnung vorsieht. In zwei Formen besteht der Mensch. Sie sind nicht gleich in ihren Geschlechtern, darum kann der Mann nicht in gleicher Weise berechtigt sein wie die Frau und umgekehrt. Das hat zur Folge, dass Mann und Frau aufgrund der verschiedenen Geschlechter anders berechtigt sind. Allein kann keiner den ,ganzen Menschen’ darstellen, denn nur gemeinsam repräsentieren sie das vollkommene Bild Gottes. „Deshalb ist der Bibel nichts so fremd wie eine Verwischung und Gleichmachung der Geschlechter.“17

Schließlich segnet Gott Mann und Frau und spricht zu ihnen: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde“ (Gen 1, 28). Hier wird erkennbar, dass eine sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau gewollt ist. Eine sinnstiftende Beziehung, die darin besteht Nachkommen zu zeugen. In Gen 2,24 wird dieser Vorgang konkretisiert. Der Vers beschreibt, wie ein Mann seine Eltern verlässt, um mit seiner Frau „ein Fleisch“ zu werden. Die Bezeichnung „ ein Fleisch “ zielt auf die Vereinigung der Geschlechter von Mann und Frau ab und stellt den Geschlechtsakt bildlich dar. „Die Lebensgemeinschaft des , einen Fleisches ’ schließt die Erfüllung der polaren Geschlechtlichkeit mit ein [...].“18 Hier muss erwähnt werden, dass das ursprüngliche Wort sarx, das von Luther mit , Fleisch ’ übersetz wurde, im Griechischen eine wesentliche größere und breitere Bedeutung hat, als seine deutsche Übersetzung. Als wichtigste Bedeutung bezeichnet , Fleisch ’ den ganzen Menschen als leiblichseelische Einheit. So sind Mann und Frau in ihrer Verbindung , ein Fleisch ’ (und nicht nur ein Leib; Gen 2,24); , alles Fleisch ’ bedeutet: alle Menschen.19

So sind das Weibliche und das Männliche sich ergänzende Faktoren. ,Ein Fleisch werden’ umfasst also die komplette Beziehung von Frau und Mann. Wichtig ist, dass die Bibel damit an dieser Stelle nicht ein Ritual zur Eheschließung meint - „es geht [vielmehr] um die elementare Kraft der geschlechtlichen Liebe.“20 Von Eheschließung als Ritual, ist erst später die Rede, wie zum Beispiel in Gen 29 bei Jakob und dessen Frauen Lea und Rahel. Zuerst findet eine zeremonielle Trauung statt und in der darauf folgenden Nacht wird die Ehe vollzogen. Sex zu haben bedeutet also die Ehe zu vollziehen.

Doch wie wird das geschlechtliche Zusammentreffen von Mann und Frau in der Bibel beschrieben? Das erste, was die Bibel in dieser Hinsicht berichtet, ist, dass der Mann seine Frau , erkennt ’.21 „Und Adam erkannte sein Weib Eva“ (Gen4,1). Damit ist nicht nur das visuelle Wahrnehmen oder die intellektuelle Erkenntnis bzw. Einsicht einer anderen Person gemeint. Es ist das entdecken des Partners als Mann bzw. Frau. Mit ,erkennen’ ist im Hebräischen in erster Linie ein allumfassendes Verstehen des Gegenübers gemeint, an dem der Mensch als Ganzes mit Geist, Herz und Sinnen beteiligt ist.22 Somit vereinigt dieser Begriff in seiner Bedeutung zwei Dinge, die wir heute nur getrennt voneinander betrachten - Sexualität und Liebe. Es ist, wie es Herbert Haag bereits formulierte. Die Partner werden miteinander vertraut, geheimnislos und offen.23 „Und da nach biblischer Auffassung der Mensch nicht Leib und Seele hat, sondern Leib und Seele, Geist und Sinne ist 24, ist auch an dem ,Erkennen’ und ‚Ein-Fleisch-sein’ nicht nur ein Teil des Menschen beteiligt, sondern der ganze Mensch.“

[...]


1 Duden: Liebe 2016, online.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Duden: Sexualität 2016, online.

5 Bartelmus 2008, online.

6 Loader 2011, online.

7 Vgl. Haag 1990, S. 9.

8 Vgl. Haag 1990, S. 13.

9 Thöne 2013, S. 4.

10 Vgl. Die Bibel von A-Z 1998, S. 427.

11 Die Bibel von A-Z 1998, S. 427.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Die Bibel von A-Z 1998, S. 427.

15 Bartholomäus 1987, S. 181.

16 Haag 1990, S. 15.

17 Haag 1990, S. 19.

18 Hossfeld 1990, S. 13-14.

19 Die Bibel: Sach- und Worterklärungen, S. 12.

20 Bartholomäus 1987, S. 190.

21 Vgl. Haag 1990, S. 20.

22 Vgl. Haag 1990, S. 21.

23 Vgl. Haag 1990, S. 22.

24 Haag 1990, S. 22.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Wie werden Liebe und Sexualität in der Bibel thematisiert?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
27
Katalognummer
V414036
ISBN (eBook)
9783668645950
ISBN (Buch)
9783668645967
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
liebe, sexualität, bibel
Arbeit zitieren
Josephin Reichel (Autor), 2016, Wie werden Liebe und Sexualität in der Bibel thematisiert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414036

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